»Ich will in der Gegenwart leben«
SPIEGEL: Mr. Wilder, this chance to meet you is a big and really marvellous surprise for us.
Wilder: I''m pleased to have you here. Aber wollen wir nicht deutsch sprechen?
SPIEGEL: What do you prefer?
Wilder: German.
SPIEGEL: Ist das leichter für Sie?
Wilder: Es geht genau so gut und ist mir eigentlich lieber.
SPIEGEL: Schön. Herr Wilder, zu allen Huldigungen hinzu, die Ihnen Ihr 95. Geburtstag vor ein paar Wochen eingebracht hat, kommt nun noch eine absolut luxuriöse Edition des Drehbuchs zu »Manche mögen''s heiß«. Wie finden Sie das?
Wilder: Das Buch ist wunderbar, und ich kann nur hoffen, dass es auch ein paar Leute kaufen.
SPIEGEL: Halten Sie »Manche mögen''s heiß« für Ihren besten Film, für Ihr Meisterwerk?
Wilder: Schwer zu sagen, schwer abzuwägen. Vielleicht ist er es, weil er am wenigsten Fehler hat.
SPIEGEL: Und welcher ist Ihrem Herzen am nächsten?
Wilder: Ganz sicher »Das Appartement«.
SPIEGEL: Warum? »Das Appartement« erzählt von einem kleinen Angestellten, der Vorgesetzten seine Wohnung für Seitensprünge mit ihren Bürogeliebten zur Verfügung stellt und schließlich entdeckt, dass das Mädchen, in das er sich verliebt hat, eine dieser Geliebten ist. Liegt Ihnen an diesem Film besonders viel, weil er - im Unterschied zu »Manche mögen''s heiß« - einen dunkleren, fast tragischen Unterton hat?
Wilder: Ja, er ist ernster. Wenn man eine solche Geschichte zu erzählen anfängt, fällt es schwer, sich ein glückliches Ende vorzustellen, und ich habe gezögert, darauf zuzusteuern. Aber ich wollte ein glückliches Ende für die beiden.
SPIEGEL: Wie lange, dachten Sie denn, würde die Liebe zwischen den beiden über den Filmschluss hinaus dauern?
Wilder: Ich dachte, für immer. Ohne Zweifel.
SPIEGEL: Dann sind Sie also gar nicht ein solcher Zyniker, wie man Ihnen oft nachgesagt hat. Verbirgt sich in der Erfahrung des Mannes, der entdeckt, dass seine Angebetete sich mit einem anderen eingelassen hat, vielleicht ein autobiografischer Kern?
Wilder: Nein, an so etwas habe ich damals nie gedacht.
SPIEGEL: Später etwa schon?
Wilder: Damals nicht und heute nicht.
SPIEGEL: Erkennen Sie, wenn Sie zurückschauen, überhaupt autobiografische Elemente in Ihren Filmen?
Wilder: Einzelheiten mag es geben, doch nicht so, dass es mir bewusst wäre. Nein.
SPIEGEL: Marilyn Monroe, Audrey Hepburn, Marlene Dietrich, Barbara Stanwyck, Shirley MacLaine, Gloria Swanson - Sie haben mit vielen berühmten Schauspielerinnen gearbeitet. Welche davon war Ihnen die liebste?
Wilder: Schwer zu sagen ... Es gab ein paar sehr nette, sehr gute Frauen ... Aber die Dietrich mochte ich besonders. Sie war wirklich intelligent.
SPIEGEL: Dass heute als die berühmteste, die faszinierendste von allen Marilyn Monroe erscheinen würde - hätte man sich das damals vorstellen können?
Wilder: Niemals. Überhaupt nicht. Als ich meinen ersten Film mit ihr machte, »Das verflixte 7. Jahr«, dachte ich, bevor wir anfingen: Mädchen wie die gibt es in New York zu Dutzenden. Aber vor der Kamera hat sie mich vollständig überrascht, da begriff ich sofort, dass sie etwas Besonderes hat. Die Leute strömten zusammen, als wir die Szene über dem U-Bahn-Lüftungsschacht drehten, wo ihr Rock hochfliegt und man ihre Beine sieht. Einen solchen Volksauflauf hätte ich mir nicht im Traum vorstellen können. Keine besonders hübschen Beine übrigens.
