Zuschlagen und abhauen?
Zwischen Hindukusch und Horn von Afrika - so fern der Heimat haben deutsche Infanteristen seit Kaiser Wilhelms Zeiten nicht mehr gekämpft. Anno 1900, beim Boxeraufstand in China, hieß es erstmals »The Germans to the front«. Damals wollten die Deutschen einer alliierten Truppe unter britischem Kommando helfen, eine Revolte gegen die Kolonialisierung Chinas niederzuschlagen.
Anders als Wilhelm II., der im imperialen Größenwahn Soldaten bis nach Ostasien und Südwestafrika schickte, trieben Bundeskanzler Gerhard Schröder keine kolonialistischen Ambitionen, als er am vergangenen Mittwoch sein Kabinett das künftige Operationsgebiet der Bundeswehr festlegen ließ.
In Mittel- und Zentralasien, Nordostafrika, auf der arabischen Halbinsel und in »angrenzenden Seegebieten« sollen nun Soldaten unter der schwarz-rot-goldenen Flagge agieren - außerdem im Nato-Gebiet, das sich immerhin von der Westküste Nordamerikas über Mittel- und Südeuropa bis an die türkisch-iranische Grenze dehnt.
Der Auftrag der Truppen ist fast genauso global formuliert: Beistand für die Weltmacht USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus.
Schon vor Wochen hatte der oberste Soldat der Bundeswehr, Generalinspekteur Harald Kujat, in den Hauptquartieren der Amerikaner in Florida und Baden-Württemberg Verbindungsoffiziere platziert - und sich mit US-Generalstabschef Richard Myers kurzgeschlossen. Die Rückkoppelung sollte vermeiden, so Kujat, »dass wir überfordert werden«.
Die Hauptlast soll nun die Marine schultern. Fast die Hälfte der 3900 Soldaten, die das rot-grüne Kabinett - vorerst - angeboten hat, gehören der kleinsten Teilstreitkraft an. Zum Aufgebot zählen daneben Einheiten für die ABC-Abwehr samt dem Spürpanzer »Fuchs« (800 Soldaten), Spezialkräfte des Heeres (100 Mann), Transall-Transporter der Luftwaffe nebst Bodenpersonal (500 Soldaten), Sanitäter mit einem Airbus der Flugbereitschaft, der zum fliegenden Hospital umgerüstet ist (250 Männer und Frauen), sowie bis zu 450 Militärs, die Verteidigungsminister Rudolf Scharping (SPD) in der Kabinettsvorlage wolkig als »Unterstützungskräfte« beschrieb (siehe Grafik).
Kennerisch lobte Ex-Verteidigungsminister Volker Rühe (CDU), dass die »Rücksichtnahme« der Amerikaner »durchaus spürbar« sei - weil die Marine und nicht das Heer den »Hauptbeitrag« liefern werde. »Es steht kein Flächeneinsatz auf dem Boden an«, versicherte Verteidigungsminister Rudolf Scharping den Kabinettskollegen. Größere Heeresverbände sind nicht angefragt - die Amerikaner kennen die deutschen Schwächen.
Tatsächlich könnte Heeresinspekteur Gert Gudera auch gar kein Groß-Kontingent liefern. Seine Truppe, zurzeit noch knapp 200 000 Soldaten, großteils Rekruten, steckt mitten im Umbau: Bataillone in allen Teilen der Republik werden aufgelöst. Die verfügbaren Einsatzverbände sind mit den Missionen in Bosnien-Herzowina, im Kosovo und in Mazedonien, so der Heereschef, bereits »weitgehend ausgelastet«.
Der Balkan-Einsatz bindet rund 25 000 Soldaten, rechnet Gudera vor: Mehr als 7000 Männer und Frauen sichern den fragilen Frieden; ebenso viele befinden sich in einem Vorbereitungstraining. Die Heimkehrer absolvieren ein Programm, das sie nach dem polizeiähnlichen Friedensdienst wieder umpolen soll auf Schießkrieg und aggressives Kämpfen. So wird Gudera nur wenige Leute für den Kampf gegen den Terrorismus stellen. Deren Risiken für Leib und Leben sind dafür umso höher: Die »Spezialkräfte« des Heeres laufen akut Gefahr, in Afghanistan selbst kämpfen zu müssen.
Diese Elite-Soldaten gehören zur Division Spezielle Operationen (DSO) unter Generalmajor Hans-Otto Budde. Sie hat ihren Sitz im bayerischen Regensburg. Ihr unterstehen zwei Fallschirmjäger-Brigaden in Saarlouis und Oldenburg - und das geheimniskrämerische Kommando Spezialkräfte (KSK), eine Art militärischer GSG-9, die Guderas Vorgänger Helmut Willmann vor fünf Jahren im baden-württembergischen Calw gegründet hat.
»Hit and run« - zuschlagen und abhauen -, so hat der Kanzler den heiklen Job der Spezialkräfte umschrieben. Terroristen greifen, Kriegsverbrecher jagen, Geiseln befreien - das gehört zum Repertoire des KSK, das in feucht-heißen Dschungeln ebenso selbstverständlich trainiert wie am Polarkreis oder in der Wüste von New Mexico.
