»Zu viel Leid für eine Seele« - DER SPIEGEL
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FLÜCHTLINGE »Zu viel Leid für eine Seele«

Das afghanische Flüchtlingselend konzentriert sich in Lagern jenseits der Grenze. Die älteren Insassen wurden von drei verschiedenen Regimen verfolgt und unterdrückt. Am ärgsten traf es die Frauen - manche organisieren und wehren sich nun.
Von Carolin Emcke
• aus DER SPIEGEL 42/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Für Golalay, 35, ist jeder Fremde ein Feind. Sie hasst sie nicht, die Ausländer, aber noch nie hat ihr einer etwas Gutes getan. Die Russen nicht, die »arab forces«, die arabischen Extremisten um Osama Bin Laden nicht, die Taliban und die Pakistaner nicht - warum sollte sie von den Amerikanern Besseres erwarten?

Also ist sie geflohen, als sie im persischen Programm der BBC die Nachricht hörte, dass die Amerikaner Bin Laden jagen. Von ihrem Heimatort Jalalabad wanderten sie und ihre fünf Kinder fünf Stunden über die Berge von Safed Koh, direkt in die Arme bewaffneter Schleuser an der Grenze. 6000 Rupien mussten sie bezahlen, wollten sie nicht zurückgeschickt werden wie ihre Nachbarn. Die waren zu arm für die korrupten pakistanischen Grenzer.

Jetzt sitzt Golalay im Flüchtlingslager Charat bei Peschawar im Nordwesten Pakistans. Es gibt für sie und die Kinder ein hölzernes Bettgestell ohne Matratze, nur mit einem Korbgeflecht als Schlaffläche, das im Freien vor einer Lehmhütte steht, in der noch zwei andere Familien kampieren. Ihre paar Habseligkeiten passen auf den Fenstersims.

Zwei Kinder haben Windpocken, Golalay ist im fünften Monat schwanger, und ihr Mann sitzt in Jalalabad fest, seit die Angriffe begonnen haben. »Mein Baby wird im Lager oder in einem von den Amerikanern zerstörten Land geboren werden«, sagt sie und hält die Hände schützend über ihren Bauch. »Wenn es überhaupt lebend zur Welt kommt.«

Tausende afghanischer Frauen harren im Lager Charat auf das Ende der Gewalt in ihrer Heimat. Viele von ihnen sind vor den Sowjets geflohen, vor den Mudschahidin, vor den Taliban. Und einige wenige, die es in den letzten Tagen geschafft haben, vor den Amerikanern.

Seit Beginn der US-Luftangriffe haben sie noch weniger Hoffnung. Sie werden gehasst von der pakistanischen Bevölkerung und malträtiert von den Behörden, sie sind zerstritten mit den Parteigängern der Fundamentalisten in den anderen Camps, und der Krieg der USA ist selbst für sie, die verwundbarsten Opfer der Taliban, kein gerechter. »Früher konnten wir wenigstens fliehen«, sagt Golalay, »heute bombardieren die Amerikaner alles, und die meisten Grenzen sind zu.«

Seit 16 Jahren existiert das Lager Charat bereits. Aus dem provisorischen Zeltplatz ist längst ein kleines Dorf geworden. 7000 Menschen leben hinter seinen Mauern, doch noch immer sind sie offiziell nicht anerkannt. Die Siedlung ist illegal, der Zutritt verboten. Polizei und Armee garantieren nicht etwa die Sicherheit der Flüchtlinge, sondern nur ihre Abschottung.

Ein paar Ziegen streunen auf dem zentralen Platz um ein einsames Klettergerüst. Ein Schuhhändler führt seinen Esel durch die engen Gassen und achtet sorgsam darauf, dass der Karren mit den bunten Sandalen nicht in den stinkenden, grünbraunen Rinnsalen stecken bleibt, die aus den Rohren der Lehmhäuser sickern und sich wie Adern im ganzen Lager verzweigen.

»Hier gibt es so viel Leid, dass es eine Seele allein kaum ertragen kann«, sagt Wajiha, 35, die in einem der drei ärmlichen Läden Reis und Zwiebeln kauft. Und dieses Leid hat sich wie Sediment abgelagert, Schichten der Erinnerung, die jeden Flüchtling quälen: Erinnerungen an die Sowjets, an die »Dschihadi«, wie die Mudschahidin abschätzig genannt werden, an die Taliban. Glücklich, wer so jung ist, dass er nur die Unterdrückung durch die Prediger der Scharia kennt - und nicht die ganze trostlose afghanische Geschichte von Armut und Zerstörung, Krieg und Gewalt.

Abida Mansur, 40, ist alt genug für das ganze Leid. Sie steht, mit einem weißen Kopftuch, im Hof der kleinen Schule von Charat. 450 Schüler betreut sie - »und Schülerinnen«, wie sie stolz betont, denn das ist keine Selbstverständlichkeit.

Im Nachbarlager Herakat etwa, das Sympathisanten der Taliban kontrollieren, wäre so etwas undenkbar. Dort dürfen Frauen sich nicht alleine bewegen. Nur unter der Burka, der fließenden Ganzkörperrobe mit dem schmalen Gitterfenster, und in Begleitung eines Mannes dürfen sie vor die Tür. Schulbesuch ist strengstens verboten, und in diesen Tagen, da Radikale in den anderen Lagern zum Heiligen Krieg aufrufen, sind sie nicht mal sicher. Die liberalen afghanischen Familien sind deswegen ins Charat-Camp geflohen.

