PROSTITUTION Die bürgerlichen Huren
Sie wollen ihre Brüste, ihre Beine, ihr Lächeln. Sie wollen sie anstarren, anfassen, sie gieren nach dem Moment, da sie sich die Bluse aufknöpft, und sie sind hypnotisiert, wenn sie, in rote Dessous gehüllt, auf das Bett gleitet, in der Pension Stockholm etwa, Eisenacher Straße 3, das Zimmer für 20 Mark die halbe Stunde, und wenn sie raunt: Komm schon. Dann kommen sie.
Männer. Alte, junge, dicke, dünne. Polizisten und Klempnermeister, Politiker, Spediteure und Software-Entwickler - sie hat sie alle gehabt, Stephanie Klee, 46 Jahre alt, geboren im Oberbergischen, wohnhaft in Berlin. »Ich schätze mal, 10 000 Kunden waren es bisher«, sagt sie. Und lächelnd, spöttisch: »Könnten auch ein paar mehr gewesen sein.«
Stephanie Klee hat in all den Jahren ihrer Berufstätigkeit, 26 insgesamt, Heerscharen von Männern befriedigt, erlöst und anschließend heimgeschickt, zu Ehefrau und Elternabend oder in die leere Junggesellenwohnung. Sie hat ihre Männer oft gelobt für deren Qualitäten und sie manchmal getröstet, wenn sie plötzlich anfingen zu flennen, die stärksten Kerle, einfach so. 50 Mark nimmt sie für ein paar Handgriffe auf dem Straßenstrich, etwa an der Lützow-/Ecke Kluckstraße, wo sie oft steht; 100 Mark berechnet sie für eine halbe Stunde in der Pension, zwei frische Handtücher inbegriffen, Handwaschbecken im Zimmer. Termingeschäfte, zu denen sie die Freier daheim oder im Hotel besucht, kosten 200 Mark und mehr, je nach Service, aber, heilige Regel, »nie ohne Schutz, und wenn sich der Kunde auf'n Kopf stellt«.
Das Bundeskriminalamt schätzt die Zahl der hier zu Lande arbeitenden Prostituierten auf 200 000; die Hurenverbände tippen auf das Doppelte. Stephanie Klee weiß nur, dass es zu viele sind. »Die Hälfte der Frauen kommt aus dem Ausland«, sagt sie, »junge, oft sehr schöne Mädchen, die die Preise in den Keller treiben.«
Und, lächelnd, spöttisch: »Da muss man sich schon ein bisschen anstrengen, wenn man keine 18 mehr ist.«
Stephanie Klee ist schon lange keine 18 mehr, und sie als Schönheit zu bezeichnen, hieße, die Höflichkeit sehr weit zu treiben. Ihre Gesichtszüge sind derb, das Kinn ist kräftig und ausgeprägt, die Augen blassblau, zwischen den nachgezogenen Augenbrauen stehen zwei steile Kerben. Ihre Statur ist grobknochig, mit breiten Schultern, schweren Hüften, und dass sie zehn Kilogramm abnehmen könnte, weiß sie selbst. Ihr Haar ist gefärbt, feuerwehrrot, und rot ist auch ihre Leinenbluse, ihr Rock. Die Farben sind zu laut für sie, ihr Parfum ist zu schwer. Einerseits.
Andererseits hat Stephanie Klee eine Art ruppigen Charme kultiviert, ein schnippisches Selbstbewusstsein gegen-über der Welt, das als solider Abwehrschirm funktioniert. Die Stephanie Klee dahinter erweist sich als rheinischer Kumpeltyp, warmherzig, mit pedantischem Gerechtigkeitssinn. Für die Sonntage, die sie mit ihren Patenkindern verbringt, entwirft sie ein aufwendiges Programm, damit niemand zu kurz kommt, Geburtstage vergisst sie nie. »Warum sollte eine Hure keine gute Patentante sein? Ich übernehme gern verschiedene Rollen im Leben«, sagt sie, »vielleicht bin ich deshalb eine ganz passable Sexarbeiterin - schließlich hat der Job viel mit Rollenspiel zu tun.«
Gute Sexarbeit? Sie meint es ernst. Sexualität, für den Rest der Gesellschaft etwas Intimes und Bedeutendes, hat sie zu ihrem Broterwerb gemacht, und sie spricht davon mit handwerklichem Stolz. »Gute Arbeit heißt, dass die Männer zu mir kommen mit der Idee, sie wollten nur ficken«, sagt sie, »und dass ich ihnen klar machen kann, dass Sex viel mehr ist als nur der reine Verkehr.«
Weil es nämlich um Erotik geht. Um Gefühl. Und um Psychologie - ja, im weitesten Sinn: um Seelsorge. Stephanie Klee, die heilige Hure, findet, dass sie einen wertvollen Beitrag in dieser Welt leistet, weil Menschen mit gutem Sex glücklicher durchs Leben gehen als Menschen ohne Sex. »Ich möchte nicht wissen, was in unserer Gesellschaft los wäre, wenn es plötzlich keine Prostituierten gäbe«, sagt sie.
