BUNDESWEHR »Höllisch aufpassen«
In ihren Fax-Geräten fanden die führenden Wehrexperten des Bundestags am vergangenen Donnerstagmorgen eine brisante Nachricht. Die Bundeswehr, so hatte Minister Rudolf Scharping am Abend zuvor in die längst verwaisten Büros der Verteidigungsobleute übermitteln lassen, werde im fernen Kabul nun eine Führungsrolle bei der internationalen Isaf-Friedenstruppe übernehmen - und damit die Verantwortung für die Sicherheit in der afghanischen Hauptstadt.
Die Abgeordneten waren baff. Schließlich hatten sie Scharping am Mittwoch im Verteidigungsausschuss stundenlang mit Fragen überschüttet, weshalb sie nicht ausgiebiger über den Einsatz von Soldaten des Kommandos Spezialkräfte (KSK) informiert worden seien, die seit Wochen schon an der Seite amerikanischer Kampftruppen Jagd auf al-Qaida-Krieger machen. Aber der Minister wand sich, wich aus - und verursachte gleich neuen Wirbel um seine Informationspolitik.
»Nicht eine Silbe« habe der Sozialdemokrat über die heikle neue Bundeswehr-Aufgabe in Kabul verloren, klagte danach der FDP-Wehrexperte Günther Nolting.
Einmal mehr stellte Scharping so unter Beweis, dass der Umgang mit Parlamentariern nur bedingt zu seinen Stärken zählt. Denn mit dem abendlichen Fax bestätigte er den Abgeordneten nur, was am selben Morgen schon in der Londoner »Times« zu lesen war.
Tatsächlich hatte der Berliner Ressortleiter Verteidigung bereits am Montag vergangener Woche dem Drängen Londons nachgegeben, das britische Militär zu entlasten, das seit Dezember die Isaf-Truppe anführt und möglichst rasch wieder abziehen möchte. Der deutsche General Carl Hubertus von Butler wird nun eine multinationale Brigade befehligen, die mit knapp 5000 Soldaten aus 18 Nationen die Übergangsregierung des Premiers Hamid Karzai absichern und in der afghanischen Hauptstadt für die ersehnte Ruhe und Ordnung sorgen soll.
Die Briten, mit dem Zwei-Sterne-General John McColl an der Spitze, bleiben zwar vorerst »lead nation« (Leitnation) der Isaf-Truppe und sind zuständig für die Umgebung Kabuls, die Verhandlungen mit der Uno und der afghanischen Regierung, für Satellitenkommunikation und den Kontakt zum Hauptquartier der am Hindukusch kämpfenden Amerikaner.
Aber die risikoreiche Arbeit auf den Straßen der Hauptstadt dirigiert fortan Butler, der nun in seinem »Camp Warehouse« schnell einen internationalen Führungsstab aufbauen muss.
Unklar erscheint dabei noch das politische Ziel der Alliierten in Afghanistan: Soll Kabul als Oase des Friedens stabilisiert werden, während im Hinterland weiter die Auseinandersetzungen der Stammesfürsten anhalten? So bekämpfen sich im Norden immer wieder die Truppen des Tadschiken Mohammed Fahim und des Usbeken-Generals Raschid Dostam - obwohl die beiden in Karzais Kabinett sitzen: Fahim als Verteidigungsminister, Dostam als sein Stellvertreter.
Oder ist die Isaf-Truppe in der Hauptstadt nur die Vorhut zur weltweit größten Militärmission der Uno? Karzai wünscht sich eine Ausdehnung auf das ganze Land. Mindestens 60 000 Soldaten, schätzt Scharping, müssten dann womöglich auch gegen Kräfte antreten, die zurzeit noch in die Regierung eingebunden sind - eine mehr als komplizierte Aufgabe.
Denn schon jetzt sorgen sich die Soldaten um die eigene Sicherheit. Die Militärs haben konkrete Hinweise auf Anschläge gegen die ausländischen Truppen, zum Beispiel unter Einsatz von Autobomben: Im deutschen Quartier fahren täglich von einheimischen Arbeitern gelenkte Laster Güter ein und aus.
Immerhin bauen die Deutschen ihr Feldlager mit breiten Gräben, Stacheldraht und Sandsackmauern zu einer Art Festung aus. Doch das Camp liegt wie auf dem Präsentierteller in der Hochebene von Kabul - ein leichtes Ziel für Granaten aus den nahen Bergen.
Für den »worst case« eines bewaffneten Angriffs wurden zwar Verteidigungspläne erdacht, aber erfahrene Troupiers halten das Quartier für eine »Mausefalle": »Verteidigung unmöglich, Helm auf, flach auf den Boden legen und warten, bis es vorbei ist«, sagt vor Ort ein Oberstleutnant. Im Ernstfall müsste die Trup-
pe alles auf eine Karte setzen: Sie soll sich dann, so die Rückzugsplanung, quer durch Kabul zum Flugplatz oder - noch gefährlicher - über eine minengesäumte Schlaglochpiste 50 Kilometer weit zum US-Stützpunkt Bagram durchschlagen.
