Drei sind einer zu viel
Es ist bei diesen Gelegenheiten sehr still in dem kleinen Behandlungszimmer. Eine Schwangere liegt in künstlichem Tiefschlaf, der Lautstärkeregler für die kindlichen Herztöne ist ganz heruntergestellt. Axel Feige, umgeben von Ultraschallmonitoren, stößt eine Nadel durch die Bauchdecke der Frau, verfolgt ihren Weg bis in die Gebärmutter und sticht dort in das Herz eines Kindes. Eines von dreien. Dann spritzt er Kaliumchlorid, zwei Milliliter, zügig hinein und wartet, mit der Nadel in der Hand, ein, zwei quälende Minuten lang. Er starrt auf die Monitore, beobachtet, wie das Herz langsamer schlägt und schließlich stehen bleibt.
Ein zweiter Arzt muss immer mit dabei sein, und meist liegt tiefes Schweigen über dem Raum. Das Herz eines Ungeborenen hat in der 15. Woche ungefähr die Größe eines Kirschkerns. Da muss Feige sehr genau zielen. Nach dem Stich bäumen sich die Ungeborenen noch mal auf. Das ist ein Reflex, kein Schmerz, denn zuvor haben die Ärzte dem Kind über die Nabelschnur ein Schmerzmittel gegeben. Aber dieses Aufbäumen ist schwer zu ertragen. Danach fühlt sich Feige erschöpft.
Früher gehörten solche Eingriffe nicht zu seinem Beruf. 60 ist der Chefarzt der Klinik für Geburtshilfe des Nürnberger Klinikums Süd im letzten Jahr geworden. Sein halbes Leben lang hat Feige Kinder auf die Welt geholt, Zehen und Finger gezählt, Nackenfalten vermessen. Aber seit einiger Zeit fühlt er sich missbraucht.
Denn bei den geschätzten Kollegen in den Fortpflanzungskliniken läuft manchmal nicht alles so wie geplant. Die Erfüller verzweifelter Kinderwünsche pflanzen ihren Klientinnen gern drei Embryonen auf einmal ein - so viel ist erlaubt. Natürlich setzen sie darauf, dass nicht alle weiterleben. Aber manchmal geht dieses Kalkül mit dem Kindstod nicht auf. Statt eines ersehnten Kindes wachsen im Leib der Frau gleich drei heran. Was dann?
»Dann halsen die Kollegen uns das auf, nach dem Motto: Schwanger ist die Frau, der Rest ist euer Bier.« »Mehrlingsreduktion« nennen die Reproduktionsmediziner das Verfahren, das sie Eltern nahe legen, um unliebsame Folgen ihrer Behandlungskunst zu vermeiden. Feige spricht von Fetozid - Tötung von Föten.
Aber warum überträgt ein Arzt überhaupt drei werdende Leben, wenn er um die möglichen Folgen weiß?
»Ha«, lacht Feige verächtlich: »Man will erfolgreich sein, will hohe Schwangerschaftsraten vorweisen, damit der Laden läuft. Und die Frauen kriegen Panik, wenn die biologische Uhr tickt: Mach los, ich will schwanger werden, aber schnell.«
Feige im weißen Kittel schließt die Augen, knetet mit Daumen und Zeigefinger die Nasenwurzel. Dann wirft er über seinen penibel geordneten Schreibtisch hinweg einen Blick zu den Fenstern der Kinderstation, die ein Stockwerk unter seiner eigenen liegt. Dort beugt sich hinter Gardinen mit großen Streublumen sein alter Weggefährte Helfried Gröbe, 61, über die Brutkästen in der Frühgeborenenstation.
Gröbe leitet die Kinderklinik. Auch sein Alltag ist komplizierter geworden, seit so viele Frauen nach einer Retortenzeugung mehr als ein Kind auf einmal bekommen. Noch nie sah der erfahrene Mann so viele Zwillinge und Drillinge wie heute.
Der neuesten Statistik der In-Vitro-Fertilisation entnahm er, dass die deutschen Fortpflanzungsärzte im Jahr 2000 beinahe jeder zweiten Frau drei Embryonen gleichzeitig in die Gebärmutter setzten. Dazu kommen noch die Frauen, bei denen der Arzt vor einer Besamung den Eisprung auslöst, obwohl durch Hormonstimulation mehr als ein Eifollikel herangereift ist. Gröbe schüttelt den Kopf: »Ein absoluter Irrweg. Unverantwortlich.« Da gehe es ja nicht nur um Fetozid. Es gehe auch um die Frühgeburten, die Behinderungen und Schwangerschaftskomplikationen bei Mehrlingen. »Die Reproduktionsmediziner zählen nur die Schwangerschaften. Die Frauen wollen aber nicht schwanger sein, sie wollen ein Kind haben, und zwar ein gesundes.«
Viele von den Kindern, die in Gröbes Kästen liegen, mussten sich den Platz in der Gebärmutter teilen. Irgendwann waren sie nicht länger im Mutterleib zu halten, drängten heraus mit papierdünner Haut und unreifen Organen.
