SEUCHEN Gehirn wie Porridge
Beim Einkochen darf so etwas passieren: Aus Versehen beschriftet Oma das Glas Erdbeermarmelade mit »Himbeere«. Selbst in einem Universitätslabor wäre es kein Weltuntergang, wenn ein zerstreuter Diplomand mal die falsche Kennung aufs Petrischälchen kritzelte.
Aber bei einem der wichtigsten BSE-Experimente, seit vor fast 17 Jahren in England die erste Kuh nachweislich an Rinderwahn starb, darf keine Kulturflasche, kein einziger Probenbehälter verwechselt werden. Denn vom Ergebnis hängt ab, ob Millionen Schafe in Europa getötet werden müssen. Dennoch ist genau diese Panne passiert.
Die Forscher im Institute for Animal Health (IAH) in Edinburgh sollten endlich das brennende Rätsel lösen, ob auch Schafe an BSE erkranken können. Falls ja, könnten Menschen sich auch beim Verzehr von Lammkotelett oder Hammelbraten mit der tödlichen menschlichen Variante des Rinderwahns, der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit (vCJK), infizieren. Ein gigantisches Abschlachtprogramm müsste begonnen und Ausgleichszahlungen an die betroffenen Schafzüchter geleistet werden.
Am Montag vergangener Woche wollten die Briten eigentlich die Ergebnisse der brisanten Schaf-Studie in Brüssel bekannt geben. Doch dazu kam es nicht mehr. Vielmehr erfuhr die Öffentlichkeit, was sich zum größten und gleichzeitig skurrilsten Forschungsskandal der britischen Wissenschaftsgeschichte ausweiten könnte: Die Forscher haben offenbar fast fünf Jahre lang nichts als Rinderhirn getestet - statt der 2867 Schafhirne, die sie glaubten vor sich zu haben.
Diese Verwechslung kam bei einem letzten Sicherheitstest in einem britischen Regierungslabor heraus. Dass die Proben nicht etwa nur mit Spuren von Rindergewebe verunreinigt waren, sondern komplett aus Rindergewebe bestanden - »das hätten wir uns in unseren lebhaftesten Phantasien nicht ausmalen können«, sagt Chris Bostock, Direktor des IAH. Seine Stimme klingt, als übe er die Beherrschung und Tonlosigkeit darin schon seit Tagen: »Wir waren am Boden zerstört.«
Wie konnte das geschehen? »Wir wissen es einfach nicht, okay?«, sagt Bostock. Beinahe hinter jeden Satz setzt er dieses »okay?«, das weniger wie eine Frage nach Verständnis als nach Abwehr klingt.
Bisher schien es, als zögen Schafe sich auf der Weide höchstens die dem Rinderwahn verwandte, für den Lamm-Esser aber ungefährliche Traberkrankheit ("Scrapie") zu. Aber schon länger vermuten Veterinäre, dass die Symptome der Traberkrankheit eine BSE-Infektion bei den Wolltieren maskieren könnte. Um diese These zu überprüfen, hatten die IAH-Forscher Hirne von Schafen auf BSE-Erreger untersuchen wollen, die an Scrapie verendet waren.
Von Anfang an sei sich jeder Beteiligte der »theoretischen Möglichkeit« bewusst gewesen, erklärt Bostock, dass die »Schafhirne mit bovinem Material« - sprich Kuhgewebe - »in Kontakt gekommen waren«.
Denn jene 2867 Schafproben waren Anfang der neunziger Jahre für ein völlig anderes Experiment gesammelt worden - gemeinsam mit 861 Hirnen BSE-infizierter Kühe. Damals wollte das IAH herausfinden, ob die Erreger der Traberkrankheit und die von BSE die Verarbeitung zu Tiermehl überleben.
Die Gehirne der beiden Tierarten, anfangs eine rosige Masse, wurden zwar nicht zur gleichen Zeit, aber doch auf die exakt gleiche Weise behandelt: einzeln in Plastiktüten gesammelt, gefroren, aufgetaut, zusammengeworfen, chargenweise klein gehackt und am Ende in sechs Plastiktonnen gegossen, aus denen die IAH-Forscher nach und nach die zu untersuchenden Proben entnahmen.
Spätestens nach dieser Prozedur sehen Schaf- wie Rinderhirn aus wie ein gelblichgräuliches Mus - nicht mehr voneinander zu unterscheiden. »Man könnte die Konsistenz mit Porridge vergleichen«, erklärt Bostock. Hat irgendwann danach jemand in die falsche Tonne gegriffen? Oder waren Schaf und Kuh da schon vertauscht?
Bostock hatte dies schon zu Beginn der Studie im eigenen Hause testen lassen - allerdings mit unzureichenden Methoden. Dann, im Dezember vorigen Jahres - Bostock, nervös, befürchtete noch immer eine Verunreinigung des Ausgangsmaterials -, hatte ein externes Labor den Hirnbrei vom IAH endlich genauer geprüft.
»Sie haben kein Rindermaterial in unseren Proben gefunden«, sagt Bostock. Er und seine Mitarbeiter forschten beruhigt weiter. »Am Freitag letzter Woche riefen die dortigen Forscher mich dann an und sagten, es habe sich herausgestellt, dass sie damals versehentlich eine ganz andere Probe getestet hätten als die, die wir ihnen geschickt hatten: eine reine Schafhirnprobe.«
Eine weitere Verwechslung also - war es Sabotage? Eine »politische Vertuschungsaktion«, wie Brüsseler EU-Wissenschaftler munkeln? Mindestens drei verschiedene Prüfungen muss sich das IAH nun gefallen lassen, eine davon lässt Bostock selbst vornehmen.
Der Gipfel der Skurrilität wäre aber erreicht, wenn stimmen würde, was selbst die britische Landwirtschaftsministerin Margaret Beckett nicht mehr ausschließen mag: Ist vielleicht der jüngste Test des Regierungslabors, der den Skandal auslöste, falsch, weil es dabei zu einer Verwechslung kam? Dann hätten die IAH-Forscher doch die ganze Zeit Schafhirne untersucht.
»In zwei Wochen wissen wir hoffentlich mehr«, sagt Chris Bostock. »Okay?«
RAFAELA VON BREDOW, SYLVIA SCHREIBER