Die zweite sexuelle Revolution - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen
Zur Ausgabe
Artikel 1 / 124

Die zweite sexuelle Revolution

Viagra war nur der Anfang: Pharmakonzerne bringen eine Flut hochwirksamer Potenzmittel auf den Markt. Erstmals werden in den Labors auch Sexpillen für Frauen getestet. Um einen solchen Wunderstoff zu finden, erforschen Neurowissenschaftler, wie die Lust im Hirn entsteht.
• aus DER SPIEGEL 7/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Perry Molinoff, 61, will Millionen von Frauen verführen: mit einem Wirkstoff, der Lust auf Sex macht. »Die Notwendigkeit, ein Mittel für die weibliche Libido zu finden, ist riesengroß«, erklärt der amerikanische Chemiker.

Nach Jahren der Suche scheint der bärtige Gelehrte jetzt tatsächlich eine Substanz in der Hand zu halten, die müde Frauen in unersättliche Liebhaberinnen verwandelt. »PT-141«, so der Name der Zaubersubstanz, wirkt direkt auf das Sexzentrum im Gehirn und entfaltete in weiblichen Versuchstieren bereits eine ausgesprochen erregende Wirkung. Austern, Champagner, Vibrator und Kerzenlicht seien deshalb als Lustmacher bald überholt, frohlockt Molinoff: »PT-141 ist die erste bisher bekannte Substanz, welche die weibliche Begierde zu entfachen scheint.«

Mit seiner Pharmafirma Palatin Technologies in Edison (New Jersey) will Molinoff das vermeintliche Aphrodisiakum lieber heute als morgen auf den Markt bringen: als Nasenspray für das Vorspiel. Über Schleimhaut und Blutbahn steigt die Substanz innerhalb weniger Sekunden ins Gehirn.

Die Form der Verabreichung sei mit bedacht gewählt worden, erklärt Molinoff: »Eine Pille könnte man ja einer Frau heimlich in den Drink schmeißen und sie auf diese Weise liebestoll machen.«

Tests an vier Rhesusaffen und erste klinische Versuche an mehr als hundert Männern, die sich PT-141 jeweils in ein Nasenloch sprühten, seien äußerst befriedigend verlaufen, so Molinoff. Das alles sei jedoch bloß die Pflicht gewesen, die nachgewiesen habe, dass die mögliche Lustdroge verträglich für den Körper sei. Jetzt endlich folge die Kür: »In den nächsten Wochen werden wir PT-141 zum ersten Mal an Frauen testen.«

Einem Stoff mit dem Potenzial zur ultimativen Sexdroge ist auch der Hamburger Urologe Hartmut Porst, 48, auf der Spur. Im dritten Stock der »Praxisklinik am Rothenbaum« in Hamburg verteilt der Doktor an 14 Probanden weiße Kapseln, die einen experimentellen Wirkstoff der Forschungsabteilung einer japanischen Firma enthalten.

Ähnlich wie PT-141 greift die Substanz, deren Identität Porst nicht verraten darf, direkt im Gehirn an - und könnte deshalb, so hoffen seine Entwickler, auch Frauen betören.

Traditionell werden neue Stoffe für die Libido immer erst an Männern getestet. Nur wenn eine Substanz die in Sachen Sex einfacher gestrickten Wesen erregt, erläutert Porst, lohnten sich weitere Versuche an den sensibleren Geschöpfen: den Frauen.

Porsts Mannen liegen nackt im Bett und gucken ein Pornovideo. Nach etwa 30 Minuten beginnt die Testsubstanz zu wirken - der Sexdoktor begibt sich auf die Visite.

Regt sich da nicht etwas? Gespannt zieht er die zitronengelbe Bettdecke seines Patienten Johannes I., 58, beiseite. Der hagere Mann ist nur mit Socken bekleidet und grinst jetzt verlegen. »Na also«, brummt Porst, schreibt einen Vermerk in die Krankenakte und eilt zum nächsten Probanden. Am Ende der Runde ist er zufrieden: »Ein paar ganz gute Erektionen habe ich gesehen.«

Die Penis-Beschau, bei der Porst vorigen Monat Glieder in unterschiedlichsten Lebenslagen inspizierte, ist gewiss nicht jedermanns Sache. Doch sind solche Phallus-Paraden unerlässlich für die Suche nach jenen Stoffen, nach denen gegenwärtig die ganze Pharmaindustrie giert: Pillen für den Sex.

Nur wenn eine Substanz in klinischen Versuchen an impotenten Männern Wirkung zeigt, wird sie weiterentwickelt. Der Hamburger Urologe (Branchenspott: »Penis-Porst") führt weltweit die meisten Studien durch. In seinen Karteikarten stehen die Namen Hunderter Lendenlahmer aus Deutschland. Industrieforscher aus der ganzen Welt geben ihm ihre neuesten Kreationen zur Prüfung.

»Die Firmen wissen: Wenn ich eine Substanz für schlecht befinde, dann ist diese Substanz durchgefallen«, erzählt Porst. Dann erklärt der gebürtige Franke, dessen Bauch gemütlich gegen den Arztkittel drückt, warum das so ist: »Weil ich nicht sage, was ich denke, sondern das, was der Patient mir erzählt. Und wenn der Patient sagt, das hat nicht gewirkt, dann ist die Substanz Mist.«

In jüngster Zeit indes haben seine Patienten immer seltener Grund zur Klage. Ganz im Gegenteil: Die Pharmaindustrie überschüttet sie geradezu mit hochwirksamen Neuheiten. Während viele Probanden von Schwellung zu Schwellung eilen, stapeln sich in Porsts Praxis die Aktenordner mit den Prüfprotokollen bis unter die Decke.