Aus ihren Einkünften bezahlt Stephanie Klee ihre hübsche Wohnung in der Emmentaler Straße, einer ruhigen Allee in Berlin-Reinickendorf. Sie fährt einen roten Mazda 323, das Handschuhfach ist voller Jazzkassetten, sie schwärmt für Michel Petrucciani, den kleinwüchsigen Pianisten, der vor zweieinhalb Jahren gestorben ist, und sie liebt ihre Harley Davidson, eine »Hugger«. Sie hat eine vernünftige Altersversorgung, und alle drei Monate trägt sie ihre Papiere zu Dr. Ernst-Pörksen, ihrem Steuerberater. »Bei mir wird jeder Fitzel versteuert, da halte ich Ordnung«, sagt sie. »Ich bin eben auch eine Beamtenseele.«
Nun gibt es allerdings eine höhere Art von Ordnung, nämlich Gerechtigkeit. Und Stephanie Klee, Hure mit Beamtenseele, will genau das, Gerechtigkeit, Anerkennung, Respekt; sie will, dass kein Bischof und keine Feministin sich in eine Talkshow setzt und im Adoptivelternton befindet, man müsse die armen Dinger retten aus Sünde und Patriarchat. »Ich könnte explodieren bei solchen Sätzen«, sagt sie, »wir sind keine Sklaven, sondern zahlen unsere Steuern und erbringen eine Leistung, für die Bedarf besteht. Das soll die Gesellschaft endlich akzeptieren.«
Sie schweigt. Lange. »Es wäre nur gerecht«, fügt sie hinzu.
Gerechtigkeit, dieser Mission setzt Stephanie Klee nach mit der Zielstrebigkeit einer Suchkopfrakete. Der Gerechtigkeit halber hat sie sich, kaum dass sie anfing, in Bars zu arbeiten, mit Bordellbesitzern gefetzt. Sie hat Tonnen von Flugblättern verteilt, gelernt, wie man diesen verflixten Computer bedient; neulich erst schrieb sie Briefe an alle 666 Bundestagsabgeordneten, zwei große Kisten voll, vier Tage war sie damit beschäftigt, und immer hat sie alles in ihrer freien Zeit erledigt, immer alles finanziert aus eigener Tasche.
Vor allem aber hat sie sich nie gescheut, öffentlich aufzutreten; sie saß in jeder Talkshow - »bis in die Niederungen von 'Arabella'«. Sie hat sich nie geschämt, allen, die es wissen wollten, ihren Vor- und Nachnamen zu buchstabieren und immer wieder zu erklären: Ich bin eine Hure und stolz darauf. »Die Stephanie ist eine totale Ausnahme«, weiß die Berliner Bordellbetreiberin Felicitas Weigmann, »weil sie sich ins Rampenlicht traut und sich in diesen politischen Fragen auskennt.« Stephanie Klee findet das weder rühmlich noch erstaunlich. »Wenn ich politisch etwas erreichen will«, sagt sie, »dann darf ich mich nicht verstecken, so einfach ist das.«
Aber so einfach ist Politik eben doch nicht. Und deshalb sitzt Stephanie Klee jetzt auch an ihrem Couchtisch; enttäuscht, betäubt und wütend, sie hat Mühe, sich das Weinen zu verbeißen. Vor ihr liegt ihr Telefon. Ihre Mission scheint gescheitert.
Bis der Anruf kam, hatte sie noch einen entspannten Vormittag. Ausschlafen, Frühstück auf dem Balkon, ihr gewohntes Alpenmüsli mit Joghurt, dazu die üblichen sieben, acht Tassen Kaffee, anschließend Buchhaltung, danach wollte sie noch ein paar Stunden auf den Strich gehen, als das Telefon klingelte.
Jemand aus dem Bundestag. Ein Bekannter von der PDS-Fraktion, der sie immer mal mit Informationen versorgt. Diesmal sehr aufgeregt. Die Stimme haspelt. Die Abstimmung über das Gesetz wurde verschoben, in drei Tagen sollte ja die dritte Lesung und Abstimmung stattfinden - und jetzt angeblich nach der Sommerpause. Vielleicht kann sie noch was mobilisieren. Eine Demo vorm Reichstag oder so, wie viele Huren könnte man denn zusammentrommeln? Aber es muss schnell gehen, tschüss. Stephanie Klee legt den Hörer hin und fühlt sich, als hätte ihr jemand in den Bauch getreten.
