Der Hiob von Nürnberg
Hat ja noch mal geklappt. Vor allem, weil der Herr Bauer, Besitzer einer hochanständigen Rioja-Sammlung und Büroleiter des Präsidenten, einer der Fleißigsten vor dem Herrn ist. Der gute Herr Bauer also hat sich am Abend vor dem großen Tag noch mal dahinter geklemmt, damit in der Nacht die beiden Druckmaschinen, Model Aficio, rattern konnten. Heute früh wurden die Berichte dann unter Hausmeisterbewachung aus dem dritten Stock hochgeschafft in den zehnten, schnell haben sie dort noch das Statement vom Chef kopiert und alles mit einem Deckblatt versehen: »Sperrfrist 9.55 Uhr«, in großen, fetten Lettern. Jetzt erst ist alles fertig zum Verschicken, Verfaxen, Verteilen - und jetzt erst dürfen die Damen Häberlein-Meier und Grohmann vom Referat IIIb3 die Stapel auf ihren Aktenwagen verladen und losrollen. Richtung Fahrstuhl.
Auf in den Kampf.
Es ist 9.51 Uhr. Nürnberg, Regensburger Straße 104, die »Bundesanstalt für Arbeit/ Hauptstelle«, Bekanntgabe der Arbeitslosenstatistik. Es ist wie immer Anfang eines Monats. Und den beiden Damen ist wie immer mulmig zu Mute.
Sie schieben den Aktenwagen in den Fahrstuhl. Drücken den Knopf. Zehnter, neunter, achter Stock. Was denken die Verwaltungsangestellten Renate Häberlein-Meier, 38, und Ethel Grohmann, 47, während sie schweigend abwärts gleiten? Daran, dass gleich die Piranhas über sie herfallen werden?
»Piranhas«, das sagt immer der Kollege Kleinlein, wenn er das Ritual beschreibt. Direktor Mann, Bereichsleiter Information und Statistik, spricht von einem ausgehungerten Wolfsrudel. Und der Chef selbst sagt, mit der Humanisierung der Arbeitswelt könne es nicht weit her sein, wenn er jeden Monat diese Rauferei sähe. Frau Häberlein-Meier jedenfalls wird sich hüten, diesmal den Journalisten zu nahe zu kommen. In den Jahren zuvor wurde sie gestoßen, geschubst, es gab blaue Flecke und im vergangenen Jahr einen langen Kratzer quer über die rechte Wange.
Erster Stock. Die Fahrstuhltüren gleiten auf. Frau Häberlein-Meier gibt dem Aktenwagen einen Schubs nach vorn. Und springt selbst zurück.
Die Journalisten, ein knappes Dutzend, jeder ein Handy am Ohr, haben schon gelauert. Stürzen auf den Aktenwagen, jeder rupft sich einen Bericht vom Stapel, dann hechten sie zu ihren klaffenden Laptops, die sie auf dem grauen Teppichboden vor dem Fahrstuhl postiert haben, Stifte fliegen übers Papier, Infrarot-Schnittstellen werden aktiviert, Zahlen ins Handy gebrüllt. Nein, magische Vier nicht überschritten! Ja, schwacher Abschluss, wegen geringerer Kaufkraft infolge höherer Energiepreise! Ja, Ausgaben fürs Insolvenzgeld stiegen um 671 Millionen auf 2,68 Milliarden, ich wiederhole!
Fast möchte man sich umschauen, ob nicht irgendwo Dieter Wedel rumsteht und heimlich Regie führt.
Aber in den Redaktionen von Reuters, AFP, Dow Jones, VWD, Bloomberg warten echte Chefs vom Dienst auf echte, bestätigte Zahlen, und weil es bis zur Sperrfrist noch drei Minuten sind, geht es tatsächlich um jede Sekunde Vorsprung, geht es darum, einen überraschenden Aspekt herauszufischen, noch in die Zehn-Uhr-Nachrichten zu rutschen, dem Aktienmarkt und dem Handel mit Rentenpapieren die Zahlen als flashes und snaps, also als Superkurzmeldungen, in die Leitung zu jagen.
Der Bericht, 44 Seiten dick, gedruckt auf grauem Papier, enthält grausam viele Zahlen. Die Arbeitslosenziffer für den Dezember, 3 963 500, ist nur eine, dazu alle erdenklichen Vergleichszahlen, Vormonate, Männer, Frauen, Gewerbe, Ost, West, Schicksale, Menschen - alles wird verwandelt in snaps und flashes und Tagesthemen. Ein Ritual, bekannt aus dem Fernsehen, unwirklich aus der Nähe.
Aber die Börse will es so, und Politiker brauchen Anlässe. Und deshalb werden sich in der »Tagesschau« die Herren Merz (zornbebend) und Kuhn (gramvoll) äußern, wird Schröder am nächsten Morgen auf Seite 1 der »Bild«-Zeitung sein »Bedrücktsein« erklären. Und die Wirtschaft?
»Wirtschaft«, sagt Bernhard Jagoda, Chef der Bundesanstalt für Arbeit, der jetzt, Punkt 9.55 Uhr, den Flur entlangkommt, Hände schüttelnd wie ein freundlicher Bürgermeister, »Wirtschaft besteht aus 50 Prozent Psychologie - die Menschen wollen glauben.« Und er meint: Die Wirtschaft ist nur scheinbar exakt. In Wahrheit geht es um Magie und unsichtbare Hände, und diese okkulten Kräfte gilt es in gesittete Bahnen zu lenken. Mit einem Wort: Es geht um Religion. Bernhard Jagoda, Herr über 93 000 Mitarbeiter und einen 102-Milliarden-Etat, CDU-Mitglied und ebenso katholisch wie regierungsloyal, ist ein heimlicher Priester.
Zehn Uhr. Sitzungssaal 156. Die Pressekonferenz beginnt. Die Tische stehen im Kreis. Sechs Fernsehkameras, 30 Journalisten. Jagoda jongliert, unerschütterlich freundlich, mit Riesenzahlen, erzählt von Kombilohn, von Job-Aqtiv-Gesetz und Profiling-Initiative.
Trübe Fakten. Doch Jagoda, Priester der Konjunktur, nutzt jede Gelegenheit, die Pressekonferenz in eine Messe zu verwandeln. Seine Botschaft, in drei Worten: erstens Zuversicht, zweitens Optimismus, drittens Zuversicht. Und wenn am Ende die Aufmerksamkeit im Sitzungssaal 156 abflaut, verständlich nach der Hysterie der ersten Minuten, bekommt Jagodas Stimme einen beschwörenden Klang: »Bei all diesen Bemühungen geht es um Schicksale und Familien.«
Das war's. Es ist 10.20 Uhr. Am 6. Februar trifft man sich wieder. Dann fällt wohl auch die magische Vier. RALF HOPPE