»Auf kaum einem Gebiet der Medizin«, konstatiert der Doktor, »tut sich so viel wie bei der Entwicklung neuer Mittel gegen Sexualstörungen. Wir erleben derzeit die zweite sexuelle Revolution.«

Viagra, die erste Potenzpille der Welt, mag wie eine steife Brise über die Menschheit gekommen sein. Jetzt naht am Horizont eine Windhose heran: Mindestens 20 neuartige Substanzen durchlaufen derzeit in den Laboratorien der Pillenhersteller - unter ihnen die deutschen Konzerne Bayer und Merck - die Erprobungs- und Zulassungsphasen.

Unmittelbar vor der Vermarktung steht bereits die nächste Generation Viagra-ähnlicher Pillen. Es sind Substanzen, die wie ihr berühmtes Vorbild direkt im Schwellkörper des Penis angreifen, aber noch gründlicher, schneller und länger wirken sollen.

Doch wie schon Viagra selbst dürften zumindest dessen unmittelbare Nachfolger lustlosen Frauen kaum Erleichterung verschaffen. Fieberhaft erproben deshalb Perry Molinoff, Hartmut Porst und andere Forscher eine Vielzahl von Substanzen, die just dieses ungleich schwierigere Kunststück vollbringen sollen: die weibliche Lust auf den Sex zu wecken. Experimentiert wird mit künstlichen Hormonen und Molekülen, die ihre Kraft direkt im größten Sexualorgan des Menschen entfalten sollen: im Gehirn.

Zunehmend erkennen die Forscher, warum die Libido im Kopf entsteht und wie dort die Chemie der Lust abläuft: Eine Vielzahl von Botenstoffen erzeugt im Oberstübchen Signale der Liebe, die bis in den Unterleib reichen. Im Hypothalamus genannten Teil des Hirns, dem Belohnungssystem des Menschen, stießen die Gelehrten gleich auf mehrere Sexzentren. Diese werden genau dann aktiv, wie mit Hilfe neuer Durchleuchtungstechniken herauskam, wenn der Mensch in sexuelle Erregung gerät - der Orgasmus beginnt im Kopf.

Ausgelöst wurde der jüngste Boom der Sexforschung durch die Einführung von Viagra im März 1998, erklärt der Hirnforscher Jim Pfaus, 43, von der Concordia University in Montreal. Dank der rasanten Fortschritte, so der Gelehrte, »stehen wir jetzt am Scheideweg der sexuellen Verhaltensforschung«.

Am Ende dieses Weges soll genau jener Wunderstoff stehen, nach dem Molinoff und Porst so leidenschaftlich suchen: eine Lustpille, die Männlein wie Weiblein gleichermaßen in Wallung versetzen würde - eine Art »Viagra fürs Gehirn«.

Doch bisher noch steht Viagra, der Klassiker für den Penis, einsam auf weiter Flur. In jeder Sekunde werden irgendwo auf der Welt vier der rhombenförmigen Tabletten geschluckt. Der Playboy-Gründer Hugh Hefner, 75, nimmt sie jeden Tag: Viagra, sagt er, sei »das Beste, was mir passieren konnte«. Im vergangenen Jahr stieg der weltweite Umsatz des Potenzmittels auf ein neuerliches Hoch von 1,5 Milliarden Dollar. Für die Herstellerfirma Pfizer geht es steil aufwärts: Dank Viagra ist das Unternehmen zum zweitgrößten Arzneimittelkonzern der Welt geworden.

Der Penis-Aufrichter, der 1998 völlig unerwartet die Welt beglückte, hat auf die ganze Branche der Arzneimittelhersteller wie eine Art Forschungs-Viagra gewirkt. »Andere große Pharmafirmen«, jammert Pfizer-Sprecherin Herlinde Schneider, »springen auf den Zug auf.«

So hat der Bayer-Forscher Erwin Bischoff, 58, unterstützt von 20 Biologen und Chemikern, in der Rekordzeit von nur zwei Jahren eine Substanz entwickelt, die dem Viagra-Wirkstoff verblüffend ähnelt, aber noch wirksamer sein soll.

Der Stoff, der Anfang nächsten Jahres auf den deutschen Markt kommen wird, fand schon erste Abnehmer. Irgendjemand klaute vergangenen Sommer eine unbekannte Zahl der Potenzpillen aus dem gesicherten Tablettenwerk in Leverkusen.

Dass das bisher nicht wieder aufgetauchte Diebesgut jetzt im Karneval als Partydroge Furore macht, kann sich Ernst Ulbrich, 50, klinischer Projektleiter für das Bayer-Potenzmittel, gar nicht vorstellen: »Wer will schon zweimal am Tag Geschlechtsverkehr haben?«

Auch der amerikanische Pharmaverbund Lilly Icos (an dem Microsoft-Gründer Bill Gates beteiligt ist) wird bis Ende des Jahres einen hochpotenten Viagra-Nacheiferer vorlegen. Die mandelförmige Pille (vermutlicher Handelsname: Cialis) überrascht durch ihre lange Wirkdauer; sie kann manchem offenbar ein ganzes Wochenende hindurch aufhelfen.

Unterleibsforscher Porst hat keinen Zweifel: Unter den schätzungsweise sechs Millionen Deutschen, die mit Impotenz geschlagen sind, würden die neuen Mittel reißenden Absatz finden.

»Die Generation der 68er kommt jetzt in ein Alter, in dem man mit Sexualstörungen konfrontiert wird«, sagt der Urologe. »Die nehmen den Alterungsprozess nicht so einfach hin und sagen, na gut, ich bin mit einer halben Erektion zufrieden, ich kann ihn ja noch so gerade in die Scheide reinwurschteln. Nein, die wollen den harten Hammer haben.«

Erste Studien zeigen überdies, dass mit wachsendem Angebot automatisch auch die Nachfrage steigt. Seit der Markteinführung von Viagra gehen immer mehr Impotente zum Arzt, darunter Prostata-Operierte, Diabetiker, Nierenkranke, Bluthochdruckpatienten und Arteriosklerotiker. Viele der ramponierten Herren hatten ihr Leiden zuvor verschwiegen, weil es für sie ohnehin keine Hoffnung gab.

