surfen COMPUTER ZUM ANZIEHEN
Sieht so die Modenschau der Zukunft aus? Die Cyborgs betreten den Laufsteg. Halb Mensch und halb Maschine. Halb gehen sie selbst, halb scheinen sie von kleinen Chips gesteuert zu werden. Und wenn sie lächeln, fragt sich das Publikum, ob auch das programmiert ist.
Schaulaufen auf dem »5th International Symposium on Wearable Computers« im großen Konferenzsaal der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich: Über 100 Wissenschaftler, Ingenieure und Designer versuchen eine Antwort auf die Frage: Wenn die Computer immer kleiner und billiger werden und sich bald schon mit Kleidung und Körper verbinden - was wird man und frau im digitalen Zeitalter tragen?
Als Erstes treten die jungen Männer aus der Kulisse, protzig behängt mit martialischen Hightech-Geräten. Arnold Schwarzeneggers »Terminator« scheint das große Vorbild zu sein. Aus den vielen Taschen an der Weste quillen Kabel und führen durch Knoten und Gewirr hoch zu einem Minibildschirm, der ein paar Zentimeter vor dem rechten Auge direkt unter dem Schirm der Baseballkappe klemmt.
Auch Hornbrillen im Woody-Allen-Format scheinen wieder in Mode zu kommen. Nur beheben sie diesmal keinen Sehfehler. Ihre dicken Gläser dienen als Projektionsfläche, auf der die neuesten E-Mails erscheinen. Die dazu notwendige Minitastatur, die in der geschlossenen Hand verschwindet, bekommt auf dem Symposium einen Sonderapplaus. Und ein anerkennendes Schulterklopfen gibt es für den Designer aus Tokio, der dabei scheitert, einen Text ohne Tastatur, aber dafür mit zwei Mäusen zu schreiben.
Dann tritt Irina Thoß nach vorn - so hübsch, als wäre sie ein echtes Model. Fast sieht es aus, als hätte sich die Studentin in der Show geirrt, weil man vergeblich nach dem Computer sucht, den sie präsentieren will. Erst als sie auf ihren perlenbesetzten Armreif zeigt, wird klar: Die Perlen dienen als Knöpfe für einen kleinen Apparat, der unter poliertem Silber verschwindet.
»Das hier ist der Prototyp für eine Art Palm«, erklärt Irina, »ein Notizbuch und Kommunikationsgadget.« Sie öffnet eine kleine Klappe, um noch mehr Perlen zu zeigen, die als Tastatur unter einem kleinen Bildschirm sitzen. Noch ist das Schmuckstück nicht funktionstüchtig, doch sie tut so, als tippe sie ein paar Worte ein, klappt den Armreif wieder zu, zeigt ihn noch einmal herum und sagt: »Ich finde, so was muss auch gut aussehen.«
Irina Thoß ist Anfang Oktober mit einer Gruppe von Studenten aus Weimar zum Symposium gereist. Obwohl sie erst im dritten Semester ist, zeigt sie mit dem eigenwilligen Handheld-Computer den Freaks in Zürich selbstbewusst, dass man nicht immer mit Technik protzen muss.
Diese Sicherheit lernte sie offenbar bei Jacqueline Otten, ihrer Professorin vom Lehrstuhl für Moden und öffentliche Erscheinungsbilder an der Bauhaus-Uni. Wer Otten ein paar Stunden erlebt, der spürt, wie sie ihre Studenten und Studentinnen mit Energie speist. Projektarbeit bei ihr heißt Dauer-Power. Das war die pure Hektik, als es im vergangenen Semester um neue Entwürfe für Computermode ging. »Diesmal hatten wir den Termin in Zürich. Bis dahin musste alles fertig sein«, erzählt die Professorin und ballt dabei die Hand zur Faust. »Also war an Semesterferien gar nicht zu denken.«
Die sechs Projektteilnehmer sehen ein wenig abgekämpft aus am Seminartisch im idyllischen Weimarer Institutshäuschen. Aber wenn sie sich an das Symposium in Zürich erinnern, werden sie munter. Franka Rose erzählt ganz aufgeregt von der Vorstellung ihres Baby Sound Belt. »Auf die Idee bin ich gekommen, als ich schwanger war. Da habe ich ein Wearable für werdende Mütter entworfen, mit dem man in sich hineinhören kann.« Der Baby Sound Belt lässt sich bequem um den Bauch binden. Entweder als Sport- und Freizeitversion mit lustigen Farben, als Klassiker aus braunem Kunstleder oder als Muff mit dickem Pelzbesatz für den Winter. Damit ist die Schwangere nicht nur stilsicher gekleidet. In das Futter sind Mikrofone eingearbeitet, die den Babysound aufnehmen: 120 bis 180 Herzschläge pro Minute, Bewegungen, Schluckauf und das Glucksen der Nahrung, die durch die Plazenta fließt.
»Als ich das auf dem Symposium vorführte, haben die große Augen gemacht. Bei Computermode hat noch niemand richtig an Frauen gedacht. Und dass man mit Wearables ins Theater gehen kann oder auf einen Empfang, das war denen irgendwie fremd.« Entsprechend skeptisch fielen die ersten Reaktionen aus.
