DER DOPPEL-PROF - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 25

denk mal! DER DOPPEL-PROF

• aus UNI SPIEGEL 1/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Gemeinschaft der Lehrenden und Lernenden wird von einem Schatz unumstößlicher Grundüberzeugungen zusammengehalten. Professoren glauben: Studenten sind dumm. Studenten glauben: Professoren sind faul. Für den ersten Hauptsatz gibt es ein seit Jahrhunderten bewährtes Beweisverfahren: Referate, Klausuren, Examen. Den zweiten Hauptsatz bestätigt die Erfahrung: Professoren sind nie da, wenn man sie sprechen möchte; sie lassen ihre Assistenten für sich arbeiten; oder - ganz schlimm - sie gehen einfach forschen und genehmigen sich ein Freisemester. Doch es gibt auch löbliche Ausnahmen. Eine müssen wir heute besonders hervorheben: jenen aufopfernden Diener der Lehre, der zwei vollzeitliche Professuren auf einmal ausfüllte. Unser vorbildlicher Fleiß-Prof lehrte an der FH Hof Finanzwirtschaft und Rechnungswesen und an der Bundeswehrhochschule in München Thermodynamik - ein wirklich vielseitiger Wissenschaftler. So eine Doppel-Professur erfordert natürlich perfekte Organisation: Anfang und Ende der Woche bei den Hofer Buchhaltern, Di Mi Do bei den Münchner Soldaten. Als Stundenplanbeauftragter in Hof hatte unser Held der Arbeit die diffizile Zeitplanung zum Glück selber im Griff. Aber wurde ihm der unermüdliche Einsatz gedankt? Nein, wie eine Ehebrecherin im Islam wird er nun an den Pranger gestellt und öffentlich für sein »Doppelleben« gesteinigt. Heimlich habe er sich - im Stau auf der berüchtigten A 9 - zu seiner Neben-Uni geschlichen. Vor sechs Jahren hatte ihn deren betörender Ruf ereilt, doch er mochte auch von seiner alten Alma Mater im kargen Oberfranken nicht lassen. Nun hat der hervorragende Vertreter der Bi-Lokations-Lehre die Heilige Dreieinigkeit von Staatsanwaltschaft, Kriminalpolizei und Steuerfahndung am Hals. Nebentätigkeiten aller Art gestatten die Aufseher den Professoren - nur nicht die Mehrarbeit an zwei Kathedern im Dienst der Studenten. Eigentlich jedoch müsste ihm Edmund Stoiber den bayerischen Doppel-Verdienstorden verleihen für pausenlose Lehre an mehreren Fronten. Die Studenten waren mit dem Doppel-Prof voll zufrieden. Niemandem von ihnen fiel seine heimliche Zweitlehre auf. Oder ist das vielleicht der Beweis, dass Studenten doch ziemlich blöd sind?

Michael Schmidt-Klingenberg
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 25