UNTERNEHMEN Sterben auf Raten
Auf dem Weg ins Kitzbühler Wochenende wollte Rolf Breuer noch schnell die hiesige Medienwelt retten. Am Samstag vorvergangener Woche ließ der Deutsche-Bank-Chef seinen Firmenjet deshalb auf dem Münchner Flughafen zwischenlanden. Um Punkt zehn Uhr wollte Breuer dort mit Leo Kirch Tacheles reden. Showdown ums Showgeschäft.
Es sollte um die Neuordnung von Kirchs schwer angeschlagenem Film-, TV- und Presseimperium gehen. Alles schien klar: Um die drohende Pleite des heillos überschuldeten Medienmanagers abzuwenden, müsse der 75-Jährige alles verkaufen, was er noch an kleinen und größeren Schätzen in seinem verschachtelten Medienreich zu bieten hat: von seiner Beteiligung am spanischen Fernsehsender Telecinco bis zum Aktienpaket am Axel Springer Verlag, das ohnehin als Sicherheit für einen 615-Millionen-Euro-Kredit bei der Deutschen Bank lagert.
Der Rest schien Routine. Bundeskanzler Gerhard Schröder wusste es zu diesem Zeitpunkt allerdings schon besser.
Um 9.45 Uhr hatte ihn Albrecht Schmidt, Chef der HypoVereinsbank, angerufen und bat um ein »Nicht-Gespräch«. Der Kanzler scherzte, das stelle er sich am Telefon schwierig vor. Schröder will im Kirch-Chor ohnehin nicht als Akteur auftreten, hörte sich dann aber die Sensation an.
Schmidt tat kund, sein eigenes Institut werde in die Bresche springen und Kirchs 40-Prozent-Anteil an Springer für knapp 1,2 Milliarden Euro übernehmen. Kirch könne damit zumindest die Deutsche Bank auszahlen, weitere 550 Millionen Euro blieben dem Unternehmer für andere drängende Verpflichtungen.
Was Kirch zumindest kurzfristig Luft verschaffen soll, raubte Breuer fast den Atem. Brüskiert machte er kehrt. Im Laufe der Woche eskalierte die Krise zu einer lautstarken Bankenschlacht.
Flugs schob sich Bernd Fahrholz, Chef der Dresdner Bank, auf die Seite der HypoVereinsbank, um an dem Springer-Deal mitzuverdienen. Breuer schien düpiert, Kirch vorläufig gerettet - und viele der Gläubigerbanken befriedigt. Zumindest, weil sie es dem großen Konkurrenten Breuer endlich mal gezeigt hatten.
Kirch, »der alte Fuchs«, habe es wieder geschafft, kommentierten - halb verwundert, halb bewundernd - die Blätter, von »FAZ« bis »Süddeutsche Zeitung«. Da war er wieder, der Mythos vom Münchner Schuldengenie, das chronisch am Abgrund steht und immer in allerletzter Minute neue Geldquellen entdeckt.
»Bis zur Bundestagswahl will man Kirch noch durchfüttern«, glaubt dagegen der frühere RTL-Chef Helmut Thoma, »erst danach kommt die Stunde der Wahrheit.« Ein Bertelsmann-Manager bilanziert nüchtern, das sei ein Sterben auf Raten. Denn das vermeintlich rettende Springer-Geschäft ist nur ein weiteres Indiz für das Chaos auf allen Ebenen.
Vom Kanzleramt bis hinunter in die Redaktionen der Kirch-Sender wie etwa Sat.1 oder ProSieben, vom Formel-1-Zirkus bis zu den Präsidenten der Fußball-Bundesliga, von den Studiobossen in Hollywood bis in die Vorstandsetagen der deutschen Großbanken - wo immer Kirch involviert ist, herrscht heillose Konfusion. Sicher ist nur: Am Ende wird sein weit verzweigtes Imperium auf einen schmalen Kern zusammengeschrumpft sein.
Längst hat die gedankliche Verwertung der Filetstücke begonnen: Formel-1-Chef Bernie Ecclestone sinniert darüber, Kirch dessen Anteile am Motorsportzirkus wieder abzukaufen - zum halben Preis. In der Bertelsmann-Zentrale wird spekuliert, ob die Kirch-Kanäle H.O.T. und N24 nicht ins eigene Portfolio passen könnten. Und der Frankfurter PR-Profi Moritz Hunzinger posaunte, sich Kirchs Nachrichtenagentur DDP sichern zu wollen. Am größten aber ist das Durcheinander im Kreis jener Banken, bei denen Kirch in der Kreide steht.
