AFGHANISTAN Schnell Flagge zeigen
Wer beim Anflug auf Kabul die über 4000 Meter hohen Berge hinter sich lässt, um zur Landung anzusetzen, sucht am Boden nach Orientierung im unübersichtlichen Gelände. Doch vor den Augen der deutschen Soldaten, die am vergangenen Freitagmorgen in einer niederländischen C-130 »Herkules« Kabul ansteuerten, breitete sich eine Landschaft aus, in der Fixpunkte fehlen.
Der Krieg und die jahrelange Dürre haben alles feldbraun getüncht. Berge, Äcker, Bäume, zerstörte Lehmhäuser, ausgetrocknete Flussläufe, verrostete Panzer und verlassene Kampfstellungen bereiten jedem Besucher einen öden Empfang. »Es dauert ein paar Tage, bis man sich an die Tristesse hier gewöhnt hat«, sagt ein deutscher Offizier, der zum Flughafen Bagram gefahren ist, um die Soldaten zu begrüßen.
35 Deutsche, 10 Niederländer und ein Österreicher saßen in der ersten Maschine, die auf dem 60 Kilometer nördlich von Kabul gelegenen Militärflughafen landete. Mehrmals war der Flug verschoben worden, mal lag es angeblich an verschneiten Startbahnen in der Türkei, mal am Nebel in der afghanischen Hochebene. Die niederländischen Piloten hatten einen Weiterflug vom türkischen Trabzon deshalb zweimal verschoben. In Kabul mussten sie ohne elektronische Navigationshilfen aus-
kommen und die Maschine im Sichtflug auf die lädierte Piste bringen.
Gegen acht Uhr Ortszeit erwischten sie endlich ein Schönwetterloch und schraubten ihren Transporter spiralförmig aus dem blauen Himmel hinunter. Der steile Anflug soll einen Beschuss durch »Stinger«-Raketen zumindest erschweren - in den Bergen werden noch immer versprengte Taliban-Einheiten vermutet, ähnlich wie in Kandahar, dessen Flughafen wenige Stunden zuvor beim Abflug eines US-Militärtransporters mit al-Qaida-Gefangenen an Bord beschossen worden war.
Wegen des stotternden Anflugs machte in der Heimat bereits das böse Wort von den »Schönwetter-Soldaten« die Runde, Harald Schmidt hatte in seiner Show ausgiebig über das deutsche Vorauskommando gelästert. Oberstleutnant Dietmar Jeserich, gerade gelandet und noch ein bisschen müde, wird bei dem Thema hellwach. »Herr Schmidt kann gern hierher kommen! Dann reden wir mal, aber nicht nur übers Wetter!«, kontert der Offizier und befiehlt: »Alle Soldaten mal eben zusammentreten!«
Nun stehen die Deutschen neben der Landebahn zwischen ihrem grünen Gepäck und jeder Menge Mineralwasserflaschen. Alles, was ein Soldat zum Leben braucht, wird über die lange Nabelschnur von Deutschland nach Afghanistan transportiert: Organgensaft und Nudeln, beheizbare Zelte und Feldküchen, Benzin und Munition. So wird das Risiko verringert, fern der Heimat zu erkranken. Die Amerikaner mussten bereits mehrere GIs wegen gefährlicher Lebensmittelvergiftungen ausfliegen - sie hatten sich zum Essen einladen lassen.
Lieber langsam, aber dafür sicher, ist die Devise der Bundeswehr beim Aufmarsch am Hindukusch. In Afghanistan wurde den Deutschen ihre Vorsicht auch nicht übel genommen. »Wir freuen uns sehr über die Ankunft«, ließ Interimspremier Hamid Karzai verlauten und schlug vor, die internationale Schutztruppe auch in anderen Landesteilen einzusetzen. Kaum eingetroffen, erhebt Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler sanften, aber bestimmten Einspruch: »Dazu reicht unser Mandat nicht aus.«
Noch wirken die Soldaten aus Oldenburg neben all den zielstrebigen GIs und Briten ein bisschen unbeholfen. Während die ersten Dingo-Transporter aus der riesigen »Antonow« gehoben werden, zeigt ein britischer Offizier wichtig mit dem Finger nach links und rechts: »Mines, don''t go there!«
Als ob sie das nicht selbst wüssten. Im Kosovo gab es schließlich auch Minen. »Hier sind es natürlich viel mehr«, sagt Oberstabsarzt Carsten Schnieder, der die tückischen Sprengfallen noch aus den Bergen bei Prizren kennt. Nicht weit von der Stelle, wo der eben eingeflogene Schnieder seinen Rucksack schultert, ist vor wenigen Wochen ein US-Soldat auf eine Mine getreten. Sie riss ihm ein Bein ab. »Dass man hier im Gelände nicht pinkeln darf, hätte der wissen müssen«, sagt Schnieder.