Und schließlich dürften zunehmend jüngere, eigentlich fitte Männer die Potenzhämmer schlucken, um die natürliche Lendenkraft noch zu steigern. »Alles, was mit dem Sex zu tun hat, geht zwangsläufig in Richtung Lifestyle«, prophezeit Porst. An die verschreibungspflichtigen Mittel heranzukommen, wird kein Problem sein. Viagra lässt sich schon heute - auch ohne Arztbesuch - übers Internet bestellen.

»Dass Gesunde die Mittel nehmen, um eine bessere Erektion zu haben, das ist gar nicht zu verhindern«, doziert Porst weiter. Sich selbst nimmt er dabei nicht aus. »Es funktioniert bei mir noch ganz gut«, erzählt der 48-Jährige offen. »Aber wenn ich mal so ein besonderes Wochenende erleben will, habe ich keine Hemmungen, irgendeine Tablette einzunehmen.«

Was Viagra mit gesunden Männer anstellt, lässt sich im kalifornischen San Fernando beobachten, der weltweiten Hochburg der Pornoindustrie. Vorbei sind die Zeiten, in denen die männlichen Hauptdarsteller lange Ruhepausen brauchten oder für Nahaufnahmen gedoubelt werden mussten - heute wird der Dreh oft nur noch fürs Nachschminken, einen Gang zur Toilette oder eine Kaffeepause unterbrochen.

Die Gelehrten der Anatomie wiederum verdanken Viagra die Erkenntnis, wie Mann und Frau ineinander finden. Erst unter dem Einfluss der Potenzdroge gelang es Männern in der unbehaglichen Röhre (Durchmesser: 50 Zentimeter) eines Computertomografen in Frauen einzudringen und auf dem Gipfel der Lust zwölf Sekunden still zu halten. Die scharfen Aufnahmen, die sodann von den Unterleibern geschossen wurden, haben eine erstaunliche Krümmung der Natur offenbart: Wie ein Bumerang fügt sich der Penis in die Scheide.

Die Marketing-Experten der Pharmabranche sind zuversichtlich, dass der Markt für Sexpillen noch gewaltige Reserven bereithält. In Deutschland liegt der Umsatz von Potenzmitteln (derzeit von Viagra praktisch noch im Alleingang erwirtschaftet) bei 50 Millionen Euro. Doch dank der neuen Produkte, so die Marktforscher, lasse sich das noch gewaltig steigern: auf 150 bis 200 Millionen Euro.

Unterdessen wächst der Druck auf die deutschen Krankenkassen, die Kosten für diese Mittel zu übernehmen. In Stuttgart hat ein 72-jähriger Rentner mit Erektionsproblemen vor dem Sozialgericht geklagt, nachdem die AOK Viagra nicht bezahlen wollte. Ein im Dezember gefälltes Urteil des Landessozialgerichts Baden-Württemberg hat dem Mann Recht gegeben.

Es war das erste Mal, dass ein Versicherer in einem Viagra-Fall vor einem Landessozialgericht unterlag. Bestätigt das Bundessozialgericht das Urteil, drohen den Krankenkassen Milliardenausgaben allein für Viagra. In Schweden wird der Kassen-Koitus bereits vollzogen.

Der Rummel um Viagra & Co. hat allerdings einen Schönheitsfehler: Alle derzeit auf den Markt kommenden Potenzmittel helfen einstweilen nur den Männern. »Wir haben noch nichts für die Frauen«, klagt Sexforscher Pfaus. Im Auftrag der Firma Palatin Technologies erforscht er, wie das vermeintliche Wundermittel PT-141 das weibliche Sexualverhalten stimuliert. »Wir lassen 51 Prozent der Bevölkerung im Stich. Wir brauchen eine Substanz die tatsächlich Lust auf Sex macht. Sie wäre das erste wahre Aphrodisiakum.«

Bisher existierte dieser Zauberstoff, der nach der griechischen Liebesgöttin Aphrodite benannt ist und allseits den Geschlechtstrieb anregen soll, nur im Wunschdenken der Menschen.

Auch der Venezianer Giacomo Casanova (1725 bis 1798), dessen Standfestigkeit angeblich nie erlahmte, verfügte mitnichten über solch ein Wundermittel. Als Stärkung genügte dem unverwüstlichen Frauenfreund Gulaschsuppe mit viel Paprika.

Seine Nacheiferer möbelten ihre Manneskraft immer wieder mit zum Teil gefährlichen Reizstoffen auf, etwa den Extrakten aus Stechapfel, Bilsenkraut, Alraune oder einem Gebräu, in dem zerstoßene Stierhoden, Katzenhirn, Menstrualblut und allerlei Pilze verrührt wurden. Eine tatsächliche Wirkung ist bei all dem Zeug nicht nachweisbar.

Purer Humbug war auch das Geheimrezept des Marquis de Sade. Der düstere Sex-Maniac bediente sich der »Spanischen Fliegen« (Blasenkäfer), die das lebensbedrohende Zellgift Cantharidin enthalten. Filmstar Errol Flynn wiederum, der angeblich Tausende von Frauen beglückte, pflegte sein Glied vor dem Einsatz mit Kokain zu bestäuben.

Es war jedoch dem britischen Professor Giles Brindley, damals 57, vorbehalten, der Welt im Jahre 1983 das erste taugliche Potenzmittel vorzuführen. Auf einem Urologenkongress in Las Vegas trat der Mann unvermittelt hinter dem Rednerpult hervor, ließ seine Unterhose herunter und zeigte der Kollegenschaft sein aufgerichtetes Glied. »Er ging den Gang entlang und ließ es uns anfassen«, erinnert sich Irwin Goldstein, ein Urologe von der Boston University.