Beispiel HypoVereinsbank: Deren Chef, Albrecht Schmidt, übersieht bei seinem vermeintlich sicheren Geschäft, dass der 40-Prozent-Anteil an Springer nicht nur an die Deutsche Bank verpfändet wurde, sondern ebenso an Lehman Brothers und J. P. Morgan Chase sowie an einen noch viel größeren Gläubiger - die Bayerische Landesbank.
Auch das halbstaatliche Institut (siehe Kasten Seite 96) müsste im Fall des Springer-Verkaufs ausbezahlt werden. Summa summarum hat man bei Kirch Außenstände von 1,9 Milliarden Euro, notdürftig gesichert mit dem eher überschätzten Filmstock des Münchners und eben mit einem nachrangigen Pfandrecht auf die Springer-Anteile, auf das die Landesbank keinesfalls verzichten will.
Beispiel DZ Bank: Mal wollte sie - wohl nicht zuletzt unter Breuers Einfluss - Kirch in der vergangenen Woche einen 400-Millionen-Euro-Kredit kündigen. Dann wieder hieß es, man warte erst mal ab.
Beispiel Dresdner Bank: Entgegen bisherigen Beteuerungen droht dem Institut im Falle eines Kirch-Konkurses der völlige Verlust der Kredite - immerhin 460 Millionen Euro, die mit einem 25-Prozent-Paket an Telecinco abgesichert sein sollen. Dumm nur: Die Dresdner verliehen das Geld dafür an die Kirch-Holding, das TV-Paket aber gehört der KirchMedia AG.
Zwar ist die KirchMedia eine Tochter der Holding, aber im Pleitefall würden beide Teile von unterschiedlichen Konkursverwaltern abgewickelt. Ob der eine dem andern dann die Telecinco-Anteile abtreten müsste, ist derzeit Streitpunkt etlicher in aller Hektik erstellten Rechtsgutachten. »So ein Fehler«, spottet ein Frankfurter Banker, »darf einem Lehrling eigentlich nicht einmal im ersten Jahr passieren.«
Am Donnerstag tagten die verfeindeten Banker-Lager, einig nur in ihrer Verwirrung: In Frankfurt lud Breuer zum Gespräch, in München Kirch. Ergebnis war auf beiden Seiten, dass man zu keinem Ergebnis kam - außer, dass man im Milliarden-Monopoly einen gerechten Moderator braucht.
»Mit Kirch sind wir, wie seinerzeit bei Jürgen Schneider, wieder einmal einem jener Unternehmer aufgesessen«, philosophiert ein Frankfurter Banker, »die ihren Lebenstraum verwirklichten und sich eigentlich nie darum gekümmert haben, wer am Schluss die Rechnung zahlt.«
Einziger Unterschied zu Schneider: Der Immobilienspekulant hatte mit knapp drei Milliarden Euro nur halb so hohe Schulden wie Kirch jetzt.
* Der Axel Springer Verlag wartet auf 767 Millionen Euro aus der Beteiligung an ProSiebenSat.1.
* Im April wird der 460-Millionen-Euro-Kredit bei der Dresdner Bank fällig, der bereits zweimal verlängert wurde.
* Im Juni will die Bayerische Landesbank mehr als eine Milliarde Euro sehen. Mit dem Überbrückungskredit hatte Kirch im vergangenen Jahr seine Beteiligung an der Formel 1 aufgestockt. Hier sucht der Münchner nun dringend nach einer Möglichkeit der Umfinanzierung.
* Investoren wie der saudische Prinz Al Walid und die Investmentfirmen Lehman Brothers und Capital Research, denen Kirch 1999 in seiner Finanznot kleine Häppchen der Kernfirma KirchMedia verkaufte, können ihre Einlagen zurückverlangen - insgesamt eine Summe von rund 835 Millionen Euro.
* Allein bei den Hollywood-Studios Paramount und Universal belaufen sich Kirchs Außenstände bislang auf rund 300 Millionen Euro. Beide Seiten überziehen sich momentan gegenseitig mit Klagen. Kirch bezahlt nicht, die Studios liefern im Gegenzug keine Spitzenfilme mehr. Viele seiner langjährigen Verträge mit großen Produzenten schloss Kirch Mitte der neunziger Jahre zu extrem hohen Preisen, um die damals befürchtete Pay-TV-Konkurrenz von Bertelsmann auszustechen. Allein in diesem Jahr wird hier rund eine weitere Milliarde Euro fällig.
* Das Abenteuer Premiere World kostet zwei Millionen Euro - jeden Tag. Ganz zu schweigen von laufenden Fixkosten für die insgesamt rund 10 000 Kirch-Mitarbeiter, Kabel- und Satellitentechnik.