SPIEGEL: Was war es, was sie so einzigartig gemacht hat?
Wilder: Keine Ahnung. Es gibt auf der Welt keine Schauspielerin, die man mit ihr vergleichen könnte, auch heute nicht. Sie war einmalig.
SPIEGEL: Mit Jack Lemmon haben Sie im Lauf von 20 Jahren sieben Filme gemacht. Kein Zweifel, dass er Ihr Lieblingsschauspieler war, in manchem Sinn sogar Ihr filmisches Alter Ego.
Wilder: O ja, mit Lemmon war jeder Drehtag eine Freude. Er hat mich immer wieder mit etwas Schönem überrascht.
SPIEGEL: Man sagt, Sie hätten nur sehr wenige enge Freunde gehabt. Gehörte Lemmon dazu?
Wilder: Er war ein großer Freund. Dabei haben wir außerhalb der Dreharbeiten, wenn wir uns trafen, nie über Filme geredet. Und auch in der Arbeit gab es eine Art von Einverständnis zwischen uns, das wenig Worte brauchte ... Erst Walter Matthau, dann Jack Lemmon - innerhalb eines Jahres sind sie beide gestorben. Ich habe keine Worte dafür, wie sehr ich Jack Lemmon vermisse. Unendlich. Er war ein Mensch, damit ist alles gesagt.
SPIEGEL: Welchen von Ihren Stars haben Sie als besonders schwierig in Erinnerung?
Wilder: Mit fast allen, glaube ich, habe ich mich im Gang der Arbeit zusammengerauft. Humphrey Bogart, das muss ich zugeben, war aber ein wirklich schwieriger Fall. Er hasste es, wenn ich eine Einstellung mehrmals wiederholen ließ, weil ich nicht zufrieden war, und machte manchmal aus Trotz nicht, was ich von ihm wollte.
SPIEGEL: Bei Gelegenheit haben Sie auch gesagt, er sei ein Antisemit gewesen.
Wilder: Habe ich das gesagt? Wirklich? Mir gegenüber hat er das jedenfalls nicht gezeigt, und schließlich hat er doch eine Jüdin geheiratet.
SPIEGEL: Andere Emigranten - etwa Fritz Lang, Robert Siodmak oder Douglas Sirk - sind in den fünfziger Jahren aus Hollywood nach Deutschland zurückgekehrt. Haben Sie daran nie gedacht?
Wilder: Nie. Ich wollte doch schon, als ich damals in Berlin meine ersten kleinen Erfolge hatte, nach Hollywood. Das war für mich die Zukunft. Ich bin nach dem Krieg sehr gern nach Deutschland zurückgekommen und habe dort Filme gedreht, etwa »Eine auswärtige Affäre« oder »Eins, zwei, drei« - aber immer mit einer entschiedenen Distanz: Es waren amerikanische Filme und Filme über Amerikaner in Deutschland.
SPIEGEL: Gibt es, wenn Sie zurückschauen, einen Film, den Sie lieber nicht gedreht hätten?
Wilder: Oh, wohl eine ganze Reihe. Aber daran will ich überhaupt nicht denken. Und auch die Filme, an die ich mich sehr gern erinnere, sehe ich mir seit langem nicht mehr an. Ich versuche immer noch, in der Gegenwart zu leben.
SPIEGEL: Interessieren Sie sich denn für neue Filme? Gehen Sie noch gelegentlich ins Kino?
Wilder: Seit eineinhalb Jahren nicht mehr.
SPIEGEL: Sind Sie nicht neugierig - zum Beispiel auf Steven Spielbergs neuen Science-Fiction-Film »A.I. - Künstliche Intelligenz«? Immerhin ist Spielberg fast der Einzige, den Sie im Hollywood von heute als großen Filmemacher gelten lassen.
Wilder: Doch, ja, »A.I.« will ich mir unbedingt noch ansehen.
SPIEGEL: Sie haben sich, als 1982 das Buch von Thomas Keneally veröffentlicht wurde, sehr für »Schindlers Liste« interessiert. Haben Sie bedauert, dass nicht Sie die Möglichkeit bekamen, den Film zu machen?
