studieren ausland NÄHRBODEN FÜR RADIKALE
Erst im beginnenden Wintersemester wird sich zeigen, ob der Weg in den Hörsaal für orientalisch wirkende Studenten und Kopftuch tragende Studentinnen zum Spießrutenlauf wird - waren es doch arabische Studenten, die die barbarischen Terroraktionen in den USA begingen.
Werden es Tausende orientalische Studenten, die keinerlei terroristischen Hintergrund haben, dann vielleicht gar vorziehen, verbittert von den europäischen Hochschulen in ihre Heimatländer zurückzukehren, um dort ihr Studium zu beenden? Es wäre ein Verlust - nicht nur für uns.
Ein Verlust wäre es vor allem für die meisten dieser Studenten selbst. Denn fast alle Universitäten des Nahen Ostens bieten leider bei weitem nicht das akademische Niveau, die intellektuelle Freiheit, den offenen Diskurs zwischen Lehrenden und Lernenden und die Anregung zur kritischen Hinterfragung des Gelernten wie die in Europa.
Eine der rühmlichen Ausnahmen ist die Amerikanische Universität in Beirut, AUB genannt. Der Campus in viktorianischem Stil, am Meer gelegen, ist eine idyllische Oase inmitten der hektischen Stadt. Alle Fakultäten von den Geisteswissenschaften über die Naturwissenschaften bis zur Medizin sind vertreten. Das Verhältnis von Lehrenden zu Studenten beträgt 1:12 und ist somit weit günstiger als an den meisten anderen Universitäten des Nahen Ostens. Der Unterricht erfolgt fast ausschließlich in Englisch, was die Attraktivität der AUB eher noch erhöht als schmälert, versprechen sich doch viele Studenten dadurch zu Recht bessere Berufschancen.
In der Tat bekleiden viele Absolventen der AUB attraktive Positionen in Wirtschaft, Politik und im akademischen Leben, und dies nicht nur im Nahen Osten, sondern auch in den USA und Europa. Die weitaus meisten Professoren an der AUB sind arabischer Herkunft, vor allem aus dem Libanon und Palästina, und gehören verschiedenen islamischen und christlichen Konfessionen an. Fast alle haben allerdings ein Studium an einer amerikanischen oder europäischen Universität absolviert.
Einen ähnlich hohen Standard wie die AUB besitzt in Beirut lediglich die Université Saint Joseph, von Jesuiten gegründet und einst als französisches - und katholisches - Gegenstück zur AUB gedacht. Doch es ist eben die vorwiegende Unterrichtssprache Französisch, die heute viele Jugendliche eher abschreckt als anzieht. Und das, obwohl es einst neben dem Arabischen Amtssprache war und heute auch noch unter den Maroniten, der größten christlichen Konfession im Libanon, aber eben auch nur bei ihnen, gepflegt wird. Maronitisch sind denn auch die meisten Studenten.
Man findet, wie hier am Beispiel von Beirut gezeigt, hervorragende universitäre Ausbildungsstätten im Nahen Osten. Doch sind es wenige, und genutzt werden sie nur in relativ geringem Maße. So hat die AUB gerade einmal 5000, die Universität Saint Joseph 6600, die staatliche Libanesische Universität dagegen 68 000 Studenten.
Die Ursache dafür ist nicht etwa Antiamerikanismus, sondern es sind die nahezu unerschwinglichen Studiengebühren. An der Universität Saint Joseph betragen sie pro Jahr im Bereich der Geisteswissenschaften 4000 bis 6500 Dollar und in Medizin und technischen Disziplinen 8000 Dollar, an der
* Mit Kamelen, die zum Marktplatz getrieben werden.
AUB sogar 8000 Dollar für Geisteswissenschaften und 12 000 Dollar und mehr für Medizin.
Da meist mehrere Kinder einer Familie gleichzeitig in der Ausbildung sind und oft auch teure Privatschulen besuchen, können es sich nur wohlhabende Familien leisten, ihre Kinder auf solche Universitäten zu schicken.
Während der Libanon insgesamt dennoch ein recht hohes Bildungsniveau aufweist, sieht es in anderen Staaten erheblich betrüblicher aus. Man muss nicht bis in den Sudan, nach Libyen oder Mauretanien sehen, wo effiziente Lehrsysteme de facto nicht existieren, sondern es genügt ein Blick nach Kairo. Auch dort gibt es zwar eine Amerikanische Universität (AUC), doch hat sie noch weniger Studenten als die AUB, während die drei anderen Universitäten in Kairo Schwindel erregende Studentenzahlen aufweisen: al-Azhar-Universität 155 000, Ain Schams Universität 130 000 und Kairo Universität 100 000.
Die Professoren an diesen Universitäten sind so schlecht bezahlt, dass sie meist einem Zweitjob nachgehen müssen und sich durch (verbotenen) Nachhilfeunterricht über Wasser halten. Das Studium besteht vielfach aus dem stupiden Auswendiglernen von Skripten, lässt kaum ein kritisches Hinterfragen des Lernstoffs zu und führt meist in die Arbeitslosigkeit. Das Heer dieses schlecht ausgebildeten akademischen Proletariats ist ein idealer Nährboden für Radikalismen jedweder Art, wie heute des islamistischen.