Der Gesetzentwurf, veröffentlicht am 8. Mai als Drucksache 14/5958 des Deutschen Bundestags, war Stephanie Klees Hoffnung, ihr Projekt seit fast drei Jahren. Bereits im Oktober 1998 hatten Grüne und Sozialdemokraten, unter Punkt römisch acht ihres Koalitionsvertrags, festgeschrieben, dass sie die Rechte der Prostituierten verbessern wollten. Endlich liegt der Entwurf vor. Das Ganze ist nur ein paar Zeilen lang, zwei Ansätze enthält der Vorschlag und ziemlich viel Sprengkraft.
Die Sittenwidrigkeit der Prostitution, bislang in Paragraf 138 des Bürgerlichen Gesetzbuchs ehern festgeschrieben, soll aufgehoben werden. Als Folge davon wären Verträge zwischen Freiern und Huren plötzlich rechtsgültig. Das heißt, eine Hure könnte von ihrem Freier künftig den vereinbarten Liebeslohn einklagen, auch vor Gericht - was natürlich der Ausnahmefall bleiben wird. »Aber der Passus ist trotzdem wichtig«, sagt Klee, »weil er die Sexarbeit aus dem illegalen Zwielicht holt. Eine Prostituierte wüsste: Das, was sie mit ihrem Kunden verabredet, hätte genau so viel Gültigkeit wie ihr Mietvertrag. Und allein, dass sie das weiß, gibt ihr ein ganz anderes Selbstwertgefühl für ihre Arbeit.«
Der zweite Passus zielt auf eine Änderung des Strafgesetzes. Hier wollen Grüne und Sozialdemokraten die harschen Restriktionen, mit denen Bordellbetreiber verfolgt werden, lockern. Bislang ist die Rechtslage so widersprüchlich wie das Verhältnis der Gesellschaft zum Milieu. Prostitution selbst wird, wenn auch unter moralischem Bann, traditionell geduldet, immerhin kassiert der Staat von Stephanie Klee und ihren Kolleginnen Steuern aus ihren als Honorar deklarierten Einnahmen. Aber die »Förderung von Prostitution«, wie es im Strafgesetzbuch heißt, ist strafbar. »Schon wenn der Inhaber einer Nachtbar zum Beispiel Kondome auslegt oder für frische Bettwäsche sorgt«, sagt Stephanie Klee, »riskiert er Gefängnis - und das verhindert bessere Arbeitsbedingungen und ist einfach Quatsch.«
Würde auch dieser Quatsch beseitigt, könnten Bordellbesitzer künftig ihren Laden ganz legal führen. Sie könnten den Huren solide Arbeitsverträge geben und sie gar zur Sozialversicherung . Huren bekämen Zugang zu den anderen Segnungen des Sozialstaats: Renten-, Kranken- und Arbeitslosenversicherung. »Wunderbar«, sagt Stephanie Klee, »zumindest wäre es ein erster Schritt.«
Aber auch das wirft neue Probleme auf - juristische und ethische. Was, wenn ein Puffbetreiber seine Damen als reguläre Angestellte beschäftigt? Wäre er de jure weisungsberechtigt wie jeder Arbeitgeber? Könnte er also bestimmte Sexpraktiken anordnen? Ließe sich all das mit der Menschenwürde vereinbaren? Und wenn eine Hure von heute auf morgen aussteigen wollte, weil sie es satt hat bis obenhin, aber wegen der Kündigungsfrist noch drei Monate weiterarbeiten müsste?
»Das sind doch alles fiktive Probleme«, sagt Stephanie Klee, »wer das Geschäft von innen kennt, weiß, dass ein Bordellbetreiber, der sein Etablissement legal führt, seine Frauen gut behandeln muss. Und wer aussteigen will, steigt aus. Nur weil wir Huren sind, sind wir nicht automatisch alle unmündig und zweitklassig und dumm.« Sie schließt die Augen, flüstert, als hätte sich ihre Stimme verirrt: »Ich kämpfe doch nicht 20 Jahre wie eine Irre für ein Gesetz, das meinen Kolleginnen und mir schadet.«
Im Vergleich zu Klees zermürbender Lobby-Arbeit erscheint die Jobbeschreibung des Sisyphos geradezu erfolgsorientiert. An zwei Fronten hat sie gerackert - sie hat versucht, eine eher uninteressierte Öffentlichkeit davon zu überzeugen, dass Prostituierte anders sind als in Fernsehkrimis; und sie hat sich abgestrampelt, ihren Kolleginnen dasselbe einzuimpfen. Ihr seid selbstbewusst. Ihr könnt euch engagieren. Ihr seid anders, als ihr seid.
