EUROPAS UNMÜNDIGKEIT
Die europäischen Juden hatten allen Grund, den Geist der Aufklärung zu begrüßen, schließlich verhießen freies Bürgertum und Universalismus, kritische Rationalität und säkularisierter Pluralismus ihnen einen grundsätzlichen Wandel ihrer Existenz: Sie hofften, die Gastländer würden sie fortan als Menschen mit unveräußerlichen Rechten behandeln und nicht als Parias. Doch schon der Fall Dreyfus bewies am Ende des 19. Jahrhunderts, dass die Aufklärung aufgeschoben war - und zwar für unabsehbare Zeit. Der Zionismus entsprang auch der Überzeugung, die rationale »Erleuchtung« habe sich in Europa als unmöglich erwiesen. Die Juden erhoben nun Anspruch auf ein Territorium und einen Staat.
Nur wenige der frühen Zionisten bedachten das Problem, das den jüdischen Staat heute quält: die Existenz eines anderen Volkes auf demselben Territorium. Die damit verbundenen Fragen wurden in den ersten Jahren des Staates Israel kaum je aufgeworfen, denn dieser war fixiert auf die Sicherheit seines vom Holocaust dezimierten Volkes. Die Europäer ihrerseits fanden es nach dem Mord an den europäischen Juden nur recht und billig, Israel zu unterstützen - und ignorierten dabei das Schicksal der Araber.
Während die europäischen Juden in der Hölle des Faschismus gefangen saßen, hatten die amerikanischen Juden schon viel von ihrem heutigen Einfluss und Wohlstand erreicht. Der New Deal des Präsidenten Roosevelt bezog Juden in die nationale Regierung ein, und nach 1945 - der Abscheu vor dem Holocaust hatte den amerikanischen Antisemitismus in den Untergrund verbannt - rückten sie auf in die erste Reihe von Wirtschaft und Politik, Kultur und Wissenschaft.
Die Offenheit der amerikanischen Gesellschaft ermöglichte es vielen Juden, sich durch und durch als Amerikaner zu begreifen. Viele identifizierten sich mit den progressiven Traditionen unserer Demokratie. Wo, wenn nicht in einer Gesellschaft von Gleichen, konnten Juden sicher sein? Jüdische Juristen und Gesetzgeber, Denker und Autoren leisteten einen wesentlichen Beitrag zum Aufbau des Wohlfahrtsstaates.
In den sechziger Jahren unterstützten viele Juden den Kampf der Schwarzen um die Bürgerrechte. Die amerikanischen Juden - und viele andere Amerikaner - betrachteten Israel als eine in der Wagenburg triumphierende moderne demokratische Gesellschaft. In den siebziger Jahren erkaltete jedoch das flammende Engagement der Juden für Fortschrittlichkeit, betrachteten sie sich doch nicht mehr als Außenseiter. Die Forderungen der Schwarzen und Hispanics nach staatlich garantierten Rechten auf Bildung und Arbeit erlebten viele Juden gar als Bedrohung. Vergessen war, dass sie selbst einst das Rechtssystem eingespannt hatten, um die gesellschaftlichen Barrieren zu beseitigen.
Nach dem Sechstagekrieg von 1967 geriet das progressive Denken bei den amerikanischen Juden immer tiefer in die Krise. Ihrer Ansicht nach waren die Kritiker der Besetzung arabischer Gebiete eine Gefahr für das siegreiche Israel.
Für viele US-Juden wurde dagegen die Solidarität mit Israel zum verlässlichsten Band mit der eigenen Geschichte. Je routinemäßiger die eigene Religiosität gelebt, je fremder der prophetische Judaismus empfunden wurde, desto wichtiger wurde ihnen der Staat Israel. War die Thematisierung des Holocaust in den Nachkriegsjahren noch zu schmerzvoll gewesen, fand das Bewusstsein der amerikanischen Juden später darin einen neuen Kristallisationspunkt. Eine Gesellschaft, der durch historische Zufälligkeiten das Schicksal der europäischen Juden erspart geblieben war, machte sich den Wahlspruch Israels zu Eigen, »nie wieder« dürfe so etwas geschehen.