Etwa 770 Bundeswehr-Soldaten sind im Augenblick in Kabul im Einsatz, knapp 1100 sollen es werden. Nur sechs Transall-Transporter mit je 93 Plätzen stehen eine Flugstunde entfernt in Usbekistan bereit, um die bedrängten Truppen notfalls auszufliegen.
»Risiken ja - Abenteuer nein«, lautete die Parole, die Bundeskanzler Gerhard Schröder für den zweifellos gefährlichen Auslandseinsatz seiner Streitkräfte ausgegeben hatte. Die Afghanistan-Mission, befand der Heeresinspekteur Gert Gudera in vertraulicher Offiziersrunde, sei indessen schon an der »Grenze zum Vabanque-Spiel«.
Dass deutsche KSK-Truppen zusammen mit Spezialeinheiten der Amerikaner und Briten im Süden des Landes kämpfen, macht die Risiken für Butlers buntes Kontingent nicht kleiner. In der vergangenen Woche gerieten britische Posten in Kabul unter Beschuss. Die Lage, so ein Report des Berliner Wehrressorts, ist »weiter instabil und gefährlich«.
Die Verquickung von Kriegseinsatz und Präsenz als Friedenstruppe gilt als hoch sensibel. Während die deutschen Soldaten in Kabul mit Teddybären um Vertrauen werben, durchkämmen die Kameraden des KSK unter amerikanischem Kommando al-Qaida-Camps und Taliban-Höhlen. Im »Enduring Freedom«-Feldzug des US-Präsidenten George W. Bush kämpfen sie bei Kandahar, aber auch an der pakistanischen Grenze, im früheren Rückzugsraum und Versorgungsgebiet der Glaubensfanatiker.
Die Spezialkräfte der Bundeswehr agieren dabei in kleinen, über Jahre eingespielten Vierer-Teams. Sie operieren, trotz amerikanischer Befehle, in national selbst verantworteten Sektoren. Nach dem Training mit den Verbündeten auf der omanischen Insel Massira waren anfangs nur um die 35 KSK-Soldaten im Einsatz, jetzt sind es knapp 100.
Die Teams werden regelmäßig ausgetauscht. Insgesamt stehen im Schwarzwald-Städtchen Calw vier kleine Kampf-Kompanien bereit, mit etwa 200 Kommando-Soldaten - 400 sollen es einmal werden.
Es ist das fünfte Mal, dass das KSK seit 1998 zum Einsatz kommt. Viermal war es unterwegs, um auf dem Balkan Kriegsverbrecher zu jagen. Verwundete gab es bisher nur einmal - am 12. Oktober 2000 im bosnischen Foca, als sich der serbische Paramilitär Janko Janjic bei dem Versuch, ihn nachts in der Wohnung seines Bruders zu verhaften, mit einer Handgranate in die Luft sprengte.
In Afghanistan hingegen läuft zurzeit noch »alles ausgesprochen gut«, beteuern eingeweihte Militärs. Heereschef Gudera freut sich über lobende Anrufe der Kollegen aus Britannien und den USA: »Toller Job, hervorragende Arbeit.« Selbst Präsident Bush rühmte bei Schröders Amerika-Visite Anfang Februar die Deutschen für »wirklich gute Leistungen«.
Doch die Wertarbeit weckt Begehrlichkeiten. Im Juni, wenn das bisherige Isaf-Einsatzmandat ausläuft, argwöhnen Offiziere, könnten die Deutschen mit weiteren schwierigen Aufgaben konfrontiert werden. Uno-Generalsekretär Kofi Annan machte bei seinem Berlin-Besuch vorige Woche kein Hehl aus seinem Wunsch, die Bundeswehr möge letztlich die Gesamtleitung einer auf ganz Afghanistan ausgedehnten Isaf-Truppe schultern.
Einstweilen erteilte ihm Kanzler Schröder ("Wir sind dazu militärisch nicht in der Lage") öffentlich eine Absage. Immerhin habe sein Land die Führung beim Aufbau der Polizei und nun zusätzlich auch noch das schwierige Kommando für Kabul übernommen.
Ob das aber reicht, um weitere Aufträge am Hindukusch abzuwehren und den deutschen Isaf-Beitrag auf die Hauptstadt zu beschränken, bleibt ungewiss: Schließlich erklärten Scharpings Generäle schon öfter, die unterfinanzierte Armee habe die »Grenze der Belastbarkeit« erreicht - und kurz darauf wurde der Mazedonien-Einsatz verlängert, respektive der Afghanistan-Auftrag ausgeweitet.
Ein Spitzenmann im Wehrressort fürchtet deshalb, dass die Politik die Bundeswehr am Ende doch in ein unkalkulierbares Abenteuer hineintreibt: »Wir müssen höllisch aufpassen.« SUSANNE KOELBL, CHRISTIAN NEEF, ALEXANDER SZANDAR
* Am 12. Februar in Kabul.