Auf 32 Hurenkongressen war sie, hat die Treffen zum großen Teil mitorganisiert. Immer wieder der Aufruf zum Engagement; und immer wieder die Erkenntnis, dass Huren sich ducken, ihr Gesicht verstecken, ihren Namen verschweigen, wegen der Nachbarn, Geschwister, wegen der Eltern. Dass sie ihr Geschäft lieber heimlich und schwarz betreiben und darum viel leichter das Opfer von Zuhälter-Gangs werden. »Natürlich könnte man manchmal verzweifeln«, sagt sie, »aber es gibt auch Erfolgserlebnisse.«
Venedig zum Beispiel. Das Nachmittagslicht tanzt auf den Wellen, die Paläste prunken cremegelb und rosarot, und die Sonne gleißt vom Himmel wie ein Schneidbrenner, als endlich der Vaporetto anlegt. Stephanie Klee hastet über den Landungssteg, zerrt ihren Koffer hinter sich her, blind für die Schönheiten der Lagunenstadt. »Ich hasse es, zu spät zu kommen.«
Auf dem Biennale-Gelände hat der slowenische Künstler Tadej Pogacar ein weißes Zelt aufbauen lassen. Hier findet in diesem Jahr der Internationale Hurenkongress 2001 statt - für Pogacar ist es sein großer Kunst-, beziehungsweise Kommunikationsbeitrag zur Biennale. Thema des heutigen Nachmittags: Referat der deutschen Delegierten, Signora Stephanie Klee. Unter dem Zeltdach klebt die Luft.
Die etwa 30 Frauen, die da etwas matt auf Klappstühlen hocken, sich mit Flugblättern Luft zufächeln, sind eine exotische Schwesternschaft. Sie kommen aus Thailand, Indien, Ungarn, Kambodscha, den USA und Italien, herbeigebeamt mit Sponsorengeldern aus Slowenien und Brüssel, vom Casinò di Venezia und der Biennale. Antonella, die Transsexuelle aus Kalabrien, im schwarzen Minikleid, fingerdick geschminkt und mit Trapezmuskeln wie ein Olympiaschwimmer; winzig und mit zwitschernden Stimmen Phenjan Khamkhanan, die Abgesandte aus Thailand mit der selbst genähten »Miss Universum«-Schärpe, und Dyna Chan aus Kambodscha; Carol Leigh, Künstlername: Scarlot Harlot, aus San Francisco, 130 Kilogramm schwer, ein Turm von Frau, die ihre Massen in eine Art Belle-Époque-Kleid gepresst hat. Stephanie Klee raschelt mit ihren Papieren, legt los.
Tapfer kämpft sie sich durch ihr Schulenglisch, referiert über deutsches Strafgesetz, Sozialversicherung und warum die Sexarbeiterinnen der Welt zusammenhalten müssen. Während draußen vor dem Zelt der Slowene Pogacar dem italienischen Fernsehen ein Interview gibt: Ja, ein Huren-Happening ist für ihn die unmittelbarste Form von Kunst, weil die Unterdrückten dieser Welt sich zusammenschließen. Jawohl, er selbst ist verheiratet. Nein, er war noch nie bei einer Prostituierten, aber man soll nie nie sagen. Eine bizarre Veranstaltung.
Vor allem, weil das, was Stephanie Klee erzählt, den Frauen aus der Dritten Welt, die da blinzelnd hocken und wohl kaum die Hälfte verstehen, als luxuriöses Märchen vorkommen muss. Wie bitte? Diese kräftige, weißhäutige Deutsche hatte einen richtigen Beruf? Sie hat auch keine Familie, die sie ernähren muss und ist freiwillig - und gern - Hure? Und sie wird im Parlament reden dürfen? Verblüffend. Stephanie Klee beschwört ein Wir-Gefühl, aber sie redet über eine Kluft hinweg, zwischen Erster und Dritter Welt.
Aber eine Stephanie Klee sieht immer das Positive. »Wenn die Frauen nach Hause kommen, wissen sie trotzdem, dass es auch anders geht, und sie sind selbstsicherer«, sagt sie. »Wie will man sonst die Verhältnisse ändern?«
Nach ihrem Referat bricht die Truppe auf zur Demo. Jede Hure kriegt einen roten Schirm, und dann bricht der Tross auf, quer durch die Stadt, über die Seufzerbrücke, über die Piazza San Marco, kichernd, gickelnd, quietschend, Kondome und Flugblätter an Touristen verteilend. Sie biegen sich vor Lachen, weil zwei weiß gekleidete Marinesoldaten vor ihnen flüchten, und vorneweg marschiert turmhoch Scarlot Harlot, die unentwegt in ihr Megafon kräht: »Get your Make up, fix your hair, prostitutes are everywhere.« Auch Stephanie Klee skandiert ein bisschen mit, aber mehr der Form halber. Sie wirkt in dieser schrillen Prozession wie die große Schwester, die einen Kindergeburtstag beaufsichtigt. »Dieses Turbulente liegt mir nicht so«, sagt sie, »ich bin ein kontrollierter Mensch.« Unter den Huren bleibt sie immer die Beamtenseele, die Politikerin.