Bei Drillingen können Eltern von Glück sagen, wenn alle drei gesund auf die Welt kommen und die Mutter keinen Schaden leidet. Vor kurzem sah Gröbe eine 31-Jährige, der drei Embryonen transferiert worden waren. Eines der drei Kinder erlitt eine Hirnblutung, ein anderes bekam zu Hause Krampfanfälle und musste mit dem Notarzt ins Krankenhaus.
»Schon Zwillinge sind eine riskante Laune der Natur. So etwas dürfen wir nicht nachahmen.« Sehr viele von ihnen beginnen ihr Leben im Hightech-Trakt der Frühgeborenenstation. Gröbe schlüpft in seinen Kittel. Gerade erst gab es oben im Stockwerk des Kollegen Feige eine Zwillingsgeburt. Jetzt muss er nach den beiden krebsroten Säuglingen in den geheizten Plexiglas-Inkubatoren sehen. Nebenan ringt ein Zwillingskind qualvoll nach Luft, an die 600 Gramm Geburtsgewicht, der Schädel von einer Gehirnblutung verformt. Kürzlich verlor eine Zwillingsmutter ein Kind in der 18. Woche, sein Geschwister kam bald darauf mit einem Wasserkopf zur Welt. »Geistige Behinderung, spastische Lähmung - das sind Probleme, die noch lange die Familie belasten werden.«
Die Natur bestimmt von 80 bis 90 Geburten eine zur Zwillingsgeburt. Nach künstlicher Befruchtung ist es etwa eine von vier. 11 481 Zwillingsgeburten und 486 Drillingsgeburten wurden im Jahr 1999 insgesamt gezählt. »Drillinge sehen wir fast nur nach In-Vitro-Zeugung«, sagt Gröbe. Wenn die Presse gar die Geburt von Vier- oder Fünflingen beklatscht, wird der gutmütige Kinderarzt wütend: »Das sind katastrophale Fehler der Fortpflanzungsmedizin.«
Die Körper der Frauen sind mit mehr als einem Kind oft überfordert. Sie bekommen frühe Wehen, müssen viel liegen, die Gefahr eines tödlichen Blutpfropfens in der Lunge oder im Gehirn wächst. Nach dem Abtreibungsparagrafen 218 kommt Fetozid immer dann in Frage, wenn die Gesundheit der Frau, körperlich oder seelisch, durch die Schwangerschaft oder Geburt gefährdet ist. Bei einer Drillingsschwangerschaft lässt sich das nie ausschließen.
Kollege Feige überlegt: Im Prinzip wäre es, bei der Fülle von Komplikationen, medizinisch und juristisch sogar vertretbar, von Zwillingen auf ein Kind zu reduzieren. »Wir machen das nicht, aber es kommt vor.«
In Deutschland?
»Auf jeden Fall.«
Etwa zwei Dutzend Mal hat Feige in den vergangenen Jahren aus Drillingen Zwillinge gemacht. Seine Patientinnen kommen aus ganz Bayern. Den Eingriff führen nur Ärzte durch, die für die Diagnostik und Therapie am Ungeborenen ausgerüstet sind. Davon gibt es wenige in Deutschland. Fast alle, zusammen etwa 30 Kollegen, haben sich notgedrungen bereit erklärt, Frauen zu helfen, denen Erfolg heischende Fortpflanzungsexperten ein Kind zu viel gemacht haben. Es mögen jedes Jahr 150 sein, deren Leben im Mutterleib beendet wird, schätzt Feige. Zählen mag die toten Kinder niemand, schon gar nicht die Reproduktionsmediziner.
»Sie kennen ja meine Einstellung«, sagt Gröbe später zu Feige und schaut dem manchmal etwas distanziert wirkenden Kollegen, der ihn um halbe Kopfeslänge überragt, über den Brillenrand hinweg in die Augen. »Was Sie da tun, finde ich schrecklich.«
Gröbe kann nicht akzeptieren, dass Ärzte Zulassungskriterien fürs Leben erteilen sollen. Auch bei seinen eigenen Kindern hat er darauf verzichtet, im Leib seiner Frau nach Behinderungen zu suchen. »Wenn bei uns ein Kind in der 22. Schwangerschaftswoche geboren wird, halten wir es mit allem Einsatz am Leben, auch um den Preis schwerer Behinderungen. Dann kann ich doch nicht ein anderes praktisch im gleichen Alter abtöten. Da müsste ich mich ja in meiner Person spalten.«
»Aber bei euch sterben doch auch Kinder«, wendet Feige Verständnis suchend ein. »Aber nicht absichtlich«, gibt Gröbe zurück. »Absichtlich ...«, murmelt Feige, sinnt kurz nach, sagt nichts mehr und schaut hinab auf seine schlanken Hände.