Die Einsätze der Kommando-Truppen sind streng geheim, sonst könnte man sie, so Schröder, »auch gleich bleiben lassen«. Die KSK-Soldaten dürfen nicht einmal ihren Ehefrauen anvertrauen, ob sie ins Manöver oder zum Einsatz aufbrechen.
Auf dem Balkan hat das KSK schon Kriegsverbrecher festgenommen - und es gab Verwundete: Drei Kommando-Soldaten wurden schwer verletzt, als sich vor gut einem Jahr der serbische Kriegsverbrecher Janko Janjic mit einer Handgranate in die Luft sprengte, um nicht lebend gefasst zu werden (SPIEGEL 39/2001).
Willmann, mittlerweile Pensionär, sieht die DSO-Einheiten »auf der Überholspur in der Nato«. Kein anderes Land außer den USA könne so viele Spezialkräfte für den Kampf gegen »verdeckt operierende Gegner« - Militär, Partisanen, Terroristen oder gemeine Banditen - aufbieten.
Insgesamt, so die Planung, sollen zusätzlich zum KSK, das zurzeit 250 Kämpfer auf die Beine bringt, an die 3000 Soldaten als »Spezial-Infanterie« ausgebildet werden. Sie bewegen sich vorzugsweise per Hubschrauber und mit leicht gepanzerten Fahrzeugen. Laser-Entfernungsmesser, Wärmebildgeräte für bessere Sicht bei Nacht und Nebel, Präzisionsgewehre sowie unbemannte Kleinflugzeuge zur Feindaufklärung gehören zur Grundausstattung.
Bisher sind indes gerade einmal 400 Mann so ausgerüstet und trainiert, dass sie in den Einsatz geschickt werden könnten. Während das KSK mit kleinen Kampfteams aus je vier Soldaten »kleine, chirurgische Schnitte« (Willmann) ausführt, sollen die übrigen DSO-Leute in Kompaniestärke mit gut hundert Mann ausschwärmen, »größere Räume beherrschen« - oder im Handstreich einen Flugplatz erobern.
Gut möglich, dass das Ziel in Afghanistan liegen könnte. Nur gäbe es da noch ein Problem zu lösen: Wie kommen die Truppen dort hin?
Die Bundeswehr hat kein Transportflugzeug, das Fallschirmjäger über so große Entfernungen im Direktflug nach Asien bringen könnte. Die Deutschen wären auf Hilfe der Amerikaner angewiesen - oder müssten mit betagten Transall-Fliegern (Reisegeschwindigkeit: 455 Stundenkilometer) gleich mehrere Zwischenstopps einlegen.
Gleichwohl wird die Luftwaffe als Erste zum Einsatz kommen, allerdings nicht mit Kampfjets - wie vor Wochen bereits angeboten -, sondern mit ihren Uralt-Transportern. Die können maximal 16 Tonnen schleppen. Die USA haben drei Transall erbeten. Sie sollen auf dem US-Stützpunkt Ramstein in der Pfalz aushelfen, dem Drehkreuz für US-Nachschub in Europa.
Die reparaturanfälligen Maschinen aus Geschwadern in Penzing, Wunstorf und Rendsburg/Hohn werden »Hercules«-Transporter der Amerikaner ersetzen und Routineflüge übernehmen: US-Truppen aus Deutschland zum Balkan-Einsatz bringen, Nachschub zu amerikanischen Stützpunkten in der Türkei transportieren.
Harmloser könnte die Luftwaffen-Aufgabe kaum sein. Für Flüge im Nato-Gebiet benötigt Scharping nicht einmal die Zustimmung des Bundestags. Das gilt auch für den Sanitäts-Airbus, der schon Mitte September unmittelbar nach den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York auf dem Flughafen Köln/Wahn bereitgestellt wurde: eine fliegende Intensivstation, die bis zu 56 Patienten und 25 Ärzte und Sanitäter an Bord nehmen kann.
Weder in Afghanistan noch in Pakistan, beteuern Verantwortliche im Verteidigungsministerium, sollen die Bundeswehrspezialisten für atomare, biologische oder chemische Bedrohungen antreten. Die Planer richten sich vielmehr darauf ein, dass die ABC-Abwehr - mit einer Hand voll Spürpanzern - zu Flugplätzen ausrückt, die Amerikaner in Usbekistan, Tadschikistan oder am Persischen Golf für ihre Einsätze gegen das Taliban-Regime in Afghanistan nutzen. Die Amerikaner müssten die Radpanzer nur selbst mit Großraumflugzeugen abholen.
In Höxter stehen zwei ABC-Abwehrkompanien der Krisenreaktionskräfte mit zwölf Spürpanzern und Gerät zur Wasseraufbereitung und zum Reinigen verseuchten Militärmaterials abmarschbereit. Insgesamt verfügt die Bundeswehr über 5 aktive ABC-Abwehrbataillone und 114 - zum Teil eingemottete - Füchse.