Vermintes Gelände bei Kabul - das gilt auch im übertragenen Sinn. Die Engländer warfen der Bundeswehr beispielsweise vor, dass die »Antonows«, die schon am Freitag acht Tonnen Lebensmittel für die deutsche Truppe lieferten, »unseren Flughafen blockieren«. Doch auch die afghanischen Milizionäre, die in Latschen gegen die Taliban gekämpft haben, wollen keineswegs wie Komparsen dastehen, wenn Hightech-Soldaten aus Deutschland anrücken. Der erste Konflikt zwischen Einheimischen und Auswärtigen lässt nach der Landung auch nicht lange auf sich warten.
Kaum beantwortet von Butler vor dem Flughafentor am Straßenrand ein paar Fragen von Journalisten, herrscht ihn ein Kämpfer der Nordallianz an: »No press! No interview!« Von Butler bleibt ruhig und lässt sich nicht unterbrechen: »Es wird zunächst ein spartanisches Leben für die Soldaten hier werden.« Der ignorierte Afghane meutert noch ein bisschen, dann zieht er ab - ein kleines Vorspiel auf das künftige Kräftemessen zwischen der internationalen Schutztruppe und den afghanischen Freischärlern, die Kabul nicht räumen wollen (siehe Interview).
Überall auf den Straßen der Hauptstadt patrouillieren Kämpfer, die sich auf ihre Kalaschnikows stützen oder Granatwerfer bei sich tragen. Ob sie für Sicherheit sorgen sollen oder eher selbst eine Gefahr darstellen, ist nicht klar - in Afghanistan ändert sich das von Fall zu Fall.
»Dieser Einsatz ist nicht ungefährlich«, gibt von Butler zu. Hinter seinem Rücken wird gerade die Fracht der zweiten »Antonow« entladen. »Aber wir sind gut vorbereitet.« Selbst bei ihrem Zwangsaufenthalt in der Türkei wurden die Soldaten noch einmal geschult. So schärfte ein landeskundiger Mitarbeiter der Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit den Hindukusch-Neulingen ein: »Nie über Afghanen lachen.«
Dass im künftigen deutschen Sektor, Kabul Nordost, die Patrouillen keine Sonntagsspaziergänge sein werden, sondern auch durch eher üble Stadtteile führen, wissen die Soldaten bereits. Sie kennen sogar den Namen des berüchtigtsten Quartiers: Hatkil. Wem in Kabul etwas gestohlen wurde, der sucht das Diebesgut als Erstes hier. Das Lehmhüttenviertel liegt an der Fernstraße nach Jalalabad, auf der die Deutschen ihre ersten Streifeneinsätze fahren wollten. Oberstleutnant Jeserich: »Wir zeigen schnell Flagge.«
In Hatkil hat sich schon rumgesprochen, dass der Stadtteil bald zum deutschen Sektor gehören wird, Begeisterung darüber ist nicht ausgebrochen. Fremde erscheinen vielen Einheimischen suspekt. Manche Blicke sind feindselig.
Frauen huschen in Hatkil nur manchmal die lehmigen Pfade entlang. Bis sie ihre blauen Burkas ablegen und Gesicht zeigen können, bis auch die Männer ihre Bärte abnehmen, wird es wohl noch lange dauern. Ähnlich viel Zeit dürfte vergehen, bis die in Aussicht stehenden ausländischen Finanzspritzen dem geschundenen Land wirklich helfen.
Vermutlich wird die EU 2,5 Milliarden Euro auf der für Anfang nächster Woche in Tokio geplanten Geber-Konferenz für ein Fünfjahresprogramm zum Wiederaufbau Afghanistans zur Verfügung stellen. Gleiche Beträge sollen aus den USA, aus Japan und anderen asiatischen Staaten sowie aus arabischen Ländern kommen.
»Mit unseren Maßstäben kann man das Leben hier nicht messen«, hat ein deutscher Soldat schon bei der Ankunft am Flughafen erkannt. Er packt seine Sachen und bricht mit seinen Kameraden zum deutschen Camp auf, einem Bauhof am Stadtrand. Britische Soldaten geleiten die Deutschen am Freitagnachmittag im Konvoi ins Quartier, 60 Kilometer durch ehemaliges Frontgebiet.
Ab und zu passiert der Konvoi Posten der Nordallianz. An einem dieser Kontrollpunkte lümmelt sich ein junger Kämpfer auf einem Stuhl, die Kalaschnikow griffbereit. Zum Gruß hebt er kurz die Hand und lächelt. Jedenfalls am Tag ihrer Ankunft sind die Deutschen seine Freunde. CLAUS CHRISTIAN MALZAHN
* Am vergangenen Freitag.