Störfälle im Hoden - DER SPIEGEL
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FRUCHTBARKEIT MEDIZIN FÜR MÄNNER FORTPFLANZUNG Störfälle im Hoden

Wenn Paare kinderlos bleiben, liegt in fast jedem zweiten Fall die Ursache beim Mann. Die Medizin hat viele Möglichkeiten zu helfen. Das bisher wagemutigste Konzept: Unfertige Spermien werden den männlichen Keimdrüsen entnommen und in Ratten oder Mäusen nachgereift.
• aus DER SPIEGEL 36/2001
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Stephan Kruip wuchs mit der Gewissheit auf, dass er niemals eigene Kinder haben wird. Schon früh hatten seine Eltern ihm den Grund erklärt: Wegen seiner Mukoviszidose-Erkrankung ist bei ihm der Samenleiter verschlossen. Kruip hat keine Spermien im Ejakulat.

Der defekte Samenleiter ist nur eines der Symptome seines Erbleidens. In Kruips Lunge und Bauchspeicheldrüse sammelt sich zäher Schleim; die Folge ist eine kontinuierliche Schädigung der Lunge und - ohne wirksame Therapie - ein früher Tod. »Von meiner Geburt an lag meine jeweils verbleibende Lebenserwartung eigentlich immer nur bei drei bis vier Jahren.«

Doch Kruip, 36, lebt noch immer. Er ist verheiratet, arbeitet erfolgreich als Physiker - und er hat drei Kinder. Julius, 2, fährt auf seinem Bobby-Car durch das Wohnzimmer; im Stubenwagen krähen die Anfang Juni, am Pfingstsonntag, geborenen Zwillinge Jonas und Silas. »Mein Lebenstraum«, sagt der Vater, »hat sich erfüllt.«

Dazu bedurfte es zweier Wunder der Medizin. Einerseits gibt es seit etwa zehn Jahren neuartige Enzympräparate, Antibiotika und spezielle Atemübungen für Mukoviszidose-Patienten, mit denen sich der unheilvolle Schleim wirksam bekämpfen lässt. Zum anderen haben Reproduktionsmediziner in den vergangenen Jahren eine Methode entwickelt und verfeinert, die unfruchtbare Männer zu Vätern macht.

Wie Stephan Kruip waren bis Mitte der neunziger Jahre Tausende von Männern in Deutschland von der Fortpflanzung ausgeschlossen. Die künstliche Befruchtung war bei ihnen an Grenzen gestoßen: Mindestens eine Million Spermien waren für die Zeugung im Reagenzglas nötig.

Inzwischen reicht ein einziger Samenfaden. Die Ärzte spritzen das rare Gut mit einer Glaspipette direkt in die Eizelle der Frau. Diese intrazytoplasmatische Spermatozoen-injektion (ICSI), die mittlerweile in Deutschland 21 000-mal jährlich angewendet wird, hat die Behandlung der männlichen Unfruchtbarkeit revolutioniert.

ICSI, vor rund zehn Jahren erstmals in Brüssel praktiziert, führt mittlerweile in fast 25 Prozent der Fälle zu einer Schwangerschaft. Je jünger und frischer die Eizelle, in welche das müde Spermium gespritzt wird, desto wahrscheinlicher ist der Erfolg. Von der Öffentlichkeit unerkannt, kommen jedes Jahr allein in Deutschland 2000 ICSI-Kinder auf die Welt.

»Beinahe jeder Mann kann heutzutage einen genetisch eigenen Nachkommen zeugen«, so Wolfgang Weidner, Direktor der Urologischen Klinik der Universität Gießen.

Ein bis zwei Millionen Paare in Deutschland wünschen sich ein Baby, bleiben aber kinderlos. In 40 bis 50 Prozent der Fälle liegt die Ursache beim Mann. Manch einem versagt angesichts der fortpflanzungswilligen Partnerin schlichtweg die Potenz. »Wenn sich die Männer unter Zugzwang fühlen, kriegen viele plötzlich Schwierigkeiten mit der Erektion«, berichtet Weidner. »Denen gebe ich Viagra, das ist dann okay.«

Doch in den meisten Fällen hapert es an der Spermienqualität im Ejakulat. Die ist beim Homo sapiens von Natur aus ohnehin auffällig mau; rund die Hälfte aller Spermien sind verkrüppelte, schwanzlose oder verwachsene Gestalten. »Ein Bulle dagegen besitzt nur ein bis zwei Prozent defekte Spermien«, berichtet Martin Bergmann, ein Gießener Anatom, der sich der Hodenforschung verschrieben hat.

Die »Normalwerte« des menschlichen Ejakulats hat die Weltgesundheitsorganisation in Genf festgelegt. Volumen: zwei Milliliter oder mehr. Morphologie: mindestens 30 Prozent der Spermien mit normaler Form. Konzentration: mindestens 20 Millionen Spermien in jedem Milliliter.