Ein paar Tage nach Venedig sitzt Stephanie Klee im Saal 001, im Plenarbereich/Süd des Deutschen Bundestags. Eine Sachverständigen-Anhörung, angesetzt vom Ausschuss für Familie, Senioren, Frauen und Jugend. Thema: die Drucksache 14/5958, eingebracht von SPD und Grünen, und die PDS-Drucksache 14/4456.
Stephanie Klee ist diesmal keine Zuhörerin. Diesmal sitzt sie oben, auf dem Podium, geladen als Sachverständige, neben einem Dutzend Juraprofessoren, Verfassungsrechtlern, Strafrechtlern, Arbeitsrechtlern, neben Kriminalisten und Sozialversicherungsexperten. Für die Juristen auf dem Podium und die Abgeordneten im Plenum ist das Ganze eine Routineveranstaltung, ein Fachpalaver unter Kollegen. Aber Stephanie Klee ist vor der Sitzung dreimal aufs Klo gerannt, so groß ist ihr Lampenfieber. Für sie geht es ums Ganze, um ihr Gesetz, es ist ihr großer Tag.
Eben hat Rentenexperte Wolfgang Heine aus Berlin die Schutzwürdigkeitskriterien des Sozialversicherungsrechts erklärt und die Aufnahme der Prostituierten in die Rentenversicherung befürwortet; jetzt ist sie dran. Anfangs zittert ihre Stimme, dann fasst sie Tritt: Abschaffung der Diskriminierung, Huren haben sich bewusst für diesen Job entschieden, wir sind nicht alle Opfer, sondern wir machen unseren Job gern und gut - was ist schlimm daran, Geld gegen Sex zu tauschen?
Und sie sagt »wir« und »Frauen wie mich«, und bei diesem Bekenntnis erlischt schlagartig das Geraschel und Getuschel im Plenum. Sie spricht von »Arbeitsaspekt« und »Forderungen der internationalen Hurenbewegung«, doch was sie eigentlich sagt, ist: Meine Damen und Herren, Sie reden hier über mich, Sie verhandeln über mein Leben.
Stephanie Klee ist kein Popstar wie ihre Hamburger Kollegin Domenica es war; Klee könnte nie die Dichter wie seinerzeit Wolf Wondratschek zu elegischen Ergüssen inspirieren. Stephanie Klee hat kein Charisma, sie ist der Funktionärstyp, die typische Betriebsratsvorsitzende in Hurengestalt. Ihre Überzeugungskraft, oft genug das Pfeifen im Wald, schöpft sie aus ihrer Biografie. Sie ist nicht, wie wohl die meisten ihrer Kolleginnen, irgendwie in diesen Job gestolpert oder hineingescheitert. »Ich habe mich ganz bewusst entschieden«, sagt sie, »Alternativen hatte ich genug.«
Behütete Kindheit, der Vater ist Handelsvertreter, ihre Mutter Hausfrau. Die Klees gehören zu den Wohlhabenden im Ort. Der Bungalow ist groß, der Garten riesig, im Sommer wird die alte Zinkbadewanne aus dem Keller geholt und für Stephanie und ihren Bruder zum Plantschbecken umfunktioniert. Sie geht mit Begeisterung zur Schule, macht das Abitur. Und steht vor der Frage: Was nun?
