Schießbefehl im Skizirkus - DER SPIEGEL
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UMWELT Schießbefehl im Skizirkus

Die Schneekanonen retten in den Alpen die Wintersaison. Doch der rasante Ausbau der Beschneiungsanlagen ist umstritten. Viele fürchten, die Instant-Pisten könnten die Berge zerstören.
• aus DER SPIEGEL 5/2002
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Solange das Auge geradeaus schaut, stört nichts das kleine Glück des Skifahrers. Weiß zieht sich der Hang ins Tal, im Hintergrund schnarrt leise der Sessellift, von Ferne glitzert das Ortler-Massiv vor sonnengetränktem Postkarten-Himmel.

Ein Blick nach rechts und links - und aus der Traum. Kahle Felsen und matschig-gelbe Hänge säumen die Abfahrt von der Haider Alm im Südtiroler St. Valentin. Lawinenschutzzäune ragen aus der grünen Wiese; trübes Pfützenwasser sammelt sich in der Spur der Planierraupen vom letzten Winter. Die Piste: eine schmale weiße Schneise inmitten frühlingshafter Berge.

Während der Schnee in diesem Jahr Städte wie Amman, Istanbul oder Athen lahm legte, müssen in den Skigebieten der italienischen und Schweizer Südalpen die Kanonen ran wie nie zuvor. Im Dienst der Fremden wirbeln sie künstlich erzeugte Flocken über Hunderte von Kilometern Piste.

Fehlen die Geschütze, stehen die Lifte still. Auch die örtlichen Hüttenwirte und Hoteliers, die Skiverleiher und die Betreiber der Après-Ski-Bars sind abhängig von dem künstlichen Gestöber. Ohne die Touristen - in den Alpen rutschen alljährlich mehr als 50 Millionen Menschen auf Ski und Snowboard die Hänge herunter - wären die meisten Bergorte arm dran.

Damit die Winterurlauber nicht ausbleiben, müssen rund 500 Schneeanlagen in Europa überall ran, wo Frau Holle versagt: Sie sollen dafür sorgen, dass die Skisaison jedes Jahr zuverlässig im November beginnen und bis weit nach Ostern dauern kann.

Lange schon hatten sie nicht mehr so viel zu tun wie in den vergangenen Monaten. Die Tessiner Gemeinde Bosco Gurin konnte ihre Lifte überhaupt nur dank einer neu installierten Kunstschnee-Anlage anwerfen. Selbst das 1608 Meter hoch gelegene schweizerische San Bernardino erlebte erstmals seit 1952 einen schneefreien Jahresbeginn. Aus den Dolomiten werden gar erste Fälle von Schneediebstahl gemeldet: Pistenbetreiber schaufeln den begehrten Stoff vom Gletscher und schieben ihn auf die eigene Abfahrt. Und Besitzer von Schneekanonen treiben schwunghaften Handel: Mindestens 1000 Euro verlangen sie für eine Lkw-Ladung Kunstschnee.

»Nach dem Mangel in diesem Jahr werden Kanonen noch mehr in Mode kommen«, prophezeit Michel Revaz von der Internationalen Alpenschutzkommission CIPRA. Schon in den vergangenen zwei Jahren hätten sich immer mehr Skigebiete Beschneiungsanlagen zugelegt, um konkurrenzfähig zu bleiben. Nur 20 Prozent aller Hänge in Südtirol kommen noch ganz ohne Kunstgeriesel aus. In Bayern, wo heute der Schnee aus achtmal so viel Kanonen sprüht wie noch vor zehn Jahren, rühmt sich inzwischen selbst das für sein Umweltbewusstsein mehrfach ausgezeichnete Hindelang, »eine der größten PC-gesteuerten Beschneiungsanlagen Deutschlands« zu betreiben. Skiorte, die ein Weltcup-Rennen austragen wollen, brauchen ohnehin Anlagen zur künstlichen Beschneiung, das verlangt der Internationale Skiverband (FIS).

Das Prinzip ist einfach: Wie natürlicher Schnee, so entsteht auch künstlicher, indem feuchte, warme Luftmassen auf kalte Luft treffen und dadurch abkühlen. Mit viel Gebläse versprühen die Propeller-Schneekanonen feine Wassertropfen durch kleine Düsen. Dabei verdunstet ein Teil der Tropfen und entzieht der Luft drum herum die Wärme. Die anderen Tröpfchen unterkühlen, gefrieren und fallen dann als kleine Eiskristalle zu Boden.

»Wasser + Energie + kalte Luft = Kunstschnee« - die Formel klingt simpel, doch der Aufwand, sie in unbehausten Höhen umzusetzen, ist enorm. Zuerst kommt der Berg unter den Bohrer wie ein Gebiss bei einer Grundsanierung in der Zahnarztpraxis: Im aufgerissenen Gestein sind kilometerlange Elektrokabel und Rohre zu verlegen, in denen Wasser die Hänge hochgepumpt und Strom zu den verschiedenen Zapfstellen am Hang geleitet wird. Allein beim Ausbau des Skigebiets am Oberallgäuer Fellhorn wurden 17 000 Meter Kabel und Rohre im Berg verbuddelt.

