Ruine im Weltall - DER SPIEGEL
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RAUMFAHRT Ruine im Weltall

Die Nasa steckt in der schwersten Krise ihrer Existenz. Die Internationale Raumstation verschlingt mehr Geld als vorhanden, Sparkommissare streichen Missionen drastisch zusammen. Nun hat auch noch der Nasa-Chef seinen Hut genommen.
• aus DER SPIEGEL 46/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Auf zum Mars! Wenn er auch nie schlüssig erklären konnte, was Menschen da eigentlich sollen, so phantasiert Nasa-Chef Dan Goldin, 61, doch gern darüber, wie die Eroberung des Nachbarplaneten »in etwa 20 Jahren« aussehen wird: »Ein Raumschiff landet. Eine Klappe öffnet sich. Eine Leiter gleitet heraus. Und dann sieht die Welt zu, wie eine Astronautin - in einem weißen Anzug mit der amerikanischen Fahne auf der Schulter - herabsteigt und ihren Stiefel einsinken lässt in die staubige, rote Oberfläche des Mars.«

Vor Jahren hätte solch patriotischer Raumfahrer-Kitsch noch Eindruck gemacht bei jenen, die für die Fernsehbilder vom Weltraum-Mädchen auf dem Mars zahlen müssen. Doch diese Zeiten sind vorüber.

Auf Goldins Sternenbummlerin wird die Welt noch lange warten müssen, denn die US-Weltraumbehörde Nasa steckt in der tiefsten Krise ihrer Geschichte. Es fehlt ihr an allem - an politischem Rückhalt in Washington, an Visionen und vor allem an sehr viel Geld.

Auch intern steht es schlecht um die einst so stolze und nun multimorbide Weltraumbehörde. Um Kosten zu sparen, sollen weite Teile der Nasa-Aufgaben privatisiert werden - die Space-Shuttle-Flüge ebenso wie die »Mission Control«, die Flug-Überwachung. Die Astronauten der nahen Zukunft werden ordinäre Lohnarbeiter im Dienste von Firmen wie Boeing oder Lockheed Martin sein. Der Umbruch macht den Nasa-Leuten »Angst«, wie auch Goldin einräumt.

Eine Kommission, von Goldin selbst eingesetzt, um das Finanzgebaren der Weltraumforscher zu untersuchen, hat der Nasa Ende vorletzter Woche ein vernichtendes Testat ausgestellt. Die Rede ist von Missmanagement, finanziellem Schlendrian und hilflosen Kostenanalysen ohne jeden Realitätsbezug. Vor allem die Internationale Raumstation ISS, deren erste Teile seit rund drei Jahren in 400 Kilometer Höhe um die Erde rasen, entpuppt sich als eine Art hungriges Schwarzes Loch im Nasa-Budget.

Weil das Weiße Haus für die Kostenexplosion nicht länger aufkommen will, hatte es den weiteren Ausbau der ISS gebremst. Nun sollte das Expertengremium, nach seinem Vorsitzenden »Young-Kommission« genannt, Vorschläge machen, wie sich vermeiden lässt, dass das ehrgeizige Projekt als Investitionsruine im All endet.

Und inmitten all dieser Krisen geht nun auch noch der Chef von Bord. Samstag dieser Woche sagt Goldin als »Nasa-Administrator« Lebewohl. Das ist der Termin, den er im vergangenen Monat in seinem Kündigungsschreiben US-Präsident George W. Bush mitgeteilt hat. Einen Tag zuvor hatte Joe Rothenberg, der Hauptverantwortliche für die Raumstation, seinerseits verkündet, in den Ruhestand zu wechseln.

»Bei der Nasa gibt es immer eine Krise«, wiegelt Goldin ab. »Diesmal ist es schlimmer als sonst«, kontert John Logsdon, Direktor des Space Policy Institute an der George Washington University.

Überraschend war der Abgang Goldins indes nicht, denn er ist Mitglied der Demokratischen Partei. Obwohl er noch vom amerikanischen Präsidenten Bush Senior auf den Nasa-Chefposten gehievt wurde, hat Präsident Bush Junior keine Anstalten gemacht, ihn zum Bleiben zu bewegen.

Hinter den Kulissen wird schon seit Monaten ein geeigneter Nachfolger für Goldin gesucht - bisher vergebens. Der Job hat an Attraktivität verloren: Der Stellenwert, den die Mächtigen in Washington der zivilen Weltraumforschung einräumen, sinkt. Mehr als die knapp 14 Milliarden Dollar des diesjährigen Etats wird auch der nächste Nasa-Administrator nicht zu verteilen haben.