Studieren natürlich. Sagen die Eltern. Aber es sind die siebziger Jahre, das bunte, neugierige, experimentierfreudige, sexfreudige Jahrzehnt, und Stephanie ist besonders neugierig. Sie lernt einen Mann aus dem Nachbardorf kennen. Älter als sie. Außerdem ist er Grieche, was schon mal interessant ist. Und der Mann betreibt einen Nachtclub, das »Maxim's«, was erst recht interessant ist. Dorthin kommen die Männer aus den Nachbardörfern. Kleben weltmännisch auf den Barhockern und trinken Whisky und bestellen Sekt für die Frauen, die da arbeiten, und ab und zu verschwinden zwei. »Da tat sich plötzlich eine Welt auf, aha, man konnte also ganz anders mit seiner Sexualität umgehen.«
Erst steht sie nur hinter der Bar. Dann probiert sie aus, wie es sein mag, mit einem Fremden aufs Zimmer zu gehen. »Und es machte einfach Spaß«, sagt sie, »mich hat niemand getrieben oder gezwungen.«
Aber noch ist Stephanie Klee fürs Bürgerliche nicht verloren. Sie zieht nach Mönchengladbach, studiert Sozialarbeit, wird Amtmännin, arbeitet als Verwaltungswirtin beim Bundesamt für die Anerkennung ausländischer Asylbewerber in Nürnberg, hat dort, was ihr Spaß macht, mit Regeln und Gesetzen zu tun. Zwischendurch verdingt sie sich immer mal wieder in diesem oder jenem Bordell. Oder sie setzt eine Annonce in die Zeitung und empfängt die Freier in ihrer Wohnung. Warum? »Weil ich diese Form von Sex interessant finde«, sagt sie. »Weil Prostitution ganz ohne Umwege und authentisch funktioniert, so wie Sexualität ein absolut direkter Impuls ist - ich gefalle einem Mann, fein, dann gebe ich ihm meinen Körper, bitte, und dafür gibt er mir Geld, also ein Stück Freiheit.«
Mitte der achtziger Jahre geht sie nach Berlin, als Sozialarbeiterin zur Hurenorganisation Hydra. Zwischendurch ist sie sogar verheiratet, acht Jahre lang. Die Ehe geht schief, obwohl Klee in der Zeit nicht als Hure arbeitet. »Vielleicht war mein Leben zu abwechslungsreich«, sagt sie.
Vielleicht muss man so stark sein wie Stephanie Klee, um in ihrem Milieu einigermaßen intakt zu bleiben. Natürlich weiß sie, die sich von Alkohol, Koks und Härterem geflissentlich fern gehalten hat, auch, dass oft genug Drogen in der Szene kursieren. Sie weiß von kaputten Junkie-Strichmädchen, von Zwangsprostituierten ohne Papiere. Sie weiß, dass viele Prostituierte keine besonders glücklichen Menschen sind. »Aber unglückliche Menschen«, sagt sie, »findet man in jedem Job. Sicher gibt es auch viele Kolleginnen, die verzweifelt sind und dann diesen Job ergreifen - aber dafür darf man doch nicht die Prostitution verantwortlich machen, sondern muss nach den Ursachen fragen: Warum waren diese Frauen unglücklich? Und warum können sie als Hure kein Selbstbewusstsein entwickeln?«
Stephanie Klee, die Hure mit der Beamtenseele, sitzt an ihrem Wohnzimmertisch und träumt von einer Welt, in der Huren stolz und selbstbewusst sein dürfen. Sie träumt von einer erotischen Kultur, die ihre Sexualität nicht an die 0190-Nummern delegiert, von einer Gesellschaft ohne Doppelmoral. Sie träumt von Drucksache 14/5958, und zum ersten Mal seit langer Zeit ist sie niedergeschlagen. Als ein zweites Mal ihr Handy klingelt.
Am Apparat ist Maria Brosch, Referentin für Frauenpolitik bei den Grünen, enge Mitarbeiterin der Abgeordneten Irmingard Schewe-Gerigk. Das Gesetz war auch ihr Baby. Stephanie soll den Kopf nicht hängen lassen. Natürlich ist es Mist, dass es vor der Sommerpause nicht geklappt hat. Sie müssen noch etwas nachbessern. Aber dafür im Herbst. Ganz sicher.
Gerechtigkeit braucht Zeit. Stephanie Klee greift zum Telefon. Sie wird eine Krisensitzung einberufen, mit den Bordellbesitzerinnen Hase, Weigmann, Fuchs, eine Art Huren-Task-Force. »Die kriegen uns nicht klein«, sagt sie. Das Pfeifen im Wald. PROTOKOLLE AUFGEZEICHNET
VON FIONA EHLERS
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Jasmina, 27, Prostituierte in Dortmund
Wir haben einen Chihuahua-Hund, zwei Katzen und drei Meerschweinchen - mein Mann und ich lieben Tiere. Weil die noch nie etwas Schlimmes getan haben und die einzigen waren, die damals zu mir gehalten haben. Ich war gerade aus Danzig gekommen, hatte kaum Geld und sogar meinen Glauben an Gott verloren. Das ist jetzt neun Jahre her. Damals habe ich mir vorgenommen: Nie wieder will ich arm sein. Nie wieder soll ein Mann mir weh tun. Wir haben ein faires Arbeitsklima in unserem Bordell, und wenn ich nach Hause komme, vergesse ich die Arbeit. Auf das Sexleben mit meinem Mann hat mein Beruf keinen Einfluss. Meine Schwiegereltern wissen auch Bescheid, sie sagen: Hauptsache, ihr seid glücklich. Ich glaube, dass Huren die treuesten Frauen sind, die ein Mann sich wünschen kann. Warum sollten ausgerechnet wir in unserer Freizeit fremdgehen? Dass so viele Ehemänner zu uns kommen, das begreife ich nicht. Warum sind die Frauen in Deutschland so phantasielos?
