NAHOST Gejagte Jäger
Die olivgrüne Uniform mit den Rangabzeichen eines Hauptmanns liegt zerdrückt hinten im Kleiderschrank. »Ich glaube nicht, dass ich sie je wieder anziehen werde«, sagt Ejal Rosin und betrachtet das Kleidungsstück skeptisch. 20 Jahre lang war er ein treuer Soldat, der klaglos seinen Monat Reservedienst pro Jahr leistete. Nun hat der Hightech-Manager mit der israelischen Armee gebrochen - und die Armee mit ihm.
Rosin, 38, verweigert den Dienst in den besetzten Palästinenser-Gebieten. »Ich will nicht das Werkzeug einer falschen Politik sein, die mir meine Menschlichkeit nimmt.« Für seinen Widerstand verurteilte ihn ein Militärgericht zu zwei Wochen Arrest. Als der Familienvater seine Strafe vergangenen Herbst absaß, gehörte er noch zu einer kleinen, kaum beachteten Gruppe von Verweigerern.
Doch nun bilden Offiziere sogar die Speerspitze einer wachsenden Protestbewegung gegen den Bombenkurs der Regierung Ariel Scharon. Die Reservisten, darunter Helden des Jom-Kippur-Krieges, rufen öffentlich gegen ihren Einsatz als Okkupationsarmee auf: »Wir kämpfen nicht, um eine ganze Bevölkerung auszuhungern, zu dominieren und zu erniedrigen.«
In Israels Presse enthüllen die Soldaten erstmals schockierende Details des Besatzungsalltags - wie sie Menschen erschossen, die einen Stein gegen sie erhoben, wie sie die Autoreifen alter Palästinenser zerstachen, »damit sie kapieren, dass man bei Ausgangssperre hier nicht rumfährt«.
Die Soldaten, Teil der israelischen Elite, gelten als Leitbilder. Ihr Protest scheint einen Damm gebrochen zu haben. Vorvergangenen Samstag demonstrierten fast 20 000 Menschen in Tel Aviv unter dem Slogan »Die Besatzung tötet uns alle« für einen Abzug aus den besetzten Gebieten und neue Verhandlungen.
Nach langer Stille scheint die Friedensbewegung wieder an Fahrt zu gewinnen. »Die israelische Linke wacht auf«, bestätigt die Meinungsforscherin Mina Zemach. Friedensgruppen wie »Taajusch«, die seit Monaten etwa Lebensmittel in die abgeriegelten arabischen Dörfer bringen, bekommen plötzlich Zulauf. Die 400 000, die in Hoch-Zeiten der Friedensbewegung auf die Straße gingen, sind zwar noch lange nicht erreicht. »Doch es tut sich was«, so Friedensveteran Uri Avnery.
Der wachsende Protest ist Ausdruck der tiefen Verzweiflung, die die Israelis nach einem Jahr Amtszeit Scharon erfasst hat. Trotz markiger Sprüche und unerbittlichen Militärkurses ist es dem Premier nicht gelungen, die schon 17 Monate alte Intifada der Palästinenser zu stoppen. Im Gegenteil, die Gewalt eskaliert. Nach dem Schock über den Terror beginne die Bevölkerung nun zu »begreifen«, so Moria Schlomot von »Frieden Jetzt«, »dass es keine militärische Lösung für den Konflikt gibt«. Diese Einsicht scheint auch in höchsten Verteidigungskreisen zu wachsen.
So hat der einflussreiche »Rat für Sicherheit und Frieden«, ein Kreis pensionierter Generäle und Geheimdienstchefs, einen Plan vorgelegt, der einen Abzug aus den besetzten Gebieten und die Auflösung jüdischer Siedlungen dort fordert.
