Der Mann, der sich durchringt
Er blickt aus dem Fenster der Staatskanzlei auf den verschneiten Hofgarten hinaus. »Glauben Sie mir«, sagt Edmund Stoiber, »ich bin nicht geblendet. Ich habe jetzt nicht dieses Ziel vor mir, das ich immer erreichen wollte.«
Es ist Donnerstagmittag, der bayerische Ministerpräsident hat das konsularische Corps Bayerns empfangen, Generalkonsuln und Konsuln aus Spanien, Brasilien, Jugoslawien und so weiter, hat staatsmännisch Hände geschüttelt, Grußworte getauscht und versichert, Bayern sei ein »weltoffenes und gastfreundliches Land«.
Jetzt gönnt er sich eine Tasse Kaffee, es ist ein halbwegs ruhiger Moment in diesen hektischen Tagen, er spricht von der Kandidatenfrage, und er sagt: »Ich mache das aus Verantwortung. Aus Verantwortung als Parteivorsitzender. Glauben Sie mir das.«
Dreimal schon, sagt er, habe man ihn sehr ernsthaft in die Bundespolitik rufen wollen. Immer sei er in Bayern geblieben, er, Stoiber, der doch als Machtmensch gilt, als maßlos ehrgeizig, passt das etwa? Und diesmal, so sagt er, habe er sich »durchgerungen, zur Verfügung zu stehen«.
Es ist die Woche von Kreuth, da sich in der Union die Mehrheiten formieren, er hat es jetzt verkündet: Er wird es machen. Aber will er es wirklich auch? So wie es äußere Mehrheiten gibt, gibt es ja auch innere Mehrheitsentscheidungen, gibt es Abwägungen, Ja-aber-Beschlüsse: Wie viel Prozent Kanzlerkandidat ist er, wenn er sich selber prüft? 60 Prozent? 80 Prozent? Oder 100?
Stoiber, das ist dieser CSU-Mann, der immer so verschlossen erscheint, so nüchtern, der viele zum Stutzen bringt: Wie? Der soll Oberbayer sein, und katholisch noch dazu? Ein graublonder Herr von 60 Jahren, einer mit angeborenen Bügelfalten und Gewohnheitsgriff zur Krawatte; verspannt wirkt er oft, wirkte er mehr denn je, so wie er in Wildbad Kreuth über das Glatteis schritt, auf frierende Journalisten zu. Er schwieg zu jener Frage, die allen die wichtigste war. Fast sah es so aus, als ob er vor den Kameras fliehen würde.
Er zeigte sich kaum. Er ließ reden. Abends zog er zum Gottesdienst in die Kreuther Kapelle ein, wo die CSU »Nun freut euch, ihr Christen« sang; er kam zu spät. Er begnügte sich mit einem Schemel, als kein Platz mehr war. Er sang mit, obwohl er nicht besonders gut ist darin, und dann versank er in sich selbst.
Hat er zugehört? Einmal musste er lächeln, als Frau Oberkirchenrätin Dorothea Greiner ihre Fürbitte sprach: »Ich wünsche dir Menschen, die dir widersprechen, wenn nötig. Die dich hinterfragen, die dir neue Wege weisen, so dass du deine Meinung überprüfst.« Jedem Einzelnen wünschte sie aber auch, er möge erfahren, wie »unfertig« er sei. »Weil noch vieles in dir auseinander klafft, mit dir im Streit liegt.« Da lächelte er nicht.
Als er die Kirche betrat, sah es aus, als hätte er einen Auftrag, und als er herauskam, auch. Immer sieht er so aus. Wann hat er ihn sich gegeben? Wann hat er beschlossen, dass das seine Pflicht sei: Ich muss alles richtig machen? Ich muss der Beste sein?
Er war nicht immer so, ganz früh jedenfalls nicht. Er war kein Streber, dieser Junge aus Oberaudorf, dessen Familie ärmer war als die meisten und dessen Vater es nicht recht geschafft hatte im Leben, lange war er arbeitslos, und die Mutter versuchte, mit ihrem Ehrgeiz alles wettzumachen: Geh aufs Gymnasium, Junge. So hat's der Strauß gemacht, und der Adenauer auch, und aus denen ist was geworden, oder nicht? Edmund hat sich mehr für Fußball interessiert, und in der zweiten Klasse am Gymnasium flog er durch. Wegen Latein.
Aber es muss doch an ihm genagt haben, dieses Abseitsstehen. Es wurde nichts mit dem Fußball, ein Fritz Walter, das hat er bald erkannt, würde er nie. Aber Respekt braucht der Mensch, und irgendeine Idee, wo es langgeht im Leben, und nach und nach wurde er dann doch so, wie die Mutter es gewünscht hat. Ist eifrig geworden. Hat Jura studiert. Und hat die Politik entdeckt, die konservative natürlich - später, in seiner persönlichen Geschichtsschreibung, hat er den Moment sehr weit vorverlegt: 1952 habe er im Radio zum ersten Mal Franz Josef Strauß gehört. Das habe ihn »ungeheuer aufgewühlt«. Da war er zehn.