An Gröbes Achtung vor Feige, dem Arzt und dem Freund, ändert das nichts. Ganz klar, es ist eine Falle, in die der Kollege da hineingetrieben worden ist. Vielleicht hat Gröbe auch einfach Glück gehabt. In seinem medizinischen Fach sind die Kinder schon da, ihre Existenz steht außer Frage. Er muss nicht die Entscheidungen des Pränataldiagnostikers treffen. Und er ist erleichtert darüber, denn er kennt das Leid der Eltern und der Kinder genauer noch als Feige. »Die Eltern, nicht ich, müssen mit den Kindern leben.«
Aber der Fetozid, da sind sich beide einig, ist das düsterste Kapitel der Fortpflanzungsmedizin. Das muss ein Ende haben. So wie in Schweden und Finnland. Dort haben die Kollegen längst Konsequenzen gezogen und setzen sehr oft nur einen Embryo ein. Die Schwangerschaftsraten sind dort genauso hoch wie in Deutschland. Das ist allerdings nur möglich, weil es den Kollegen dort erlaubt ist, die Embryonen anzuschauen und denjenigen Achtzeller auszusuchen, der am vielversprechendsten aussieht.
Feige vergleicht: »Bei uns darf man nicht den Fittesten nehmen, sondern muss alles einsetzen, was befruchtet ist, egal wie es aussieht.« So schreibt es das Embryonenschutzgesetz vor. »Wenn die Fortpflanzungsmediziner und Politiker dieses Gesetz ändern wollten: Unsere Unterstützung hätten sie«, sagt Feige achselzuckend.
Als junger Arzt war Feige einer der Ersten, die in Deutschland per Ultraschall in die Bäuche der Schwangeren schauen konnten. Stundenlang sah er zu, wie sich die Ungeborenen in der Gebärmutter bewegten, wie sie die Zunge herausstreckten, wie sie das Fruchtwasser einsogen und wieder ausspuckten, wie sie Arme und Beine bewegten, mit dem Kopf nickten und sich drehten. »Das hatte damals ja noch nie einer gesehen.«
Jetzt, am Ende seiner beruflichen Laufbahn, scheint es, als kehrten sich sein Wissen und sein Können gegen ihn. »Man tötet ja aktiv einen Menschen«, sagt Feige. »Das mit der Spritze, das bin ja ich.«
Freilich, das Gleiche geschieht auch bei einer Spätabtreibung, und auch die führt Feige durch. Nicht, wenn ein Kind zum Beispiel unter dem Down-Syndrom leidet. Erst vor kurzem jedoch saß eine Frau aus Niederbayern, 27. Woche, vor ihm. Deren Arzt war erst bei der 5. Ultraschalluntersuchung aufgefallen, dass ihr Kind überhaupt keine Hirnstruktur hatte. Überlebenschance: null. »Wenn da die Mutter sagt: Befreit mich bitte von diesem Kind, dann machen wir das.« Das sei Schicksal.
Aber ein Drillingskind ist nicht schicksalhaft entstanden, sondern von Ärzten mit allerhand Aufwand erzeugt worden, um dann von anderen Ärzten vernichtet zu werden. Was den Geburtsmediziner am meisten bedrückt: Der Fetozid richtet sich gegen ein gesundes Kind. Jedes Einzelne wäre gewollt. Nur drei sind eines zu viel.
»Und welches soll man nehmen: das kleinste, das am besten erreichbare, den Jungen, das Mädchen?«, fragt Gröbe den Kollegen. »Das sind doch Fragen, auf die es keine vernünftige Antwort gibt.«
Feige versucht, trotzdem eine zu finden. Manchmal kann er in der 12. oder 14. Woche schon sehen, dass ein Fötus verkümmert ist. Dann nimmt er den. Aber es kam auch schon vor, dass sich hinterher herausstellte: Das getötete Kind war zwar klein, aber gesund.
Natürlich ist er längst unter Beschuss geraten, täglich bekommt er E-Mails von Lebensschützern, die ihn für einen Mörder halten. »Das dürfen Sie nicht tun!«, fordern ihn die Briefschreiber auf.