Nachts, wenn die Pisten leer und die Temperaturen niedrig sind, bereiten die Pistenpräparatoren dem Skizirkus die Manege; schon am späten Nachmittag, wenn die Unermüdlichen das letzte Mal am Tag ins Tal wedeln, werfen sie die Kanonen an.

Der Klassiker unter ihnen gleicht, wie die erste, inzwischen 50 Jahre alte US-Anlage, einer Betonmischmaschine und ist in unterschiedlichen Größen zu haben. Bei einer Variante sitzt die Düse am Ende eines zehn Meter langen mobilen Metallarms, der sich auch auf enge Steilhänge schwenken lässt. Eine andere, sechs Meter hoch und rund 700 Kilo schwer, ist einem DDR-Grenzturm nicht unähnlich.

Wesentlich unauffälliger wirken die neuen, etwa zwölf Meter hohen Hochdrucklanzen, in deren Mischkammern das Wasser mittels Druckluft zerstäubt wird. Schmal wie Duschen in öffentlichen Badeanstalten stehen sie am Rand mancher Abfahrt und berieseln die Hänge durch eine Art Brausekopf.

Rund 75 000 Euro zahlen die Betreiber pro Saison für 100 Meter Kunstschnee-Piste. Vor allem die kleinen, niedrig gelegenen Skigebiete lassen sich dabei womöglich auf einen Kampf ein, den sie langfristig gar nicht gewinnen können. Denn vielerorts droht der natürliche Schnee ganz auszubleiben.

Die Grenze für Schneesicherheit, so die Prognose vieler Klimaforscher, wird sich bis 2050 um rund 300 Meter hangaufwärts verschieben. Steigen die Durchschnittstemperaturen weiter, dürften auch Schneemaschinen schon bald keine Winterstimmung mehr verbreiten: Sie spucken die Flocken nur dann richtig aus, wenn die Luft nicht wärmer als minus fünf Grad ist.

In den USA, Frankreich, der Schweiz und Italien mischen die Schneemacher daher abgetötete Bakterien ins Wasser, die es schon bei minus ein Grad ausflocken lassen - ein umstrittenes Verfahren, auf das in Deutschland und Österreich verzichtet wird. Ein von der Umweltorganisation Greenpeace beauftragtes Labor hat in solchem Schnee bereits Enterokokken gefunden, Darmbakterien, die Harnwegs- oder Wundinfektionen verursachen können.

Misstrauisch beäugen Umweltschützer die rasante Vermehrung der Schneefabriken. Vor allem beunruhigt sie der gewaltige Wasserbedarf: Zwischen 200 und 600 Liter, so die Zahlen der Naturschutzorganisation BUND, verbrauchen die Anlagen pro beschneitem Quadratmeter; Hersteller sprechen von 100 Litern pro Quadratmeter. Im südbayerischen Hindelang haben die Seilbahnbetreiber ein 60 000 Kubikmeter fassendes Reservoir graben lassen, das so viel Wasser fasst wie 400 000 Badewannen.

Als »verheerend« bezeichnet Christine Markgraf vom BUND die Praxis, die Speicherseen mit Wasser aus Gebirgsbächen zu tränken. »Oft trocknen die Bäche aus; der ganze Wasserhaushalt der Berge kann durcheinander geraten«, sagt Markgraf. »Tiere, die am Grund überwintern, gehen ein; Fischlaich verendet.« Taut es im Frühjahr, kann das zusätzliche Schmelzwasser Erosionen auslösen; die Hänge rutschen ab.

Das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos hat in zwölf Skigebieten drei Jahre lang untersucht, welche Folgen die Kunstflocke für die Vegetation haben kann. »Sicher ist: Sie macht nicht nichts«, sagt der Biologe Christian Rixen. »Da der synthetische Schnee etwa viermal so viel Mineralien und Nährstoffe enthält, kann er als unerwünschter Dünger den Boden übersäuern und bestimmte Pflanzen ausschalten.«

Außerdem schmilzt die künstliche Decke, deren Kristalle größer sind als bei Naturflocken, später und verzögert so den Beginn des Pflanzenwachstums im Frühling. Unter ihren Testpisten haben die Wissenschaftler kleine Holzpflanzen und Alpenglöckchen gefunden, die typisch für hochalpine Mulden sind, in denen der Schnee lange liegt. »Die Vegetation«, erklärt Rixen, »scheint sich also ziemlich schnell auf die neuen Bedingungen einzustellen.« Einen Kunstschnee-Alarm wollen die Schweizer trotz ihrer Befunde nicht ausrufen. »Wir wissen noch zu wenig«, sagt der Biologe.

Für den Alpenschützer Revaz bleibt Ski fahren »so oder so eine Gewissensprüfung«. Die Folgen des Massensports bekommen allerdings meist nur die Wanderer im Sommer zu sehen: Aufgerissene Böden, betonierte Abfüllstutzen, Bergbefestigungen aus Zement und Stahl. »Kunstschnee hin oder her«, sagt Revaz. »Eine Piste ist eine Piste ist eine Piste. Ist die erst einmal planiert, ist die Alm darunter sowieso meist klinisch tot.« KATJA THIMM

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