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»Wir haben Hilfe gesucht«

Die Eltern des deutschen Muslim Dennis J. über dessen Weg nach Afghanistan
Von Souad Mekhennet und Wilfried Voigt
• aus DER SPIEGEL 42/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der deutsche Muslim Dennis J. machte in der vergangenen Woche Schlagzeilen, weil er bei den Taliban in Afghanistan war und etwa am 22. September an der pakistanischen Grenze verhaftet wurde. Nun soll er Ermittlern Aufschluss über afghanische Terrorcamps geben. -------------------------------------------------------------------

SPIEGEL: Ihr Sohn Dennis ist als überzeugter Muslim zu den Taliban nach Afghanistan gereist und vor drei Wochen an der pakistanischen Grenze aufgegriffen worden. Er ist jetzt 19. Wann haben Sie bemerkt, dass er sich intensiv für den Islam interessiert?

Ute J.: Als Dennis mit 14 Jahren erstmals im Ramadan mitfastete. Wir wurden von einer Nachbarin darauf aufmerksam gemacht, dass er in die Moschee gehen würde.

SPIEGEL: Gab es äußere Anzeichen für die Veränderung in Dennis' Leben?

Ute J.: Er trug später zeitweilig traditionelle muslimische Kleidung, auch einen Kaftan. Er bevorzugte anderes Essen, und sein Tagesablauf war von den Gebetszeiten geprägt. Wir hatten am Anfang keinerlei Bedenken, dass er sich dem Islam zugewendet hatte. Wir hatten keine Ahnung von dieser Religion. Wir dachten, er probiert etwas aus, es sei eine vorübergehende Phase.

SPIEGEL: Wie sind Sie damit umgegangen?

Hans J.: Jeder, mit dem wir deshalb Kontakt aufgenommen hatten, sagte uns: Lasst ihn, das geht schon vorbei. Wir hatten damals nicht den Eindruck, dass unser Sohn den Glauben streng lebt.

SPIEGEL: Sondern?

Ute J.: Er war zwar interessiert an dem Glauben, aber er hatte mit 15 auch noch eine Freundin und war an weltlichen Dingen, Musik, Tanz und Action, interessiert.

SPIEGEL: Wie wurde sein Interesse am Islam stärker?

Ute J.: Das ging fließend, wir haben das eigentlich gar nicht mitbekommen, dass er immer strenggläubiger wurde. Er sagte uns nicht, warum er sich immer mehr in den Glauben vertiefte. Sobald er das Gefühl hatte, unrein zu sein, zog sich Dennis mehrmals täglich längere Zeit für rituelle Waschungen ins Badezimmer zurück und blockierte es damit für den Rest der Familie.

SPIEGEL: Was haben Sie unternommen?

Ute J.: Ich bin dann beispielsweise auch mal mit ihm zu einer Moschee gefahren, um mehr zu erfahren. Aber es ergab sich nichts Konkretes. Wir haben auch mehrfach professionelle Hilfe gesucht, sind in Beratungsstellen gegangen.

SPIEGEL: Was kam dabei heraus?

Hans J.: Alle sagten uns, der Islam sei eine Weltreligion, man könne eigentlich nichts tun, und man sah kein größeres Problem. Ich habe mit seinem Klassenlehrer mehrfach gesprochen, um Dennis aus der Klasse, die einen sehr hohen Anteil muslimischer Mitschüler hatte, herauszuholen.

SPIEGEL: Warum?

Ute J.: Wir wollten ein anderes Umfeld bekommen. Sein Lehrer sagte damals, er sehe das Problem nicht. Auch seine Stufenleiterin sah keine Veranlassung, Dennis in eine andere Klasse zu versetzen. Da könne ja jeder kommen.

SPIEGEL: Irgendwann muss Dennis auch Kontakte zu den fundamentalistischen Taliban geknüpft haben. Als die Polizei im Frühjahr das Taliban-Büro in Frankfurt durchsuchte, war Dennis gerade dort. Seine Personalien wurden registriert. Hat sich die Polizei deshalb mit Ihnen in Verbindung gesetzt?

Hans J.: Wir wissen bis heute nicht, ob er dorthin einen Kontakt hatte. Die Polizei hat jedenfalls diesbezüglich mit uns bis jetzt keine Verbindung aufgenommen.

SPIEGEL: Wann hatte Dennis die Idee, nach Pakistan zu reisen?

Hans J.: Etwa Ende März 2001. Er betonte immer häufiger, er sei am Islam interessiert und wolle ihn studieren. Als wir ihm sagten, dies könne er auch in Deutschland, sagte er uns, dazu müsse man schon in ein islamisches Land reisen.

SPIEGEL: Wann ist er nach Pakistan abgereist?

Hans J.: Auch etwa Ende März 2001. Er hat die Reise von Ersparnissen finanziert. Er lebte in Deutschland immer sehr sparsam und hatte damit Geld genug.

SPIEGEL: Hat er sich zwischendurch bei Ihnen gemeldet?

Ute J.: Er hat ab und an mal angerufen und gesagt, dass es ihm gut gehe. Aber er hat nicht detailliert erzählt, was er macht. Sehr positiv hat er sich über die pakistanische Bevölkerung geäußert.

SPIEGEL: Wann haben Sie erfahren, dass er weitergefahren ist, nach Afghanistan?

Ute J.: Im August. Was er dort gemacht hat, wissen wir aber nicht.

SPIEGEL: Wissen Sie etwas über seine Rückkehr nach Pakistan?

Ute J.: Die habe ich veranlasst. Er hat bei mir am 12. September angerufen und gesagt, die Nordallianz habe Kabul bombardiert. Er wusste nichts Genaues von den Anschlägen in New York und Washington und war sehr erschüttert, als ich ihm davon erzählte und ihn dringend bat, Afghanistan zu verlassen. Ich habe ihm gesagt, er habe nach seinem islamischen Glauben auf seine Mutter zu hören.

SPIEGEL: Wie verhielt Dennis sich daraufhin?

Ute J.: Er hat sich Bedenkzeit ausgebeten. Ich wollte meinen Sohn lebend dort herausholen. Etwas später hat er sich wieder telefonisch gemeldet und gesagt, er sei etwa eine Stunde von der pakistanischen Grenze entfernt. Da die Grenze unterdessen dicht war, konnte unser Sohn nicht mehr legal ausreisen und wurde deshalb inhaftiert.

INTERVIEW: SOUAD MEKHENNET,

WILFRIED VOIGT

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