Aber Feige sieht sich in einer Zwangslage. Er zwingt sich, die Tötung eines Kindes ganz rational als Therapie für die beiden Überlebenden zu betrachten. Zum Abreagieren steigt Feige in die Berge. Kaum etwas bringt den sonst nüchtern auftretenden Mann zum Schwärmen wie der Blick vom Gipfel eines Viertausenders.
»Mein Kollege ist da wie in allem sehr streng und klar«, befindet Gröbe und blickt für einen Moment ins wuchernde Grün seiner Zimmerpalme, in der ein Plüschaffe turnt, um den kindlichen Besuchern die Angst vorm Doktor zu nehmen. »Ich bin ein Mensch, der immer noch um drei Ecken denkt und zweifelt.«
Auf Gröbes Schreibtisch liegt stapelweise Literatur über Fortpflanzungsmedizin und Pränataldiagnostik. Abends liest er weiter: Celan, Kafka und immer wieder Rilke, der ihm, dem Kinderarzt, viel über das Phänomen Kindheit offenbart hat.
Im Flur der Frühgeborenenstation haben Eltern Fotos aufgehängt, die in den Wartezimmern der Fortpflanzungspäpste fehlen: Neugeborene mit übergroßen Augen in Greisengesichtern, mit geschädigten Lungen, Herzen und Gehirnen, darunter Kinder, die mit etwas Glück ein gutes Sonderschulniveau erreichen, mit weniger Glück für immer ein Pflegefall bleiben. Viele davon sind Mehrlinge. Gröbe schüttelt den Kopf. »Die Kollegen in der Reproduktionsmedizin wissen nicht, was sie tun. Müssten sie sich um diese Kinder kümmern, würden sie ihre Praxis ändern.«
Im Sprechzimmer des Kinderarztes sitzen regelmäßig Mehrlingseltern, die kein Mensch über die enormen Risiken aufgeklärt hat und die sich alles ganz anders vorgestellt hatten. »Während der Schwangerschaft wird ihnen das noch nicht so bewusst«, sagt Gröbe. »Aber dann sehen sie, mit welchem technischen Aufwand ihr Kind behandelt wird. Und wie das Kind leidet. Dann reflektieren sie das erste Mal die ganze Dimension ihres Entschlusses.«
Dabei treten die größeren Probleme oft erst später zu Tage. Selbst wenn alle drei Kinder gesund sind, ist plötzlich die Wohnung zu klein, das Geld wird knapp, an Rückkehr in den Beruf ist für die Mütter nicht zu denken. Ist zudem auch noch eines behindert, ist das Leben der Familie von der Angst um die Zukunft dieses Kindes bestimmt. Manchmal machen sich die Väter aus dem Staub.
Die bitterste Erfahrung müssen jedoch Eltern verkraften, die ihr Kind verlieren, und auch das kommt bei Mehrlingen häufiger vor. Das Risiko, kurz nach der Geburt zu sterben, ist für Zwillinge fünfmal so hoch wie für Einlinge, für Drillige sogar siebenmal so hoch. Über einer Wäscheleine, an der winzige bunte Wollmützchen zum Trocknen baumeln, hängt in Gröbes Station ein Trauerflor, für alle Fälle.
Manche der Kinder, die auf der Frühgeborenenstation sterben, kommen auf den Nürnberger Südfriedhof. Dort liegt gleich am Zaun, hinter dem die Züge quietschend aus dem Rangierbahnhof fahren, das »Engeles-Eck«. Kleine Säulen mit Nummern darauf markieren die namenlosen Gräber, auf denen Kuscheltiere langsam im Regen aufweichen und Windräder sich drehen.
Neulich hat Feige, der die Friedhöfe sämtlicher Urlaubsorte genau studiert, den Kollegen Gröbe mitgenommen zum Gräberfeld am Schienenstrang. Eigentlich sonderbar, fiel ihm dort ein: Eltern, deren Kinder bei der Geburt sterben, wollen diese sehen, im Arm halten, beweinen, fotografieren und beerdigen. »Aber diese dritten, die wir umgebracht haben, die werden ja auch geboren, zusammen mit ihren Geschwistern, die mehr Glück hatten. Die hat noch kein Vater und keine Mutter anschauen wollen.«
Was die Eltern zu sehen bekämen? Ein faltiges Wesen, handtellergroß, von den beiden überlebenden Geschwistern in der Gebärmutter flach gepresst wie Pergament und in die blutige Masse der Nachgeburt eingebettet wie ein Fossil. Aber fraglos als Mensch zu erkennen. BEATE LAKOTTA