Die Einlage war unbestrittener Höhepunkt des Vortrags, den Brindley über die Vorzüge der von ihm mitentwickelten »Schwellkörper-Autoinjektionstherapie« ("Skat") hielt. Aus Gründen der Anschauung hatte der Doktor das Verfahren kurz zuvor an sich selbst angewandt. Dazu injizierte er sich mit einer feinen Nadel eine gefäßerweiternde Substanz direkt in die Schwellkörper.

Die Methode, damals fraglos eine Sensation, hat sich jedoch nicht flächendeckend durchsetzen können. Die Männer fürchten ihre Tücken: Einerseits kann es zu Narben an der Einstichstelle kommen, zum anderen können die Medikamente Herz und Kreislauf schädigen.

Und hin und wieder bewirkt Skat eine peinliche Notlage: Der gespritzte Penis bleibt stundenlang steif. Diese unerwünschte, schmerzhafte Dauererektion wird Priapismus genannt, nach Priapos, dem Sohn der Liebesgöttin Aphrodite. Wenn ein Eimer mit kaltem Wasser nicht hilft, wird ein Gegenmittel injiziert, notfalls muss das gestaute Blut aus den Schwellkörpern abgesaugt werden.

Trotz der Risiken seiner Penis-Spritze hat Brindley große Verdienste. Denn mit seinem öffentlichen Selbstversuch löste der couragierte Professor einen Wandel in der Männermedizin aus, den er nicht vorhersehen konnte.

Tief beeindruckt von Brindleys Auftritt stürzte sich eine ganze Generation von Medizinern auf die medikamentöse Behandlung der Impotenz. Urologen, zuvor gebucht auf Blasensteine, Nierenweh, Venenknoten und Prostataleiden, begaben sich auf eine leidenschaftliche Suche nach weiteren Arzneien und Methoden, die müde Lustkörper wieder munter machen.

Doch der eigentliche Meilenstein der Sexforschung, das lang ersehnte Potenzmittel in Tablettenform, war eine Zufallsentdeckung. Anfang der neunziger Jahre begannen Pharmaforscher bei Pfizer, ein Herzmedikament gegen Brustschmerzen bei Angina pectoris zu entwickeln. Bei ersten klinischen Tests mit dem Wirkstoff Sildenafil blieb jedoch die erhoffte Hauptwirkung am Herzen aus. Die Probanden waren trotzdem begeistert - wegen der gewaltigen Nebenwirkungen im Unterleibsbereich.

Als einige von ihnen das Mittel nach Testende nicht mehr hergeben wollten (und einer sogar in ein Sildenafil-Labor einbrach), da ahnten die Pfizer-Manager, dass sie auf eine Goldader gestoßen waren. Es war die Geburtsstunde von Viagra.

Eine gute Erektion ist die Folge eines fein orchestrierten Zusammenspiels von Muskeln, Nerven und Blutgefäßen im Penis. Er versteift sich nur dann, wenn das Blut in die Schwellkörper fließt und dort auch lange genug bleibt.

Die Macht des Viagra-Wirkstoffs - und der Substanzen von Bayer und Lilly Icos - besteht darin, dass es einen gewaltigen Gegenspieler der Erektion, das Enzym Phosphodiesterase-5 (PDE-5) lahm legt (siehe Grafik Seite 186).

Der Einsatz des PDE-5-Hemmers hat die Behandlung der Impotenz von Grund auf verändert. Passé sind die Zeiten, in denen sich Lendenschwache drei bis fünf Jahre lang viermal wöchentlich je eine Stunde auf die Couch eines Psychoanalytikers legten.

»Nichts gegen die seelischen Aspekte«, sagt Irwin Goldstein. »Aber von einem gewissen Punkt an ist aller Sex mechanisch. Der Mann braucht eine ausreichende längsachsige Steifheit, damit sein Penis durch die Schamlippen stoßen kann.«

Folglich versucht Goldstein, schlaffe Glieder ungefähr so aufzurichten, wie ein Astronaut seine defekte Raumfähre wieder flottmachen würde. »Ich bin ein Ingenieur«, fährt der Doktor fort, der an der University of Boston tatsächlich mit der Abteilung für Raumfahrttechnik zusammenarbeitet, um Erektionsschwächen zu überwinden. »Ich kann alle Gesetze der Hydraulik auf sexuelle Störungen anwenden.«

Der englische Sexologe Martin Cole zieht, nach einem Arbeitsleben an der Seelenfront, ein nüchternes Fazit. Einst verschrieb der Psycho-Pionier seinen Patienten Sex mit wechselnden Partnern, um sie wieder lüstern zu machen. Heute sagt er: »Wir waren auf dem Holzweg. Die meisten sexuellen Störungen wurzeln im Körper.« Cole wettet, Viagra habe »in den ersten zwei Jahren mehr Probleme gelöst als die Psychotherapie in Jahrzehnten«.

Sexualkundler bestätigen: Viele Männer mit seelisch begründeten Versagensängsten bekommen dank Viagra eine bessere Erektion. Der medikamentöse Penis-Aufrichter vermag zwar keine Lust zu erzeugen, aber er verstärkt noch so schwache Zeichen der Erregung und kann sie in eine ansehnliche Erektion verwandeln. Auf diese Weise gibt Viagra labilen Liebhabern den Glauben an ihre Manneskraft zurück - wodurch wiederum die Versagensängste schwinden.

Das erste wirksame Potenzmittel der Welt hat allerdings auch manche Nachteile: Einer von zehn Viagra-Schluckern berichtet über Kopfschmerzen. Wer die achteckige Pille mit allzu viel Alkohol herunterspült, der kann sich einen grandiosen Kater einhandeln.

