leben SPASS ZU ZWEIT
Hitler, Kraut und Kartoffeln war alles, was er vor sieben Monaten auf Deutsch sagen konnte. Inzwischen kann sich der italienische Philosophiestudent Andrea Tuveri, 28, ziemlich gut verständlich machen. Und das verdankt er zu einem großen Teil Ralf Beckert, 34, der in Hamburg Italienisch, Schwedisch und Kunstgeschichte studiert.
Ralf ist nicht etwa Andreas Lehrer, sondern sein Partner in einem »Sprachtandem": Zwei Leute verschiedener Muttersprache unterhalten sich bei regelmäßigen Treffen abwechselnd in beiden Sprachen, um sich gegenseitig - ohne Bezahlung - beim Lernen zu helfen.
Andrea versuchte es zunächst mit Privatsprachkursen, die ihm nichts brachten. Mehr lernte er in seiner WG und bei Uni-Veranstaltungen, wo schließlich nur Deutsch gesprochen wird. Auf Ralf kam er über ein Vermittlungsbüro, das an der Uni mit Flyern und an den schwarzen Brettern für Sprachtandems wirbt. Seit Juli treffen sich die beiden.
Ralf spricht ausgezeichnet Italienisch, was dazu geführt hat, dass die beiden - weil Andrea so faul ist, wie er selbst versichert - die meiste Zeit Italienisch sprechen. Sie reden über alles mögliche. Zuletzt über das DDR-Käppi, das Andrea sich geleistet hat und für unwiderstehlich hält. Ralf ist fassungslos über diese Geschmacklosigkeit, und so streiten sie fröhlich vor sich hin. Zwischendurch korrigiert Andrea Ralfs Aussprache oder Syntax.
Er ist stolz auf seinen »Schüler«, vor allem aber stolz auf sich selbst, denn im Grunde sind die Fortschritte allein seiner Genialität zu verdanken. Er grinst. Ralf macht einen Bückling. Die beiden haben viel Spaß miteinander. Und das ist auch das Erfolgsrezept für ihr Tandem: Sie haben die gleiche Art von Humor, sie mögen sich, sie sind Freunde geworden. Ihr Tandem erfüllt zwar nicht die theoretischen Ansprüche, weil eine Sprache eindeutig dominiert, aber bei so einem Ergebnis kann einem die Theorie ja auch egal sein.
Das Vermittlungsbüro, das Ralf und Andrea zusammenbrachte, leitet Johannes Eckerth, 36, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für Allgemeine und Angewandte Sprachwissenschaft, Abteilung Sprachlehrforschung. Der Spezialist für Deutsch als Fremdsprache ist selbst tandem-erfahren. Seine guten Erfahrungen brachten ihn auf die Idee, seinem Institut die Vermittlungsstelle vorzuschlagen. Im vergangenen Sommersemester fragten um die 400 Interessenten an, im laufenden Wintersemester gingen bisher rund 50 Anmeldungen pro Woche ein. Die Vermittlungsquote schätzt Eckerth auf 30 Prozent.
»Mit besseren Ressourcen könnten Quantität und Qualität aber noch gesteigert werden«, glaubt der Vermittler. Von Arabisch über Finnisch bis hin zu Ukrainisch kann er 32 Sprachen anbieten - einschließlich Deutsch. Den kostenlosen Dienst können alle an einer Hamburger Hochschule oder am Studienkolleg Eingeschriebenen in Anspruch nehmen. Die Anmeldung muss persönlich vorbeigebracht werden.
Der direkte Kontakt ist für Eckerth wichtig. Er empfängt die Studenten in kleinen Gruppen, erklärt das Tandemprinzip und gibt Tipps. Am Anfang sind ein paar Regeln zu beachten. Der Tandemvermittler empfiehlt unter anderem, die ersten Treffen an einem öffentlichen, sozusagen neutralen Ort abzuhalten. Wenn man einander nicht symphatisch ist, fällt es leichter, sich zu trennen. Nur die Sprache zählt bei der Zuordnung von Tandems - Wünsche zu Geschlecht oder Haarfarbe des Partners nimmt Eckerth nicht entgegen: »Ich will ja nicht als Partnervermittlung missbraucht werden.«
Seine Methode fördert effektiv die Sprachkompetenz. Die Tandempartner sind Gleichberechtigte, die einander helfen: Das ist gut für die Motivation - und mit Spaß lernt es sich besser. Der Wissenschaftler plant ein Seminar mit dem Arbeitstitel »Fremdsprachenlernen durch interkulturelle Kommunikation?«, um das Phänomen besser erklären zu können. Ein Tandem ersetzt aber nicht den Sprachunterricht, Grammatik muss trotzdem gebüffelt werden, will man perfekt werden.
