HANDEL »Wir brauchen Ideen«
SPIEGEL: Herr Urban, Ihre Lieferanten beschimpfen Sie als »Erpresser«. Gewerkschaften nennen Sie mal »Jobkiller«, mal »Amokläufer«. Ist derlei für Sie Lob oder Tadel?
Urban: Vor allem ist es unrichtig. Im Unternehmen sind wir uns mittlerweile weitgehend einig. Dann kann man, ja muss man auch mal unterschiedliche Meinungen von außen ertragen.
SPIEGEL: Im Sommer teilten Sie Ihren Lieferanten mit, dass Sie von deren Rechnungen ab sofort 2,5 Prozent Rabatt einbehalten würden. Das klang arg nach Daumenschrauben und wurde gerichtlich untersagt.
Urban: Das Landgericht Essen hat uns per einstweiliger Verfügung lediglich untersagt, automatisch einen Abzug vorzunehmen. Dagegen sind wir vorgegangen. Jetzt wird das Oberlandesgericht entscheiden. Im Übrigen müssen sich auch die Lieferanten an Investitionen beteiligen.
SPIEGEL: Sie hätten die Lieferanten ja auch vorher zum Gespräch bitten können.
Urban: Das würde bei unserer Größe und 600 000 Produkten fünf Jahre dauern. Die Zeit haben wir nicht.
SPIEGEL: Als Sie vor einem Jahr Ihr Zehn-Punkte-Wertsteigerungsprogramm ankündigten, war weder von Lieferantenärger noch von Rezession die Rede. Das Ziel, bis 2003 einen Gewinn von 730 Millionen Euro zu erreichen, erscheint ehrgeiziger denn je.
Urban: An ehrgeizigen Zielen kann ich nichts Schlechtes finden. Wir haben für das laufende Jahr trotz verschlechtertem Umfeld immerhin eine Ergebnisverbesserung von mehr als 25 Prozent prognostiziert. SPIEGEL: Nach dem 11. September jammerte der Einzelhandel wie kaum eine andere Branche. Nun wird - rechtzeitig zum Weihnachtsgeschäft - der große Kauf-Boom beschworen. Wie passt das zusammen?
Urban: Ich kann nur für uns sprechen: Wir haben nicht gejammert. Im Oktober und November sind wir mit der Umsatzentwicklung im Konzern zufrieden. Auch der Dezember fing für uns gut an.
SPIEGEL: Der Einzelhandelsverband war zunächst weit weniger euphorisch.
Urban: Die Rezession hat vor allem mit Psychologie und der Stimmungslage der Verbraucher zu tun. Wir gehen für das Gesamtjahr 2001 von einem Umsatzplus von vier Prozent aus.
SPIEGEL: Immerhin stehen die Verbraucher in Ihren Kaufhäusern nun wieder in langen Schlangen. Rächt sich jetzt, dass Sie seit Ihrem Amtsantritt im Verkauf fast 3000 Stellen gestrichen haben?
Urban: Eine derart polemische Frage bringt uns nicht weiter. Meine Frage ist vielmehr: Welche Voraussetzungen muss ich schaffen, dass KarstadtQuelle künftig rentabler ist?
SPIEGEL: Wenn der gern beschworene Service leidet, mangelt es bald auch an Kunden und Umsätzen.
Urban: Der Service wird auch zukünftig nicht leiden. Dem Personalabbau sind Optimierungen bei Systemen und Prozessen vorangegangen. Manchmal muss man im Leben zwei Schritte zurückgehen, um dann drei nach vorn gehen zu können. Momentan schaffen wir eine Ertragssituation, um weiter große Investitionen vornehmen zu können.
SPIEGEL: Erst mal wächst der Frust bei den Kunden, die sich im Weihnachtstrubel schlecht beraten fühlen.
Urban: Das ist kein Karstadt-Phänomen. Im SB-Warenhaus laufen die Kunden klaglos durch 20 000 Quadratmeter und sammeln sich ihre Waren selber ein, oder sie stehen eine halbe Stunde am Bankschalter und sagen kein Wort. Im Warenhaus werden manche schon unfreundlich, wenn sie drei Minuten an der Kasse stehen. Merkwürdig, oder?
SPIEGEL: Wo sehen Sie den Grund dafür?
Urban: Bei der jetzigen Konkurrenzlage kann man zu Stoßzeiten nirgendwo ohne Wartezeit einkaufen. Service ist sicher wichtig. Aber ebenso wichtig ist die Logistik dahinter, zum Beispiel wenn Sie eine Waschmaschine kaufen.
SPIEGEL: Den Verbraucher interessiert doch nicht, wie die Waschmaschine geliefert wird, sondern nur, dass sie pünktlich kommt.
Urban: Das sehe ich anders, weil heute eine Vielzahl neuer Vertriebskanäle besteht. Wir müssen uns fragen, ob die Leute immer in unsere Kaufhäuser kommen wollen. Callcenter, Internet, Versand, Bestellung via TV, das sind alles Möglichkeiten, die wir vernetzen. Auch wenn das Thema nach den Jahren der übertriebenen Euphorie jetzt gern totgeredet wird: E-Commerce bleibt eine sehr wichtige Säule.
SPIEGEL: Was wird dann aus den Kaufhäusern, wenn alle am PC einkaufen?
Urban: Verabsolutieren Sie nicht! Die Warenhäuser sind und bleiben Kommunikationsstätten. Die Frage ist, wie weit man das Einkaufen dort noch ausschließlich als Erlebnis definieren soll. Obwohl es nicht nur überzeugende Antworten darauf gibt, geben einige eine Menge Geld dafür aus.