Allerdings diente dieses Motto auch dazu, die palästinensischen Ansprüche mit dem europäischen Antisemitismus gleichzusetzen. Das ist besonders absurd, wenn man die kolonialistische, wenn nicht gar rassistische Behandlung der Palästinenser durch Israel betrachtet.
Dennoch ist diese Absurdität für viele amerikanische Juden ein unverbrüchlicher Glaubenssatz. Viele der jüdischen Siedler im Westjordanland sind Amerikaner, denen die nichtjüdische Welt als grundsätzlich feindselig gilt. Amerikanische Juden, die nicht auf den Gedanken kämen, die USA zu verlassen, unterstützen jene, die dorthin eilen. In dieser Widersprüchlichkeit zeigt sich eine noch größere. Die amerikanischen Juden genießen die nach den Maßstäben ihrer Demokratie verbrieften staatsbürgerlichen Rechte, ignorieren aber diese Werte, wenn es darum geht, einen ethnisch definierten Staat zu unterstützen, der ein anderes Volk unterdrückt.
Ein moralisches Dilemma dieser Art beschäftigt die mit der amerikanischen Außenpolitik befasste Elite nur ganz am Rande. Die Nation ernannte sich selbst zum Hüter der Freiheit - und kooperierte mit Franco, Pinochet und Salazar oder mit brasilianischen, griechischen, indonesischen, südkoreanischen, pakistanischen und türkischen Generälen, dem Schah von Persien und nach dessen Sturz durch die Iranische Revolution mit deren Feind Saddam Hussein.
In dieser Schar ist der derzeitige israelische Premier Scharon vergleichsweise nur ein Leichtgewicht. Israel war während des Kalten Krieges ein geschätzter militärischer Verbündeter, sein Militär testete Waffensysteme, sein Geheimdienst stand für Operationen zur Verfügung, die die CIA nicht ausführen konnte. Seinerzeit ein Gegner des sowjetischen Einflusses in Nahost, ist Israel heute ein Widerpart islamistischer Radikalisierung und arabischer Einigungsbestrebungen.
Es gibt kaum glühendere Vertreter der Allianz mit Israel als die amerikanischen Bürokraten, Ideologen und Offiziere, die Weltbeherrschung als eine amerikanische Pflicht begreifen. Die meisten von ihnen sind keine Juden, einige jedoch geprägt vom kalvinistischen Respekt vor dem Volk des Alten Testaments. Selbst die heute im Weißen Haus installierten texanischen Öl-Magnaten betrachten Israel mittlerweile als unersetzlichen Bundesgenossen. Der 11. September schließlich stärkte sowohl die Kooperation seitens der jüdischen Gemeinschaft wie auch die politisch extrem einseitigen Kräfte im außenpolitischen Apparat. Die Friedensbemühungen Clintons sind für viele Freunde Israels nur mehr eine peinliche Episode.
Kissinger und Nixon stießen bei ihren Bemühungen um eine Stabilisierung der Beziehungen zur Sowjetunion auf den erbitterten Widerstand der Israel-Lobby, denn diese forderte, die ungehinderte Ausreise der sowjetischen Bürger jüdischen Glaubens müsse für die amerikanische Außenpolitik Priorität haben. Einer der eifrigsten Verfechter dieser Bestrebungen und ein entschiedener Gegner der Rüstungskontrollvereinbarungen war Richard Perle. Als führender Berater der US-Regierung legt er heute fest, welche Bewegungen und Regime als »terroristisch« zu gelten haben und folglich von den Vereinigten Staaten eliminiert werden dürfen. Die republikanische Regierung zeigt sich empfänglicher für diese Empfehlungen als früher, nicht zuletzt weil sie der demokratischen Partei jüdische Wähler in Kalifornien und New York abspenstig zu machen versucht.
