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AFGHANISTAN »Eine völlig fremde Welt«

Die Ermordung des Lufttransportministers und die Tumulte vom vergangenen Freitag zeigen, dass die Soldaten der Bundeswehr ihren Auftrag in Kabul kaum erfüllen können: Sie sollen in einem Land Sicherheit garantieren, wo noch das Faustrecht herrscht.
• aus DER SPIEGEL 8/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Über dem Fußballstadion von Kabul liegt dieser helle, durchsichtige Nebel, der so typisch ist für die gebirgigen Höhen Afghanistans. Drüben am Westeingang haben Hunderte Einschüsse den Mauerputz durchsiebt - hier fanden unter dem Taliban-Regime öffentliche Exekutionen statt: Dieben wurden die Hände abgehackt, untreue Ehefrauen in der Burka mit Genickschuss hingerichtet. Immer freitags, immer nach dem Mittagsgebet, immer in der Halbzeitpause.

Das war früher. Und früher ist hier in Kabul noch nicht lange her.

Heute ist wieder Freitag. Vor gerade mal drei Monaten wurde die Stadt von den Glaubensfanatikern befreit. Und wieder wird Fußball gespielt. Diesmal kickt Afghanistan gegen die westliche Welt, gegen die Soldaten der internationalen Sicherheitstruppe Isaf.

Und an diesem Freitag vergangener Woche gibt es schon vor dem Spiel Tumult. Über 50 000 Menschen aller Ethnien und Stämme, die Gewinner und Verlierer der Kriegswirren, drängen ins Stadion, das gerade für 30 000 Platz hat. Nach 23 Jahren Krieg mag in Afghanistan keiner mehr warten, mit Steinwürfen versucht sich die aufgebrachte Menge Zutritt in die überfüllte Arena zu verschaffen.

Erst setzt die afghanische Polizei brutal Schlagstöcke und Rauchgranaten ein, schließlich fallen rund um die Arena die ersten Schüsse. Auch einige der rund 700 Soldaten der Friedenstruppe feuern Warnschüsse in die Luft, als die ersten Kollegen verletzt werden. Zwei deutsche, zwei niederländische und zwei österreichische Soldaten müssen, von Steinen getroffen, mit Platzwunden zurück ins Camp gebracht werden.

Auf dem Dach des blauen Hauses an der Ostkurve liegt gut getarnt ein Scharfschütze. Schweiß perlt unter der grünen Wollmütze hervor. Im Anschlag hat er das Präzisionsgewehr G 22. »Es war ja mit allem zu rechnen«, sagt der deutsche Stabsgefreite Karl B., 27. Die Tumulte um den Einlass beobachtet er aber nur aus den Augenwinkeln.

Sein Blick ist auf die VIP-Tribüne gerichtet, dort sitzt die Zukunft Afghanistans: Interimspremier Hamid Karzai im dunklen Chapan-Umhang und mit stolzer Fellkappe, in unmittelbarer Nähe, aber durch ein Gitter getrennt, der britische Isaf-Führer General John McColl. Alle sind sie da: Minister, Diplomaten, Stammesführer - wer mächtig ist in Kabul oder es bald wieder werden könnte, ist an diesem Nachmittag hierher ins so genannte Olympiastadion gekommen.

Ein Fest für Afghanistan. Ein Alptraum für die Deutschen.

Nach dem Tod des Lufttransportministers Abdul Rahman, der am Tag vorher auf dem Flughafen erschlagen wurde, führt die Gewalt rund um das Stadion den Bundeswehrsoldaten noch einmal vor Augen, dass sie in Kabul eine fast unmögliche Aufgabe erfüllen sollen: Sicherheit garantieren, wo es keine geben kann.

Tagelang waren für dieses Spiel sämtliche verfügbaren Scharfschützen, Sprengstoffexperten, Kämpfer - über 250 Mann - und speziell ausgebildete scharfe Hunde im Einsatz. Sie sollten vor allem ein mögliches Attentat bei der symbolträchtigen Massenveranstaltung verhindern.

»Heiße Kiste hier«, sagt der Chef des deutschen Kontingents, Brigadegeneral Carl Hubertus von Butler, 51, vor Ort. Doch offiziell bleibt der Fallschirmgeneral bei der Gefahrenanalyse der Afghanistan-Mission lieber diplomatisch verharmlosend wie im aktuellen Interview des Truppenblattes »Y": »Das Wichtigste aber ist, dass wir auf unsere Sicherheit besonders achten. Ich habe aber keinen Punkt, der mir große Sorgen macht.«

Auch Verteidigungsminister Rudolf Scharping vermittelt gern, hier sei alles halb so wild. Zwar sei die Situation in Kabul »nicht ruhig und stabil«, stellte er vergangene Woche nach einer anderthalbstündigen Stippvisite im deutschen Camp, einem früheren Bauhof an einer Ausfallstrasse im Osten der Stadt, fest. Dafür sei das Niveau für »Schutz und Ausrüstung« der Soldaten »so hoch wie möglich«.

