Böses Karma in Katmandu - DER SPIEGEL
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NEPAL Böses Karma in Katmandu

Im einzigen Hindu-Königreich der Welt spielte der Kronprinz plötzlich Rambo. Nach dem Massaker im Königspalast ist die Regierung ratlos - und die maoistischen Rebellen wollen endlich an die Macht. Von Alexander Smoltczyk
• aus DER SPIEGEL 27/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dreizehn Tage lang ist um den verehrten König getrauert worden, elf Tage lang um seinen Mörder und Sohn. Aber jetzt muss ein Neuanfang gemacht werden, und deshalb hockt Devi Prasad Achariya mit viel zu großen Schuhen an den Füßen vor dem Ziegelsteintempel am Arya-Ghat und löffelt Joghurt. Vor ihm sitzt die politische Elite des Landes und schaut zu.

Der Premierminister, der Armeechef, sämtliche Minister, der oberste Richter, die Führer der Parteien. Alte Männer in Röhrenhosen, feine Blazer über dem traditionellen Daura-Hemd, die Tränensäcke so schwer wie die gefüllten Taschen. Sie sitzen aufgereiht wie in der Oper und betrachten, wie der vogelköpfige Priester sich mit knochigen Fingern nach dem Joghurt auch noch Kichererbsen in die Backen stopft.

Es ist die »Katto«-Zeremonie. Priester Devi Prasad Achariya ist aus seiner Blechhütte im Tempelbezirk geholt worden, um dem Land das Böse auszutreiben. Sie haben ihn überredet. Jetzt kostet er von 84 unreinen Speisen. Unter eine soll Schädelasche vom verbrannten Körper des Kronprinzen gemischt sein. So geht das Böse des Mörders in den mageren Körper des Devi Prasad Achariya über, der dann für alle Zeiten aus der Stadt vertrieben wird.

Achariya kaut mit vollen Backen.

Es schien ein friedliches Königreich. Ein Land, das seine Fluggesellschaften »Cosmic Air«, »Yeti Air«, »Shangri-la« oder »Buddha Air« nennt. Ein Land, in das jedes Jahr Zigtausende pilgern, um gemeinsam »Om« zu murmeln und sich mit Patschuli-Öl zu beträufeln. Nepal, das Geburtsland des Buddha.

Da ist es nur schwer vorstellbar, dass zum Abendessen der Kronprinz mit Cowboystiefeln, Tarnjacke, einem M-16-Sturmgewehr, zwei Uzi, zwei 9-mm-Pistolen, einem Funksprechgerät und etlichen Ersatzmagazinen um den Bauch im königlichen Billardzimmer erschien. »Spielst du jetzt Rambo?«, rief ihm noch jemand zu.

Das Massaker im Königspalast von Katmandu vor gut vier Wochen hat eine dynastische Linie bis ins zweite Glied ausgelöscht. König Birendra, die Reinkarnation des Gottes Vishnu. Die Königin, seine Frau. Seinen jüngsten Bruder. Seine Schwestern und seine Kinder. Alle wurden erschossen vom Kronprinz Dipendra, der sich schließlich selbst eine Kugel in die Schläfe schoss.

Ein Alptraum. Das durfte nicht wahr sein, das musste ein Komplott sein. Des CIA, der Inder, des neu ernannten Königs. Womöglich aller miteinander. Die Jugendlichen äußerten ihren Protest durch wütendes Scheren ihrer Köpfe, und die Friseure vergaßen, überwältigt vom Schmerz, Geld dafür zu verlangen. Tagelang trieben Haare durch die Straßen wie schwarze Trauerfäden.

»Katto« wird nur beim Tod eines Königs abgehalten. Im vergangenen Jahrhundert geschah das dreimal, aber in dieser Juniwoche schon zum zweiten Mal, denn der Kronprinz war nach dem Attentat noch schnell zum König Nepals ausgerufen worden, als er schon im Koma lag. Herrscher für zwei Tage, bis er verschied.

Der magere Priester Achariya hat sich jetzt auch die Sonnenbrille des Kronprinzen aufgesetzt, er trägt dessen Krone mit den Paradiesvogelfedern, dessen Schuhe und Trekking-Uhr. Er ist der Kronprinz. Jedenfalls dessen dunkle Seite. Auch den königlichen Spind darf er behalten, in dem sieben Jacketts, ein Shampoo Marke »Johnson''s«, Slips, weiße Socken und ein Diplomatenkoffer liegen. Und sogar den bunt bemalten Elefanten, der jetzt heranschaukelt. Achariya wird hinaufgehoben und zum Fluss geführt.