Und da im Auge eine ähnliche Phosphodiesterase wie im Penis vorkommt und zuweilen durch das Mittel blockiert wird, klagen etwa drei Prozent der Viagra-Konsumenten während der Wirkzeit über einen blauen Schleier im Gesichtsfeld. Muskelschmerz, Durchfall, Blackouts, Übelkeit und Erbrechen stehen ebenfalls auf der Liste der unerwünschten Nebenwirkungen. Viele Herzkranke müssen sogar ganz auf Viagra verzichten.

Die größte Schlappe erlitt Viagra jedoch, als klar wurde, dass schätzungsweise jeder Dritte aus dem Millionenheer der Impotenten immun gegen den Wirkstoff ist. Auch der Hamburger Proband Johannes I. gehört zu den zu kurz Gekommenen. »Viagra hatte bei mir keine gute Wirkung«, klagt er. »Die Steife war nicht so, wie ich mir das vorgestellt habe.«

Der amerikanische Urologe Rizk El-Galley will in einer Studie mit 82 Männern, die Viagra bis zu zwei Jahre lang regelmäßig einnahmen, zudem einen Abnutzungseffekt beobachtet haben: Einige Konsumenten setzten die Pille ab, weil sie nicht mehr half; andere verdoppelten die Dosis, um die ursprüngliche Wirkung zu behalten.

Doch sind die neuen Super-Viagras wirklich so viel besser? Haben sie tatsächlich weniger Nebenwirkungen? Oder ist dies nur das übliche Kampfgeschrei im Krieg der Marktanteile?

Cialis vom US-Pharmaverbund Eli Lilly wirkt angeblich nicht nur schnell (nach 15 bis 30 Minuten), sondern vor allem lange - mindestens 24 Stunden. Der »Potenz-Turbo« ("Bild") ermögliche »somit den Patienten und ihren Partnerinnen, ein normales, spontanes Sexualleben zu führen, ohne die Notwendigkeit einer Zeitplanung«, verspricht Lilly Icos in einer Presseinformation.

Urologe Porst bestätigt im Prinzip die gute Wirkung. Sein Proband Johannes I. zum Beispiel hat Cialis ein Jahr lang zu Hause getestet, wobei er angehalten war, mindestens einmal pro Woche mit seiner Frau zu schlafen - was nach fünf Jahren der Impotenz plötzlich wieder klappte. »Die Steife war absolut top«, schwärmt der Metallfacharbeiter aus dem Hamburger Stadtteil Dulsberg. Auch die von der Firma versprochene Langzeitwirkung der Pille will er tatsächlich gespürt haben: »Es war manchmal möglich, zwei Tage hintereinander Geschlechtsverkehr zu haben.«

Doch auch die neue Bayer-Tablette entfaltete in Porsts Feldversuchen eine durchaus befriedigende Wirkung. »Die haben einen richtigen Blockbuster in der Pipeline«, urteilt der Mediziner. »Das kann ich so sagen, weil ich das Medikament an 300 Männern geprüft habe, und die waren schon sehr begeistert.«

Einer seiner Tester, ein 62 Jahre alter Rentner mit schwersten Erektionsproblemen und einer 15 Jahre jüngeren Frau, sei so angetan gewesen, dass er seine Ration von 25 Tabletten binnen 25 Tagen aufgebraucht habe.

Biochemiker Erwin Bischoff, der maßgebliche Entwickler der Bayer-Substanz, brennt darauf, seine Schöpfung endlich »selbst einmal auszuprobieren«, wenn sie vermutlich Anfang nächsten Jahres auf den deutschen Markt kommt. Rund 5000 Moleküle hat er im Bayer-Pharmaforschungszentrum in Wuppertal untersucht, bis am Ende eine chemische Verbindung übrig blieb, die dem Viagra-Wirkstoff verräterisch ähnlich sieht.

»So weit ist unsere Substanz nicht von Viagra weg«, räumt Bischoff ein. »Wir konnten aber nachweisen, dass sie noch fester an die Phosphodiesterase im Penis bindet.«

Im vergangenen August musste Bayer seinen Milliardenseller, den Cholesterinsenker Lipobay, wegen des Verdachts auf tödliche Nebenwirkungen vom Markt nehmen. Jetzt soll der Potent-Macher den angeschlagenen Konzern wieder nach vorn bringen. Die Tablettenpresse im Werk Leverkusen steht bereit; eine Videokamera

und ein drei Meter hoher Stahlschrank sol-

len verhindern, dass der brisante Stoff abermals geklaut wird.

Mit Nuviva haben die Bayer-Manager einen Markennamen erwählt, der auch in den romanischen Sprachen einen guten Klang hat - Mexiko und Brasilien gehören zu den vielversprechendsten Märkten (siehe Grafik Seite 185). Zugleich soll die gemeinsame Vermarktung mit dem Pharma-Giganten Glaxo Wellcome die aprikosenfarbene Tablette in aller Welt bekannt machen, vor allem in den USA, dem Viagra-Land schlechthin.

Am Ende werden aber keine Marketing-Strategien darüber entscheiden, ob die Konkurrenzprodukte Cialis und Nuviva den Monopolisten Viagra übertrumpfen können. »Der Markt wird nicht von mir als Experten entschieden, er wird auch nicht von den Firmen Pfizer, Bayer oder Lilly Icos entschieden«, glaubt der Hamburger Urologe Porst. »Der Markt wird von den Männern entschieden. In der Sexualität probieren sie alles aus und bleiben dann beim besten Medikament.«

Marktführer Pfizer bereitet sich bereits auf die bevorstehenden Verteilungskämpfe vor - mit einem verbesserten Viagra, an der gegenwärtig in seinem britischen Forschungszentrum in Sandwich getüftelt wird. Zugleich gehen die Pfizer-Forscher Hinweisen nach, dass ihr Klassiker bei bestimmten, schwer erregbaren Frauen doch Wirkung zeigen könnte. In geheimen Tests lässt der Konzern deshalb seine Potenzpille an britischen Frauen testen.

