Die Grenzen der Freiheit - DER SPIEGEL
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ERMITTLER Die Grenzen der Freiheit

Gentechnik und computergestützte Bildauswertung lassen das perfekte Verbrechen immer mehr zur Illusion werden. Neue Kriminaltechniken können auch helfen, Terroristen zu fassen.
• aus DER SPIEGEL 42/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Es war nur eine zerdrückte Zigarettenkippe, aber sie war die einzige Spur. Mordermittler der Uno-Polizei in Pristina (Kosovo) fanden den Stummel an der Straße nach Pudojevo. Dort waren am 16. Februar 220 Kilogramm Sprengstoff per Fernzündung in die Luft gejagt worden, gerade in dem Moment, als ein mit Serben besetzter Bus vorbeifuhr. Die Bombe zerfetzte zehn Menschen, darunter ein Kind.

Wissenschaftler des Bundeskriminalamts (BKA), die von den Uno-Fahndern um Hilfe gebeten worden waren, isolierten aus Speichelresten an dem Zigarettenfilter den genetischen Fingerabdruck und schickten ihn durch den Computer. Siehe da: Er gehörte Florim E., einem Kosovo-Albaner. Anfang 2000 hatte er in Rheinland-Pfalz sechs Monate Haft wegen Drogenhandels verbüßt, gegen ihn wird noch wegen Raubes, schweren Einbruchdiebstahls, illegalen Waffenbesitzes und Körperverletzung ermittelt. Deshalb war er in der zentralen DNS-Datei des BKA gespeichert. E. wurde verhaftet, flüchtete jedoch bald darauf aus dem US-Militärlager Bondsteel.

Dass er identifiziert werden konnte, ist Ergebnis einer stillen Revolution, die sich in der Kriminalistik ereignet hat - unspektakulär hinter den Mauern von Labors und Entwicklungsabteilungen. Doch in ihren Konsequenzen für die Polizeiarbeit ist sie gravierend: »Das perfekte Verbrechen«, sagt BKA-Präsident Ulrich Kersten, »wird immer schwieriger.« Wo es vor Jahren noch ausreichte, Handschuhe anzuziehen und die Tatwaffe wieder einzustecken, können sich heute Verbrecher nie mehr absolut sicher fühlen - ganz gleich, mit welchen Mitteln sie ihre Spuren verwischen wollen.

Die DNS-Analyse ist so weit fortgeschritten, dass selbst mikroskopisch kleine Hautschuppen und feinste Härchen den Täter entlarven. Und sie ist nicht die einzige Neuentwicklung: Weltweit arbeiten Wissenschaftler etwa an digitalen Kamerasystemen, die in Sekundenschnelle in einer Menschenmasse ein bestimmtes Gesicht erkennen.

Nach den Anschlägen auf das Pentagon und das World Trade Center rechnen Fachleute nun mit einem schnellen Ausbau intelligenter Kamerasysteme in den Industriestaaten; sie können etwa Terroristen schon bei der Einreise oder an gefährdeten Orten erkennen und Alarm schlagen. Angesichts des rasanten Fortschritts wird selbst Polizisten mulmig. »Die Technik«, warnt Konrad Freiberg, Vorsitzender der Gewerkschaft der Polizei, »bietet Möglichkeiten, die Angst machen. Sie braucht Grenzen.«

In der kriminalistischen Analysetechnik gehört Deutschland weltweit zur Spitze. So gelang es dem Team um den Biologen Andreas Hellmann in den Labors des BKA, auch an ausgefallenen Haaren jene Teile des Erbguts sichtbar zu machen, die eine eindeutige Identifizierung ermöglichen (SPIEGEL 21/2000).

Eine Sensation unter Kriminalisten: Bislang waren ausgefallene Haare , die 95 Prozent aller Haarfunde am Tatort ausmachen, als Spuren nicht zu gebrauchen. Ihnen fehlt intaktes Zellmaterial.

Nur wenige Monate später meldete das BKA den ersten großen Erfolg der neuen Fahndungsmethode. Der misslungene Anschlag auf den Nato-Stützpunkt im spanischen Rota 1988 konnte anhand eines Haares dem RAF-Terroristen Horst Ludwig Meyer angelastet werden.