Abida Mansur ist den Widerstand gewohnt. Schon zu Zeiten der Sowjets hat sie für den 1977 von der Afghanin Meena gegründeten »Revolutionären Frauenbund Afghanistans« (Rawa) im Untergrund gearbeitet - für Menschenrechte und Demokratie. Später, als die sowjetische Unterdrückung durch den religiösen Gesinnungsterror der Taliban ersetzt wurde, wollte sie nur noch, dass Frauen auch als Menschen anerkannt werden.

Rhythmischer Singsang dringt aus den kahlen Klassenzimmern auf den Hof; im Chor konjugieren Schülerinnen Verben. Für Abida klingt das wie ein Sieg.

Im Gebäude gleich neben der Schule sitzt Abdul Kayum, 40, und räumt die Instrumente in seinem schmutzigen Behandlungszimmer zusammen. Es ist zwölf Uhr mittags, die Krankenstation des Lagers schließt um diese Uhrzeit. Zehn Jahre lang war der Absolvent der medizinischen Fakultät von Nangarhar als Guerrillakämpfer unter Waffen. Sechs Monate hat er zu Zeiten der Russen im Gefängnis in Kabul mit 35 anderen Inhaftierten in einer Zelle gesessen. Nur 3 überlebten die Folter während der Verhöre. »Alle, die danach kamen, die Soldaten Massuds, die Kämpfer von Bin Laden, die Taliban, waren Kriminelle«, sagt Abdul. Heute kämpft er an einer anderen Front: gegen Unterernährung, Hautkrankheiten, Bronchitis und Malaria. Doch es fehlt an Instrumenten, Antibiotika und Geräten. Da steht er nun mit seinem ganzen Mut und ist so hilflos.

In einem fensterlosen Zimmer ein paar hundert Meter weiter sitzen elf verschleierte Frauen auf dem mit Teppich ausgelegten Boden. Eine Glühbirne an der Wand spendet schwaches Licht, und deshalb knien sie tief gebeugt vor den schwarz-gold verzierten Omega-Nähmaschinen, die per Handrad betrieben werden, und nähen bunte Tücher und Schleier.

Mariam, 40, leitet die Frauen an. 1986 floh sie vor den Russen das erste Mal nach Pakistan. Als die Nordallianz in Afghanistan die Macht übernahm, kehrte sie zurück. »Sie versprachen Freiheit und Sicherheit, und ich habe ihnen vertraut.«

Kaum in der Heimat, stürmten die neuen Herren ihr Haus, schlugen sie mit dem Gewehrkolben bewusstlos. Als sie wieder zu sich kam, war ihr Mann verschwunden. Und so floh Mariam erneut. Zwei Kinder hat sie ins Waisenhaus nach Lahore geschickt, für die anderen drei sorgt sie selbst.

Die Organisation Rawa hat ihr eine Unterkunft besorgt und die Nähmaschinen. »Seit 25 Jahren werden unsere Söhne ermordet, unsere Töchter vergewaltigt, unsere Männer verhaftet, unser Land zerstört«, sagt Mariam. »Die Amerikaner haben ein kurzes Gedächtnis, wenn sie mit der Nordallianz kämpfen.«

Für die afghanischen Frauen im Lager von Charat gibt es keine Hierarchie der Unterdrückung. Jede hat gelitten - und trägt die Spuren der Angst und der Verzweiflung. »Bei den Taliban mussten wir die Burka aus religiösen Gründen anlegen, sonst wären wir eingesperrt oder gesteinigt worden«, sagt Mariam, »bei den Mudschahidin mussten hübsche Frauen die Burka aus Selbstschutz tragen, weil man sie sonst vergewaltigt hätte. Was macht das für einen Unterschied?«

Ein befreites Afghanistan unter der Nordallianz wäre ein bekannter Alptraum. Frauen wie die 22-jährige Refa, politische Sprecherin der Rawa, kennen zwar nur die jüngste Schreckenszeit unter den Taliban. Aber sie sind bereit, für eine bessere Zukunft ihr Leben zu riskieren.

Refa pendelt als Kontaktperson zwischen ihrem eigenen Lager Jalozai und den anderen. Für die Taliban sind Frauen wie sie Prostituierte und Ungläubige, für die pakistanischen Behörden Unruhestifter. Und Ausländer halten sich bedeckt.

Jahrelang hat Rawa sich bei den westlichen Botschaften in Islamabad um finanzielle Hilfe bemüht. Erfolglos. »Am besten war die Absage der englischen Botschaft«, erzählt Refa lachend. Solange Rawa das Wort »revolutionär« im Namen führe, hieß es, sei aus England keine Unterstützung zu erwarten.

An einen begrenzten Krieg glaubt niemand mehr im Lager. Und auch die rauschig-grünen Bilder auf CNN können nichts beschönigen. Nachts stehen die Männer auf dem Dorfplatz neben dem Klettergerüst und starren in den klaren Himmel: Die Amerikaner fliegen ihre nächsten Angriffswellen.

Frei von Hunger, frei von Krieg, Leid und Unterdrückung wollen die Flüchtlinge sein - für positive Utopien haben sie schon lange keine Kraft mehr. Afghanistans Vergangenheit wirft lange, dunkle Schatten.

Refas Eltern sind gegen ihr Engagement. Heiraten solle sie doch, glücklich werden. »Das kann später kommen«, sagt die junge Frau und rückt den Schal um die Schultern zurecht. »Wir werden die Freiheit nicht geschenkt bekommen. Von niemandem.« CAROLIN EMCKE

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