Bisherige Untersuchungen unabhängiger Forscher lassen allerdings daran zweifeln, dass wirklich Lustförderndes geschieht. Zweifelsohne fördert der PDE-5-Hemmer die Durchblutung der Klitoris; doch allem Anschein nach reichen pralle Schwellkörper allein nicht aus, um eine Frau in Wallung zu bringen.

Denn eines erkennen die Sexualwissenschaftler immer klarer: Frauen sind bei weitem nicht so auf ihren Unterleib fixiert wie Männer, bei denen sich das meiste um den Penis dreht.

»Viagra wirkt im Unterleib und nicht im Kopf«, sagt die Sexualtherapeutin Ulrike Brandenburg, 47, von der Aachener Universitätsklinik. »Für die Frauen aber ist das Gehirn die wichtigste erogene Zone.«

Wie man die biochemischen Kreisläufe im Kopf beeinflussen muss, um die weibliche Begierde zu wecken, das beginnen die Forscher erst in Ansätzen zu verstehen.

Die Wissenschaft steht vor einem Rätsel: Obwohl die Chemie der Lust im Gehirn bei Männern und Frauen ähnlichen Mustern folgt, unterscheidet sich ihre sexuelle Erregbarkeit fundamental. Porst: »Die medikamentöse Behandlung der Frau ist wesentlich komplizierter. Da hinken wir in der Forschung 10 bis 15 Jahre hinterher.«

Über kaum ein Gebiet seiner eigenen Biologie weiß der Mensch so wenig wie über den weiblichen Geschlechtstrieb - jenen »dunklen Kontinent« (so der Wiener Psychoanalytiker Sigmund Freud), den lange kein Forscher betreten mochte.

Es war der Vibrator, der 1880 (kurz vor Entwicklung des elektrischen Bügeleisens) erstmals das Augenmerk auf die unerfüllten Begierden von Frauen lenkte. Bald waren die Schüttelstäbe allseits beliebt zur Behandlung von »weiblicher Hysterie«.

Beharrlich beschränkte sich die Forschung zunächst auch bei den Frauen auf den Unterleib. In den sechziger Jahren ergründete das amerikanische Sexologen-Paar William Masters und Virginia Johnson, was dort genau passiert, wenn eine Frau Sex treibt: 10 bis 30 Sekunden nach der Erregung geben bestimmte Gewebe der Scheide ein feuchtes Sekret ab. Die inneren Schamlippen schwellen an und ändern ihre Farbe: von Rosa zu Hellrot; der Gebärmuttermund zieht sich zurück, so dass im hinteren Drittel der Scheide ein Raum entsteht, der die Spermien aufnehmen kann. Zudem erkundete das Gelehrten-Paar ein wunderliches Gewebe im Schoße der Frau: die Klitoris. Als Erste identifizierten sie das Weichteil als ein Organ weiblicher Lust.

Die tatsächliche Ausdehnung der Klitoris hat die australische Chirurgin Helen O''Connell erst vor drei Jahren offen gelegt. Sie begutachtete zehn Frauenleichen, sezierte und knipste mit einer 3-D-Kamera deren Unterleib und fand Dimensionen, die bis dahin in den führenden Anatomiebüchern unterschlagen wurden: Zwei Fortsätze von bis zu neun Zentimeter Länge reichen in die Tiefe des Körpers hinein, verbunden durch zwei weitere zwiebelförmige Schwellkörper, die sich teilweise an die Vorderwand der Vagina anschmiegen.

»Die Klitoris ist näher an der Harnröhre und bedeckt einen viel größeren Teil der vorderen Vaginawand als bislang angenommen«, erkannte O''Connell. »Der Schwellkörperanteil ist sogar größer als beim Mann.«

Angeregt durch diese Entdeckung, legten Lustforscher der University of Washington in Seattle mehrere Frauen in die Röhre eines Kernspintomografen. Dann zeigten sie ihnen Pornofilme und beobachteten, was mit den Weichteilen geschieht: Die Kitzler schwollen um bis zu 80 Prozent an.

Für Penisneid, so das Fazit der Forscher, besteht also kein Grund. War mit der Klitoris folglich das weibliche Gegenstück zum Glied gefunden, das ultimative Erregungsorgan der Frau?

Untersuchungen an weiteren Probandinnen, die sich erotische Filme anschauten, konnten diese These nicht erhärten. Selbst wenn die Klitoris prall war, berichtet Sexualtherapeutin Brandenburg, »gaben die Frauen zum Teil an, subjektiv überhaupt nicht erregt zu sein«. Mediziner Porst bestätigt: »Die sexuelle Zufriedenheit wird keineswegs nur über die Klitoris vermittelt.«

Für die Lust der Frauen, so vermuten die Wissenschaftler, spielen unterschiedlichste Faktoren eine Rolle. »Das weibliche Begehren hängt von mentalen, emotionalen und vielleicht auch situativen Dingen ab«, sagt Brandenburg. Auch »die Stimmung in der Beziehung« sei entscheidend für die weibliche Bereitschaft zum Sex.

Und die ist nicht sehr verbreitet, glauben Forscher der University of Chicago ermittelt zu haben. 43 Prozent aller Frauen klagen demnach über ein unerfülltes Liebesleben - ein gigantischer Pool von Patientinnen (siehe Kasten Seite 190).

Wenn auch die Gründe der grassierenden Unlust noch weitgehend unverstanden sind, haben amerikanische Sexologen das Phänomen kürzlich »weibliche sexuelle Fehlfunktion« getauft. Wer dieses Leiden beheben will, glaubt Sexforscher Pfaus, der müsse im Kopf ansetzen. »Im Gehirn sind mittlerweile sechs oder sieben Schaltstellen bekannt«, bestätigt auch Porst, »über die sexuelle Reize vermittelt werden.«

Die neuesten experimentellen Luststoffe sollen diese Sexzentren gleichsam in Ekstase versetzen: Sie wären somit die ersten Potenzmittel, die bei Männern und Frauen gleichermaßen wirken. Gegenwärtig werden in den Pharmalabors vor allem Substanzen getestet, die in den Stoffwechsel der Botenstoffe Serotonin und Dopamin eingreifen.