Die älteste dieser Kairoer Universitäten ist die Azhar, die sich auf eine 970 gegründete Moschee zurückleitet, in der islamisches Recht gelehrt wurde. Bis Ende des 19. Jahrhunderts war die Azhar die einzige bedeutende Lehranstalt Kairos, allerdings noch ohne natur- und geisteswissenschaftliche Fächer. Nur zaghaft begann sie sich danach auch Disziplinen außerhalb der Theologie zu öffnen, wie Fremdsprachen, Medizin und Landwirtschaft.
Den Kern bilden jedoch die beiden Fakultäten für islamische Theologie und islamisches Recht, zu denen allerdings nur männliche Jugendliche zugelassen sind. Ihre Kommilitoninnen können sich lediglich in der »Fakultät für Islamische und Arabische Studien« ein gewisses theologisches Grundwissen aneignen.
Al-Azhar ("die Blühendste und Glänzendste") ist die führende Universität islamischen Glaubens in der Welt, zugleich aber auch die konservativste Bastion der Gläubigen in Ägypten. Liberale Tendenzen gelten als gotteslästerlich. Der Professor für arabische Literatur Nasr Hamid Abu Seid zum Beispiel wurde 1995 nach einer Kampagne radikaler Islamisten wegen beleidigender Schriften über den Koran vor Gericht gestellt, er ging ins Exil in die Niederlande. Der Roman »Ein Bankett für die Flora des Meeres« des Syrers Haidar Haidar, der Gott als »gescheiterten Künstler« bezeichnet hatte, wurde ex cathedra vom Azhar-Lehrer Ibrahim Chulu verdammt. Studenten der Muslimbruderschaft demonstrierten gegen das Werk und lieferten sich Schlachten mit der Polizei auf dem Campus.
Zugleich bemühen sich die religiösen Führer der Uni aber um Anschluss an die Moderne, etwa mit einem Telefonservice. Drei renommierte Dekane von al-Azhar und zehn weitere Teammitglieder im Rang von Scheichs erteilen aus islamischer Sicht Auskunft zu allen Lebensfragen - auch, wie man ein Kondom benutzt, ob Hasch-Rauchen sündig ist und was Frauen im Paradies für Belohnungen erwarten, wenn Männer auf Dutzende schöner Jungfrauen hoffen dürfen (Antwort: ein Mann, aber ein guter).
Nicht die Studenten der Theologie bilden das Hauptreservoir für den islamistischen Extremismus. Ihre Lehrer sind mit wenigen Ausnahmen zwar konservativ, sprechen sich aber klar gegen extremistische Deutungen des Koran und des Hadith, der Sprüche Mohammeds, aus.
Studenten der Naturwissenschaften sind eher anfällig, sich derartigen Ansichten zu öffnen. Sie besitzen bestenfalls ein theologisches Halbwissen und können von ebenfalls nur halbwissenden Demagogen leicht zum Missbrauch des Islam verführt werden. In den offiziellen Theologen sehen sie meist nur »Theologen der Macht« (fukaha al-sulta): Büttel der jeweiligen Regierung.
Sind die Ursachen der beklagenswerten universitären Verhältnisse in Ägypten letztlich sozialer und wirtschaftlicher Natur, resultieren sie in Palästina aus dem politischen Konflikt mit Israel. Während in Israel die Universitäten, die auch Arabern mit israelischen Pässen offen stehen, westlichen Standards entsprechen und trotz des politischen Konflikts den Lehrbetrieb immer voll aufrechterhalten konnten, sieht es an der palästinensischen Bir-Zeit-Universität unweit Ramallahs im Westjordanland ganz anders aus.
Seit Beginn der Aksa-Intifada vor einem Jahr ist für Studenten und Dozenten der Zugang zur Universität durch israelische Straßensperren und die massive Zerstörung von Straßen, auch in der Umgebung von Ramallah, oft nicht mehr möglich. Viele Studenten vor allem aus dem Gaza-Streifen konnten schon seit einem Jahr nicht mehr zum Unterricht kommen, andere leiden unter massiven psychischen Störungen.
Dabei war gerade diese Universität mit ihren modernen Lehrinhalten, etwa über Menschenrechte und humanitäres Völkerrecht (in Zusammenarbeit mit der Schweiz und dem Roten Kreuz) oder zu Gender-Fragen und Demokratie, zukunftsweisend. Zahlreiche Dozenten kommen aus dem westlichen Ausland, viele sind palästinensische Absolventen westlicher Hochschulen, die aus Enthusiasmus und mit großen Hoffnungen bei der Gestaltung einer demokratischen Gesellschaft mitwirken wollen.
Und ebendeshalb ist es so wichtig, dass Studenten aus dem Nahen Osten auch weiter ohne Diskriminierung ihre Studien bei uns fortführen können: Danach werden sie in ihren Ländern die besten Multiplikatoren sein.