streiten »JETZT ERST RECHT«
UniSPIEGEL:
Mehrere der muslimischen Terroristen vom 11. September hatten zeitweise an deutschen Unis studiert. Herr Professor Bode, was hat sich aus Ihrer Sicht als Vizepräsident seitdem für ausländische Studenten an Ihrer Universität geändert?
Arndt Bode:
Die TU München beteiligt sich, wenn nötig, an Rasterfahndungen. Aber das darf nicht dazu führen, dass auch nur eine Person diskriminiert wird. Denn es gilt: Wissenschaft ist per se international.
UniSPIEGEL:
Herr Minister Zehetmair, wollen Sie weiter massiv ausländische Studenten anwerben?
Zehetmair:
Auch nach der Katastrophe vom 11. September muss es unser Ziel sein, möglichst viele hoch qualifizierte Studierende und Nachwuchswissenschaftler nach Deutschland zu holen. Dafür haben wir in Bayern im vergangenen Jahr unter anderem den Fonds Hochschule International, der entsprechende Projekte unterstützt, von 20 Millionen auf 49 Millionen Mark erhöht.
Christian Bode:
Es kann nur heißen: Jetzt erst recht. Der Deutsche Akademische Austauschdienst (DAAD) hat kein einziges Stipendium weniger vergeben, es sind nach den traumatischen Ereignissen auch keine Bewerber abgesprungen. Aber es gab Anfragen aus dem Ausland: »Sind wir denn noch willkommen?«
UniSPIEGEL:
Frau Dede, Sie sind erst vor kurzem aus einem islamisch geprägten Land nach Deutschland gekommen. Hatten Sie Sorgen, ablehnend behandelt zu werden?
Dede:
Ich war mir nicht sicher, wie ich aufgenommen werde. Aber gezögert habe ich nicht. Und jetzt fühle ich mich wohl hier, ich spüre keine Abneigung gegen meine Person.
UniSPIEGEL:
Frau Professor Meng, Sie haben im Laufe Ihrer wissenschaftlichen Karriere schon auf allen Kontinenten gearbeitet. Was ist für ausländische Studenten in Deutschland am schwierigsten?
Meng:
Eines der größten Probleme, gerade auch in München, ist die Zimmersuche. Es gibt viel zu wenige Wohnheimplätze. Ich habe zu Semesteranfang hier in der Stadt einen ausländischen Studenten getroffen, der zwei Nächte in einem Internet-Café verbrachte und in der dritten Nacht im Hauptbahnhof übernachtete. Das mitzubekommen tat weh. Knapp 8000 Wohnheimplätze sind für rund 100 000 Studenten in München einfach zu wenig.
UniSPIEGEL:
Herr Vizepräsident Bode, kein Dach über dem Kopf für ausländische Studenten?
Arndt Bode:
Vor zehn Jahren hatten wir unter den Studienanfängern vier bis fünf Prozent Ausländer. Heute sind es 30 Prozent nicht deutsche Erstsemester. Das bedeutet, der Anteil derer, die es bei der Wohnungssuche oft besonders schwer haben, ist enorm gestiegen.
Christian Bode:
Nach Berechnungen des Deutschen Studentenwerks benötigen wir in der Bundesrepublik mindestens 25 000 zusätzliche Plätze allein für ausländische Studierende.
UniSPIEGEL:
Herr Zehetmair, Sie versprechen uns jetzt sicherlich viele neue Wohnheime.
Zehetmair:
Das tue ich in der Tat - obwohl der Bund die Finanzmittel für Wohnheime drastisch gekürzt hat. In Bayern werden wir 3000 zusätzliche Studentenbuden schaffen - vor allem, weil ich in den nächsten drei bis vier Jahren einen weiteren Zuwachs an ausländischen Studenten von 50 Prozent erreichen will.
UniSPIEGEL:
Was versprechen Sie sich von einer wachsenden Zahl ausländischer Studenten? Sicherlich treiben Sie nicht nur altruistische Gründe.
Zehetmair:
Erstens braucht Deutschland Freunde in aller Welt, vor allem auch für wirtschaftliche Kontakte. Und zweitens: Wenn wir international bestehen wollen, benötigen wir in der Wissenschaft und in der Wirtschaft die Besten auch in unserem Land. Und leider garantieren weder eine Geburt in Bayern noch ein deutscher Pass besonderes Können.
UniSPIEGEL:
Sie wollen es den USA nachmachen?
Zehetmair:
In den Vereinigten Staaten sind über 50 Prozent der Wissenschaftler Ausländer. Und von denen sind wiederum sehr viele Deutsche. Das Land profitiert davon.
UniSPIEGEL:
Anders als in den USA klagen viele Gaststudenten, dass es schwer sei, mit Kommilitonen des Gastlandes in Kontakt zu kommen.