Treiben weniger als 5 Millionen Samenfäden in einem Milliliter Ejakulat, wird es mit der natürlichen Fortpflanzung kritisch, erläutert die Ärztin Sigrid von Eckardstein vom Institut für Reproduktionsmedizin der Universität Münster. Auf ihrem Schreibtisch stapeln sich die Patientenakten. Etwa 700 Männer, deren Kinderwunsch sich auf normalem Wege nicht erfüllen ließ, erbitten hier jedes Jahr Hilfe.

Der erste Weg führt die Betroffenen ins »Ejakulatorium«, einen abgedunkelten Raum mit den unvermeidbaren Pornoheften ("Dynamit - die scharfe Ladung"). »Zu uns müssen die Patienten zweimal kommen«, erklärt von Eckardstein. Nur wenn der Patient an zwei verschiedenen Tagen seine milchigen Proben liefert, lässt sich ein aussagekräftiges Bild von der Spermienqualität gewinnen.

Manchmal können die Assistentinnen unter dem Mikroskop kein einziges Spermium aufspüren. Doch selbst in diesen Fällen ist die Aussicht auf Nachwuchs noch nicht gänzlich dahin: Die Ärzte in Münster entnahmen ihren Patienten dann Hodengewebe und suchen darin nach vereinzelten Spermien und deren Vorläuferzellen.

Stephan Kruip ließ diese Prozedur im April 1998 über sich ergehen. Unter örtlicher Betäubung durchschnitt eine Urologin die Hülle seines Hodensacks und saugte ein wabbeliges Sekret aus dem Nebenhoden ab; dort reifen die Spermien so lange, bis sie beweglich sind. Der Eingriff ("Mikrochirurgische epididymale Spermatozoenaspiration«, abgekürzt: Mesa) förderte bei Kruip ein Sekret zu Tage, in dem sich tadellose Spermien tummelten.

Schon am nächsten Tag fuhr er mit dem ICE zurück ins heimische Bayern. Ein »dumpfer Schmerz« erinnerte ihn an die Operation. Seine kostbare Fracht trug Kruip in einem Metallbehälter, in dem sie bei minus 196 Grad in flüssigem Stickstoff überlebte. Aus diesem Vorrat ließ er später Eizellen seiner Frau befruchten.

Im Unterschied zu Kruip, dessen Spermien sich normal entwickeln, aber nicht ausgeworfen werden können, ist bei vielen anderen unfruchtbaren Männern die im Hoden ablaufende Spermienbildung und -reifung gestört. Bei einigen von ihnen gelangen nicht einmal unausgereifte Spermien in den Nebenhoden - doch auch diese Männer können Väter werden. Dazu fahnden die Ärzte nach den kostbaren Spermien direkt an deren Geburtsort. Sie schneiden linsengroße Stücke aus dem Hodengewebe, in dem sich aus Ursamenzellen die Vorläufer der Spermien bilden.

Diese »testikuläre Spermatozoenextraktion« (Tese) führt oft nur mit großem Aufwand zum Erfolg. Paul Gaßner, Biologe am Münsteraner Institut für Reproduktionsmedizin, sucht manchmal stundenlang nach einer einzigen Keimzelle in den Gewebeproben.

Er hatte schon Patienten, in deren gesamtem Hodengewebe sich hochgerechnet gerade einmal 20 Vorläuferspermien befanden, und auch die noch von mangelhafter Qualität. »Spermien aus dem Hoden sind eigentlich immer lahm«, klagt Gaßner. »Es ist das Höchste der Gefühle, wenn sie ein bisschen mit dem Schwanz zittern.« Dennoch, auch derart träge Spermien sind erstaunlich häufig potent genug, eine Eizelle nach ICSI zu befruchten.

Je unreifer das Spermium, desto geringer allerdings ist die Erfolgsrate. Unbekümmerte Fortpflanzungsmediziner wie der Italiener Severino Antinori, der auch Menschen klonen will (SPIEGEL 6/2001), streben deshalb an, Spermien-Vorläuferzellen, die von Männern gewonnen wurden, in Tieren heranreifen zu lassen.

Zusammen mit Nikolaos Sofikitis, einem Griechen, der an der Tottori Universität im japanischen Yonago arbeitet, unternahm Antinori in Japan ein Experiment: Die Hodenzellen von 18 zeugungsunfähigen Männern wurden zehn Ratten und acht Mäusen eingepflanzt - tatsächlich produzierten die Nager daraufhin menschliches Sperma.

Antinori fackelte nicht lange: In Rom befruchtete er menschliche Eizellen mit den animalisch gereiften Samenfäden; vier Babys kamen auf diese Weise zur Welt.

