Im Zentrum der Hysterie
Der Anrufer sagt, er habe Schnupfen und Husten gehabt. Er habe sich deshalb eine Packung Tempo-Taschentücher gekauft. Er habe ein Tempo aus der Packung gezogen. Und dann, sagt er, habe er Staub gesehen. Feinen, weißen Staub.
»Es staubte aus der Tempo-Packung?«, fragt Frau Doktor Broduhn.
»Ja, als ich das Taschentuch rauszog.«
»Ach, wissen Sie«, sagt Frau Broduhn in den Telefonhörer, »solche Taschentücher, die sind rubbelig, reibig, das ist ja Zellstoff, das kann schon mal stauben.« Sie sagt, sehr wahrscheinlich sei es harmlos gewesen. Kein Anthrax.
Der Anrufer sitzt in Luckenwalde, Brandenburg. Er glaubt immer noch, dass in der Tempo-Packung der Tod versteckt war. Frau Broduhn gibt ihm die Adresse des Seuchenreferenten von Brandenburg. Dann legt sie auf.
Der nächste Anrufer will wissen, welche Atemschutzmaske er sich kaufen soll. Wegen der Post. Er will keine Post mehr aufmachen ohne Atemschutzmaske.
»Da nehmen Sie am besten partikelfiltrierende Halbmasken.«
»Wie?«
»Partikelfiltrierende Halbmasken. FFP2 heißen die.«
Frau Broduhn bedient die Telefon-Hotline des Robert-Koch-Instituts in Berlin. 01888/7543430. Sie sitzt in Zimmer 337, es gibt hier einen Computer, ein paar Aktenordner, drei Zimmerpflanzen und ein Telefon. Das Telefon ist immer besetzt.
Früher wussten die Deutschen nicht, was Milzbrand ist. Vielleicht hielten sie Milzbrand für eine Säuferkrankheit.
Früher war es meistens sehr still im Robert-Koch-Institut (RKI). Das »Bundesinstitut für Infektionskrankheiten« ist dem Gesundheitsministerium unterstellt, die Mitarbeiter forschten in der kleinen Welt der Petrischalen, und nur manchmal rückten sie aus, zum Beispiel, wenn es eine Diarrhö im Altersheim gab.
Dann flogen die Flugzeuge in die Zwillingstürme, und im Moment sind überall Briefe mit feinem, weißem Staub unterwegs. Das RKI ist jetzt so etwas wie die Angstbremse der Nation.
Unter 01888/7543430 geht es um Bioterrorismus, Milzbrand, Pest und Pocken. Im Zimmer von Frau Broduhn könnte man glauben, das ganze Land stecke schon unter einer partikelfiltrierenden Halbmaske.
Manchmal sagt sie den Leuten, sie sollten auflegen und im Internet nachsehen, www.rki.de. Das Institut hat die Fragen, die immer wieder kommen, ins Netz gestellt und die Antworten dahinter geschrieben.
Was macht man, wenn man einen verdächtigen Brief bekommt?
Finger waschen, Polizei rufen.
Es geht um Leben und Tod, aber es liest sich wie die Gebrauchsanweisung für einen Videorecorder. www.rki.de wird angeklickt, als könne man hier kostenlos Pornobildchen runterladen. »Wissen Sie«, sagt Frau Broduhn, »die Leute sind eben sehr sensibilisiert im Moment.«
Neulich war in einem Kölner Supermarkt Panik ausgebrochen, weil auf dem Boden plötzlich weißes Pulver lag. Die Wahrheit: Ein Paket Weizenmehl war aus dem Regal gefallen. Man sollte zurzeit besser kein Paket Weizenmehl aus dem Regal fallen lassen. Sonst muss Professor Pauli wieder Überstunden machen.
Professor Pauli ist Virologe am RKI. Normalerweise forscht er an Aids-Erregern. Aber Aids ist im Moment nicht mehr so wichtig. Als die Polizei zum ersten Mal einen Brief bei Pauli vorbeibrachte, dauerte es acht Stunden, bis er wusste, dass der Brief ungefährlich war. Er hatte das noch nie vorher gemacht, einen Brief, aus dem es rieselt, auf Anthrax zu untersuchen.
Inzwischen hat er mehr als 20 dieser Briefe bearbeitet. Es geht jetzt schneller. Die Abläufe sind klar. Die Briefe kommen in kleinen Containern, doppelwandig, gasdicht. Pauli trägt sie in den Raum 125 im Erdgeschoss, es ist ein Sicherheitslabor der Stufe 3, die braune Tür davor ist immer geschlossen, »Biogefährdung« steht davor. Er trägt einen Kittel und zwei Paar Handschuhe und eine partikelfiltrierende Halbmaske. Er öffnet die Briefe in einer »Sicherheitswerkbank«, sie sieht aus wie ein Brutkasten, er befördert das Pulver auf Kulturplatten und bearbeitet es mit einer Flüssigkeit, die er »Nährbouillon« nennt. Wäre es Anthrax, würden sie sich nach zwei Stunden violett färben.
Aber es war nie Anthrax. Es war immer nur Waschmittel oder Kaffeeweißer. Das Pulver, das ins Kanzleramt geschickt wurde, ließ sich mit Jod anfärben, es war Speisestärke. In einem anderen Brief fand Pauli eine braune Substanz. Der Absender hatte seine Scheiße aufs Papier geschmiert.
»Wahrscheinlich«, sagt Pauli, »wird in Deutschland irgendwann ein Brief mit richtigem Anthrax auftauchen.«
Im Gebäude nebenan sitzt der Institutsleiter. Manchmal telefoniert Reinhard Kurth mit einem von der Bundesregierung, um »Szenarien durchzuspielen«. Kurth nimmt neuerdings sein Handy mit ans Bett. Und er hat einen neuen Wachmann mit Deutschem Schäferhund eingestellt.
Kurth hat schon mal darüber nachgedacht, was passieren würde, wenn ein Flugzeug in sein Institut fliegt. Das Institut ist ja voll mit Bakterien.
Es würde jedenfalls keine Seuche ausbrechen, sagt er. In New York habe man ja gesehen, was passiert, wenn Kerosin brennt.
Er meint die Hitze. Die Türme waren wegen der Hitze eingestürzt. Auch die Bakterien würden die Hitze nicht überleben. MATTHIAS GEYER