Christian Bode:
Das stimmt. Nach einer Untersuchung ist der Kontakt der ausländischen zu den deutschen Studenten sogar noch schlechter als zu den Professoren. Allerdings machen deutsche Studenten im Ausland oft die gleichen Erfahrungen. Wir sagen zu unseren ausländischen Gästen immer: »Nur Mut, die Deutschen sind eben keine Brasilianer.«
Meng:
Viele ausländische Studenten reden zu Anfang ungern deutsch, einfach weil sie unsicher sind. Wenn die Deutschen öfter etwas langsamer redeten, könnten die Ausländer sie besser verstehen und neue Wörter lernen.
UniSPIEGEL:
Herr Bode, um es ausländischen Studenten leichter zu machen, wird immer wieder gefordert, an den deutschen Hochschulen mehr Vorlesungen und Seminare in englischer Sprache anzubieten. Ist das eine sinnvolle Idee?
Christian Bode:
Der DAAD fördert englischsprachige Studiengänge an deutschen Hochschulen. Das soll eine Einladung für ausländische Studierende sein. Aber selbstverständlich muss jeder, der hier ist, vom ersten Tag an auch Deutsch lernen.
Meng:
Ich habe schon in China einen Deutschkurs besucht. Grundsätzlich gilt: Wenn ich länger als drei Monate in einem Land lebe, dann lerne ich die Sprache dieses Landes. Nur dann kann ich mich dort zu Hause fühlen, nur dann kann ich dort erfolgreich sein. Internationalisierung bedeutet nicht, ausschließlich englischsprachige Vorlesungen zu hören.
Zehetmair:
Wir können unsere Universitäten aufgeben, wenn wir die deutsche Sprache aufgeben. Dann erhalten wir Akademiker, die arm an Geist sind, weil arm an Kultur.
UniSPIEGEL:
Also alles in Deutsch?
Zehetmair:
Nein. Natürlich brauchen wir englischsprachige Veranstaltungen, schon weil wir auch Studenten aufnehmen wollen, die zunächst kein Deutsch sprechen. Innerhalb von ein bis zwei Jahren sollten diese Studenten aber unsere Sprache lernen und sich darin ausdrücken können.
UniSPIEGEL:
Einige Hochschulen überlegen, für besondere Leistungen wie zusätzliche Sprachkurse in Zukunft verstärkt Geld zu verlangen. Denkt auch die TU München über so etwas wie Studiengebühren für ausländische Studenten nach, Herr Bode?
Arndt Bode:
Wir erwägen tatsächlich kostenpflichtige Angebote. Dinge wie Unterbringung oder spezielle Sprachkurse können wir nur noch zum Teil aus unserem laufenden Budget bezahlen.
UniSPIEGEL:
Frau Dede, hätten Sie sich von Studiengebühren abschrecken lassen?
Dede:
Ja, auf jeden Fall.
Meng:
Ich bin für ein gebührenfreies Studium. Viele chinesische Studierende bevorzugen zunächst einen Studienplatz in den USA, aber dort müssen sie hohe Gebühren zahlen. Sie suchen dann eine optimale Alternative - Deutschland.
Christian Bode:
»Null Bock auf Deutschland?«- die Zahlen sprechen tatsächlich dagegen. Wir haben 190 000 ausländische Studierende. Wenn wir die Bildungsinländer abziehen - das sind die, die hier Abitur gemacht haben -, sind es immer noch 130 000. Das ist ein Drittel mehr als vor fünf Jahren.
UniSPIEGEL:
Also alles bestens?
Christian Bode:
Nein, wir brauchen noch mehr ausländische Studenten.
An den deutschen Hochschulen studieren zu wenig ausländische Studenten - darüber sind sich fast alle Experten einig. Mit großen Werbekampagnen versuchen die Bundesregierung und die Hochschulen deshalb, mehr Jung-Akademiker nach Deutschland zu locken. Doch hoch qualifizierte Studenten aus anderen Staaten schreiben sich häufig lieber an USamerikanischen oder englischen Universitäten ein. Warum sind die hiesigen Hochschulen für Studierende aus Asien, Afrika oder auch dem europäischen Ausland oft nicht attraktiv genug? Wie können die Angebote für Gaststudenten verbessert werden? Nach den Terroranschlägen vom September vergangenen Jahres stellt sich auch die Frage: Wie lassen sich Rasterfahndung und penible Kontrollen für ausländische Studierende mit einer Wissenschaftspolitik der offenen Tür verbinden?
Die Teilnehmer am SPIEGEL-Forum (von links):Arndt Bode, 53, ist Professor für Informatik und Vizepräsidentder Technischen Universität München.Arzu Dede, 24, studierte in Istanbul, bevor sie im Oktober desvergangenen Jahres an die TU München wechselte.Hans Zehetmair, 65, ist seit zwölf Jahren christsozialerWissenschaftsminister in Bayern.Liqiu Meng, 38, stammt aus China und leitet den Lehrstuhl fürKartografie an der TU München.Christian Bode, 59, ist seit 1990 Generalsekretär des DeutschenAkademischen Austauschdienstes.Moderiert wurde die Diskussion von Martin Doerry, 46,stellvertretendem Chefredakteur des SPIEGEL.