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Mary, 48, Hure in Mönchengladbach
Der Erste, der kam, war ein richtiges Leckerchen. Jung, süß und sauber. Ich hatte mir schwarze Dessous von meinen neuen Kolleginnen geliehen. Zum Warmwerden sprachen wir übers Sauwetter. Ich sagte, Mann, bist ja jetzt schon ganz nass. Ein bisschen Spaß, dachte ich, gehört eben dazu. Früher wollte ich Ärztin werden, aber es reichte nur zur Krankenschwester. Mit 19 heiratete ich, mit 20 kam mein erster Sohn zur Welt, kurz darauf der zweite. Windeln, Waschen, Kochen - ich selbst blieb auf der Strecke. Mein Ex hat mir noch nicht einmal erlaubt, ins Kino zu gehen. Bei der Scheidung war ich Mitte 30. Ich machte eine Fortbildung als OP-Schwester und bekam es mit den Bandscheiben. Der Arzt sagte, wechseln Sie lieber den Beruf, sonst landen Sie bald selbst auf dem OP-Tisch. Also war ich arbeitslos oder kellnerte. Bis ich vor sechs Monaten eine Freundin aus ihrem Puff abholte und deren Chefin klagte, ihr sei gerade eine ihrer »reifen Rubensfrauen« davongelaufen. Mein jetziger Mann sagte: Probier's aus, bist doch locker drauf. Wir trafen eine Vereinbarung. Meine Bedingung, er darf mich nicht ausfragen. Seine: Wenn du abends durch diese Tür trittst, musst du wieder meine treue Ehefrau sein. Ich bin selbstbewusster geworden, verdiene jetzt das Doppelte, kann mir eine neue Couch gönnen, ein größeres Auto. Und wie das geht, abschalten nach Feierabend, habe ich schließlich gelernt - auf der Krebsstation im Krankenhaus.
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Cher, 31, Domina in Berlin
Als ich auf die 30 zuging, dachte ich, jetzt ist mal Zeit, dass ich mein Leben überdenke, schließlich soll man in seinem Beruf ja glücklich sein. Zuletzt habe ich als Sekretärin gearbeitet, bei einer kleinen Firma für Hausverwaltung und Baubetreuung in West-Berlin. Besonders ausgefüllt habe ich mich nicht gefühlt. Dagegen war das Interesse für die SM-Szene schon immer da, und ich dachte, jetzt versuch ich es mal. Und habe mich bei einer Domina vorgestellt. Das war ein richtiges Bewerbungsgespräch, ich habe ganz ehrlich gesagt, dass ich keine Ahnung habe, ob ich den Job auch packe - von der Ausbildung her bin ich Friseuse, und da muss man ja eher freundlich sein und dienen. Aber der Chefin hat vielleicht gerade meine Ehrlichkeit gefallen. Sie nahm mich erst mal auf Probe. Für beide Seiten. Mit meinem Freund, einem Karosseriebauer, habe ich das ausführlich diskutiert, und er war einverstanden. Er vertraut mir, schließlich sind wir seit sechs Jahren zusammen, aber natürlich war das eine Prüfung für die Beziehung. Ich bin ausgeglichener, ich lerne sehr viel, über Psychologie, über Männer. Die meisten sind sehr nett, es ist ja nicht so, dass es im Domina-Studio immer verbiestert zugehen muss. Und mein Freund findet mich sehr schön, wenn ich in Arbeitskleidung nach Hause komme. Lack, Leder, alles schwarz - das war zum Beispiel etwas, was ich als Sekretärin nie durfte, mein Chef wäre an die Decke gegangen. Ich bin jetzt viel mehr ich selbst.
