Junge, komm bald wieder
Der Tag, an dem die Bundesmarine den Kampf gegen den Terror aufnimmt, beginnt mit einer Lieferung Kartoffeln. Ein grüner Laster vom Großmarkt steht an der Ostmole in Wilhelmshaven, Säcke werden entladen, erst Kartoffeln, dann Zwiebeln. An der Landungsbrücke liegen links die Fregatte »Niedersachsen« und rechts die Fregatte »Emden«, die bald in See stechen wird.
Zwei Grad Celsius, der Wind ist frisch an diesem 2. Januar, Stärke fünf, graue Wolken mit einem Gelbstich. Möwen, ein Hubschrauber. Tannenbäume werden von Bord geworfen. Es beginnt zu regnen. »Scheiße«, ruft jemand an Bord der »Emden«. »Scheiße«, ruft immer jemand beim Militär, ob es Wasser regnet oder Granaten.
»Wird Zeit, dass wir hier wegkommen«, kräht ein Seemann, der mit anderen eine Leiter schleppt. Weg, nur weg hier, raus aus der Kälte, aus dem Regen. Aber wohin?
Bis nach Afghanistan, wo bislang der Krieg gegen den Terror geführt wird, schaffen sie es nicht. Das Land hat keine Küste. Wohin dann?
»Erst mal nach Kreta«, ruft ein Maat von Bord der »Emden« herunter, »mehr wissen wir auch nicht.« Ans Horn von Afrika, das ist gewiss, aber welcher Staat wird zur Basis? Dschibuti? Somalia? Warm und regenarm ist es überall dort, das immerhin. Bis zu 1800 deutsche Soldaten werden braun werden.
Die Motoren der »Emden« dröhnen, ein Schlepper kommt, es geht gleich los. 3800 Tonnen verdrängt das Schiff, die Maschinen leisten 51 600 PS. An Bord sind 219 Mann, zudem zwei Kampfhubschrauber vom Typ »Sea Lynx«, ein 76-Millimeter-Geschütz, zwei 20-Millimeter-Geschütze sowie Flugkörper vom Typ »Harpoon«, »Sea Sparrow« und »Ram«. Ein großes, mächtiges, wehrhaftes Schiff. Aber auf wen soll es schießen, wen soll es einschüchtern?
Zunächst wird es nur bis zur nächsten Wilhelmshavener Mole geschleppt, wo schon die Fregatte »Köln« liegt. Eine Gruppe Marinesoldaten marschiert von Bord, steht dann stramm auf einer nassen Wiese und hört eine Abschiedsrede vom Befehlshaber der Flotte, Vizeadmiral Lutz Feldt. Ringsum warten die Familien und Freunde der Soldaten und machen Bilder. Es regnet nicht mehr.
Der Vizeadmiral kommt gleich zur Sache und sagt den Soldaten, dass dies ein Einsatz ist, »der Sie aus Nordeuropa und seinem Winter in das Arabische Meer mit seinen für uns ungewohnten Klimaverhältnissen führen wird«. Er kündigt unverhohlen an, dass »das Wetter also ganz sicher in den kommenden Monaten ein wichtiger, bestimmender Teil Ihres Lebens im Einsatz bleiben« wird.
Zu anderen Themen kann er den Soldaten leider wenig sagen. »Vieles ist noch offen und wird auch noch offen bleiben.« Zum Beispiel gibt es noch keine »Rules of Engagement«. Es steht also nicht fest, wer genau der Feind ist und mit welchen Mitteln er bekämpft werden darf.
Gehört das lange Messer dazu, das sich ein Matrose an Bord der »Köln« nach Piratenart zwischen die Zähne steckt? Seine Freundin auf der Mole macht mit klammen Fingern ein Foto. Alle treten fröstelnd von einem Bein auf das andere. Wann geht's endlich los in die versprochene Sonne?
Erst muss Feldt doch noch ein paar Worte über den Auftrag verlieren: »Ihr Auftrag konzentriert sich auf ein Aufgabenspektrum, das von der Kontrolle des Seeverkehrs in festgelegten Seegebieten bis zur Sicherung von besonders gefährdeten Fahrzeugen reicht.« Vager geht es nicht.
Der Traum wäre natürlich, dass die »Emden« eine arabische Dau aufbringt, die vom Jemen nach Mogadischu segelt, und unter ein paar Teppichen finden die deutschen Marinesoldaten Osama Bin Laden.
Es könnte aber auch sein, dass der Marineverband so nutzlos vor sich hin gammelt wie einst die deutschen Truppen im Wüstensand von Belet Huen in Somalia. Dass man wehrhaft im Arabischen Meer dümpelt und hin und wieder auf Landgang in Dschibuti zuschaut, wie Einheimische für einen Olympiasieg im Marathonlauf trainieren. Mehr ist nämlich nicht los.
Vizeadmiral Feldt hat es schwer mit seiner Rede. Er soll seine Jungs aufbauen, aber er kann ihnen nicht sagen, was ihr Nutzen sein wird. Da geht es den Kollegen vom Heer besser. Sie werden bald in Kabul für Sicherheit und Frieden sorgen.
Der Einsatz der Marine ist bislang eher ein Symbol für die Beflissenheit der Bundesregierung, den Amerikanern ein toller Freund zu sein. Und ein Symbol dafür, dass die westliche Welt nicht weiß, wie es nach dem Sieg über die Taliban weitergehen soll im Kampf gegen den Terror.
Aber was heißt schon Kampf? »Das Risiko unserer Reise heute nach Wilhelmshaven zum Abschiednehmen ist unvergleichlich viel größer als das des Einsatzes der Soldaten«, sagt Feldt den Angehörigen. Wozu dann eine Flotte von drei Fregatten und fünf Schnellbooten entsenden?
Wenn der Feind nicht greifbar wird, dann muss man sich eben an den Freunden messen. Feldt fordert die Soldaten auf, dass »wir auch diesmal im Vergleich mit unseren Kameraden anderer Marinen eher ein Beispiel geben, als uns an ihnen zu orientieren«. So haben die Deutschen immerhin ein Minimalziel: die Besten der Treuen werden, die Weltmeister der Nutzlosen.
Feldt ist fertig, die Soldaten marschieren zurück an Bord. Ihre Reihe löst sich bald auf, weil die Frauen und Freundinnen ihre Männer herauspflücken und ein letztes Mal herzen. Als die »Emden« ablegt, hat der Wind die Wolken vertrieben. Der Himmel ist so blau wie über dem Arabischen Meer und die Sonne so strahlend wie in der Ferne. Warum dann noch auslaufen? DIRK KURBJUWEIT