Am anderen Ufer drängeln sich die Leute. Stehen auf dem stinkenden Boden, umgepflügten Kloaken, herausgekommen aus ihren Ziegelverschlägen, in denen die Frauen Zwiebeln und Gurken anbieten. »Vielfraß«, brüllt einer. »Der Katto-Fresser kommt. Das ist der Mann, der Leichenasche isst! Für Geld!« Sie lachen ihn aus.

Dann sehen sie: Der Elefant will die Stadt nicht verlassen. Ein-, zwei-, dreimal wird er ans Ufer getrieben, jedes Mal macht er wieder kehrt. Erst als zwei Hofschranzen brüllend hinter ihm herumfuchteln, läuft das Tier in den Fluss, den Rüssel tief im Wasser versunken, auf dem Rücken einen völlig verängstigten Priester Achariya.

Ein schlechtes Omen. Und hat dieser Elefant nicht kürzlich eine Frau zertrampelt, die unter ihm hindurchgekrochen war, weil sie glaubte, so einen Jungen zu bekommen? In einem Land, in dem Fluglinien »Buddha Air« heißen, hat alles eine Bedeutung.

Nepal ist ein unmöglicher Staat. Zerrissen zwischen Gestern und Morgen. Erst vergangenen Sommer sind die letzten Leibeigenen offiziell befreit worden. Aber in Katmandu reiht sich ein Internet-Café ans andere. Ganze Regionen sind nur mit dem Yak oder Hubschrauber zu erreichen, aber die Nachricht vom Massaker war schon auf den Websites, als die meisten Minister noch friedlich schliefen. Die meisten Menschen sind Analphabeten. Es gibt einige Dutzend Volksgruppen und über 20 Sprachen. Eines der wenigen Wörter, das alle verstehen, ist »König«.

Deshalb haben sie sich zu Hunderttausenden in die Kondolenzbücher eingetragen, haben ganze Zentner gelbe und rote Blüten, Duftstäbchen und Münzen an der Verbrennungsstätte am Bagmati-Fluss aufgehäuft. König Birendra saß 29 Jahre lang auf dem Thron. Er hatte der Bürgerbewegung 1990 nachgegeben und auf die absolute Macht verzichtet. Er war die Hoffnung in all der Korruption, weil man auf irgendetwas ja hoffen muss.

Und nun ist der offizielle Bericht in den Zeitungen abgedruckt, und die Leute erfahren, dass es im Königspalast jede Menge Drogen, Frauen und Waffen gab.

Das kann nicht sein. Natürlich war bekannt, dass die Königsfamilie keine Steuern zahlt und keinem Gericht Rechenschaft schuldig ist. Es hatte sogar Demonstrationen gegeben, nachdem ein Mitglied des Königshauses einen populären Volkssänger zu Tode gefahren haben soll. Aber Birendra war ein guter König. Die Reinkarnation des Gottes Vishnu.

Sie wollen es nicht glauben und legen nur noch mehr Blüten, Bananen, Duftstäbchen vor die Palastpforte und halten die Butterlämpchen am Brennen.

Sie klammern sich an alles, was der Bericht offen lässt: Wie kann ein Betrunkener so sicher zielen? Wieso erschießt sich ein Rechtshänder mit der linken Hand? Wieso wurden während der Ausgangssperre nach dem Massaker so viele Leichen am Bagmati-Fluss verbrannt? Und wieso erschießt ein Prinz seinen verehrten Vater und seine geliebten Geschwister?

Der Königspalast selbst ist zurzeit nicht zu betreten. Aus der Ferne sieht er aus wie der Reformknast eines SPD-regierten Bundeslands, mit versilbertem, fünf Meter hohem Zaun, geduckten Betongebäuden und Neonlicht am Haupteingang. Das offizielle Leben der Royals bestand im Wesentlichen darin, jede Woche einen Terminplan abzuarbeiten, der ihnen montags von Sekretär und Zeremonienmeister überreicht wurde.

Der König hatte seine Bürozeiten von 11 bis 17 Uhr. Die Menschen näherten sich der königlichen Familie in gebückter Haltung, mit Handbewegungen, die sich je nach Kastenzugehörigkeit unterschieden.

