BUNDESWEHR Dümpeln im Leerlauf
Die Lage muss ernst sein. Sonst hätte Bundeswehr-Generalinspekteur Harald Kujat den exklusiven Zirkel, der am Dienstag vergangener Woche in Berlin tagte, wohl kaum zu striktem Stillschweigen vergattert.
In der Julius-Leber-Kaserne nahmen die versammelten Zwei- und Drei-Sterne-Generäle einen Bericht ihres Kameraden Dieter Löchel entgegen. Was der 58-jährige »Beauftragte für Erziehung und Ausbildung« über Unmut und Mängel in der Armee zu sagen hatte, alarmierte die Herren.
Der Kern seines Reports betrifft vor allem Verteidigungsminister Rudolf Scharping. Viele Soldaten haben »das Vertrauen zur politischen Führung verloren«. Sie begegnen ihr nur noch »mit starken Vorbehalten« - eine harsche Kritik, die in abgeschwächter Form selbst die militärischen Spitzen trifft.
Löchel fungiert dabei als internes Frühwarnsystem. Der Brigadegeneral aus der Panzertruppe gilt als Mann, der Übertreibungen meidet, weshalb sein Befund nach Gesprächen mit immerhin 2882 Soldaten umso schwerer wiegt: Die »Gefühls- und Stimmungslage« in der Truppe ist »brisant«.
Dem ohnehin schon arg strapazierten Verteidigungsminister dürfte der auf 30 Seiten niedergeschriebene Bericht neuen Kummer bereiten. Denn das vertrauliche Papier steht in krassem Kontrast zu dem Bild jener engagierten Bundeswehr, das Scharping ("Unsere Soldaten sind hoch motiviert und leistungswillig") gern präsentiert - und das ihm bei Truppenbesuchen nur allzu oft vorgespielt wird.
Überall spüre er »allgemeine Ernüchterung« wegen nicht eingehaltener Versprechen der politischen Führung, etwa für bessere Aufstiegschancen und Bezahlung, warnt Löchel. Unverhohlen attackiere die Truppe darüber hinaus die »Zurückhaltung der Generalität«, die ihren »Sachverstand« nur selten »in den politischen Entscheidungsprozess« einbringe. Im Klartext heißt dieser Vorwurf: Die hohen Militärs kuschen zu häufig.
Zwar hegen die Soldaten keine Zweifel, dass die Bundeswehr-Reform nötig ist, aber den dazu unerlässlichen Reformeifer fand der fragende General in den Kasernen nirgendwo: »Die eigentlich notwendige Aufbruchstimmung ist nicht erkennbar.« Im Gegenteil. Wo Löchel auch hinhörte - überall knirscht es.
Mehr denn je stelle er »Überlastung der Truppe« fest, sei es durch Einsätze, »ständige Planungsänderungen«, Personalengpässe oder überbordende Bürokratie.
Die Armee solle nach den Vorstellungen der politischen und militärischen Führung zwar kleiner, feiner und professioneller werden, weltweit einsetzbar sein und »überall mitreden«, wunderten sich die Soldaten, »aber wir haben keine Ersatzteile, sondern nur Material, das immer älter und schlechter wird«.
Und es geht dabei keineswegs nur um Kanonen oder Kampfjets: Vielerorts hausen die Streitkräfte nach Löchels Urteil in »heruntergekommenen« Unterkünften. In Küchen, Klos und Duschen mehren sich »hygienische Probleme«, an den Wänden wuchert Schimmel.
Die beste Reklame für ein Unternehmen, so Löchel, sind »zufriedene Mitarbeiter«. Doch die Bundeswehr meldet insoweit nur noch Fehlanzeige: Bei älteren Uniformträgern grassiere »zunehmende Unzufriedenheit«. Deshalb werde es auch immer schwieriger, dringend benötigte Soldaten niedrigerer Ränge für eine Verlängerung ihrer Dienstzeit zu gewinnen.
Weil ihnen Kampfanzüge und Stiefel sogar in den gängigen Größen fehlen, können die Wehrpflichtigen nicht mehr komplett eingekleidet werden. Sie beklagen sich nach der Grundausbildung über langweiliges »Rumdümpeln« und »Leerlauf«, spotten über altertümliche und »museumsreife« Ausrüstung.
Selbst die gut dotierten Auslandseinsätze erscheinen wenig attraktiv: Die Aussicht, regelmäßig sechs Monate fern von Heimat und Familie zu dienen, wirkt nach den von Löchel eingesammelten O-Tönen eher »abschreckend«. Oft kann die Truppe nicht mit dem Material trainieren, das sie im Ernstfall bedienen soll. Für die Ausbildung daheim fehlen häufig Nachtsichtgeräte, Apparate für die GPS-Navigation und sogar »die im Einsatzgebiet üblichen Fahrzeuge«.
Anzulasten ist die Misere in erster Linie dem zuständigen Minister. Der Inhaber der Befehls- und Kommandogewalt besorgt nicht das nötige Geld, und die angekündigten Privatisierungen zeigten auch »keine belegbaren Erfolge«.
Gut möglich, dass der Unmut bald auf Scharpings Chef durchschlägt. Wegen der Marschbefehle ans Horn von Afrika und zum gefährlichen Friedensdienst in Afghanistan schaut die Truppe jetzt gespannt nach ganz oben. Die Hoffnungen der Soldaten »konzentrieren sich auf den Bundeskanzler«, erklärt Löchel. Von Gerhard Schröder erwartet die Bundeswehr »jetzt die notwendige finanzielle Unterfütterung«. ALEXANDER SZANDAR