Beide Botenstoffe gelten als Glückshormone. Im Belohnungszentrum des Menschen übermitteln sie Signale von Nervenzelle zu Nervenzelle. Zu ihren Botschaften gehören Lust und Erregung - aber sie steuern auch Gefühle, Gedächtnis und das Lernvermögen. Allerdings sind diese unerhört komplexen Abläufe noch wenig verstanden. Kein Wunder also, dass mitunter erstaunliche Nebenwirkungen auftreten, wenn man mit Medikamenten ins Gefüge der Glückshormone eingreift.

Das wohl berühmteste Beispiel ist das in den USA gefeierte Antidepressivum Prozac (in Deutschland als Fluctin auf dem Markt). Es erhöht die Menge des Serotonins im Gehirn; das hebt die Stimmung. Doch 30 bis 40 Prozent der Konsumenten stumpfen durch die Serotoninflut ab - sie verlieren die Lust auf Sex.

Nun soll eine zweite Psycho-Substanz namens »VML 670« die verlorene Empfindlichkeit für Serotonin wieder herstellen. Zumindest Mäuse brachte das Mittel schon in Wallung: Entsprechend gedopte Männchen bestiegen die Weibchen schneller und ejakulierten früher als Vergleichstiere. »Die Mäuse kamen einfach rascher zur Sache«, erzählt der beteiligte Forscher John Hutchison.

Pikanterweise gehören Prozac und VML 670 ein und derselben Firma: dem US-Konzern Eli Lilly. Sollte VML 670 in einigen Jahren tatsächlich auf den Markt kommen, könnte der Konzern an etlichen seiner bisher 40 Millionen Prozac-Patienten gleich zweimal verdienen.

Nicht nur das Serotonin-System, auch das Dopamin-System reagiert ungemein vielfältig auf Einflüsse von Medikamenten. Oft entscheiden nur wenige Milligramm darüber, ob ein Wirkstoff im Körper Sextrieb oder Brechreiz auslöst.

Besonders krass zeigt sich das an jener Arznei, die im vergangenen Sommer als angebliche Alternative für Viagra-Müde auf den Markt gekommen ist. »Apomorphin«, so der Name der Wirksubstanz, stimuliert den Dopamin-Stoffwechsel und soll auf diese Weise den »Sex im Hirn anschubsen«, schreibt die Ärztepostille »Medical Tribune«.

Für Pharmakologen ist Apo morphin ein alter Hut. Das schon seit hundert Jahren bekannte Mittel wirkt in hohen Dosen auf das Brechzentrum des Gehirns und wird traditionell zur Entleerung des Magens benutzt; bei Vergiftungen hilft es im Eiltempo.

In geringerer Konzentration aber bewirkt Apomorphin nicht etwa Würgen - sondern Wonnen. Das zumindest versprechen die Herstellerfirmen Abbott (Produktname: Uprima) und Takeda (Ixense), deren Pillen chemisch baugleich sind.

Die Tablette soll man sich unter die Zunge legen; der Wirkstoff wandert dann durch die Mundschleimhaut in den Blutkreislauf und von dort in das Gehirn, und zwar in den Hypothalamus. Darin haben Neurowissenschaftler unlängst zwei kleinere Regionen entdeckt, in denen die Lüste, Triebe, Seh nsüchte und schmutzige Gedanken entstehen. Hier soll Apomorphin den Dopamin-Stoffwechsel in Schwung bringen und damit wie ein Verstärker der erotischen Signale wirken.

So weit die Theorie. In der Praxis (des Urologen) jedoch sind die Mittel »im ersten Durchlauf durchgefallen«, verrät Branchenkenner Porst. Sein Schützling Johannes I. war ebenfalls wenig erregt vom angeblichen Antörner Apomorphin.

Auch eine Studie unter 500 Männern, veröffentlicht im Fachblatt »European Urology«, deutet an, dass die Wirkung eher durchwachsen ist: Mit Apomorphin-Pille gipfelte jedes zweite Vorspiel im Akt. Aber bei den Patienten der Kontrollgruppe, die lediglich ein Scheinmedikament erhielten, war die Erfolgsquote so viel schlechter nicht: Immerhin fast jeder dritte Anlauf führte zum Geschlechtsverkehr.

»Schon die bloße Tatsache, eine Pille eingenommen zu haben«, erklärt der Sexualmediziner Klaus Beier von der Berliner Charité, »reduziert den Stress, löst die Angst zu versagen und verbessert dadurch die Erektionsfähigkeit« - potent dank Placebo.

So mau seine Wirkkraft auf die Potenz erscheint, so imposant lesen sich die Nebenwirkungen, die Apomorphin hat: Seinen Anwendern wird es erwartungsgemäß schlecht (sieben Prozent), schwindelig (vier Prozent) und sie leiden unter Kopfweh (sieben Prozent). Manche der Männer mussten nach Einnahme der Pille wiederum herzlich gähnen - was ihre Attraktivität im Bett wohl kaum erhöhte.

»Ein Potenzmittel, das erbrechen beziehungsweise ermüden lässt, erscheint uns für den erwünschten Zweck ungeeignet«, urteilen die Herausgeber des kritischen Branchendienstes »arznei-telegramm«. Mehr noch: Die anfängliche Hoffnung der Industrie, Apomorphin errege womöglich auch weibliche Begierde, hat sich zerschlagen. Eine amerikanische Firma testete es als Nasenspray an weiblichen Probanden - ohne überzeugenden Erfolg. Für Frauen wurde das Mittel erst gar nicht zugelassen.

