Gemeinsam auf dem Egotrip
Mülltonnen brennen im Hinterhof. Ein paar Jungs aus der Bronx rappen gegen die herrschenden Verhältnisse an. Was jahrelang in zahlreichen HipHop-Videos verschreckte, soll in dieser Saison Hunderttausende deutscher Urlauber begeistern. So jedenfalls will es Ernie, der als Unterhaltungschef in weltweit 26 Robinson-Clubs für gute Laune zuständig ist.
Deren Slogan lautet zwar »Zeit für Gefühle«. Und nicht »Feuer für die Tonnen«. Weil aber all der vorproduzierte »Cats«-Zauber auf Ernies Club-Bühnen immer weniger ankommt beim jünger werdenden Publikum, setzt Ernie in dieser Saison auf Provokation. Ein bisschen. »Hippe Klamotten, schnelle Bilder und danach eine Hinterhofparty«, fasst der ehemalige Musical-Manager sein neues Show-Konzept ("MTV - Live your dreams") zusammen.
Hip? Hinterhof? Provokation?
Etwas ist anders geworden in den Ferienanlagen - so viel zumindest wussten die 130 Duz-Maschinen um Robinson-Geschäftsführer Karl (Pojer) und Chef-Entertainer Ernie (Brümmer), die sich jüngst in Mecklenburg zu einem »Kreativpool« zusammenfanden. Nur was? Die Trends kommen und gehen in einem Tempo, dass man kaum noch darauf reagieren kann.
Jahrzehntelang hatten ihre Frohsinnsfabriken nach einem Prinzip funktioniert, das mit dem Duopol von Pappnase und Eiertanz hinreichend beschrieben schien. Robinson, das war die alte Bundesrepublik, wie man sie aus ZDF-Serien kennt: ein Reservat für Anwälte und Zahnärzte, die im Urlaub gemeinsam was erleben wollten.
Nun müssen Leute wie Ernie umdenken: Dass Gäste nicht mehr zwei Stunden täglich auf der Probebühne Stücke einstudieren wollen. Dass der ganz normale Clubwahnsinn, das Duzen und die organisierte Geselligkeit am Achter-Tisch keine Erfolgsgaranten mehr sind.
»Emotionales Wohlfühlen« und Sport, daraus haben die Robinson-Manager ihren eigenen Trend gerührt, modisch »WellFit« genannt und auf ihrer Jahrestagung für die Saison aufbereitet. Denn WellFit erfordert von den Animateuren viel Zartgefühl, vor allem beim sensibelsten Punkt: dem Messen des Körperfetts am Urlaubsbeginn.
Damit hier nichts schief läuft und bei den Gästen eine Missstimmung erst gar nicht aufkommt, trimmte im mecklenburgischen Trainingslager eine US-gedrillte Fitness-Queen die Animateure auf Linie. »Bei dicken Kunden messe ich nicht«, dozierte Jennifer Wade, die durch Auftritte in der RTL-2-Show »Big Diet« bekannt wurde und ganz sicher weiß: »Unter allem Fett steckt immer noch ein Mensch.«
Nicht nur ein Mensch, sondern ein Gast, der lediglich einen Panzer um sich gebaut hat. Jetzt soll er lernen, Dinge zu bewegen. Seinen Bauch zum Beispiel. Wenn's sein muss, in Privatstunden. Es muss sein, weil auch kollektive Dehnübungen nicht mehr en vogue sind.
Mineralwasserklar perlten die Einsichten auf die jungen Robins, die sich in wenigen Wochen als »Personal Trainer« am Objekt beweisen müssen. Dann strömen, wie im Vorjahr, wieder über 300 000 meist gut betuchte Gäste in ihre Anlagen.
Der TUI-Tochter Robinson beschert diese Klientel ein relativ krisensicheres Geschäft: Trotz Terror und schwacher Konjunktur stieg der Umsatz im vergangenen Jahr erneut um 2,5 Prozent auf fast 200 Millionen Euro. In diesem Jahr soll es, bei 70 Prozent Stammkunden, so weitergehen. Die Voraussetzung: »Wir müssen das Ohr am Gast haben«, sagt Pojer.
Eine Menge Moden hat der oberste Clubchef in den vergangenen Jahren schon erlebt. Längst ist zum Beispiel die große, einige Robinson-Familie zerfallen und in den Clubs fein segmentiert - nach »couples«, »singles« oder »family«. Im Klartext: Lärmende Kinder sollen den erschöpften Art Director nicht bei der »Anti-Stress-Kur« stören.
Vielleicht ist Robinson ja wirklich ein Spiegel der Gesellschaft, wie Pojer glaubt; einer Gesellschaft, die vor allem zwei Dinge prägt. Erstens emotionales Wohlbefinden, »ein Megatrend«. Zweitens die Individualisierung der Bevölkerung, also ein eigentlich nicht Club-kompatibler Egotrip.
Jeder kann, niemand muss: Der Spruch aus der unermüdlichen Robinsonschen Sloganmaschine ("Ferien für Gleichgesinnte") bezeichnet deshalb auch das Problem für die lokalen Clubmanager. Denen dämmert, dass ihre Gäste zuweilen einfach nur abhängen, entspannen, ja, Urlaub machen wollen.
Deshalb war Verkaufstraining für die Animateure im mecklenburgischen Übungslager ein Topthema. Da saßen sie dann im Seminarraum, Aydin, Ümit und Sabine, und überlegten nur kurz, wenn der Experte fragte, welche zentrale Botschaft sie aus dem Seminar vom Vormittag mitgenommen hätten. »Jeder Mensch«, sagte Aydin, »ist manipulierbar.«
Ein Marketingprofi drückt so was mit Sicherheit gewandter aus. Aber das ist nicht wichtig. Wichtig sind das Fett, der Mensch, der Gast und das passende »Livetainment« für die Clubs.
340 Produktionen hat Ernie auf seinen Bühnen laufen. Passend zum raschen Wechsel der Fit- und Foodtrends im Club ist vor allem ein Musikstück über das Hochgeschwindigkeitsmedium Internet: www.showtime.de. Womöglich ist aber auch das schon wieder überholt. FRANK HORNIG