Über das tatsächliche Leben im Palast wird nur vorsichtig gesprochen. Es sind zu viele Horcher auf den Straßen. »Sie waren eine unglückliche Familie«, sagt jemand, der selbst einmal König werden könnte, vorausgesetzt, es finden noch zwei, drei Massaker im Königspalast statt. »Immer das gleiche Bild. Die Königin mit langem Gesicht, der Kronprinz versteinert und in ständigem Zank mit ihr, und der König zögerlich, schwach und umgeben von Leuten, die sich nur bereichern wollen.«

Ein engerer Freund des Prinzen, der seit jenem Tag seine Trekking-Firma zugemacht hat und seine Tage zwischen Pashupatinath-Pilgertempel und Bars verbringt, bestätigt: »Der Prinz war ein zutiefst trauriger Mensch. Er lebte in einem Glashaus, umgeben von Leuten, die ihn verachteten. Für seinen Vater hatte er die größte Verehrung. Die Mutter war das Problem. Er wollte ein freier Mann sein. Er trank viel und war kokainsüchtig.«

Und des Prinzen Professor vom Geografischen Institut sagt: »Er war in keiner Weise daran interessiert, König zu werden. Er sagte immer, er würde die Krone am liebsten seinem jüngeren Bruder schenken.«

Die Geschichten erinnern an Versailles Ende des 18. Jahrhunderts. Ein schwacher, zögerlicher König, dem bei seinen Reisen in die Provinz Potemkinsche Dörfer vorgeführt werden. Eine entmachtete Königin, die in Kabinettssitzungen erscheint und dem Volk nie verziehen hat, die absolute Monarchie abgeschafft zu haben. Höflinge, die ihre Geschäfte machten und wussten: Wer das Ohr eines Royals hat, dem kann nichts passieren.

»Seine Majestät wusste über das Ausmaß der Korruption und der Vetternwirtschaft Bescheid«, sagt Kirti Nidhi Bista. Glänzende Schuhe, schwere schwarze Brille, an der Wand ein Tigerfell und ein Au-

togramm von Heinrich Lübke. »Aber er glaubte, das Volk würde selbst damit fertig werden.«

Der Mann war Außen- und Premierminister. Ein fröhlicher Patriarch und enger Freund des alten Königs. Andere Fotos an der Wand zeigen ihn beim Tee mit Mao oder wie er einen mit Blütenketten behängten Säugling auf einen Elefanten hebt: »Der Kronprinz. Als Premier musste ich ihn zur Reismahl-Zeremonie bringen und ihn Ganesha, dem Gott der Weisheit, zu Füßen legen.«

Kirti Bista glaubt nicht an ein Komplott. Auch die Romanze mit einer schönen, aber der Königin unerwünschten Frau sei nicht das Problem gewesen. Schließlich hat des Kronprinzen eigener Großvater das gleiche Dramolett durchgestanden und die Krone dennoch bekommen. Nein, es habe wohl eine dunkle Seite im Prinzen gegeben: »Wir können nicht lesen, was in den Köpfen anderer Menschen geschrieben steht. Ich glaube an Karma und die Wiedergeburt. Weshalb sonst gäbe es so viele unerklärliche Vorkommnisse auf der Welt?«

In diesem Land, in dem die Fluglinien »Buddha Air« heißen und Könige ihre Hofastrologen vor jeder Auslandsreise befragen, riefen am 13. Februar 1996 einige Intellektuelle den Volkskrieg im Sinne Mao Tse-tungs aus. Sie teilten das dem Volk auf Flugblättern mit, zündeten ein paar Sprengsätze und zogen sich in die unwegsamen Bergtäler Westnepals zurück. Von dort aus beantragten sie die Aufnahme in die »RIM« in London, die »Revolutionäre Internationale Bewegung«, einem Brauchtumsverein des Maoismus, in dem bis dahin vor allem Perus »Leuchtendem Pfad« gehuldigt wurde.

Der wirre Aufstand hat inzwischen weite Teile des Landes erreicht. In 7 der 75 Distrikte ist eine Volksregierung ausgerufen worden, viele weitere können ohne Erlaubnis eines maoistischen Kommissars nicht betreten werden. Die Zentralmacht besteht dort aus eingebunkerten Polizeiposten und Beamten, die per Hubschrauber eingeflogen werden. Vermutlich ist niemand von dem Erfolg des Volkskriegs mehr überrascht als die Akademiker, die ihn ausgerufen haben.