Immerhin schickte er die härtesten Soldaten, die das Heer gleich nach dem Kommando Spezialkräfte zu bieten hat: Kernstück des deutschen Kontingents bildet das Fallschirmjägerbataillon 313 aus dem friesischen Varel, ein mit allen technischen Raffinessen hochgerüsteter Infanterieverband, der sich schon in der heißen Anfangsphase im Kosovo bewährte. »Wenn's knallt, sind das diejenigen, die noch was ausrichten können«, sagt der Truppführer der Scharfschützen, Oberfeldwebel Steffen P., 28.

Niemand hier weiß, wohin dieser Einsatz noch führen wird. Die TV-Bilder von fröhlichen Isaf-Soldaten, die über die Köpfe lachender Kinder streichen, sind jedenfalls nur der kleinere Teil der Wirklichkeit. Mit Mordbrennern und Räubern haben die Fallschirmjäger schon im Kosovo ausgiebig Erfahrung gesammelt. Doch dort waren sie die Ordnungsmacht. In Afghanistan ist alles anders.

So haben zwar Briten und Amerikaner den Flughafen von Blindgängern geräumt und für eine provisorische Landebefeuerung gesorgt. Doch dann wurde der zivile Teil des Maydan-e-Hawayi-Airports unter afghanische Verwaltung gestellt - die Isaf könne und wolle nicht überall sein.

Also mussten die Soldaten der Schutztruppe von weitem zusehen, wie die Stimmung von über tausend verhinderter Mekka-Pilger immer bedrohlicher wurde. Als die ihnen zugesagten Jumbos nicht kamen, blockierten sie die einzige Boeing 727 der afghanischen Airline Ariana, mit der Minister Rahman gerade nach Indien fliegen wollte.

Zunächst sah es so aus, als hätten aufgebrachte Gläubige, die oft von weit her über verschneite Bergpässe nach Kabul gereist waren und 1500 Dollar für den Flug an das Ministerium für Pilgerwesen gezahlt hatten, den Minister aus dem Flugzeug gezerrt. Ein paar Enthemmte hätten danach Rahman, einen von der Rom-Gruppe der Exilanten um Ex-König Zahir Schah nominierten Tadschiken, vor der Gangway totgeschlagen - viele andere hätten ungerührt zugesehen.

Interimspremier Karzai sprach später jedoch von einer »Verschwörung« und ließ mindestens drei hohe Sicherheitsleute festnehmen: darunter nach amerikanischen Medienberichten einen Sicherheitsbeamten der Regierung, einen Vertreter des Innenministeriums und den Sicherheitschef des Flughafens. Den Airport haben nun schwer bewaffnete afghanische Polizisten abgeriegelt, von der Regierung zur Hebung der Autorität in neue Uniformen gesteckt: »Grenztruppen der DDR« steht auf den Ärmeln ihrer irgendwo aufgestöberten Mäntel.

Der martialische Aufzug kann aber über die heikle Sicherheitslage im ganzen Land nicht hinwegtäuschen. Für die Provinz Paktia hat Premier Karzai vergangenen Mittwoch einen neuen Gouverneur ernennen müssen, nachdem sein bisheriger Statthalter in blutigen Kämpfen mit Rivalen unterlag. Kaum ist der Neue aus der Provinz Badakhshan vor Ort, da droht der Unterlegene bereits mit »weiterem Krieg«.

Auch bei Kandahar, der früheren Taliban-Hochburg und jetzigen US-Zitadelle, gab es vorige Woche lokale Scharmützel. In Masar-i-Scharif, Afghanistans »nördlicher Hauptstadt«, hat sich Usbeken-Warlord General Dostam weitgehend zurückziehen und seinem Erzrivalen Atta Mohammed das Feld überlassen müssen.

Die Provinz Balkh an der afghanischusbekischen Grenze schließlich gilt inzwischen als geradezu herrenlos: Dort treiben Anhänger des früheren Mudschahidin-Premiers Hekmatjar, der sein Exil in Iran verlassen muss, ihr Unwesen.

Der stets lächelnde und verbindliche Kabinettschef Karzai, so räsonierte ein regierungsnaher Beobachter in Kabul vergangenen Freitag, sei wohl doch der falsche Mann vor Ort. Seine Autorität reiche »einfach nicht«, die zerstrittenen Völker und Stämme am rauen Hindukusch wieder zusammenzuführen.

Das gilt selbst für die Hauptstadt, in der es nach Einschätzung der Uno noch am sichersten sein soll.

Doch vor allem Kabul bei Nacht ist ein ziemlich heißer Platz. 150 Raubmorde seit Weihnachten meldete die Uno vor zwei Wochen. Nach Einbruch der Dunkelheit traut sich kaum noch jemand vor die Tür. Nacht für Nacht werden Hilfsorganisationen ausgeplündert, Familien in ihren Häusern überfallen, Menschen erpresst und entführt wie vergangene Woche der Fahrer des deutschen ARD-Büros Kabul. Der stille, freundliche Afghane hatte gerade seinen Wochenlohn erhalten, 300 Dollar. Bis jetzt ist der Mann nicht wieder aufgetaucht.