Mit 17 ist er in die Junge Union eingetreten, mit 51 war er bayerischer Ministerpräsident - er ist einen geraden Weg gegangen, anders als Schröder, den er schon erlebt hat, als er in dem noch einen »echten, marxistischen Sozialisten« sah. Er selbst war damals schon CSU-Generalsekretär. Eisern, aktenfleißig hat er seinen Aufstieg betrieben. Diese Bilder von Schröder, Fischer, Lafontaine im Oktober 1998, außer sich vor Begeisterung über die neue Koalition - unvorstellbar bei einem wie ihm. Bei Stoiber gilt es schon als bemerkenswert, wenn er sich nach einem Wahlsieg das Bier wieder schmecken lässt, in Maßen, nach wochenlanger Abstinenz. Er ist ja kein Genussmensch, keiner, der sich einem Sieg lustvoll hingeben kann. Erfolg, das heißt für ihn: Ich bin es. Ich hab's geschafft. Und was muss ich jetzt tun?
Schon eine öffentliche Umarmung fällt ihm schwer. Steif wirkt das oft, so, als müsste er immer noch üben, wenn er öffentlich seine Frau Karin umfasst, mit der er verheiratet ist seit 33 Jahren, und auf Fotos sieht das manchmal so aus, als hätte man zwei Urlaubsbekanntschaften nebeneinander gestellt: So, jetzt rückt mal ein bisschen zusammen. Danke, das war's.
Man zeigt keine Gefühle, keine sanften jedenfalls. Die aggressiven schon. Das Poltern, das Handkantenschlagen auf Rednertribünen - das macht er gern, auch wenn die Sätze, in die er seine Ausbrüche kleidet, oftmals enden im Nichts. Kein Improvisierer, kein einnehmender, spontaner, verführerischer Redner, wie es Gerhard Schröder sein kann - Stoiber sagt ja selbst, dass er da nicht wie der Bundeskanzler sei, »der sich gut darstellen kann, und dann ist nichts dahinter«. Stoiber trägt Sachfragen vor, immer wieder Sachfragen, und eines seiner Lieblingswörter heißt: »Kompetenz«. Oder gar »Kompetenz-Kompetenz«.
Manche seufzen, wenn er wieder mal den Lehrer Lämpel macht: Zeigefinger hoch, Kinn hoch und alles besser wissen. Er hat hohe Ansprüche, an sich und an andere ebenso. An seine Ehefrau den, dass sie ihm nicht in die Parade fährt, denn »eine Frau, die ihrem Mann beim Regieren dazwischenredet, wollen die Bayern nicht«, hat er nach seiner Wahl zum Ministerpräsidenten gesagt. An seine Kinder auch, gern zeigt er sich mit den beiden Töchtern, die Jura studiert haben, nur auf den Sohn ist er weniger stolz. Der hat gerade so seine Banklehre hinter sich gebracht, und es kann vorkommen, dass der Vater in Hinterzimmern über die mangelnde Leistungsbereitschaft der Jugend spricht und als Beleg seine eigene Familie anführt.
Es soll noch einen anderen Edmund Stoiber geben, sagen Freunde, einen, der entspannt sein kann und Witze machen - der Öffentlichkeit zeigt er den nicht. Die sieht einen Mann, der seine Pflicht tut, immer, egal, was passiert. So wie am Aschermittwoch 1979, als er auf einem Podium in der Passauer Nibelungenhalle stand. Kurz davor hatte er erfahren, dass seine Mutter gestorben war. Aber man sagt wenigstens ein paar Sätze. Man rennt nicht einfach weg.
Jetzt sei es wieder die Pflicht, so sagt er, die ihn dazu bringe, als Kanzlerkandidat bereitzustehen. Er ist bayerischer Ministerpräsident in seiner prächtigen Staatskanzlei, er empfängt Diplomaten, reist ins Ausland, pflegt Wirtschaftskontakte wie ein Kanzler, eigentlich macht er schon lange nicht nur Europa-, sondern auch Weltpolitik, ganz so, als wäre der Freistaat ein echter Staat. Warum also nach Berlin?
Er bestreite, sagt er mit Blick auf den verschneiten Hofgarten, dass er der Hund sei, »den man zum Jagen tragen muss«. Aber seine innere Mehrheitsentscheidung - bei 100 Prozent liegt die sicherlich nicht. Er muss ja der Beste sein, er muss ja gewinnen, und so richtig klar ist es nicht, ob die Opposition wirklich Aussichten hat auf einen Sieg. Aber die Chancen steigen. Im November, sagt Stoiber, habe er entschieden, dass er antreten werde; da fing die Union an, wieder Tritt zu fassen. Lust hat er jetzt schon. Vielleicht zu 80 Prozent?
Liberal gibt er sich nun, will niemand erschrecken mit rechten Parolen, und führt als einen Grund für die große Unterstützung in der CDU seine bayerischen Wahlsiege an: »Zweimal hatte ich mehr als 50 Prozent - da sagen sich etliche in der CDU, das muss doch ein Mann der Mitte sein.«
Kein böses Wort über Angela Merkel, natürlich nicht. Als »hartnäckig« und »kompetent« habe er sie erlebt, »sehr schnell« argumentiere sie und »präzise«, dank der Tatsache, dass sie nicht wie so viele im Politikbetrieb Juristin sei, sondern Naturwissenschaftlerin - »wie übrigens damals auch Lafontaine«.
Den Namen Stoiber kenne sie schon lange, habe Merkel ihm mal erzählt. Früher, zu DDR-Zeiten, habe sie beim Abspülen Personen aus der westdeutschen Politik memoriert, da war er auch schon dabei. Das klingt sympathisch. Und auch so, als ob er sagen wollte: Mädchen, nun lass mal, du bist ja noch jung. Du hast noch eine Weile Zeit. BARBARA SUPP