Ungleich vielversprechender erscheint da jetzt der Wirkstoff PT-141. »Ich habe noch nie eine Droge gesehen, die so verdammt effektiv wirkt«, kommentiert Hirnforscher Jim Pfaus seine Tier-Experimente. In seinem Labor an der Montrealer Concordia University hat er Dutzende von Rattenpärchen jeweils in einen Käfig gesperrt und überwacht ihr Liebesleben mit einer Videokamera.

»Die Bereitschaft der Weibchen, sich von den Männchen begatten zu lassen, steigt um das Drei- bis Vierfache, wenn ich ihnen zuvor PT-141 verabreiche«, sagt Pfaus. Mehr noch, die Substanz mache auch männliche Tiere rasend.

PT-141 wirkt ähnlich wie das im Gehirn des Menschen vorkommende Hormon Melanotropin. Zu dessen vielfältigen Aufgaben gehört, dass es bei UV-Einstrahlung die Bräunung der Haut fördert.

Genau aus diesem Grund waren Forscher am Health Sciences Center der University of Arizona auf PT-141 aufmerksam geworden: Als Sonnenmilch verabreichten sie die Substanz besonders blassen Männern, um deren Pigmentbildung anzuregen.

Tatsächlich freuten sich die Männer bald über eine tiefe Bräune - und gewaltige Erektionen. Einer der Forscher - er hatte sich die erregende Paste aus reiner Neugier auf die Haut geschmiert - irrte sogar acht Stunden lang mit steifem Penis umher.

Schnell war die Industrie an dem Stoff interessiert. Denn anscheinend hatte die Sonnencreme die Begierde der Testpersonen im Kopf entfacht. »Das war offenbar eine psychische Reaktion, die eine ganze Kaskade weiterer Reaktionen das Rückenmark hinunter bis in den Unterleib auslöste«, erläutert der Pharmakologe Mac Hadley von der University of Arizona.

Doch wenn PT-141 tatsächlich »Lust auf Sex macht«, wie es auch Hirnforscher Pfaus vermutet, wäre die herbeigesehnte Sexpille in Wahrheit dann nicht eine Gefahr für die Menschheit? Könnte sie nicht Frauen und Männer in Sexsüchtige, schlimmstenfalls sogar in Triebtäter verwandeln?

Genau diese Frage hat Pfaus in aufwendigen Verhaltenstest an seinen Ratten zu klären versucht. Dabei will er herausgefunden haben, dass PT-141 immer nur dann wirkt, wenn sich die Tiere von Natur aus in einer Phase sexueller Aktivität befinden. Beispielsweise würden nur empfängliche Weibchen so wild auf den Stoff anspringen. Pfaus: »Bei Menschen würde PT-141 nur das Verlangen verstärken, wenn auch die Rahmenbedingungen stimmen.«

Sein Industrie-Partner Molinoff beschwichtigt ebenfalls. »Als Nasenspray wirkt das Mittel nicht sehr lange im Gehirn. Und man würde es ja nur in unmittelbarer Erwartung einer sexuellen Aktivität schnupfen.«

Die New Yorker Sexualtherapeutin Leonore Tiefer befürchtet aber noch ganz andere Nebenwirkungen. Der bekennenden Feministin graut es generell vor der heraufziehenden Zukunft, in der die Geschlechter einander aufgeputscht mit Medikamenten begegnen.

Geriatrische Techtelmechtel mit unkalkulierbaren Verschleißerscheinungen stünden zu befürchten, warnt Tiefer: »Die 20jährige Vagina in der 60jährigen Dame wird jetzt bald auf die 20-jährige Erektion von einem 60jährigen Mann treffen«, sagt Tiefer. »Ich bin mir nicht sicher, ob die Genitalien das alles aushalten werden.«

Schon die Erfahrungen mit Viagra bieten einen Vorgeschmack auf kommendes Unheil. So hat die Potenzpille bereits für einen sprunghaften Anstieg von Todesfällen beim Beischlaf ("Mors in coitu") gesorgt.

Allein seit der Viagra-Einführung 1998 blieben in Deutschland mindestens 30 Konsumenten »für immer steif«, wie es die Berliner »taz« süffisant beschreibt; weltweit sind bislang mehr als 600 Todesfälle zu beklagen.

Allerdings fehlen einstweilen Beweise, dass die Todesfälle ursächlich mit der Potenzpille zusammenhängen. »Die Toten sind keineswegs dem Medikament anzulasten«, sagt Porst, »sondern der Tatsache, dass der behandelnde Arzt nicht erkannt hat: Impotenz ist immer ein Hinweis auf andere schwere organische Leiden.«

Der Penis, dieses »ehrwürdige Symbol an sich« (so der Philosoph Friedrich Nietzsche), ist in der Tat ein bedeutsamer Spiegel der Mannesgesundheit. Lässt sich das beste Stück hängen, so Porst, dann können seinem Träger »Herzinfarkt, Schlaganfall und Aneurysmen« drohen. Treibe solch ein Wackelkandidat, nach Jahren der Entsagung und mit Potenzmittel gestärkt, plötzlich wieder Sex, dann »ereilt ihn womöglich der Sekundentod«.

Den bislang heißblütigsten Viagra-Abgang hat der nigerianische Militärdiktator Sani Abacha hingelegt. Nach Einnahme der Potenzpille verstarb der 54-jährige General am 8. Juni 1998 um 4 Uhr in der Früh im Bett, drei indische Prostituierte auf und neben sich. JÖRG BLECH

* Bei dem Experiment im Bayer-Pharmaforschungszentrum inWuppertal wird gemessen, wie das Potenzmittel »Nuviva« inSchwellkörper-Gewebeproben von Versuchstieren wirkt.* Eingefärbtes Kernspintomogramm mit erigiertem Penis in derScheide, aufgenommen an der Universitätsklinik Groningen.* Aus der Tragikkomödie »Don Juan de Marco« mit Talisa Soto undJohnny Depp (1995).

Zur Ausgabe
Artikel 1 / 124