* Auch der Weltfußballverband Fifa will für die Rechte an der diesjährigen Weltmeisterschaft regelmäßig Bares sehen. Für dieses Jahr bleiben mindestens 68 Millionen Euro offen.
* Viermal jährlich wartet die Deutsche Fußball Liga (DFL) auf Raten von je rund 100 Millionen Euro für die Bundesligarechte, die bis zum Jahr 2004 allein 1,5 Milliarden kosten.
Mit den Fußballbossen wurde im April 2000 vereinbart, dass Kirch für die Rechte an vier Spielzeiten pro Jahr im Schnitt 380 Millionen Euro zahlt. Jeder Erstligaclub erhält so 15 Millionen Euro - 25 bis 35 Prozent der Jahresetats in der höchsten Fußballklasse. In der zweiten Liga rechnen die Clubs durchschnittlich mit rund vier Millionen - bis zur Hälfte ihrer Etats.
»Die Zweitligisten sind noch abhängiger, die wären sofort pleite«, sagt Ex-RTL-Mann Thoma. Schon heute sind die 36 Profi-Clubs zusammen mit rund 500 Millionen Euro verschuldet. Was, wenn die Kirch-Millionen plötzlich ausbleiben?
Um nicht selbst Pleite zu gehen, müssten sofort einschneidende Sparprogramme her. Uli Hoeness, Manager beim Branchen-Primus Bayern München, erwartet eine Gehälterreduktion »bis zu 30 Prozent« in den nächsten ein, zwei Jahren - »auch bei den Stars«.
Jetzt rächt sich, dass die Fußball-Funktionäre bei Kirch jahrelang den Hals nicht voll genug bekamen - statt einen eigenen Liga-Kanal aufzubauen. Die alten Pläne werden forciert, neue kommen dazu. Man könne doch auch die Free- und Pay-TV-Rechte künftig getrennt verkaufen. Dabei hoffen die Liga-Oberen vor allem darauf, dass der australoamerikanische Medientycoon Rupert Murdoch rechtzeitig Premiere World kapere.
Der Mann, den Kirch lange als möglichen weißen Ritter für sein Milliardengrab Premiere sah, macht deutlich, dass Kirch nicht auf ihn zählen kann, sondern mit ihm rechnen muss. Für seinen Premiere-Anteil will er im Oktober 1,8 Milliarden Euro fordern. Gerade hat Murdochs Sender BSkyB den 22-prozentigen Anteil an dem desaströsen deutschen Pay-TV schon mal vollständig abgeschrieben. Eine deutlichere Einschätzung der düsteren Premiere-Chancen hätte Murdoch kaum abgeben können.
Für Kirch wird es immer enger. Dass die für Juni geplante Fusion der bereits börsennotierten ProSiebenSat.1 Media AG mit der übergeordneten KirchMedia pünktlich über die Bühne geht, glaubt niemand mehr. Zwar schwor Kirch-Vize Dieter Hahn unlängst bei einem Umtrunk in der Firmenkantine seine Führungskräfte ein, man liege »voll im Zeitplan«. Doch die kritischen Stimmen werden immer lauter.
Zunächst reagierten Anleger und Analysten nervös. Der Kurs der ProSiebenSat.1-Aktie brach ein, Banken stuften das Papier ab, nun machen auch noch die Zeichner einer 400-Millionen-Euro-Anleihe mobil.
Als besonders renitent zeigt sich zudem ausgerechnet Vorstandschef Urs Rohner - der sich für die Fusion einen höchst delikaten Berater ins Boot geholt hat: die Deutsche Bank, die das Imperium am liebsten sofort zerschlagen würde.
Wenn schon Fusion, so Rohner vielsagend, dann müsse sie »in einer Art und Weise gemacht werden, dass dabei ein kapitalmarktfähiges Unternehmen entsteht. Wir werden am Ende nichts tun, was gegen die Interessen unserer Minderheitsaktionäre verstößt«.
Derart nachdenkliche Töne kommen im Kirch-Reich momentan gar nicht gut an. Intern wird zudem Rohners Leidenschaft für einen ganz besonderen Nebenjob argwöhnisch verfolgt: Der Schweizer kümmert sich seit geraumer Zeit als Verwaltungsrat um die Zukunft eines anderen maroden Konzerns: der Swissair-Nachfolgerin Swiss.
Ist Rohner auf dem Abflug? Der Manager selbst dementiert: »Das ist bestenfalls ein Faschingsscherz.« JÖRG KRAMER,
WOLFGANG REUTER, MARCEL ROSENBACH