Seitdem stapeln sich in Wiesbaden Hunderte Anträge aus den Bundesländern auf Haaranalysen in Altfällen. »Wegen der begrenzten Kapazitäten«, sagt Biologe Hellmann, »müssen wir nach der Schwere der Tat Prioritäten setzen.«

Der genetische Fingerabdruck gilt als Wunderwaffe der Kriminalisten. Mehr als 130 000 DNS-Codes sind mittlerweile in der bundesweiten DNS-Datenbank beim BKA gespeichert, täglich werden es mehr. Bei Sextätern ist die DNS-Probe mittlerweile so selbstverständlich wie der Fingerabdruck. Seit 1998 werden von bereits verurteilten Tätern nachträglich Speichelproben zur DNS-Analyse genommen, wenn davon auszugehen ist, dass sie erneut »Straftaten von erheblicher Bedeutung« begehen könnten. Damit hängen auch Einbrecher im DNS-Netz der Fahnder. Wenn alle in Frage kommenden Straftäter in Deutschland ihre Speichelprobe abgegeben haben, werden etwa 800 000 genetische Fingerabdrücke in der Datei gespeichert sein.

Zwar schreibt die Strafprozessordnung vor, dass nur uncodierte Stellen auf dem spindelförmigen DNS-Strang analysiert werden dürfen, also der Bereich, der keine Informationen über Erbgut, Krankheiten oder andere individuelle Merkmale trägt. Doch mit der zunehmenden Entschlüsselung des menschlichen Genoms wachsen auch die Begehrlichkeiten. So bekundet der Bund Deutscher Kriminalbeamter (BDK) bereits das »kriminalistische Interesse« am kodierten Bereich der DNS. Dort ließen sich, bei entsprechendem Stand der Wissenschaft, Hinweise auf »Hautfarbe, die Haar- und Augenfarbe, die Statur« von Tätern finden. »Die Diskussion hierüber«, heißt es beim BKA, dürfe »nicht tabuisiert« werden.

Der Rechtsexperte der Unionsfraktion im Bundestag, Norbert Geis, kam sogar auf die Idee, jeden Mann zur Abgabe des genetischen Fingerabdrucks zu zwingen.

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Joachim Jacob, hält solche Forderung für »abwegig«. Doch auch Jacob weiß, dass gerade nach spektakulären Taten wie den jüngsten Morden an dem neunjährigen Dennis, der am 5. September aus einem Schullandheim bei Cuxhaven verschwand, und der zehnjährigen Adelina aus Bremen, deren skelettierte Leiche vorvergangene Woche gefunden wurde, die Mehrheit der Bundesbürger nur allzu bereit wäre, die Grenzen der Freiheit enger zu ziehen.

Beide Leichen wurden anhand von DNS-Tests identifiziert, jetzt läuft die Suche nach möglichen Spuren, die die Täter hinterlassen haben könnten, etwa Sperma, Haare oder Hautschuppen.

»Das Sicherheitsbedürfnis hat zugenommen«, hat auch Bundesinnenminister Otto Schily erkannt. Während die Menschen Anfang der achtziger Jahre noch gegen Rasterfahndung und Volkszählung auf die Straße gingen, Wanzen in Wohnungen als Parasitenbefall im Rechtsstaat galten, empfinden manche inzwischen, so Schily, »die Videokamera auf dem Bahnsteig als Zugewinn«.

Aber wie lange noch? Die technischen Möglichkeiten sind so weit fortgeschritten, dass die totale Überwachung keine ferne Vision mehr ist. Die Elektronisierung und Digitalisierung der Gesellschaft macht das Netz gefährlich engmaschig.

Videos, die nach den Attentaten in Amerika ausgewertet wurden, zeigen den Terroristen Mohammed Atta, 33, vor dem Todesflug auf das World Trade Center am Geldautomaten, im »Wal-Mart«-Supermarkt und am Flughafen von Portland (Florida). Die Zufallsfunde sind noch nichts gegen digitale Videotechnik, die ganze Stadtteile überwachen kann. Solche Systeme sind schon heute in der Lage, Gesichter zu erkennen oder auffällige Bewegungen zu analysieren. So

* passen im Londoner Stadtteil Newham 247 Kameras auf, ob sich ein Verdächtiger ins Quartier verirrt. Die Software hat die elektronisch vermessenen Gesichter von 100 Kriminellen gespeichert und schlägt sofort Alarm, sobald die Objektive einen davon erfassen;

* filterten im Raymond-James-Stadion in Tampa (Florida) 36 Kameras am 28. Januar beim Endspiel der US-Football-Liga 19 gesuchte Kleinkriminelle aus der Menge der Besucher;

* wurden in Zürich und London versuchsweise sämtliche ankommenden Passagiere beim Verlassen des Flugzeugs mit digitaler Videotechnik erfasst. Hintergrund der Aktion: Fluggesellschaften sollten zum kostenlosen Rückflug von Asylbewerbern gezwungen werden, die ohne Pass ankamen.