Die »KP Nepals (Maoisten)« ist zum absoluten Star der »RIM« aufgerückt. Ihre beiden Anführer, darunter ein Architekturprofessor, der vor kurzem noch friedlich in den Seminaren der Friedrich-Ebert-Stiftung saß, gelten als die letzten getreuen Kopisten des Großen Vorsitzenden. Dass beide der obersten Priesterkaste angehören, hat ihrem Erfolg unter den Bauern nicht geschadet.

Wie Mao begannen sie ihren Volkskrieg mit Vorderladern und selbst gebastelten Sprengsätzen. Die Zünder bauten sie aus Kugelschreibern. Durch Überfälle auf Polizeistationen und Einkäufe auf den Schwarzmärkten Nordindiens verfügen sie heute über ausreichend Waffen, um einer Armee Schwierigkeiten zu machen.

Die Rebellen schicken ihre Steuereintreiber bis nach Katmandu. »Ihr Steuersystem ist effizienter als das der Regierung«, sagt ein westlicher Botschafter. Fast jeder Geschäftsmann hat ein Schreiben mit Briefkopf der Maoisten bekommen: »Wir rechnen sehr mit Ihrer Unterstützung.« Fast alle zahlen. Das nepalesische Magazin »Himal« schätzt die Kriegskasse der Maoisten auf 5 Milliarden Rupien (150 Millionen Mark).

Sie verbessern die Welt, indem sie Mädchenhändlern die Kniescheiben brechen und Männern, die ihre Frauen geschlagen haben, die Beine. In den befreiten Gebieten wird den Männern das Trinken und Kartenspielen verboten, den Mädchen das Tragen aufreizender Kleidung.

Die Maoisten sind überall. Vor allem jedoch in den Köpfen der Intellektuellen Katmandus. Niemand wagt, eine Bewegung zu kritisieren, die bislang 400 Polizisten umgebracht hat. Man hat trotzdem den Eindruck, es mit den nettesten Maoisten von allen zu tun zu haben. Da wird berichtet von freundlichen Pfadfindern, die den Bauern die Depots der Pfandleiher aufsperren, und von Anrufen beim Grundbesitzer, der seine Bauern um ihren Lohn betrügt und zur Strafe Kniebeugen auf dem Dorfplatz machen musste.

Mit den Führern ist nur über Fax zu kommunizieren. Sie sitzen in den Bergen und geben heroische Einschätzungen von sich, die in Katmandu weiterverbreitet werden. Die Redaktion der Zeitschrift »Janadesh« versteckt sich in einem nach Kardamom und Müll riechenden Labyrinth aus Werkstätten, Garküchen und Wohnverschlägen inmitten von Katmandu, kaum für Karren zu passieren. Die Gassen sind mit schief getretenen Ziegeln belegt, das Wasser kommt aus der Pumpe, politische Aufklärung einmal die Woche aus den acht eng gedruckten Seiten von »Janadesh«.

Krishna Sen ist der 45jährige Herausgeber, ein »fortschrittlicher Dichter«, dessen linker kleiner Fingernagel auffällig lang und gepflegt ist. Wenn er selbst kein Maoist ist, dann ihr bester Imitator: »Wollen Sie meine Meinung oder die der Maoisten?«, fragt Krishna Sen sofort und fährt, ohne eine Antwort abzuwarten, fort: »Die Maoisten sagen, der neue König und sein Sohn haben die Hauptrolle bei dem Massaker gespielt, im Auftrag des indischen Expansionismus. Der alte, patriotische König musste beseitigt werden, weil er mit den Aufständischen verhandeln wollte.« Nun müsse eine Übergangsregierung gebildet werden, mit Beteiligung der Maoisten, dann eine neue, republikanische Verfassung erarbeitet werden.

Sen spricht von der Diktatur des Proletariats und davon, dass Menschenrechte nur für das Volk zu gelten hätten, »nicht für Landbesitzer und korrupte Bürokraten«.

Es klingt wie ein Teach-in der frühen Siebziger. Zufrieden zeigt er ein kleines Fotoalbum, wie es für Familienbilder benutzt wird. Darin sind Szenen aus den befreiten Gebieten gesammelt. Revolutionäres Kulturprogramm, bei dem Soldaten mit rotem Stern an der Mütze Tai-Chi-Übungen machen. »Der Marxismus-Leninismus-Maoismus ist die wissenschaftliche Welttheorie«, schließt der Dichter.