Die Demokraten selbst befinden sich in fast vollständiger Abhängigkeit von der israelischen Lobby, einer ihrer wichtigsten Finanzierungsquellen. Dies ist ein Faktor, der erklärt, warum es den Demokraten derzeit nicht gelingt, eine Alternative zu Bushs Projekt einer grenzenlosen amerikanischen Machtexpansion anzubieten. Viele amerikanische Demokraten haben sich von der Tradition des New Deal ebenso verabschiedet wie von Präsident Johnsons Great Society.
Ein Beispiel für den Wandel des Sozialethos innerhalb des amerikanischen Judentums ist der führende jüdische Politiker Amerikas, Senator Joseph Lieberman aus Connecticut, der für das Amt des Vizepräsidenten unter Al Gore kandidierte. Abgesehen von seiner öffentlich zur Schau gestellten Frömmigkeit, dient er den Interessen der großen, in seinem Bundesstaat ansässigen Finanzunternehmen - und fordert lauthals Krieg gegen den Irak. Dass er als ernst zu nehmender Kandidat der Demokraten für die Präsidentschaftswahlen 2004 gehandelt wird, unterstreicht, dass die im 20. Jahrhundert entstandene amerikanische Symbiose aus sozialreformerischem Denken und jüdischer Lehre schon weitgehend zerbrochen ist.
Erst künftige Historiker werden den Einfluss der Israel-Lobby genau bestimmen können. Fest steht bislang nur, dass man ihn nicht unterschätzen darf. Die Wirkung dieser Lobby auf den amerikanischen Kongress, die Medien oder Universitäten ist beträchtlich, und Kritiker werden oftmals als Antisemiten diffamiert, falls sie keine Juden sind, oder andernfalls als Selbsthasser. Der gegenwärtige Einfluss der Lobby erklärt sich aus dem Gleichschritt zwischen den eigenen Zielen und denen der machtversessenen Washingtoner Elite. Dass diese Ziele keineswegs dem nationalen Interesse dienen, ist eine Behauptung, welche die meisten Amerikaner überraschen würde, falls sie sie jemals zu hören bekommen sollten. Und auch die Israel-Lobby stellt sich nie die Frage, ob denn die Israel zugedachte Rolle als Werkzeug der amerikanischen Außenpolitik überhaupt den Interessen Israels dient.
Vielleicht sollten die Europäer die Verantwortung für den Holocaust dadurch ernst nehmen, dass sie darauf bestehen, Israel möge seinen Marsch in die Selbstzerstörung aufgeben. Setzt Israel nämlich seinen Feldzug gegen die Palästinenser fort, so wird die ungezügelte Gewalt weitergehen - und mit Sicherheit auch die endgültige Vertreibung der Araber aus dem Westjordanland. Dies würde einen dauerhaften Krieg zwischen Israel und den arabischen und muslimischen Staaten auslösen. Derzeit gelingt es Israel, bei allem moralischen Heroismus seiner uniformierten Kriegsdienstverweigerer, nicht, einen anderen Kurs einzuschlagen. Man versteht, warum so viele gebildete und begabte Israelis ihr Land verlassen möchten. Massada ist leider nicht nur ein Anziehungspunkt für Touristen, sondern auch ein Mythos, der immer mehr zur Realität zu werden droht.
Damit die Europäer in Nahost wirklich etwas verändern können, müssen sie zuvor von Amerika unabhängig werden. Seitens der EU haben Patten und Solana sowie die Außenminister Großbritanniens, Frankreichs, Deutschlands, Spaniens, Schwedens, der französische Premierminister wie der deutsche Bundeskanzler die USA in den letzten Wochen kritisiert. Die Rhetorik nimmt an Schärfe zu, doch niemand versteigt sich bislang zu Vorschlägen, man könne etwa den europäischen Luftraum schließen oder den USA den Zugang zu Stützpunkten verwehren, falls sie den Irak angreifen sollten. Solange die Europäer ihre Ernsthaftigkeit nicht unter Beweis stellen, werden die USA sie auch künftig mit herablassender Geringschätzung behandeln.
