Neues Feuer im kalten Schoß
Mit der verhassten Fünf-Minuten-rein-raus-Medizin hat die Sprechstunde von Laura und Jennifer Berman in Los Angeles nichts gemein. Allein die Erstuntersuchung kostet bei ihnen 2000 Dollar, doch dafür bieten sie ihren Patientinnen so manches: dreieinhalb Stunden Gespräche und Tests, einen Porno, und wenn alles gut geht, sogar einen Orgasmus.
Die Geschwister Berman - Laura ist Sex-Therapeutin, Jennifer Urologin - sind Direktorinnen des vor einem Jahr gegründeten Zentrums für weibliche Sexualmedizin an der University of California. Amerikas »Doctors of Desire« ("Vogue") erfreuen sich überwältigender Nachfrage: Termine sind frühestens nach viermonatiger Wartezeit zu haben. Aus aller Welt fliegen Frauen ein, die jüngste war unter 20, die älteste über 80, und sie alle plagt das Gleiche: im Bett nur Frust, keine Lust.
Für Männer mit gestörter Sexualfunktion gibt es Viagra. Aber für Frauen? Zu lange, so finden die Bermans, hätten Therapeuten die Unlust der Frauen als rein mentales oder als Beziehungsproblem abgetan.
»Das Problem steckt auch bei den Frauen nicht nur in den Köpfen«, glauben die Schwestern - und mit diesem Credo sind die offenherzigen Blondinen zu Gallionsfiguren einer neuen, auch auf Biochemie basierenden Sexualmedizin für Frauen aufgestiegen. Auf allen Kanälen verkünden die Bermans ihre Botschaft: in Fachzeitschriften und auf Medizinerkongressen, in einem Bestseller, in Talkshows ("Larry King Live"), im Internet (www.newshe.com) und bald auch in einer eigenen Fernsehsendung; Arbeitstitel: »Vagina Dialoge«.
So wie Viagra Penisse anhebt, daran glauben die Schwestern fest, könnten neu entwickelte Wundermittel schon bald helfen, erkalteten Schößen neues Feuer einzuhauchen. Oft sei die Ursache mangelnder Lust direkt in der Vulva oder Vagina selbst zu suchen: in Durchblutungsstörungen, geschädigten Nerven als Folge von Unterleibsoperationen oder Kindsgeburten oder in den Nebenwirkungen von Psychopharmaka. Die Blockade im Kopf, glauben die Schwestern, entstehe häufig erst im Gefolge einer physiologischen Sex-Störung. Sofern die Frauen unter ihrem Libido-Verlust überhaupt leiden, was nicht immer der Fall sei, müssten beide Defekte dringend behandelt werden: mit einer Kombination aus Psychotherapie und vor allem Medikamenten.
Viele der bisher experimentellen Substanzen der Pharmafirmen werden von den Bermans in ihrer Klinik in L. A. getestet. Überdies betreibt Jennifer Berman an Leichen anatomische Studien, um Aufschluss zu erhalten über den genauen Verlauf jener Nervenbahnen, die für die Sexualfunktionen unerlässlich sind. Ihre Forschungen sollen helfen, bei Unterleibseingriffen künftig schonendere Methoden zu entwickeln - ähnlich wie es für die Prostata-Operation beim Mann längst praktiziert wird.
Erschreckend wenig, sagt Jennifer, sei bislang bekannt über die Anatomie der weiblichen Geschlechtsorgane: »Wir stehen ganz am Anfang unseres Verständnisses für die komplexen Mechanismen der weiblichen Erregung.«
Patientinnen müssen sich bei den Bermans auf einiges gefasst machen. Laura klärt im Gespräch zunächst ab, ob eine Frau je missbraucht worden ist, wie oft sie masturbiert, ob sie Schuldgefühle hat beim Sex und wenn ja, warum. Anschließend untersucht Jennifer das Genitale selbst - eine Prozedur, die sie in den Rang einer eigenen Wissenschaft erhoben hat. Sie führt Sonden und Ballons in die Vagina ein, misst, wie dehnbar die Scheide ist und wie erregbar die Nerven. Mit Ultraschall kontrolliert sie, wie gut Vagina und Schamlippen durchblutet werden. Dann verlässt sie den Raum für 15 Minuten.
In dieser Zeit sieht die Patientin durch eine 3-D-Brille einen erotischen Film, »abgestimmt auf weibliche Bedürfnisse«. In der Hand hält sie einen Vibrator, mit dem sie sich nach Möglichkeit zum Höhepunkt stimulieren soll. Messinstrumente in der Vagina überwachen währenddessen eine Vielzahl physiologischer Größen, die bei der genauen Diagnosestellung helfen sollen.
Die Bermans sind überzeugt, dass es nie eine Wunderpille geben wird, die allen sexmüden Frauen hilft. Manche brauchen Einzel- oder Paartherapie - andere einen neuen Partner. Sehr vielen aber könne durchaus mit Medikamenten geholfen werden. Häufig verschreiben die Schwestern Viagra - obwohl sich die Pille in großen Studien bisher als unwirksam bei Frauen erwiesen hat.
Dem halten die Bermans entgegen, dass Viagra einem bestimmten Patientinnen-Typus eben doch helfe - nämlich jenen Frauen, die zumindest in der Vergangenheit viel Vergnügen fanden am Sex, deren Hormonspiegel normal ist und deren Sexualproblem nicht auf gestörte Partnerschaft oder gar Missbrauch zurückgeführt werden könne. Bei diesen Frauen fördere Viagra die Durchblutung von Vagina, Klitoris und Schamlippen und lasse diese Gewebe bei Erregung besser anschwellen. 67 Prozent von ihnen, so wollen die Geschwister herausgefunden haben, erreichten mit Viagra leichter den Orgasmus.
Neben Viagra raten die beiden von Fall zu Fall auch zu dem gleichfalls experimentellen Testosteron, »dem Hormon der Begierde«, manchmal auch zu Östrogen, oft zu Vibratoren, stets zu schamloser Phantasie - vor allem aber zu »Eros«, dem einzigen bisher von der US-Arzneimittelbehörde FDA zugelassenen Gerät zur Behandlung der sexuellen Dysfunktion bei der Frau. An die Klitoris angelegt, stimuliert Eros offenbar so sehr wie ein guter Cunnilingus. Bei regelmäßiger Anwendung soll die kleine Pumpe die Durchblutung der Klitoris fördern.
Und all das, sagen Laura und Jennifer Berman, sei erst der Anfang. »Wir stehen am Beginn einer neuen Ära«, glauben die Schwestern. »Fast jede Woche gibt es neue Studien und tun sich neue Behandlungsmöglichkeiten auf.«
MARCO EVERS