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Lilith, 49, Domina in Saarbrücken
Das Erste, was ich morgens sehe, ist ein Zettelchen auf dem Küchentisch. Engelchen, steht drauf, hast du gut geschlafen? Den hat mein stinksolider Ehemann geschrieben. Der Beruf ist anstrengend - aber er war mein Schicksal. Als ob der liebe Gott gesagt hätte, Lilith ist stark, die schicken wir auf die Straße. Mit 13 habe ich angefangen, französisch auf dem Strich. Mein Vater war Alkoholiker, meine Mutter Hure. Ihr half ich, meine zehn Geschwister zu ernähren. Meine Stärke ist jetzt mein Kapital. Das Rollenspiel beginnt morgens um zehn. Ich bin selbständig, zahle Steuern. Einen Zuhälter brauche ich nicht, was sollte der schon zuhalten. Mein Körper ist mein Kunstwerk. Kunden wollen uns mit schmaler Taille, breitem Arsch, viel Busen. Da muss man schon mal nachhelfen. Etwa 50-mal habe ich mich operieren lassen. Ich muss eine gute Schauspielerin sein in meinem Job: Erregter Ausdruck, auch wenn der Kunde stinkt; herrische Stimme, auch wenn er einem Leid tut. Aber aus der Rolle fallen, kann ich mir nicht leisten. Man sagt, Dominas seien echt veranlagt. Alles Legende. Wir sind höchstens auf D-Mark veranlagt. Seit zwei Jahren kriege ich vom Arzt Antidepressiva gespritzt. Der Job hat mir meine Sexualität geraubt. Noch elf Jahre, dann gehe ich in Rente. Der Ekel hier, der kommt abends mit nach Hause. Mein Mann kocht vegetarisch, ich mag kein Fleisch mehr sehen. Manchmal will ich reden über den Tag. Dann lacht mein Liebster und sagt: Engelchen, bitte warte bis nach dem Essen.
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Kathleen, 26, Hure in Dortmund
Ich bin eher reingestolpert in die Szene, mein damaliger Freund hat mich ein bisschen dazu überredet, er sagte: Vielleicht macht's Spaß, und es sollte mehr nebenbei laufen. Übrigens hat mein Freund nicht die Hand aufgehalten. Der hat sein eigenes Geld verdient und ich meins. Von Montag bis Freitag jeden Tag sieben, acht Stunden. Auto, Möbel, Klamotten - dafür musste ich hart arbeiten. Mit ein wenig Disziplin hätte ich jährlich 100 000 Mark zurücklegen können. Aber jetzt kommen immer öfter Phasen, wo ich, auf gut Deutsch gesagt, die Schnauze voll habe. Ist doch logisch. Immer hier in der Dunkelheit sitzen, bei heruntergelassenen Rollläden, immer in Dessous rumlaufen, da verliert man den Kontakt zur Normalität. Wenn ich nicht Freunde gehabt hätte, die in ganz anderen Bereichen arbeiten, dann wäre ich vielleicht abgedriftet. Und was am meisten nervt, sind die Kunden. Nicht alle, natürlich. Am besten sind die, die lieb sind, die zahlen, ohne zu handeln wie auf dem Basar. Und die mich nicht viel anfassen. Einmal hat einer mir dermaßen in die Brüste gekniffen, dass ich ihn angeschrien habe, he, halt, die leben noch, ich bin kein Stück Fleisch, das dir gehört und das du dir in die Pfanne haust! Zum Glück habe ich Abitur, ich will jetzt Sonderpädagogik studieren, irgendwann heiraten und Kinder kriegen. Eine gute Mutter will ich ihnen sein. Und dazu brauche ich Kraft. Also darf ich meine Energie nicht im falschen Job verschwenden.
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Vera, 56, Domina in Berlin
Dass es eine sexuelle Revolution in diesem Land gegeben hätte, halte ich für ein Gerücht. Natürlich haben wir einen inflationären Umgang mit Sex, auf allen Kanälen wird gevögelt. Aber damit ist Sexualität zum reinen Konsumgut heruntergewirtschaftet worden. Vor einiger Zeit war ich in Berlin in einem Club, wo alle Tabus aufgehoben sind und jeder wirklich alles machen kann, in aller Öffentlichkeit. Ich war mit einem Sklaven dort, wir standen in dieser Ausgeburt der Hölle und diskutierten über Menschenwürde. Jetzt können Sie fragen: Was weiß eine Domina schon von Menschenwürde? Sehr viel. Bei mir geht es um spielerische Macht, da gibt es feste Regeln. Ich lege großen Wert auf gegenseitigen Respekt und Distanz. Der Sklave hat mich zu siezen, ich allerdings duze ihn. Für sein Geld hat der Kunde Anspruch auf große Sorgfalt meinerseits. Alles Mögliche und Unmögliche wird in dieser Gesellschaft gelehrt; Programmieren, Geige spielen, das Einmaleins auf Tibetisch, aber nicht der Umgang mit Macht und eben Erotik. Und ich habe auch lange gebraucht, bis ich mir selbst gestattet habe, meine Ängste zu besiegen. Früher arbeitete ich als Bereichsleiterin bei einer Versicherung. Dort wird verlangt, dass man seine Anschauungen und Prinzipien verleugnet. Es gibt wenig Ehrlichkeit, wenn es um Umsatz geht. Es ist nur ein kleiner Schritt dahin, sich zu prostituieren. Heute führe ich ein autonomes Leben. Wer mich kennt, weiß, welchen Beruf ich ausübe, und er respektiert das. Ist das nicht ein unglaublicher Luxus?