Professorin Otten war von diesem Feedback nicht überrascht. Für das, was sie in Weimar mit ihrem Lehrstuhl aufgebaut hat, gibt es ohnehin kein Vorbild. Entsprechend innovativ sind die Projekte. Und entsprechend groß ist die Aufregung, wenn man mit Ergebnissen an die Öffentlichkeit geht.
Bis 1999 lehrte Otten Modedesign am Fachbereich Gestaltung der Fachhochschule Hamburg, der heutigen Hochschule für angewandte Wissenschaften. Doch lief dort alles nach altbekanntem Muster.
Deshalb war sie sofort begeistert, als sie hörte, dass man in Weimar einen Studiengang einrichten wollte, in dem Mode und Neue Medien in ihrer Wechselwirkung untersucht und erprobt werden sollten. Auf eine Vertretungsprofessur folgte dann schnell der Ruf an die Bauhaus-Universität.
Jetzt schwärmt sie von der Atmosphäre in der kleinen Stadt, in der sie und ihre Studenten nicht ständig vom Großstadt-Trubel abgelenkt werden. »Vor allem habe ich hier freie Hand bekommen, etwas Neues zu entwickeln.«
Das Lehrangebot ist breit gefächert. Die Teilnehmer des Wearable-Computer-Seminars sind keineswegs auf Modedesign festgelegt. Franka Rose, die Erfinderin des Baby Sound Belt, hat sich während ihres Studiums mit Interface-Design beschäftigt, mit Fotografie und Radiopraxis. Martin Bellardi, der nach neun Semestern schon an sein großes Abschlussprojekt denkt, hat Seminare über Werbung besucht, über digitale Bildbearbeitung und über Klanginstallationen.
Bellardis Beitrag für das Symposium war für die altgedienten Computer-Freaks genauso überraschend wie das Babyphone. Zwar hat er nichts zum Anziehen entworfen. Aber er hat über die Funktion von Handys nachgedacht, die ja auch nichts anderes sind als kleine tragbare Computer. »Ich habe mich gefragt, wie man die Alarmtöne umwandeln kann, um etwas ganz Neues zu hören.«
Dafür hat er die kleinen Telefone mit Akustikgitarren verbunden. Sobald die Handys bei einem Anruf vibrieren, berühren sie die Saiten der Gitarren, die an Fäden von der Decke baumeln. Dann piepst es nicht und klingelt nicht. Auch schnarrt kein Can-Can und kein Radetzky-Marsch. Stattdessen hört man die zarten Gitarrentöne durch den Raum schweben. »Deshalb standen die Leute in Zürich dauernd um die Instrumente herum«, berichtet Bellardi, »und haben meine Handys angerufen, um Musik zu machen.«
Dass auch solche Installationen ihren Platz im Projekt hatten, zeugt von der Offenheit des ganzen Unternehmens. Für Otten ist das eine wichtige Voraussetzung, wenn man über Computermode nachdenken will: »Wir wollten auch die gegenwärtigen Technologien in Frage stellen. Nur so konnten wir uns Klarheit über unsere Vorstellungen verschaffen und eigene Ideen entwickeln.«
Die Eigenwilligkeit dieser Ideen hat die Besucher des Symposiums dann am Ende doch noch überzeugt. Denn bei den Wearable Computern beginnt eine neue Ära. Zuerst waren nur die Informatiker interessiert. Dann die Programmierer und Ingenieure. Und immer haben sie zuallererst an Funktionalität gedacht. Jetzt aber kommen die Mode-Designer ins Spiel.
»Die Technik-Freaks denken ja erst mal darüber nach, wie man die Maschinen einfacher tragen kann«, meint Irina Thoß. »Dabei kommen dann nur Portables raus. Wir aber haben uns wirklich um Wearables gekümmert - um Geräte zum Anziehen.« Thoß, die schon eine Ausbildung zur Werbekauffrau absolviert hat, denkt dabei vor allem an den Konsumenten. »Die Leute müssen sich mit den Produkten auch im Alltag wohl fühlen.« Auch für Otten ist klar, dass sich die Modeindustrie in den nächsten Jahren immer stärker für Kleidung mit digitalen Elementen interessieren wird: »Der Markt wird explodieren.«
Doch als Avantgarde will sich die Gruppe trotzdem nicht verstehen. Auch wenn man sich in Zürich ein bisschen so in Szene gesetzt hat. Wenn die Studenten an die Zukunft denken, überwiegt die Skepsis. Will man wirklich immer elektronische Geräte bei sich tragen? Muss man immer erreichbar sein? Sollte man mit den Empfangs- und Sendegeräten das Risiko eingehen, immer und überall überwacht zu werden? Nicht zuletzt müsse man auch an die Gefahren für die Gesundheit denken, die von solchen Geräten ausgehen können.
Natürlich wird sich damit die Weiterentwicklung der Wearables nicht aufhalten lassen. Auch wird das Interesse an den modischen Aspekten, das die Studenten in Zürich noch einmal nachdrücklich geweckt haben, kaum wieder abnehmen. Schon in diesem Semester konzentrieren sich einige Studenten an der ETH Zürich auf ein einziges Thema: die technische Weiterentwicklung des Baby Sound Belt. STEPHAN POROMBKA
LINKSwww.wear-to-go.org. Dort findet man unter der Rubrik »project"den Text »Digital Body« von Otten mit Links zum Thema.www.uni-weimar.de/ ~rose3/wear/babysoundbelt.htm