In Großbritannien und Italien nutzt die Polizei mobile Kamerasysteme zur flächendeckenden Fahndung, beispielsweise nach Terroranschlägen. Am Sihlquai, einer Straße mitten in Zürich, nimmt eine Kamera seit dem Frühjahr die Nummernschilder aller Autos auf - jeden Tag etwa 10 000. Wenn eines der Kennzeichen zur Fahndung ausgeschrieben ist, schlägt der Computer Alarm - pro Tag zwei- bis viermal. »Car Snap« heißt das System, das vom Fraunhofer-Institut in Berlin mitentwickelt wurde.

»Face Snap« nennt die Bochumer Hightech-Firma C-Vis ihre Kamera-Software zur Gesichtserkennung, die in einem Test des US-Verteidigungsministeriums eine Trefferquote von 85 Prozent erreichte.

Zwar sei, wie Thomas Zielke von C-Vis sagt, derzeit noch »jedes Kind bei der Erkennung und Zuordnung von Gesichtern besser als der Computer«. Doch der Vergleich des Professors, der an der Fachhochschule Düsseldorf Informatik lehrt, hinkt. Denn welches Kind ist schon in der Lage, sich Hunderte Gesichter einzuprägen und im Vorbeigehen zu erkennen?

Schon vor den Attentaten in Washington und New York hatte der US-Face-Scanning-Guru Joseph Atick, Inhaber der Firma Visionic, vorgeschlagen, Kameras in den Fahrstühlen am New Yorker Flughafen JFK zu installieren, die alle Einreisenden mit den Fotos von Terroristen abgleichen. Sechs Tage vor dem Terrorschock hatte das Beratungsunternehmen International Biometric Group eine Vervierfachung des Umsatzes mit biometrischen Geräten und Software in den USA auf 1,9 Milliarden Dollar bis 2005 vorhergesagt. Die Chancen, das die Erwartungen übertroffen werden, sind gut.

Neue Techniken zur dreidimensionalen Erfassung oder zur Messung von Schattenwürfen werden künftig dafür sorgen, dass sich der Computer sogar von Veränderungen, beispielsweise durch Alterung oder aufgesetzte Brillen, nicht mehr narren lässt. »Technisch«, sagt Werner Straumann von der Schweizer Firma Securiton, »ist heute nahezu alles möglich.«

»Wir müssen einen umfassenden Diskussionsprozess einleiten über die Frage, wie viel Kontrolle der demokratische Rechtsstaat verträgt«, fordert Datenschützer Jacob. »Es gehört zu den Grundrechten, unbeobachtet zu sein.«

Eine sich stets fortentwickelnde Technik macht es aber nicht nur Ermittlern schwer, den Verlockungen zu widerstehen. Schon jetzt gibt es etwa ein Kamerasystem für Hausbesitzer, das, auf eine Wand gerichtet, erkennen kann, wenn dort jemand ein Graffito sprüht. Dann löst ein Computer Alarm aus und speichert die Bilder des Sprayers.

Nach den Anschlägen in den USA kündigte Bundesinnenminister Otto Schily an, Ausländer sollen schon bei der Visa-Beantragung ein Passfoto abgeben, das digitalisiert im Ausländerzentralregister gespeichert wird (SPIEGEL 41/2001). Die Bundesländer wollen zudem Gesichtserkennungsprogramme einsetzen, um Asylschwindler zu entlarven, die sich etwa mit falschen Daten .

Auch an den Kriminalitätsbrennpunkten deutscher Großstädte setzt die Polizei zunehmend auf Videoüberwachung. In der Innenstadt von Leipzig stehen beispielsweise schon 112 Kameras, die mit anderer Software so programmiert werden könnten, dass sie nach einem Bankraub Personen verfolgen, die sich schneller als andere bewegen.

Die Führungsakademie der Polizei in Münster-Hiltrup und das BKA klären bereits, wie Fotos - beispielsweise aus der Vermisstendatei - so aufbereitet werden können, dass sie in einen Datenbestand eingespeist und für die automatische Suche per Kamera benutzt werden können. Rolf Kreitzberg, Leiter des Polizeitechnischen Instituts der Führungsakademie: »Da sind Tür und Tor offen für alle Überlegungen.« ANDREAS ULRICH

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