Fallschirmjäger-Oberfeldwebel Mario Kunert, 28, ist eigentlich ein Vollblutsoldat. Er ist stolz, bei »Luthners Friesen-Seals« dabei zu sein, wie sich der Verband nach dem Kommandeur Peer Luthner und in Anlehnung an die harten Männer der U. S. Navy Seals gern nennt. Die Erlebnisse auf seinen Nachtstreifen mit der afghanischen Polizei machen Kunert aber doch nervös.

Regelmäßig blickt der Patrouillenführer im Dunkeln direkt in den Lauf eines auf ihn gerichteten Gewehrs. Den Finger am Abzug der Kalaschnikow hat meist ein nervöser Halbwüchsiger, der einen der zahlreichen Checkpoints in der Stadt bewacht. Bis Kunert mit seinen Männern passieren darf, vergehen schweißtreibende Minuten: »Daran werde ich mich kaum gewöhnen«, sagt der Berufssoldat.

Ohne eine Aufforderung durch afghanische Sicherheitskräfte dürfen die Soldaten der Friedenstruppen eigentlich fast nichts, nicht mal einen gewöhnlichen Räuber nach seinem Namen fragen. Die einzige Autorität der Stadt, die Polizei, ist jedoch nicht selten selbst Teil des Problems. Es gilt als offenes Geheimnis, dass viele Polizeichefs von Kabul ihren Distrikt wie Mafiapaten führen. Sie verkaufen Drogen und sind vielfach selbst in kriminelle Aktivitäten verwickelt.

Checkpoints dienen oft weniger der Sicherheit als der Abzocke von Passanten, oder es sind Sicherungsposten, wenn die eigenen Leute auf Raubzug gehen. So beobachtete ein Oberstleutnant vergangene Woche, wie ein afghanischer Polizist um Mitternacht einen Laden knackte - während er gerade mit dessen Kollegen nächtlich Streife fuhr. »Morgen sitzt dann der Räuber von gestern mit auf unserem Wagen und tut, als ob er Verbrecher jagt«, sagt der Offizier. Und seine Zweifel daran, dass es richtig ist, sich so eng an diese Polizisten zu hängen, sind unüberhörbar.

Tatsächlich könnte die Polizei kaum in schlechterer Verfassung sein. Seit sechs Monaten haben die Männer kein Gehalt mehr bekommen. Sie besitzen weder wintertaugliche Uniformen noch Funkgeräte oder Fahrzeuge. Zum Einsatz geht es im Taxi.

Viele der Polizisten sind noch halbe Kinder und haben wie Asadula, 19, ein schmächtiger Junge aus der Provinz, nichts gelernt - außer dem Kriegshandwerk. Wenn ihnen der Alltag zu fad erscheint, schlagen sie bei ihren gemeinsamen Streifen mit den Deutschen einfach Neugierigen die Gewehrkolben brutal ins Gesicht.

»Afghanistan ist eine völlig fremde, unberechenbare Welt, das hier ist der Mond«, sagt Bataillonskommandeur Luthner, 45, der als Soldat ziemlich weit herumgekommen ist. Er war auch in Somalia, doch der Job in Kabul bereitet ihm sichtlich mehr Sorge. »Wenn zwei Taxis einen meiner Männer einkeilen, Waffe an die Schläfe - was mache ich dann?«, fragt sich Luthner.

Tatsächlich sind die Soldaten zwar gut vorbereitet auf denkbare Szenarien, auch auf Geiselnahmen. In Rollenspielen, die bis an die Grenze des Erlaubten gehen, haben sie gelernt, wie sie sich bei demütigenden Verhören oder Isolationshaft verhalten sollen.

Doch das Spektrum der Risiken bleibt völlig diffus, wie auch das Fußballspiel gezeigt hat. Vor allem, wenn die afghanischen Polizisten selbst für die Eskalation der Gewalt sorgen. Soldaten berichteten, die Afghanen hätten sogar die Sicherheitsüberprüfungen vor dem Stadion dazu genutzt, etliche Besucher auszurauben. Das macht die Deutschen ebenso ratlos wie die Prügelorgien. »Uns ist diese Art der Brutalität völlig fremd«, sagte Oberstleutnant Dietmar Jeserich nach dem Einsatz.

Wo es möglich gewesen sei, seien die Soldaten auch gegen die Polizisten vorgegangen. Er sei aber, erklärte der stellvertretende Zugführer Kunert, gegenüber »den Afghanen nicht weisungsberechtigt«. So hätten die Polizisten nach seinen Interventionen einfach weitergeprügelt. Da das Sicherheitsaufgebot viel zu klein gewesen sei, hätten schließlich auch seine Soldaten »derart mit dem Rücken an der Wand gestanden, dass sie mit sich selbst genug zu tun hatten«.

Im Stadion dagegen blieb es ruhig. Die Friedenssoldaten gewannen 3:1 gegen das lokale Team »Kabul United«. Die Polit-Prominenz erfreute sich an Luftballons, Friedenstauben wurden in den Himmel geschickt. Der Botschaft mögen aber nicht alle glauben. Ein Fallschirmjäger-Oberfeldwebel fürchtet: »Wenn's richtig rumst, sind wir im Arsch.« SUSANNE KOELBL, CHRISTIAN NEEF

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