PSYCHIATRIE Schlaglicht aufs Seelendunkel
Da war die Zahl, die Ludwig Scholz erschütterte: 100 Menschen in seiner Stadt nehmen sich alljährlich das Leben, erfuhr der Nürnberger Oberbürgermeister von den Besuchern aus München. Die meisten Selbstmörder aus der Statistik, so lernte Scholz von den beiden Ärzten, leiden unter krankhafter Schwermut. Und die sei kein unabwendbares Schicksal.
»Für Depressionen«, sagt der Stadtobere, gewichtig im ledernen Sessel, leicht gerötetes Gesicht, wachsame hellblaue Augen, »bin ich als Politiker eigentlich nicht zuständig.« Aber Scholz, 64, ist ja nicht nur Polit-Funktionär. Für Scholz, den Menschen, haben mehrere Posten aus den Statistiken der vergangenen Jahre ein Gesicht. Zuletzt starb ein guter Bekannter. »Es war ein Bombenabend, wir haben uns gekugelt vor Lachen«, erinnert er sich, »am nächsten Tag hat sich einer aus der Runde mit E 605 umgebracht.« Nanu, habe er da erschrocken gedacht, hast du dich so verschätzt in dem Mann?
Als Ulrich Hegerl und David Althaus von der Psychiatrischen Klinik der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität ihm ihr Forschungsvorhaben unterbreiteten, war der Oberbürgermeister deshalb sofort angetan. Hegerl und Althaus wollen in einem weltweit einzigartigen Feldversuch herausfinden, ob sich die Versorgung depressiver Menschen verbessern lässt - und zwar nicht mit mehr Ärzten und Krankenhausbetten, sondern mit Aufklärung über die potenziell tödliche Krankheit.
Hegerl verabscheut das Wort Freitod: »Es beinhaltet eine Freiwilligkeit und einen Heroismus, wie es ihn in Romanen von Hemingway geben mag. In Wirklichkeit steht fast immer eine unbehandelte psychische Erkrankung dahinter, meist eine Depression.« Wenn die Suizidrate in der Stadt zurückginge, erklärt der Psychiatrieprofessor, wäre das ein Indikator für den Erfolg ihrer Kampagne.
So wie auf der schwedischen Insel Gotland. Auf dem dünn besiedelten Eiland war es in einem Modellprojekt gelungen, allein durch die Fortbildung von Hausärzten die Suizidrate auf der Insel deutlich zu senken. Würde sich dieses Experiment in einer Großstadt wiederholen lassen?
Monatelang durchkämmte Psychologe Althaus die Stadt auf der Suche nach Kooperationspartnern. Denn das Nürnberger Bündnis sollte nicht nur Hausärzte einschließen, sondern möglichst viele Institutionen und Bürger. Der Oberbürgermeister verteilte als Zugpferd in der Fußgängerzone gelbe Rosen und machte das schwer verdauliche Thema auch in psychiatriefernen Kreisen salonfähig.
Seit Beginn des Jahres ist Depression mit Großplakaten und Veranstaltungen im Nürnberger Stadtbild beinahe so gegenwärtig wie Lebkuchen und Rostbratwurst. Im Multiplexkino läuft ein Depressions-Spot, unter www.buendnis-depression.de gibt eine Internet-Seite Auskunft. 30 000 Ratgeberbroschüren kursieren in der Stadt. Die Flyer aus den Körbchen in der U-Bahn sind immer schnell weg.
Schulen und Bildungseinrichtungen schickten ihre Mitarbeiter in Depressions-Fortbildungen, ebenso die Altenheimbetreiber, das Gesundheitsamt sowie Krankenhäuser, Krankenkassen, Polizei und Kirchen. Die Redaktionen der Lokalzeitungen versprachen, zurückhaltend über Suizide zu berichten, um Nachahmungstaten zu vermeiden. Die psychiatrische Klinik schaltete eine Depressions-Hotline. Es gibt Aufklärungsvideos für Patienten, Angehörige und Hausärzte, und alle Nürnberger, die als selbstmordgefährdet gelten, erhalten eine Notfallkarte aus Plastik.
Jetzt scheinen sich Erfolge des Großversuchs abzuzeichnen: Von Januar bis September 2001 brachten sich 47 Nürnberger Bürger um - 40 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum. Auch die Zahl der bekannt gewordenen Selbsttötungsversuche sank im ersten Halbjahr von 255 auf 181 um fast ein Drittel.
Noch wissen Hegerl und Althaus nicht, welchen Anteil ihre Anti-Depressions-Kampagne daran hat. Deshalb werden sie die Nürnberger Zahlen mit denen aus Würzburg vergleichen. Dort beobachtet die Weltgesundheitsorganisation WHO seit längerer Zeit das Suizidgeschehen. »Aber der Trend«, sagt Hegerl, »weist bereits über die normale Schwankung hinaus.«
Die Nürnberger Feldstudie ist nur eines von 25 Projekten aus dem »Kompetenznetz Depression«, einem Großforschungsprojekt des Bundesforschungsministeriums, dessen Sprecher Hegerl ist. 1,4 Millionen Mark steckt das Ministerium zunächst in die Nürnberger Kampagne; dazu kommen ein paar hunderttausend Mark von Sponsoren. Hätte das »Bündnis gegen Depression« nachweisbar Erfolg, könnte es auf ganz Deutschland ausgeweitet werden.
Das Geld wäre gut angelegt. Keine Volkskrankheit verursacht laut WHO einen so hohen Leidensdruck und ähnlich hohe Kosten wie die Depression.