Doch Scharon, unter dem bisher größten innenpolitischen Druck seiner Amtszeit, bombt weiter. Als Vergeltung für den Feuerüberfall palästinensischer Milizen auf einen Militärposten bei Ramallah ließ der eiserne General vergangene Woche schwere Luftangriffe auf palästinensische Städte fliegen. 24 Palästinenser starben binnen zwei Tagen, darunter auch Schulkinder - Blutzoll für sechs Soldaten Israels, die bei dem Überfall getötet worden waren. In gezielter Demütigung beschädigten israelische Kampfhubschrauber zudem Jassir Arafats Gästetrakt in Ramallah, wo der seit Monaten eingeschlossene Palästinenser-Boss Unterstützergruppen empfing.
Die Beweise militärischer Macht sollen die Bevölkerung beruhigen, doch dieses Kalkül geht nicht mehr auf. In Umfragen ist Scharon, der lange Spitzenwerte erreichte, um über 20 Prozent abgerutscht. Statt der versprochenen Sicherheit hat er Israel Rekord-Todeszahlen beschert. Dazu kommt eine schwere Wirtschaftskrise mit steigender Arbeitslosigkeit.
Dass Scharon keinen Weg aus der nationalen Krise weiß, enthüllte er vergangenen Donnerstag in einer Rede an die Nation. Nach wochenlangem Schweigen hatte er nur vage Friedensfloskeln und Durchhalteparolen zu bieten. Sein einziger konkreter Schritt: Pufferzonen entlang der grünen Grenze zwischen Israel und den Palästinenser-Gebieten sollen Sicherheit bringen. Die Verweigerer, kritisierte er, »ermutigen die Terroristen«.
Die Hardliner um Scharon drängen den Premier seit Wochen, dass er den Palästinensern endlich den totalen Krieg erklärt, die Autonomiestrukturen zerschlägt und Arafat verjagt. »Es reicht nicht mehr, leere Gebäude zu zerstören«, so der Vizeminister für Einwanderung Juli Edelstein.
Für das Friedenslager bedeutet Scharons Rede »noch mehr Blutvergießen«. Friedensaktivistin Moria Schlomot: »Es ist derselbe alte Scharon, den wir aus der Zeit des Libanon-Feldzugs kennen.« Damals brachten Massendemonstrationen den Verteidigungsminister mit zu Fall, nachdem seine Mitverantwortung für die Massaker in den palästinensischen Flüchtlingslagern Sabra und Schatila bekannt geworden war.
Das Libanon-Trauma wiederholt sich nun: Je härter die israelische Armee zuschlägt, desto verwundbarer wirkt der jüdische Staat. Immer häufiger gelingt es derzeit den palästinensischen Milizen, der weltweit bewunderten Hightech-Armee empfindliche Niederlagen zuzufügen.
In einer neuen Welle der Gewalt greifen die Palästinenser nach den Selbstmordattentaten gegen israelische Zivilisten nun wieder verstärkt israelische Soldaten in den besetzten Gebieten an. Die Armee leide offenbar unter »Ermüdung«, beklagen Kommentatoren Brüche in der Moral der Truppe: »Unsere Soldaten sind von Jägern zu Gejagten« geworden.
Wenn Scharon nicht bald durchgreife, droht sein rechtsnationaler Infrastrukturminister Awigdor Lieberman, gebe es ein »politisches Erdbeben«. Der Führer der Nationalreligiösen, Rabbi Jizchak Lewi, erklärte, Scharon sei offenbar »gescheitert«. Lewi hatte schon 1998 zum Sturz Benjamin Netanjahus beigetragen.
Der damals in Schande verjagte Likud-Premier läuft sich hinter den Kulissen wieder warm. In Umfragen liegt er bereits vor Scharon. Auf der Linken steht dagegen kein Kandidat bereit, der für einen Regierungswechsel sorgen könnte. »Ich fürchte«, so Ron Pundak, einer der Wegbereiter des Oslo-Prozesses, »das Schlimmste ist noch lange nicht vorbei.« ANNETTE GROßBONGARDT