Überraschend waren allenfalls Zeitpunkt und Umstände von Goldins Abgang: Das Nasa-Hauptquartier liegt wenige Kilometer vom Pentagon entfernt. Goldin konnte hören, wie Flug 77 von American Airlines in die Militärzentrale einschlug. Später sah

er sich auf den Ruinen des World Trade Center in New York um. Beide Erfahrungen, so sagt er, hätten ihn darin bekräftigt, nicht mehr 18 Stunden am Tag zu arbeiten, sondern mehr Zeit mit seiner Frau, seinen Töchtern und Enkelkindern zu verbringen.

So viel Gefühl haben wohl viele der Nasa-Mitarbeiter ihrem Chef nicht zugetraut. Goldin gilt als brutaler Sanierer und Umstürzler, der ebenso viel Hass wie Bewunderung auf sich zieht. Als er die Nasa 1992 übernahm, musste er an zwei Fronten kämpfen: Zum einen herrschte auf den Fluren der Behörde noch die Koste-es-was-eswolle-Mentalität aus dem Kalten Krieg, zum anderen litt das Image der Nasa noch immer unter der Challenger-Katastrophe von 1986. Mit eiserner Hand wies Goldin einen neuen Kurs.

Er reduzierte die Zahl der Mitarbeiter von 25 000 auf 18 500 und verordnete den Überlebenden seiner Sparmaßnahmen neue Ziele: »Schneller, besser, billiger« sollte die Nasa den Raum erkunden - mehr erreichen für weniger Geld.

Statt auf milliardenteure Großprojekte setzte er bei der unbemannten Sternenfahrt auf viele kleinere Unternehmungen wie zum Beispiel auf die Sonde »Pathfinder«, die 1997 auf dem Mars landete und den kleinen Roboter »Sojourner« absetzte, der dann durch die Wüste robbte und Gesteinsproben analysierte. Am 24. Oktober ist die »Mars Odyssey«-Sonde in eine Umlaufbahn um den Roten Planeten eingeschwenkt. Zweieinhalb Jahre wird sie nun aus dem Orbit nach Zeichen von Wasser und von Leben auf der Oberfläche suchen. Mit einem Preis von rund 300 Millionen Dollar gilt dieses Projekt unter Weltraum-Forschern als wahres Schnäppchen.

In seiner fast zehnjährigen Amtszeit - so lange hatte es nie zuvor ein Nasa-Administrator ausgehalten - konnte Goldin Russland, den alten Gegner im Kosmos wie auf Erden, als Partner in das ISS-Projekt einbinden. 57-mal sah er Space-Shuttles abheben, 160 erfolgreiche Missionen gehen auf sein Konto, darunter so spektakuläre Aktionen wie die Reparatur des Weltraumteleskops »Hubble« 1993.

Doch allen Erfolgen zum Trotz gelang es Goldin nicht, den chronischen Geldhunger der ISS-Planer einzudämmen. Der US-Kongress hat wegen galoppierender Kosten bislang 22-mal versucht, der Weltraumstation den Geldhahn abzudrehen. 1993 passierte sie mit einer einzigen Stimme Mehrheit die Kampfabstimmung im Repräsentantenhaus.

Als die USA 1984 anfingen, eine große Raumstation zu planen, wurde das Projekt auf acht Milliarden Dollar beziffert. Zwei Jahre darauf hatte sich diese Summe verdoppelt. Jetzt gehen die Kostenrechnungen davon aus, dass die ISS bis zu ihrer Fertigstellung im Jahre 2006 inklusive Shuttle-Flügen rund 100 Milliarden Dollar kosten wird.

16 Nationen sind an ihr beteiligt. Die USA müssten nach augenblicklichem Stand bis zu 30 Milliarden Dollar zahlen - und das ist zu viel, denn der US-Kongress hatte im vergangenen Jahr die Ausgaben für die ISS auf 25 Milliarden Dollar gedeckelt. Um Kosten zu begrenzen, hat das Weiße Haus schon im Februar von der Nasa Opfer verlangt.

Die sind einschneidend: Die Nasa wird vorerst auf ein geplantes Modul für die Unterbringung von Astronauten an Bord der ISS verzichten müssen - ebenso wie auf ein Rettungsgefährt, das im Notfall bis zu sieben ISS-Bewohner zur Erde zurückbringen kann. Die maximale Besatzung der ISS ist ohne diese Elemente wie bisher auf drei begrenzt.

Diese Aussicht hat auch die Europäische Raumfahrtbehörde Esa alarmiert. Denn eine Spar-Version der Internationalen Raumstation mit nur drei Besatzungsmitgliedern würde nicht viel mehr als eineinhalb Wochenstunden Forschungsarbeit im europäischen ISS-Labor zulassen. »Das ist für uns völlig indiskutabel«, schimpft Hartmut Ripken, der am Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) für die Nutzungsvorbereitung der ISS verantwortlich ist.