SPIEGEL: Sie meinen, das Schlagwort »Erlebniswelt«, auf das die ganze Warenhaus-Branche jahrelang ihre Hoffnung setzte, ist eine Schimäre?
Urban: Nein, aber man muss zumindest viel kritischer hinterfragen, was hier als Erlebnis wirklich gemeint ist.
SPIEGEL: Ist Ihre Kooperation mit der amerikanischen Kaffeehauskette Starbucks der Versuch, das eigene altbackene Image aufzufrischen?
Urban: Das ist ein Baustein. Schon 2002 wollen wir die ersten 10 bis 15 Coffee-Houses eröffnen - langfristig sollen es 1500 sein. Das ist nicht nur wirtschaftlich interessant. Die Starbucks-Philosophie und das junge Team bringen in unser Unternehmen zusätzliche Befruchtung.
SPIEGEL: Klingt nach revolutionärer Zelle.
Urban: Wir brauchen solche revolutionären Zellen, um in Ihrem Sprachgebrauch zu bleiben. Ich sage: Wir brauchen gute Ideen.
SPIEGEL: Wie für Ihre »Kaufregung«-Kampagne mit Verona Feldbusch und Harald Schmidt, für die Sie eine Menge Spott aus der Werbebranche geerntet haben?
Urban: Die Aktion war innovativ, mutig und erfolgreich. Den Karstadt-Kunden hat's offenkundig gefallen, und wir haben auch die deutsche Sprache belebt.
SPIEGEL: Nur dumm, dass Sie neben Karstadt so viele andere Marken haben, die es zu bewerben gilt: Neckermann, Quelle, KaDeWe, Hertie, Wertheim, Runners Point, SinnLeffers. Bleiben die alle bestehen?
Urban: Unsere Marken sind Werte. Wir werden sie sinnvoll aufeinander abstimmen. Ob wir all diese Marken erhalten werden, kann ich zum jetzigen Zeitpunkt noch nicht sagen.
SPIEGEL: Die Kaufhäuser schreiben nach wie vor schlechte Zahlen. Und der Versandhandel wächst nach der Fusion von Neckermann und Quelle nur mühsam zusammen.
Urban: Wir machen in allen Geschäftsfeldern Gewinn. Dabei weisen gerade die Warenhäuser eine signifikante Ergebnissteigerung aus. Und für Quelle und Neckermann haben wir jetzt die Weichen auf stärkere Zusammenarbeit gestellt.
SPIEGEL: Warum expandieren Sie nicht stärker im Ausland wie Ihre Konkurrenten Metro oder Otto, die im internationalen Geschäft sehr erfolgreich sind?
Urban: Dies ist nur bedingt vergleichbar. Im Versandhandel erzielen wir schon heute 20 Prozent der Umsätze im Ausland. Für das Warenhausgeschäft gilt für uns der alte Grundsatz: »Retail is local.«
SPIEGEL: Die Hoffnung, Wachstum für Karstadt im Ausland zu finden, haben Sie aufgegeben?
Urban: Aufgeben ist immer meine letzte Alternative. Das hat was mit meinem Sportsgeist zu tun. Aber wer das Geschäft im Heimatmarkt nicht beherrscht, wird seine Probleme nicht dadurch lösen, dass er nach China oder Polen geht.
SPIEGEL: Ihr Vorgänger Walter Deuss hat das Unternehmen über drei Jahrzehnte geprägt. Wie sieht Ihre Perspektive aus?
Urban: Wenn ich hier aufhöre und es bis dahin geschafft habe, eine Top-Mannschaft von kreativen und umsetzungsstarken Persönlichkeiten zusammenzustellen, wäre ich äußerst zufrieden. Das ist die wichtigste Voraussetzung, um Erfolg zu haben.
SPIEGEL: Hört sich an, als verstünden Sie sich nur als Kopfjäger.
Urban: Nein, ich habe eine Vision im Kopf. Wie schaffen wir es, unsere großen Werte, den Kontakt zum Kunden und das Wissen um seine Bedürfnisse, in Mehrwert umzusetzen?
SPIEGEL: Das ist keine Vision, sondern wieder eine Frage.
Urban: Meine Vision ist es, aus einem reinen Handelsunternehmen einen integrierten Handels- und Dienstleistungskonzern mit überdurchschnittlichem Ertrag zu schaffen. Dazu baue ich ein Spitzenteam mit Mut zu ständigen Veränderungen auf.
SPIEGEL: Mit diesem schwammigen Ziel gibt sich Ihr Großaktionär, die Erben des Versandpioniers Schickedanz, zufrieden?
Urban: Wir haben unsere Ziele klar definiert und publiziert. Ich kann daran nichts Schwammiges erkennen.
SPIEGEL: Versuchen Sie immer noch, inkognito in den Warenhäusern nach dem Rechten zu schauen?
Urban: Mittlerweile erkennen mich leider die meisten. Und ehrlich gesagt: Es ist auch nicht mein Job, denen vorzuschreiben, ob ein Regal links oder rechts zu stehen hat.
INTERVIEW: KLAUS-PETER KERBUSK, THOMAS TUMA
Wolfgang Urban
leitet seit etwa einem Jahr die seit 1999 fusionierten Handelskonzerne Karstadt und Quelle. 110 000 Mitarbeiter erwirtschaften dort einen Umsatz von gut 15 Milliarden Euro. Urban, 56, begann seine Karriere beim Konkurrenten Kaufhof. Innerhalb von 15 Jahren arbeitete er sich vom kleinen Angestellten zum Vorstandsmitglied hoch. Nach der Verschmelzung mit dem Cash & Carry-Riesen Metro war Urban dort einer der beiden Vorstandssprecher. Dann schied er im Streit aus - und wechselte zur Konkurrenz.