POTENZ MEDIZIN FÜR MÄNNER FORTPFLANZUNG Sensibles Teil
Für die Krankenhausärzte war der Fall klar. Sie rieten zu einem Eingriff, der für den Patienten ebenso irreversibel wie er für den Mediziner lukrativ ist.
Das Gerät, das ihm implantiert werden sollte, trägt den Namen »Penisprothese«. Sie besteht aus einer Pumpe und zwei hydraulischen Schwellkörpern, so groß wie Nürnberger Rostbratwürste, und kostet samt Einbau etwa 15 000 Mark.
Der Mann litt an einem Phänomen, das etwa ein Drittel aller Männer um die 40 Jahre gelegentlich plagt, ohne dass sofort drastische operative Eingriffe erforderlich sind: Er hatte eine erektile Dysfunktion - seine Potenz war gestört.
Vor einer Verstümmelung durch medizinisches Fachpersonal wurde er nur deshalb bewahrt, weil er vor dem Gang ins Hospital eine Adresse im Internet anwählte: www.andrologie.de. Nach einigen E-Mail-Wechseln stellte sich heraus: Die Ursache seiner Erektionshemmung war schlicht Nervosität.
Der kostenlose Kummerkasten und Ratgeber im Internet wird unterhalten von dem Urologen Heribert Schorn, 40, vom St.-Marien-Krankenhaus in Ahaus/Westfalen; die dabei gesammelten Erfahrungen sind Gegenstand seiner medizinischen Dissertation, die er im vorigen Jahr einreichte. Etwa
150 000 Besuche auf der Homepage und bislang 1815 direkte Kontaktaufnahmen per E-Mail bilden die statistische Grundlage der Doktorarbeit - laut Schorn die bisher »größte vorliegende Datenbasis in Deutschland zu diesem Thema«.
Für viele Kollegen ist die Tätigkeit des Pioniers unter den deutschen Potenzberatern im Internet ein Ärgernis. Der Mediziner (der vorher ein Architekturstudium fast bis zum Abschluss brachte) bewegt sich mit seiner für viele segensreichen kostenlosen Dienstleistung auf einem juristischen Minenfeld: Ärzte unterliegen strengen wettbewerbsrechtlichen Auflagen. Sie dürfen weder für sich noch für andere Mediziner werben und schon gar keine Therapie ohne Geld anbieten. So beteuert Schorn stets, dass seine Beratungstätigkeit keinerlei Behandlungscharakter habe und er die Ratsuchenden im Zweifelsfall stets zum Arztbesuch ermuntere.
In vielen Fällen erübrige sich jedoch eine medizinische Behandlung. Die meisten Männer, die Rat suchen, seien im Prinzip kerngesund und einfach nur verspannt, sagt Schorn. Als Erektionshemmer Nummer eins hat der Urologe ein Phänomen ausgemacht, das den menschlichen Alltag auch jenseits der erotischen Sphäre trübt: Stress, ein urtümliches, genetisch verankertes Programm, das den Organismus vor Gefahren schützt.
Im Falle einer plötzlichen Bedrohung mobilisiert der Körper vermittels der Stressreaktion seine Kraftressourcen, das Schmerzempfinden wird abgeschwächt, Puls und Blutdruck steigen, die Verdauung setzt aus. Was die eintretende Sex-Schwäche angeht, bietet Urologe Schorn, ein Freund pragmatischer Analysen ("Urologie ist was ganz Handfestes"), eine eher eigenwillige evolutionsbiologische Erklärung an: »Die Männer, die beim Angriff des Säbelzahntigers nicht schnell genug auf den Baum kamen, weil sie eine Erektion hatten, sind ausgestorben.«
Geblieben ist dem Manne jenes hochsensible Teil, das meist erschlafft, wenn er angespannt ist. Die Angst, zu versagen, verstärkt oft die Verkrampfung beim nächsten Versuch. »Dieser Teufelskreis kann sich verselbständigen und weiter verschlimmern«, doziert Schorn in seiner Veröffentlichung.
In der schriftlichen Auseinandersetzung mit derlei Potenzproblemen, so Schorns Web-Erfahrung, stecke jedoch oft schon die Bewältigung derselben. »Bei vielen löst sich die Verspannung bereits, wenn sie erfahren, dass es anderen Männern genauso ergeht.«
Nach Auskunft des Erektions-Konsultanten wirkt der Zuspruch per E-Mail bei Männern jeden Alters. Schorn berichtet von einem 80-Jährigen, der ihn aus dem Altersheim anschrieb und nach erfolgreicher Beratung mit einer etwa gleichaltrigen Insassin des Seniorenhospizes zu einem Lust-Trip nach Mallorca türmte. Kritik an der Ferntherapie sei in dem Fall lediglich von Seiten der Erben gekommen, die sich bereits auf ein baldiges Ableben des ermatteten Mannes eingestellt hatten.
Wenn tatsächlich medizinisch bedingte Potenzstörungen vorliegen, ist Schorns Beratungsspielraum stark eingeschränkt. Zur Einnahme von Medikamenten, etwa der Potenzpille Viagra, darf kein Arzt in einer anonymen Ferndiagnose raten. Bei Patienten, die bestimmte Herzmedikamente einnehmen, können die kleinen Blauen fatale Nebenwirkungen hervorrufen.
Als völlig ungefährlich dagegen gilt ein bewährtes Hilfsmittel, das seit langem zum klassischen Arsenal der Männerärzte zählt, das jedoch beim Liebesspiel häufig als Stimmungskiller wirkt: die Vakuumpumpe. Der Mann stülpt sich eine Kunststoffglocke über den Penis und erzeugt über eine Handpumpe Unterdruck, um das Einströmen des Blutes in die Schwellkörper zu erleichtern. Danach wird ein Gummiring um die Peniswurzel gespannt, der den Abfluss des Blutes stoppt. »Richtig angewendet eine gute Sache«, meint Schorn.
Erst als »letzter zu erwägender Schritt« seien »operative Verfahren« heranzuziehen: die chirurgische Implantation einer Penisprothese. Dabei handelt es sich um ein endgültiges Verfahren; anstelle der natürlichen Schwellkörper werden dem Patienten hydraulische Bälge eingesetzt. Im Bauchraum bringen die Operateure ein Flüssigkeitsreservoir unter und im Ho-densack eine Pumpe. Nach dem Einbau eines solchen Instrumentariums wird der Operierte nie wieder zu einer natürlichen Erektion fähig sein.
»In Einzelfällen sind diese Prothesen ein Segen, bei vielen sind sie eine Katastrophe«, sagt Schorn. Verzweifelten E-Mail-Kunden rät der Internet-Urologe meist zu alternativen Sex-Praktiken, die keine kostspielige und folgenschwere Operation erfordern - getreu einer hessischen Volksweisheit: »Solang ich hab noch Zung und Händ, bin ich bei Gott net impotent.«
CHRISTIAN WÜST
* Foto von David LaChapelle.