Ab nach Kabul
Deutsche Soldaten auf dem Weg nach Afghanistan - was vor vier Monaten noch absurd erschien, verwandelte sich gegen Jahresende in eine bloße Verfahrensfrage. Im Eiltempo beschloss der Bundestag den Einsatz, zu Weihnachten verabschiedeten sich die Männer der Kampfkompanien von ihren Liebsten, noch vor Neujahr wollte Bundesverteidigungsminister Rudolf Scharping die erste Hand voll Soldaten nach Kabul schicken. Damit beginnt einer der aufwendigsten Auslandseinsätze in der Geschichte der Bundeswehr.
Das Interesse der deutschen Parlamentarier bei der Sondersitzung zwei Tage vor Heiligabend war hingegen mau. Nur ein paar Dutzend Abgeordnete warteten überhaupt ab, bis Bundestagspräsident Wolfgang Thierse das Ergebnis der Abstimmung vorlas: 538 Ja-Stimmen.
Als wäre es im Jahre 2001 niemals zu Koalitionskrisen um die deutschen Auslandseinsätze gekommen, votierten bis auf die PDS alle Fraktionen für die Entsendung der Soldaten. Es sei eine »bittere Wahrheit«, so Bundeskanzler Gerhard Schröder, dass man dem Frieden in Afghanistan »nur durch den Krieg näher gerückt ist«.
Welche Gefahren auf die Deutschen am Hindukusch warten, weiß niemand. Scharping stellt für die mühsam aus der ganzen Republik gezogene, höchstens 1200 Mann starke Truppe ein »sehr umfassendes Spektrum von Risiken« heraus: Marodeure, Minen und Sprengfallen.
Und das knapp 5000 Kilometer Luftlinie von der Heimat entfernt. Das Einsatzgebiet auf dem Balkan konnte die Bundeswehr noch mit Bus und Bahn erreichen. Selbst die alten Transall-Transportflugzeuge schafften den Flug über die Alpen ohne Tankstopp. Nun übersteigt die logistische Herausforderung endgültig das Leistungsvermögen der Armee. Im pakistanischen Hafen Karatschi wollen die Deutschen ihr schweres Gerät anlanden - nach Kabul sind es von dort noch weit über 1000 Kilometer Landstraße.
Und was, wenn es richtig knallt? »Raushauen können uns nur die Amerikaner«, schwant dem Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat.
Ein weiteres Problem: Die Briten wollen die Führung nur bis maximal Ende April 2002 übernehmen. Die Deutschen fürchten eine Neuauflage des Spektakels in Mazedonien. Im vergangenen Sommer hatten die Briten sich nach 30 Tagen aus der Friedenstruppe verabschiedet. Die Deutschen mussten übernehmen. Bleiben sie nun, wieder als Nachhut der fixen Briten, auf unabsehbare Zeit in Afghanistan sitzen?
Welches das nächste Ziel der amerikanisch-britischen Kampfgemeinschaft ist, darüber hatte der deutsche Verteidigungsminister schon vor Weihnachten nach einem Treffen mit Nato-Kollegen fabuliert. »Wer Somalia ausschließt, ist ein Narr«, so Scharping im Brüsseler Luxushotel Conrad. Die Weissagung geriet in die Presse, und prompt prasselte böser Spott auf den skandalgeplagten Minister nieder.
Dabei hat Scharping vermutlich Recht. Für die US-Operation »Enduring Freedom« haben die Deutschen selbst 3900 Mann bereitgestellt, davon 1800 auf Schiffen und Booten der Marine, die gleich nach Neujahr in See stechen sollen. Das Einsatzgebiet stand schon von November an fest: die Gewässer am Horn von Afrika, vor der Ostküste Somalias. RALF BESTE, ALEXANDER SZANDAR
* In Mazedonien im Oktober vergangenen Jahres.