Wilder: Das habe ich sehr bedauert, ja. Ich hätte die Geschichte bestimmt ganz anders erzählt, aber Spielberg hat seine Sache gut gemacht, sehr, sehr gut.
SPIEGEL: Es ist überraschend, wenn man auf all Ihre Filme zurückblickt, dass Ihnen gerade an diesem Stoff so viel lag. Was faszinierte Sie daran?
Wilder: Es ist ein gutes Thema, und im Hintergrund steht ein großes geschichtliches Ereignis für die Juden. Für uns Juden. Natürlich hätte ich das sehr anders als Spielberg angepackt. Ich kann leider nicht genau beschreiben wie.
SPIEGEL: Haben Sie denn schon früher an Filmprojekte mit einer spezifisch jüdischen Thematik gedacht?
Wilder: Ich habe nie wirklich darum gekämpft, weil ich wusste, dass ich dafür kein Verständnis finden würde.
SPIEGEL: Wenn es stimmt, wie oft zu lesen ist, dass man in den fünfziger oder sechziger Jahren in Hollywood keinen Film über
den Holocaust hätte machen können - warum nicht?
Wilder: Weil es keine Unterhaltung ist.
SPIEGEL: Ist das die ganze Antwort?
Wilder: Ja. Einem Stoff, von dem man nicht glaubte, dass er die Leute unterhalten würde, gab man keine Chance.
SPIEGEL: Wir haben gehört, dass Ihnen der französische Staat gerade die Mitgliedschaft in der Ehrenlegion verliehen hat. Herzlichen Glückwunsch!
Wilder: Zu früh! Der französische Gesandte will mir die Urkunde persönlich überreichen.
SPIEGEL: Auch Bundespräsident Rau und Kanzler Schröder haben Ihnen zu Ihrem 95. Geburtstag gratuliert. Freuen Sie sich über all diese Ehrungen?
Wilder: Natürlich freue ich mich. Aber Preise und Urkunden bewahre ich im Büro auf, ich will sie nicht in der Wohnung haben.
SPIEGEL: Welchen Menschen, ob sie nun heute noch leben oder nicht, fühlen Sie sich zum Dank verpflichtet?
Wilder: Allen, die gut zu mir waren, die an mich geglaubt und mir meinen Erfolg gegönnt haben. All den kleinen Leuten in der Ufa, den kleinen Leuten bei der Paramount und bei United Artists, die mir geholfen haben, einen Film genau so zu machen, wie ich es wollte, auch wenn sie nicht verstanden haben, warum ich es so wollte.
SPIEGEL: War Filmemachen für Sie immer das Wichtigste im Leben?
Wilder: Ja, unbedingt.
SPIEGEL: Sie haben Ihre Karriere als Reporter begonnen. Hätten Sie nicht auch Schriftsteller werden können?
Wilder: Ich verstand mich ja als Schriftsteller, solange ich Drehbuchautor war. Und ich bin überhaupt nur Regisseur geworden, weil - Ernst Lubitsch bei »Ninotschka« ausgenommen - die Regisseure, die sie in die Hände bekamen, meine Drehbücher verhunzt haben. Film war mir immer das Liebste.
SPIEGEL: War es die Arbeit mit den Schauspielern, die Sie zur Regie hinzog?
Wilder: Nicht so sehr die Schauspieler, viel- mehr die Idee, dass ein Film etwas Komplettes ist.
SPIEGEL: Also ein Art Gesamtkunstwerk aus Bildern, Dialogen, Musik?
Wilder: Das ist es.
SPIEGEL: Was ist für Sie bis heute die größte Freude?
Wilder: Einen Film zu machen.
SPIEGEL: Sie haben einmal gesagt, Sie möchten mit 104 Jahren sterben, und zwar vom Ehemann einer Frau erschossen, mit der Sie gerade im Bett liegen. Das sind jetzt nur noch neun Jahre. Reicht Ihnen das an Lebenszeit?
Wilder: Ja, so alt möchte ich werden.
SPIEGEL: Herr Wilder, alles Gute! Wir danken Ihnen für dieses Gespräch.
Das Gespräch führten die Redakteure Urs Jenny, Helmut Sorge undSusanne Weingarten.* 1993 in Berlin mit dem Ehrenbären der Berlinale.