Nur ein politisches Vakuum kann erklären, dass solche Sätze im 21. Jahrhundert noch Gehör finden. Aber die Maoisten ersetzen den Staat. Sie sorgen für Recht in einem System, wo Recht gekauft wird. Sie haben Staatsaufgaben übernommen, für die sich die Regierung nicht interessierte. Das macht ihren Erfolg aus, nicht nur bei den Bauern. Die Leute hier arbeiten hart. Aber die Straßen sind schlecht, der Strom fällt ständig aus.

Seit der Demokratisierung 1990 haben die legalen Parteien es versäumt, das Land zu modernisieren. Die Unterkasten sind weiterhin in keiner der parlamentarischen Parteien vertreten. Die Armut hat zugenommen, jedes Jahr verhungern etwa 400 Menschen. Wählerstimmen sind Waren, die gekauft und gehandelt werden. Entwicklungsprojekte werden mit jeder Woche teurer, die sie in den Ministerien lagern.

Und die Korruption ist schlimmer geworden, weil jeder Clan nur noch begrenzte Zeit hat, sich die Taschen zu füllen, bevor der nächste gewählt wird. Die Summen, um die es geht, werden üblicherweise in Kilo Tausenderscheinen ausgedrückt.

Und die einzige Person, auf die noch Hoffnung gesetzt wurde, starb beim Abendessen im Königspalast, erschossen vom eigenen Sohn.

Viele sagen, der neue König Gyanendra habe bisher die gröbsten Fehler vermieden. Er habe der Untersuchungskommission den Palast geöffnet und die Oppositionsparteien dazu gebracht, dem offiziellen Bericht über das Massaker öffentlich Glauben zu schenken. Er ist ein gewiefter Geschäftsmann, dem viele zutrauen, stärker in die Politik einzugreifen als sein vorsichtiger Bruder. Und er ist weit genug gereist, um zu wissen, dass die soziale Rebellion der Maoisten sich militärisch nicht beenden lässt. Vielleicht ändert sich nun etwas.

Vielleicht. Der Monsun hat pünktlich eingesetzt. Im Tempelbezirk Pashupatinath stehen die Kühe wiederkäuend im Regen, und über den Auslagen der Pilgerbedarfsbuden liegt Plastik. Am Fluss, wo die Königsfamilie verbrannt worden ist, sind die Blütenberge abgeräumt, nur noch ein rotgelber Fleck von Blütensaft ist zu sehen und ein in orangefarbene Tücher gewickelter Körper, der kopfüber am Ufer liegt.

»Ich habe etwas Unreines gegessen und bin betrogen worden«, sagt der Katto-Priester Devi Prasad Achariya, der ein paar Stunden lang den toten Kronprinzen spielen musste. »Ich wollte gar nicht. Die haben mich in ein Taxi gesetzt und zum Palast gefahren. Ich wollte nicht.« Mager mit haarigen Beinchen, hockt er in seiner Blechhütte unter einem Bildnis des Königs und ist sauer. Der Monsun pladdert auf das Dach.

Zu fünft leben sie in dieser Blechkiste. »Der Premierminister hat mir Land und ein Haus versprochen. Nichts ist. Und sie haben mir nur 10 000 Rupien für einen Elefanten gegeben, der 8 Millionen wert ist.« Die Nachbarn drängen den Hütteneigentümer, die Familie hinauszuwerfen. Durch die Katto-Zeremonie ist der Priester unrein geworden bis ins dritte Glied. Aber er denkt nicht daran, die Stadt zu verlassen.

Die Offiziellen haben ihm den königlichen Spind in die Hütte gewuchtet. Da waren die zu großen, nach Waschpulver riechende Anzüge drin, das Shampoo, die Brille Marke »President France«. Das alles darf er behalten. Und die bösen Geister des Kronprinzen auch.

Nie, nie, nie könne ein Sohn seinen Vater töten, jammert er. »Der Kronprinz war es nicht. Er ist schon im Himmel. Uns arme Leute haben sie betrogen. Ich möchte meinen Elefanten zurückhaben.«

* Beim Besuch einer pakistanischen Munitionsfabrik, 1998.* Prinz Dipendra, König Birendra, Prinz Nirajan, KöniginAishwarya, Prinzessin Shruti, 1990.

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