Vier bis fünf Prozent aller Menschen erkranken weltweit an der Schwermut. Allein unter den 500 000 Nürnbergern sind das schätzungsweise 25 000 Menschen. Jeder Siebte, der an schweren Depressionen leidet, nimmt sich irgendwann das Leben. In Deutschland sterben jedes Jahr etwa 12 000 Menschen durch eigene Hand - anderthalbmal so viele wie bei Verkehrsunfällen. Ungefähr zehnmal mehr versuchen es, nicht wenige tragen dauerhafte Schäden davon. Bei den unter 25-Jährigen ist der Suizid gar die zweithäufigste Todesursache.
Aber anders als Verkehrsopfer haben psychisch Kranke keine Lobby. »Seelische Krankheit gilt als Makel«, sagt Günter Niklewski, Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Klinikum Nord, »darüber redet man normalerweise nicht.« In Nürnberg, wo der Feldversuch seit einem knappen Jahr gewissermaßen das Seelendunkel der Stadt in Schlaglicht taucht, wird denn auch eine allgemeine Bedürftigkeit sichtbar, deren Ausmaß selbst Niklewski überrascht. »Es ist fast unheimlich«, sagt der Klinikchef, der seit Beginn der Aktion gemeinsam mit den Münchner Kollegen wie ein Wanderprediger von Veranstaltung zu Veranstaltung zieht. Als er neulich im Gesundheitsamt einen Vortrag mit dem tristen Titel »Altersdepression« hielt, musste der Saal wegen Überfüllung geschlossen werden: »Fast in jeder Veranstaltung stehen Leute auf und outen sich als depressiv.«
Selbst die Erfolgsmenschen vom Lions-Club haben nach einem Vortrag gefragt und auch der Verein der pensionierten Polizeibeamten. Bei den über 80 Vorträgen, Podiumsdiskussionen und Telefonaktionen sei aber noch »weitaus mehr hochgekommen als Depression": Alkohol, Drogen, Angststörungen, beginnende Demenz - das ganze Ausmaß der Seelennot eben.
Auch bei der evangelischen Kirche steht »Die dunkle Nacht der Seele« jetzt im Fortbildungsprogramm. »Pfarrer erfahren wenig darüber, wann sie jemanden zum Arzt schicken müssen statt in den Meditationskreis«, sagt Pfarrer Bernd Seufert. »Schlimm, wenn man mit gutem Zureden und frommen Worten kostbare Zeit verspielt.«
In neun Selbsthilfegruppen haben sich seit dem Start des Bündnisses Patienten organisiert. Angelika Seebauer leidet seit 28 Jahren unter schweren Depressionen. Die 57-Jährige, die den Schauspielberuf zwischenzeitig aufgeben musste und einige Male abends die Tabletten zählte, »ob's fürs Jenseits reicht«, hatte Freunde satt, die Depression für eine Art Grippe halten und ihr Lebenshilfe-Bücher schenken, anstatt sich über die Krankheit zu informieren. »Geschockt hat mich«, sagt Seebauer, »dass viele Ärzte auch nicht mehr Ahnung haben.«
Tatsächlich sind die meisten Depressiven ständig beim Hausarzt in Behandlung - wegen Bauchschmerzen, Kopfschmerzen oder Schlafstörungen. Doch der schickt sie oft mit einem Rezept für Beruhigungsmittel nach Hause anstatt zum Facharzt. Mancher Patient wird wegen rätselhafter Gewichtsabnahme nach Tumoren abgesucht. Dass Antriebslosigkeit, Angst, Trauer und Lebensmüdigkeit hinter der Abmagerung stecken könnte, vermutet kaum ein Mediziner auf Anhieb.
»Schlimme Ratschläge wie: Spann mal aus, unternimm was Schönes, kommen von allen Seiten, leider auch von Hausärzten«, sagt Hegerl. »Manche glauben, man kann sich dann noch auf das Leben freuen.«
Tatsächlich gerät bei einer Depression im Gehirn der Botenstoffwechsel aus dem Gleichgewicht. Die biochemische Attacke aufs Gemüt ist behandelbar - mit Psychotherapie und Antidepressiva. Aber viele Kranke trauen sich nicht zum Facharzt. Die Angst, für verrückt gehalten zu werden, ist groß. Jeder zweite Nürnberger, ergab eine Umfrage, hält Halluzinationen und zwanghaftes Putzen fälschlicherweise für typische Symptome einer Depression. Drei Viertel glaubten irrtümlich, Antidepressiva machten abhängig.
Am Ende des Projekts werden Hegerl und Althaus abfragen, ob die Nürnberger besser Bescheid wissen. Sie werden prüfen, ob die Hausärzte mehr Patienten zu Fachärzten überweisen und die Apotheken anstelle von süchtig machenden Beruhigungs- und Schlafmitteln mehr Antidepressiva verkaufen. Am Ende wollen sie genau sagen können, welche Maßnahmen geholfen haben, und welche nicht.
Bürgermeister Scholz will bis dahin jede Chance nutzen. Im letzten Jahr wollten die Verkehrsbetriebe die düsteren Motive nicht auf ihre Straßenbahnen kleben. Jetzt wird neu verhandelt.
»Von mir aus sollen die Depressions-Plakate ganz groß mitten auf dem Christkindlmarkt stehen«, findet Scholz, »wenn man damit auch nur einen Menschen am Leben hält.« BEATE LAKOTTA