Giftgrüne Kunstmarke - DER SPIEGEL
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MOBILFUNK Giftgrüne Kunstmarke

Der Handynetzbetreiber Quam startet mit einer gigantischen Werbeoffensive auf dem deutschen Markt. Die ersten Kunden werden erschüttert sein.
Von Frank Dohmen und Klaus-Peter Kerbusk
• aus DER SPIEGEL 48/2001
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Lage am Rand der Hamburger Fußgängerzone ist exzellent. Ringsum in der Spitaler Straße tobt das Leben. Nur in den edel eingerichteten Laden mit Kaffeebar und gemütlichen blauen Sofas sowie einer Spielecke für Kinder verirrt sich selten ein Passant.

Gelangweilt tigern die Verkäufer an den meist leeren Beratungstischen entlang. Andere surfen im Internet, während draußen die potenziellen Kunden an dem Mitte November eröffneten »Flagship-Store« der Mobilfunkfirma Quam vorbeihuschen.

Am Fenster flimmert der beim US-Bürgerrechtler Martin Luther King abgekupferte Spruch »I Have a Dream« als Werbeslogan über die Monitore. Und mehr als große Träume hatte Quam-Chef Ernst Folgmann seinen Kunden und Geldgebern beim offiziellen Netzstart am Donnerstag vergangener Woche auch noch nicht zu bieten.

»Wir werden für frischen Wind auf dem deutschen Mobilfunkmarkt sorgen«, versprach der ehemalige Bosch-Manager. Schon Anfang 2003 werde die gemeinsame Tochter der spanischen Telefongesellschaft Telefónica und der finnischen Mobilfunkfirma Sonera über ein funktionierendes UMTS-Netz in Deutschland verfügen. Mit anspruchsvollen Diensten wie Live-Übertragungen von Sportereignissen, Online-Spielen oder Fotoversand per Handy werde Quam schon bald »die Zukunft in deinem Leben« sein.

Rund 100 Millionen Mark, so schätzen Branchenkenner, hat Folgmann in die Hand genommen, um sein Unternehmen mit Hilfe der Hamburger Werbeagentur Jung von Matt schnell bundesweit bekannt zu machen. Aber noch immer weiß kaum einer, was sich hinter der giftgrünen Kunstmarke eigentlich verbirgt. Zahlreiche neue Geschäfte sollen deshalb in besten Innenstadtlagen eröffnet werden und den Kunden lange vor dem Start in die neue Mobilfunkära einen »Vorgeschmack auf UMTS« geben, so Quam-Manager Peter Gottschlich.

Der »Traum« von der »besseren Mobiltelefonie« dürfte für die ersten Quam-Kunden eher ein Alptraum sein. Denn noch hat Quam nicht mal ein eigenes Netz. Vielmehr mietete das spanisch-finnische Duo freie Kapazitäten des Konkurrenten E-Plus an. Lediglich bei der Tarifgestaltung kann Folgmann eigene Wege gehen.

So wurde der bei den Konkurrenten übliche Wirrwarr der Tarife gelichtet. Quam-Kunden zahlen zum Beispiel immer den gleichen Preis, egal in welches andere deutsche Mobilfunknetz sie auch telefonieren.

Was der Manager seinen Kunden zum Start allerdings in puncto Erreichbarkeit zumutet, erinnert kaum an ein modernes Hightech-Unternehmen. Eher schon könnten sie sich in die Anfangszeiten der Telefonie zurückversetzt fühlen - inklusive Vermittlung durch das Fräulein vom Amt.

So können die rund 50 Millionen Mobilfunkteilnehmer von T-Mobil (D1), Vodafone (D2) und Viag Interkom mit den Quam-Pionieren nur über Umwege kommunizieren. Eine direkte Anwahl der Quam-Vorwahl 01505 aus den drei Konkurrenznetzen ist innerhalb Deutschlands nicht möglich, weil die Großen der Branche die entsprechende Technik noch nicht eingerichtet haben. Zwar soll sich dies in den nächsten Wochen und Monaten ändern. Doch einen genauen Zeitpunkt gibt es nicht.

Kunden von D1, D2 und Viag Interkom können bis dahin Besitzer eines Quam-Handys nur über eine eigens eingerichtete Servicenummer erreichen. Dort werden sie von Mitarbeitern eines Callcenters mit dem gewünschten Teilnehmer verbunden. Mit moderner Mobilfunktechnik hat das wenig zu tun.

Richtig vorsintflutlich wird es beim Versand einer SMS-Nachricht aus den Konkurrenznetzen. Die nämlich muss der Absender erst einmal einem Agenten im Callcenter diktieren, bevor die Short Message dann kostenlos an den Quam-Kunden weitergeleitet werden kann.

Damit die Benutzer der drei Konkurrenznetze überhaupt erfahren, auf welch ungewöhnlichen Wegen sie einen Quam-Kunden erreichen können, hat sich Folgmann einen Extraservice ausgedacht: Zusammen mit dem Handy bekommen seine Pionierkunden gute alte Postkarten, auf denen die Nummer der Quam-Vermittlung aufgedruckt ist. Diese »Info-Karten«, so der freundliche Rat, könne man zur besseren Erreichbarkeit »an Freunde bei D1, D2 und Viag Interkom« verschicken - immerhin gratis.

Der Ärger mit den Telefonnummern ist nicht das einzige Hindernis, das Quam-Chef Folgmann in den nächsten Wochen überwinden muss. Große Probleme bereiten auch noch die Kundenrechnungen. Sie werden von der spanischen Mutter Telefónica erstellt.

Das Ergebnis, berichten Mitarbeiter aus der Münchner Firmenzentrale, ist eher ernüchternd: Spanische Textfetzen gepaart mit deutschen Tarifen seien in Probeläufen die bislang glücklichste Variante gewesen. Ob Ende des Jahres vernünftige Belege an die Kunden verschickt werden können, sei deshalb völlig offen.

Folgmann jedoch will von schwer wiegenden Problemen nichts wissen. »Wir liegen voll im Plan«, beteuert der Spätstarter tapfer, »jetzt wird die Maschine langsam hochgefahren.«

Ganz ganz langsam.

FRANK DOHMEN, KLAUS-PETER KERBUSK

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