DIE LETZTE LIRA
Dies ist die letzte Hochsaison, bezahlt mit altem Geld. Einen Sommer lang noch lassen sich die fremd-vertrauten Namen hören: Lira, Drachme, Peseta, Franc. Einmal noch wird in Europa überall der Vierzeiler des Tauschens an allen Ecken deklamiert: »Exchange - Cambio - Wechsel - Change«. Einmal noch gehen deutscher Kaffee und Kuchen für Lire über den Tresen, es ist das letzte Mal. Denn dies sind die letzten Ferien vor dem Euro: Ein Stück altes Europa verlischt.
Nie wieder wird Balthasar Neumann, der deutsche Fuffziger, antreten dürfen gegen Gian Lorenzo Bernini, den sattrot Erleuchteten auf dem 50 000-Lire-Billett. Nie wieder kann aus Clara Schumann links des Rheins Claude Debussy werden, wie er Profil zeigt im Lila-Braun des französischen Zwanzigers. Verdrängt bald Sigmund Freud, dessen Porträt für 50 Schillinge zu haben war, versunken die prächtigen Schiffe, wie sie Portugal durchsegelten auf dem Rücken der schönen Escudos.
Was kostet die Welt? Die Frage war durch die Jahrzehnte in Devisen anzugeben. Zugleich schien unbewusst gewiss: Dass es für Gulden keine Pizza, für Francs keine Kohlrouladen, für D-Mark keinen Bacalhau geben kann. Nun soll der Euro die Kleinstaaterei endlich beenden, aber das wird nicht leicht. Zu blass sind die neuen Scheine; fürs Erste. Kein Symbol- über den Geldwert hinaus, keine Aura. Kurs hin oder her: Neues Geld braucht Zeit, unters Volk zu kommen.
Das Wunder der Assoziation setzt Erfahrung und Wissen voraus. Die alten Scheine Westeuropas verwoben sich magisch mit dem Duft von Pinien, mit Augenblicken im Licht. Mit Geld verband sich, was man für Geld nicht kaufen kann: Eine kleine Musik, ein Glanz auf Früchten, ein schwebender Urlaubstag.
Die Scheine wie Eintrittskarten in die Fremde, vorbestellt bei der Bankfiliale um die Ecke, Tickets für den Zirkus Urlaub, Tauschmittel mit märchenhaftem Wert und entsprechend geschmückt: Könige, Damen, Dichter auf allen Sorten, dazu Schlösser, Kathedralen, Burgen, große Geschichten, fälschungssicher durchgerastert. Quizfrage für 1000 Peseten: Wer war Hernán Cortés? Und wann lebte Alessandro Graf Volta? In welchem Land schmücken Kiebitze und Sonnenblumen das Geld?
Familienväter aus Helsinki und Hamburg fanden sich wieder in südlichen Gassen, ungeahnt lässig, die zerknitterten Tausender leichtfertig in Hosentaschen. Ahnungslos warfen sie mit Devisen um sich, bunte Papierchen, die sich mit großen Ziffern als Spielgeld maskierten. So wechselten Ansichtskarten und andere Kleinigkeiten für 10 000 statt 1000 Lire den Besitzer, und andere Irrtümer verzehnfachten den Preis von Limonaden, Oliven, Wein.
Bald kamen Brustbeutel und Gürteltasche. Und mit ihnen Vorsicht und Misstrauen. Kann der Euro sie wieder verscheuchen? Die kleinen Karos weiten? Langes Nachzählen jedenfalls entfällt. Kopfrechnen unnötig. Hektisches Scheine prüfen passé. Einfach wird alles: Das Wiener Schnitzel (vom Schwein) wird seinen europäischen Festpreis suchen, vielleicht: 8 Euro, 85 Cent?
Vorab aber sendet das neue Geld Unbehagen aus, Missmut, Angst. Eifrig wird die Ablehnung des Euro eingeübt, in Deutschland vor allem, vom Volk der D-Mark-Patrioten, wo die Währungsumstellung doch immer klingen will wie »Währungsreform«. So ziehen Bilder herauf aus bitterer Nachkriegszeit und untergehender DDR, aber im Grunde ist alles, ruhig betrachtet, halb so schlimm.
Ein Gang über den Flohmarkt genügt, um eine Idee von der wechselhaften Geschichte des Geldes zu bekommen. Überall wird längst vergessenes Papier- und Hartgeld verramscht, viele Generationen Reichs- und sonstige Mark, von niemandem ernsthaft vermisst, auch ihr Symbolwert gänzlich verfallen.
Es scheint, in Deutschland würden Lieder vom Untergang nicht ungern angestimmt, kaum dass eine Neuigkeit ins Haus steht. Gleich, ob es um fünfstellige Postleitzahlen ging oder noch immer lärmend um die Rechtschreibreform geht - wo andere nach Für und Wider schauen, geht es in Deutschland gleich um alles oder nichts.
Nun ist der Euro an der Reihe, ein willkommener Spiegel unguter Gefühle. Bis Weihnachten werden alle Szenarien des Niedergangs gemalt sein, befeuert von Rapporten über mangelnde Sicherheit, höhere Preise und niedrige Kurse. Aber Ende 2002, jede Wette, wird von alledem kaum mehr zu hören sein ...
... und der Euro wird funktionieren wie Geld. Als Eintrittskarte in die Fremde, wie Mark, Lira, Franc. Deren Klang wird er nicht bekommen, nicht schnell, vielleicht nie. Wird weniger Geldschein sein, mehr Reisescheck; weniger Fetisch, mehr »Zahlungsmittel«.
Tatsächlich wird das Papiergeld innerhalb Europas nicht mehr allzu viel bescheinigen, nicht Herkunft, nicht Kaufkraft, nicht die Macht von Staaten. Ein Daumenkino europäischer Symbole wird der Euro sein, an denen - noch - niemand mit ganzem Herzen hängt. Die Differenz, Europas Vielfalt, das Bedürfnis nach Folklore werden sich andere Medien suchen müssen als das Geld. Aber das ist ganz leicht: die Sprachen allein, die Lebensstile, die Bräuche, die Küchen zerstreuen jede Furcht vor Verödung. Und machen Europa weiterhin ganz unbezahlbar. ULLRICH FICHTNER