Ebenso bizarr und unsinnig mutet ein Eingriff an, der bereits häufig an Tieren und vereinzelt schon an Menschen erprobt wurde: die Hodentransplantation. Sie kommt für jene infertilen Männer in Frage, die überhaupt keine Spermienvorläufer haben oder ohne Hoden auf die Welt kamen.

Ärzte um Gao Xin von der Hubei Medical University im chinesischen Wuhan zählen zu den Pionieren dieses Verfahrens. Sie schnitten toten, aber auch einigen lebenden Spendern Hoden heraus und pflanzten sie infertilen Männern ein. 29 von insgesamt 34 solcher Operationen seien ihnen gelungen, verkündeten die Gelehrten 1993 im »Chinese Medical Journal": Im Ejakulat von acht Empfängern hätten sich später tatsächlich Spermien gefunden. Zwei der betroffenen Männer hätten sogar Kinder gezeugt.

So forsch - und erfolgreich - Reproduktionsmediziner inzwischen die Folgen der männlichen Unfruchtbarkeit behandeln, so wenig haben sie allerdings über deren Ursachen in den vergangenen Jahren gelernt.

Klar ist nur: Im Unterschied zu Frauen, deren Fruchtbarkeit spätestens jenseits der 40 schwindet, spielt das Alter des Mannes keine entscheidende Rolle. Zu den bekannten Gründen der Sterilität zählen stattdessen Mumps-Infektionen, Krampfadern am Hoden und genetisch bedingte Krankheiten wie etwa die Mukoviszidose oder das Klinefelter-Syndrom mit einer Unterentwicklung der Hoden.

In rund einem Drittel der Fälle liefern jedoch selbst aufwendige Untersuchungen keine Erklärung. »Idiopathische«, ohne erkennbare Ursachen entstandene, Unfruchtbarkeit nennen die Ärzte das ihnen rätselhafte Phänomen.

Neben Stress könnten vor allem Umwelteinflüsse die Schlagkraft der Spermientruppe mindern, mutmaßt Niels Skakkebaek vom Rigshospitalet in Kopenhagen. Er analysierte Spermienstudien aus 20 Ländern, an denen insgesamt 14 947 Männer beteiligt waren. Im Zeitraum von 1940 bis 1990, so das Fazit, sei die Zahl der Samenzellen im Ejakulat von ehedem durchschnittlich 113 Millionen pro Milliliter auf 66 Millionen gesunken. Mit dieser Nachricht verschreckte der hagere Medizinprofessor erstmals 1992 die Weltöffentlichkeit. Zudem habe sich das Volumen des Auswurfs bedrohlich verringert: von im Durchschnitt 3,40 auf 2,75 Milliliter.

Neue Zahlen aus Deutschland deuten ebenfalls auf einen Schwund hin. Getestet wurde das Sperma von 1650 Männern, die sich zwischen 1985 und 1996 an der Univeritätsklinik Leipzig untersuchen ließen. Demnach sank die Zahl der Samenfäden von 79,7 Millionen pro Milliliter auf 52,6 Millionen. Warum das so ist, wissen die Autoren nicht: »Die Ursachen für die beobachtete Abnahme bleiben ungeklärt.«

Einer, der die unklaren Störfälle im Hoden enträtseln will, ist der Gießener Anatom Martin Bergmann. In seinem Institut lagert er Hodengewebe von rund 2000 unfruchtbaren Männern. In den Proben erkannten er und sein Kollege Klaus Steger kürzlich, warum manche Spermien nicht reifen wollen: In ihnen wird zu wenig von bestimmten Eiweißmolekülen (Protaminen) hergestellt, die für die ungemein dichte Packung des genetischen Materials im Spermienkopf wichtig sind - einer von vielen Mechanismen, die im Hoden schief laufen können.

Weil etliche wichtige Ursachen der männlichen Unfruchtbarkeit noch im Dunkeln liegen, verfolgen viele Mediziner den Triumphzug der ICSI mit Sorge: Da die Methode eine natürliche Barriere überspringt, werde die Infertilität an die nachfolgende Generation vererbt.

Als US-Wissenschaftler drei von Natur aus unfruchtbare Väter und deren vier ICSI-Söhne untersuchten, entdeckten sie: Alle Knaben haben einen bestimmten genetischen Defekt vom Vater geerbt. »Solche Söhne werden als Erwachsene wahrscheinlich unfruchtbar sein«, prophezeien die Forscher. Sollte sich das bewahrheiten, wächst gegenwärtig eine Gruppe von Männern heran, die sich nur noch im Labor fortpflanzen kann.

Umgekehrt kann die ICSI die Unfruchtbarkeit in einer Familie überwinden. So tragen die Söhne von Stephan Kruip zwar ein mutiertes Mukoviszidose-Gen. Doch weil sie von ihrer Mutter ein vollkommen intaktes Gen geerbt haben, sind alle drei Söhne gesund und voraussichtlich fruchtbar. JÖRG BLECH

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