Die Spür-Füchse haben indes ein Manko: Bio-Attacken, etwa mit Milzbranderregern, kann die Besatzung nicht an Ort und Stelle analysieren. Bodenproben, die mit einem Greifarm gezogen werden, muss die vierköpfige Crew erst einmal zu einem Speziallabor fahren. Das müssten die Deutschen dann wohl mitbringen.
Bereits am 15. Oktober hatte Washington Bedarf an ABC-Abwehrkräften angekündigt. Abgerufen wurden die Fachleute - mangels erkennbarer Bedrohung durch Atom-, Bio- oder Chemiewaffen - bislang nicht. Planer im Wehrressort meinen denn auch, ein Einsatz, wenn er je käme, diente eher der psychologischen Unterstützung der GIs als der Abwehr konkreter Gefahren.
Dafür wäre der Aufwand beträchtlich: Die Truppe müsste über die große Entfernung mit Nachschub versorgt werden und womöglich Infanterie-Einheiten als Begleitschutz erhalten. Nur so kämen auch die 800 Mann zusammen, die Schröder für die ABC-Abwehr angekündigt hat.
Rund 1800 Männer und Frauen, so die »grobe Schätzung« des Kanzlers, müsste die Marine aufbieten, um das Hilfsbegehren der Amerikaner zu erfüllen. Bis auf U-Boote und Marine-Jagdbomber soll fast alles in den Einsatz, was gut und teuer ist: drei Fregatten und ein Zerstörer aus Wilhelmshaven und Kiel, ein halbes Dutzend Schnellboote aus Rostock-Warnemünde, vier bis sechs Minensucher aus Olpenitz, dazu Versorgungsschiffe, ein Abhörschiff sowie »Sea King«-Hubschrauber und mindestens ein Fernaufklärer vom Typ »Breguet Atlantic« aus Nordholz. Ziel: die Ausgänge des Suezkanals.
Ein Stützpunkt nahe dem südlichen Ende der Wasserstraße wurde vorige Woche noch gesucht. Dschibuti, vormals französische Kolonie unweit des Horns von Afrika, ist der Marine aus früheren Einsätzen und Manövern bestens vertraut.
Eine Fregatte soll im Mittelmeer dümpeln. Der Rest der kleinen Flottille wird vor die Küsten Ostafrikas und Saudi-Arabiens entsandt. Dort soll sie Seewege sichern, notfalls Öltanker schützen - und bei Bedarf verdächtige Schiffe stoppen.
Marine-Infanteristen und Kampfschwimmer aus Eckernförde gehen mit an Bord. Als »boarding party« - Enterkommando - stehen sie bereit, Schiffe zu durchsuchen - ein heikler Job. 1995 verunglückte ein Marinesoldat in der Adria bei der Übung einer solchen Aktion tödlich. Damals überwachten die Deutschen mit den Nato-Partnern ein Waffen-Embargo gegen Jugoslawien.
Diesmal könnte es gegen Terroristen gehen, die versuchen, Schiffe anzugreifen. 40 Prozent der Flotte sind der Nato als Krisenreaktionskräfte gemeldet - und ständig abmarschbereit.
Wie effektiv Schnellboote sein können, stellten Crews aus Rostock erst kürzlich im Mittelmeer unter Beweis: Mit »Exocet«-Raketen schossen sie - in einem simulierten Gefecht - den französischen Flugzeugträger »Charles de Gaulle« kampfunfähig.
Das Manöver legte indes auch Schwächen bloß: Die Schnellboote - Spitzengeschwindigkeit rund 70 Kilometer pro Stunde, 34 Mann Besatzung - wurden für den Einsatz in der seichten Ostsee gebaut, nicht für Fahrten in den hohen Wellen von Nordsee, Mittelmeer oder Rotem Meer. Unter der Belastung krachten buchstäblich die Spanten. In der Hitze südlicher Sonne fielen reihenweise Lüftergebläse, Radaranlagen, Feuerleitrechner und andere Bordelektronik aus. Tag und Nacht lautete das wichtigste Kommando: löten, hämmern, schweißen, schrauben.
Flottenchef Lutz Feldt lobte damals das »enorme Improvisationstalent« der Techniker, das die Flotte nun schon seit Jahren über Wasser halten müsse. Zugleich warnte der Vizeadmiral, dem niemand in der Marine einen Hang zum Dramatisieren nachsagt, dass die »Kluft« zwischen knappen finanziellen Mitteln und den wachsenden militärischen Aufträgen »nicht mehr überbrückbar« sei.
Vorsorglich ließ Feldt nach dem Mittelmeer-Manöver eine Liste der Bordsysteme anfertigen, die am häufigsten ausfallen: Für den Einsatz am Horn von Afrika sind die Ersatzteile schon bestellt.
Vergangene Woche ging zudem ein seit Jahren gehegter Wunsch der Marine in Erfüllung: Der Verteidigungsausschuss des Bundestags billigte den Kauf fünf neuer vollklimatisierter Korvetten für fast drei Milliarden Mark. Sie sind mit 88 Meter Länge weit größer als die S-Boote, können sogar einen Hubschrauber tragen - und taugen viel besser für lange Fahrten in heißen Regionen fern der Heimat.
Nur: Die neuen Schiffe sind frühestens in sechs Jahren startklar. ALEXANDER SZANDAR