Beim Treffen der EU-Außenminister in Spanien wurden die Themen Anerkennung eines palästinensischen Staates, freie Wahlen, eine neue Nahost-Friedenskonferenz auf US-Anraten hin vertagt. Wie lange wollen die Europäer diese Art von Bevormundung hinnehmen? Zwar protestierten sie gegen die wahnwitzige Idee, Arafat zu eliminieren, aber sie setzten Israel nicht genügend unter Druck, sein Vorgehen zu ändern. Immerhin ist die Europäische Union Israels größter Handelspartner. Die Erinnerung an Massada ist eine Sache, das Außenhandelsdefizit eine andere.
Die EU darf auch eine Entschädigung für die Zerstörung der mit ihrem Geld gebauten palästinensischen Infrastruktur verlangen. Und während israelische Bürger bislang das Recht haben, in EU-Ländern frei umherzureisen, können sich die Palästinenser selbst im eigenen Land kaum ungehindert bewegen. Und warum unterhalten die Streitkräfte von EU-Staaten Beziehungen mit denen Israels, obwohl diese im Westjordanland zuweilen vorgehen wie Milosevics Truppen im Kosovo? Haben die Europäer wirklich keinerlei Möglichkeiten, Israel davon zu überzeugen, dass seine Politik einen hohen Preis haben wird?
Es gibt eine ganz beträchtliche Anzahl von Israelis, die nicht einfach hinnehmen wollen, dass das harte Vorgehen angeblich eine der Lehren aus dem Holocaust ist und Moral in der Politik eine reine Sentimentalität. Diese Menschen finden zu Recht, dass uns ein solcher Darwinismus auf dem Gebiet der Politik moralisch gesehen zu ewiger Finsternis verdammen würde. Sie würden eine energische europäische Initiative in Nahost begrüßen. Eventuell könnte dies sogar die amerikanischen Kritiker von Bushs zynischem Missbrauch des Konflikts ermuntern, ihre gegenwärtige Passivität abzulegen.
Sinnvoll wäre eine Renaissance der einstigen Projekte für einen wirtschaftlichen und sozialen Wiederaufbau im Nahen Osten. Man könnte das amerikanische Judentum in diesem Zusammenhang darum bitten, Mittel für die Entschädigung vertriebener Araber zur Verfügung zu stellen. Schon allein die Diskussion über eine internationale Friedenstruppe im Gaza-Streifen und Westjordanland würde sich positiv auswirken. Europa verfügt über ökonomische und politische Ressourcen, die bisher nur sehr zögerlich eingesetzt wurden. Vor allem aber sollte Europa seine moralische und politische Phantasie spielen lassen. Angesichts selbst ernannter Pragmatiker, die nur noch mehr Chaos und Tod bewirken, könnte sich die Vision eines radikalen Wandels als Grundlage einer wirklich realitätsbezogenen Politik erweisen.
Der ketzerische Brief eines amerikanischen
Juden an die Europäer
Unterstützen jüdische Amerikaner den harten Kurs des israelischen Premiers, weil sie ihren eigenen Kampf um Anerkennung vergessen haben? Sollten die Europäer Sanktionen gegen Israel verhängen, um Scharons Einlenken zu erzwingen? Der Sozialwissenschaftler Norman Birnbaum, 75, gebürtiger New Yorker und Wahlkampfhelfer prominenter Demokraten, darunter auch Senator Edward Kennedy, fordert einen radikalen Wandel beim Engagement im Nahost-Konflikt. Birnbaum ist emeritierter Professor an der Georgetown University in Washington.
AMERIKAS JUDEN GENIESSEN IHRE RECHTE UND IGNORIEREN SIE, WENN ISRAEL EIN ANDERES VOLK UNTERDRÜCKT
GERADE WEGEN DES HOLOCAUST SOLLTEN DIE EUROPÄER ISRAEL VON DER SELBSTZERSTÖRUNG ABHALTEN