Andererseits fürchten die europäischen Nasa-Partner, für die Finanzmisere des großen Bruders in die Bresche springen zu müssen. Der Esa-Direktor für die bemannte Raumfahrt, Jörg Feustel-Büechl, geht deshalb bereits in Abwehrstellung: »Die Amerikaner sollen erst einmal ihr eigenes Haus in Ordnung bringen.« Schon vor einigen Wochen ist die Esa dem US-Partner entgegengekommen und hat ihm angeboten, den Beitrag der Europäer für die siebensitzige Rettungskapsel auf eine Milliarde Mark aufzustocken. Das wären 40 Prozent der gesamten Entwicklungskosten. Nun fürchten viele, auch der Rest könnte den klammen Amerikanern noch zu viel sein.

Schon grübeln die Ersten darüber nach, ob auch ein europäischer Alleingang, der Bau eines eigenen Rettungsvehikels, notfalls denkbar wäre. Das Geld dafür müssten die europäischen Forschungsminister lockermachen. Die treffen sich diese Woche im schottischen Edinburgh zur Esa-Ministerratskonferenz und wollten eigentlich über die Geldnöte der »Ariane«-Trägerraketen sprechen. Nun werden die EU-Minister sich zusätzlich mit dem Young-Bericht auseinander setzen. Mehr Geld wollen sie allerdings nicht ins All pumpen. »Die Europäer haben ihre Zusagen gehalten, das Gleiche erwarten wir von den Amerikanern«, erklärt die deutsche Forschungsministerin Edelgard Bulmahn und fordert die Nasa auf, »endlich ein effektives Finanzmanagement« gegen die Kostenexplosion einzusetzen.

Damit spricht sie Sparkommissar Young und seinem Team aus der Seele. Die Nasa soll, so ihre Empfehlung, nicht nur die Shuttle-Flüge zur Raumstation von jährlich sechs auf vier reduzieren. Des Weiteren sollen Hunderte Arbeitsplätze verschwinden. Die Nasa müsse sich einer »radikalen Reform« unterziehen und mehr als bisher auf Kostenrechnungen und Wirtschaftlichkeit achten.

Wenn die Nasa in circa zwei Jahren ihre Fähigkeit zum Sparen bewiesen habe, dann könne das Weiße Haus neu beschließen über die Frage weiterer Mannschaftsmodule für die ISS, so Young. Mindestens zwei Jahre lang wird die Nasa jedoch - wie ein verurteilter Delinquent - für ihre mangelhafte Ausgabenkontrolle büßen müssen. So lange wird sich an Bord der ISS wenig Aufregendes abspielen.

Im März hat sich die Nasa bereits von einem weiteren Projekt getrennt - nicht ohne zuvor fast eine Milliarde Dollar dafür ausgegeben zu haben. Der keilförmige »Venture Star«, gedacht als Ersatz für die 20 Jahre alten Space-Shuttles, wird nicht gebaut. Die neue Weltraumfähre sollte abheben können wie eine Rakete, den Orbit erreichen, ohne Tanks oder Hilfsraketen abzuwerfen, und landen wie ein Flugzeug. Ein verkleinerter Prototyp gammelt nun in einem Hangar in der Wüste Kaliforniens.

Damit ist zugleich eine Sparhoffnung erloschen. Denn der wiederverwendbare Venture Star sollte vor allem helfen, die Kosten für Lastentransporte ins All zu reduzieren. Die sind beim Space-Shuttle nach wie vor exorbitant: Jeder Start, so rechnet zumindest das US General Accounting Office vor, kostet 512 Millionen Dollar. Andere Zahlen besagen, dass ein Kilogramm Transportlast mit rund 20 000 Dollar zu Buche schlägt. Der Venture Star sollte den Kilopreis auf bis zu ein Zehntel davon drücken. Doch nachdem ein in jahrelanger Arbeit entwickelter Spezialtank bei Tests auseinanderbrach, stornierte die Nasa das kostspielige Projekt.

Der scheidende Nasa-Administrator Goldin dürfte froh sein, dass er sich anstehenden Mäkeleien an seiner Finanzplanung durch Kündigung entzogen hat. Sein Nachfolger wird sich stärker rechtfertigen und sich mehr als er in die Karten gucken lassen müssen.

Was Goldin allerdings bedauert, ist die Tatsache, dass die Flüge zum Roten Planeten, auf die er seit Jahren fixiert ist, nun wieder in weite Ferne gerückt sind. »Mein Lebenswerk«, sagt der noch amtierende Nasa-Administrator, »ist nicht vollbracht, bis wir auf dem Mars landen.«

MARCO EVERS, GERALD TRAUFETTER

* Die Französin Claudie Haigneré nach ihrer Rückkehr aus demAll am 31. Oktober.

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