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Ganz, ganz sensibel

Die PDS rechnet mit Übertritten von Bundestagsabgeordneten der Grünen und der SPD. Es gebe etwa zehn Wechselkandidaten.
• aus DER SPIEGEL 46/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Als Rote und Grüne noch mit den Dunkelroten flachsten, pflegten PDS-Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch und SPD-Generalsekretär Franz Müntefering ein besonderes Geplänkel. Wenn sich der Sozialdemokrat über Linksabweichler in seiner Fraktion ärgerte, bot er diese scherzhaft dem Kollegen von den Postkommunisten an. »Die nehmen wir aber nur mit Rückgabegarantie«, konterte Bartsch gewöhnlich.

Auch der grüne Parteipatriarch Joschka Fischer gab sich in kleiner Runde schon mal großzügig: »Von uns könnt ihr noch ein paar haben. Aber ihr müsst dann auch die richtigen nehmen.«

Jetzt, in Zeiten des Krieges, ist Schluss mit lustig. Der Ernstfall dräut. Mehrere grüne und sozialdemokratische Bundestagsabgeordnete erwägen offensichtlich einen Wechsel in die PDS-Fraktion. Weitere denken über eine Kandidatur für die SED-Erben bei der Bundestagswahl im Herbst nächsten Jahres nach. Bartsch und PDS-Bundestagsfraktionsvize Wolfgang Gehrcke bestätigten am Freitag vergangener Woche gegenüber dem SPIEGEL, was in allen drei Parteien hinter den Kulissen für Unruhe sorgt: In den vergangenen Wochen sondierten mehrere Bundestagsabgeordnete der Regierungskoalition ihre Chancen bei der PDS.

»Es gab entsprechende Gespräche«, sagt Gehrcke, der die PDS gern zum Hort der Kriegsgegner machen möchte. Bartsch freut sich, »dass Leute zu uns wollen«, bestreitet aber jeden Abwerbeversuch durch die PDS. Das sei ein »ganz, ganz sensibler Vorgang«.

»Insgeheim fürchten wir alle«, räumt auch ein Mitglied der SPD-Fraktionsführung ein, »dass Leute Richtung PDS gehen könnten.« Nur auszusprechen traue es sich niemand. Bei manchen, giftet ein grüner Realo mit Blick auf die Linken in seiner Fraktion, »wäre der Schritt nur konsequent«.

Bis zu zehn mögliche Wechselkandidaten gebe es, heißt es in den Parteien. Darunter sind von den Grünen die aus Baden-Württemberg stammende Monika Knoche und Steffi Lemke aus Sachsen-Anhalt; bei den Sozialdemokraten der Thüringer Edelbert Richter, der Bayer Klaus Barthel und die Berlinerin Renate Rennebach. Alle fünf dementieren. Allerdings klingt das nicht bei allen ganz endgültig. Er hoffe immer noch, dass sozialdemokratische Prinzipien weiter in der SPD ihren Platz hätten, meint Richter. Insofern müsse er »im Moment noch nicht über Alternativen nachdenken«.

Besonders kommod ist die Situation aber auch für die PDS nicht. Einerseits könnten vor allem die Überläufer aus dem Westen die Position der PDS in den alten Bundesländern stärken. Andererseits gilt festzustellen, wen tatsächlich die politische Überzeugung zum Wechsel treibt - und wer sich angesichts der Verkleinerung des Bundestags und mangels Chancen in der angestammten Partei lediglich ein sichereres Plätzchen bei der PDS erhofft.

Solche Probleme gibt es bei einem anderen langjährigen SPD-Mitglied nicht. Kaum hatte Rolf Wischnath, Generalsuperintendent in Cottbus und Kriegsgegner, seinen Parteiaustritt angekündigt, wurde er umworben. Stefan Ludwig, stellvertretender PDS-Landeschef von Brandenburg, kann sich den Kirchenmann sogar als Spitzenkandidat bei den nächsten Landtagswahlen vorstellen.

Über die »spannende Option« (Ludwig) soll schon am 30. November gesprochen werden. Da trifft sich PDS-Chefin Gabi Zimmer mit Wischnath.

STEFAN BERG

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