Perfekt sind weder Natalie Vogelwiesche, 22, noch Mónica Ferreira López, 29. Aber seit April haben beide viel dazu gelernt. Mónica, VWL-Studentin aus Lanzarote, konnte »ja«, »nein« und »danke schön« sagen, als sie im März in Hamburg ankam. Sie bekam in ihrer Sprachschule den Tipp, zur Tandemvermittlung zu gehen. Heute hat sie insgesamt drei Tandempartnerinnen: »Wenn Natalie keine Zeit hat, treffe ich eine der anderen.«
Mit viel Mühe und Geduld arbeiteten die beiden Frauen miteinander. Natalie konnte dabei ihre Kenntnisse aus ihrem Studium der Sprachlehrforschung mit Schwerpunkt Deutsch als Fremdsprache nutzen. Eine halbe Stunde lang redeten sie deutsch miteinander, dann spanisch, manchmal benutzten sie kleine einfache Texte, die sie gemeinsam lasen. »Hinterher waren wir immer total fertig, es war anstrengend, obwohl es Spaß gebracht hat«, erinnert sich Natalie.
Heute sind die Treffen wesentlich entspannter. Die beiden haben sich angefreundet, Natalie hilft ihrer spanischen Partnerin zum Beispiel bei Apothekeneinkäufen, und am Wochenende gehen Mónica und Natalie gern mal zusammen Salsa tanzen. Mónica findet die Tandemkonstruktion ideal, nicht nur wegen des Sprachaustauschs, sondern weil sie so auch die Kultur und Gebräuche ihres Gastlandes intensiv kennen lernt. »Viele ausländische Studenten bleiben nur unter sich, aber was soll das? Dann hätte ich auch auf Lanzarote bleiben können.«
Das Sprach-Duo Sophie Haimart, 23, und Michael Pauli, 26, beide angehende Juristen, hat sich auf einer Tandemparty vor einem Jahr in Köln kennen gelernt. Die Französin aus der Champagne und der Kölner hatten von Anfang an ein etwa gleiches Sprachniveau. Heute essen sie fast täglich gemeinsam in der Mensa, gehen zusammen mit Freunden von Michael aus, der nach Lektüre von Sophies Hausarbeiten in den Genuss ihrer Kochkünste kommt.
Der Partyveranstalter, die Orientierungsstelle für Internationalen Austausch der Rechtswissenschaftlichen Fakultät in Köln, bietet seit zwei Jahren eine umfassende Betreuung für ausländische Studierende an: Sie können vor Semesterbeginn an einer Orientierungswoche teilnehmen und dabei die Uni, die Stadt und deutsche Studenten kennen lernen. Zum Service gehört eine Tandemvermittlung, die genau wie in Hamburg über schriftliche Anmeldungen die Partner zusammenbringt. Einmal im Jahr gibt es eine Party, wo sich Interessierte direkt kennen lernen können. Die einheimischen Studenten werden über Aushänge in ihren Fakultäten informiert.
Jeder bekommt ein Namensschild, und dann kann es los gehen. Es gibt keine Nationalitätenkennzeichnung, die Studierenden sollen einfach erst mal ins Gespräch kommen. »Am Anfang sind die Leute ein bisschen schüchtern, aber nach ein, zwei Kölsch legt sich das«, berichten Jan Kruse, 30, und Daniel Bolder, 31. Sie führen im Auftrag des Dekanats die Orientierungsstelle und organisieren die Tandempartys.
Ungefähr 60 Deutsche und ebenso viele Ausländer treffen aufeinander und sind wild entschlossen, einen Tandempartner zu finden. Deswegen kommt sich auch niemand blöd vor, wenn er einen völlig Fremden anquatscht. Sophie und Michael haben schnell gemerkt, dass sie sich gut verstehen, und redeten schon an diesem ersten Abend sehr lange miteinander, bevor sie Telefonnummern tauschten. »Das Gute an den Partys - abgesehen davon, dass sie allen Spaß machen - ist, dass die Leute schnell merken, ob ihre Sprachniveaus kompatibel sind, ob sie zueinander passen könnten oder nicht«, erklärt Daniel, »das ist überhaupt das Wichtigste: Die Sympathie muss da sein.«
Auf diese Weise hat sich Sophie zum Beispiel ein überflüssiges Treffen mit einem etwas skurrilen Phonetiker erspart. Der wollte schon auf dem Fest kleine Aussprachetests mit ihr durchführen. Er hatte sogar Kopien aus seinem Lehrbuch dabei. Auf einen Telefonnummernaustausch verzichtete Sophie weise. Das deutsche »H« kann sie inzwischen dennoch perfekt aussprechen.
KATHARINA STEGELMANN
TIPPS FÜR TANDEMSInformationen zu Sprachtandem-Services an Universitäten lassensich leicht über die Homepages der Unis finden. Im Internet gibt esaußerdem einen - ebenfalls kostenlosen - Vermittlungsservice von"Distanztandems« (schriftliches Tandemlernen per E-Mail):www.slf.ruhruni-bochum.de