Christkind aus dem Pazifik - DER SPIEGEL
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KLIMA Christkind aus dem Pazifik

Kehrt das Klima-Ungeheuer El Niño zurück? Vor allem die ärmeren Länder fürchten sich vor seinen verheerenden Folgen.
Von Günther Stockinger
• aus DER SPIEGEL 12/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Buschbrände tobten in Australien, Feuersbrünste legten Teile des indonesischen Regenwalds in Asche. Auf der gegenüberliegenden Seite des Pazifiks peitschten Sturmfluten gegen die westlichen Gestade Südamerikas. In Peru ließen sintflutartige Regenfälle die Felder der Bauern im Schlamm versinken. In der chilenischen Atacama-Wüste schwemmten Sturzbäche den Boden weg.

Rund um den Stillen Ozean gerieten in den Wintermonaten 1997/98 die Elemente außer Rand und Band. Weltweit starben 22 000 Menschen. Sie kamen in Sturmfluten und Feuersbrünsten um, sie verhungerten, weil die Ernte auf den Feldern verdarb, oder sie fielen Seuchen zum Opfer, die sich im Gefolge des Wetterdurcheinanders ausbreiteten.

Schuld daran war die regelmäßig wiederkehrende Klima-Anomalie »El Niño«. Das »Christkind«, wie peruanische Fischer das Naturereignis getauft haben, beginnt mit der langsamen Erwärmung des Oberflächenwassers in bestimmten Pazifikregionen. Dieser Effekt führt dazu, dass sich die Luftdruckverhältnisse über dem Ozean verändern, die Passatwinde einschlafen und sich die Meereszirkulation umkehrt. Ist das pazifische Klima-Ungeheuer nach einigen Monaten ausgewachsen, bricht vor allem auf der Südhalbkugel das Chaos aus.

Jetzt rumort es wieder gewaltig in der Wetterküche des Pazifiks. Klimaforscher melden deutliche Hinweise auf ein erneutes Auftauchen des El-Niño-Phänomens: »Die wesentlichen Voraussetzungen dafür sind gegeben«, warnte soeben US-Meteorologe Stephen Zebiak auf einem Wissenschaftlerkongress.

Die entlang dem Äquator verteilten Messbojen der Meteorologen haben in den vergangenen Wochen steigende Wassertemperaturen im westlichen und zentralen Pazifik registriert. Und die Instrumente schlagen immer stärker aus.

Erwärmt hat sich in den betreffenden Regionen offenbar nicht nur das Oberflächenwasser; auch in 100 bis 200 Meter Tiefe ist die Fieberkurve des Ozeans um rund vier Grad Celsius gestiegen. »Die Entwicklung nimmt rasch Fahrt auf«, konstatiert der US-Meteorologe Vernon Kousky.

Ein zunehmend breiter werdender Warmwasserteppich - Vorbote drohenden Unheils - schwappt träge wie eine Öllache ostwärts. Schon in den nächsten Wochen, so rechnen Beobachter, werden die gewaltigen Warmwassermengen vor den Küsten Süd- und Mittelamerikas auftauchen und dort ab den Sommermonaten für Turbulenzen sorgen.

Ende des Jahres könnte El Niño dann wieder mit voller Wucht zuschlagen: Überschwemmungen und Hagelstürme drohen den süd- und nordamerikanischen Westküsten. Schwere Dürren, die die gewohnten klimatischen Bedingungen auf den Kopf stellen, werden in Australien, Neuseeland und in weiten Teilen Südostasiens erwartet.

Noch ist nicht sicher, ob die Klima-Anomalie ähnlich verheerende Folgen haben wird wie beim letzten Mal. »1997/98 haben viele Faktoren zusammengewirkt, mit denen wir dieses Mal nicht rechnen müssen«, erklärt Mojib Latif, Klima-Experte am Hamburger Max-Planck-Institut für Meteorologie.

Doch auch damals hatte El Niño alle Prognosen über einen moderaten Verlauf über den Haufen geworfen. »Wir waren nicht darauf gefasst«, räumt Latif ein, »dass der vermeintliche Jahrhundert-El-Niño von 1982/83 schon 15 Jahre später durch einen noch heftigeren Nachfolger übertroffen werden könnte.«

Rätselhaft ist, warum die seit mindestens 130 000 Jahren nachweisbare Unwetter-Konstellation neuerdings immer häufiger und stärker über den Planeten hereinbricht. Liegt es an der mutmaßlich vom Menschen verursachten Erwärmung der Erdatmosphäre? Oder sind die Turbulenzen eher auf eine natürliche Schwankung der Sonnenaktivität zurückzuführen? Noch fischen die Klimatologen ziemlich im Trüben.

Viele der Pazifik-Anrainer haben sich bis heute nicht von den Schäden des letzten El Niño erholt. Groß ist bei ihnen die Furcht vor einer neuen Heimsuchung durch Feuer, Flut, Dürre und Sturm: Malaysia etwa bangt um die für das Land wichtige Palmölindustrie. In Thailand, dem weltgrößten Reisexporteur, haben amtliche Wetterexperten die Bauern bereits vor drohender Trockenheit gewarnt.

Sollte El Niño die Wetterküche auch in diesem Jahr aufwühlen, würden erneut vor allem die Armen der Welt die Zeche bezahlen. Die Kapriolen von 1997/98 haben weltweit Schäden in Höhe von weit über 30 Milliarden Dollar verursacht. Die Hauptlast trugen die weniger entwickelten Länder rund um den Pazifik - die Vereinigten Staaten haben vom Amoklauf der Naturgewalten sogar profitiert.

Zwar richteten auch in Südkalifornien Stürme und Regenfluten Schäden von einer Milliarde Dollar an. In den nördlichen Bundesstaaten hingegen sorgten die Klima-Turbulenzen für Gewinne von 16 Milliarden Dollar.

Die Erklärung: In dem milden, weitgehend schneefreien El-Niño-Winter schmolzen die Kosten fürs Heizen und Schneeräumen. Und vom Wetter abhängige Wirtschaftszweige wie das Baugewerbe florierten in der sonst eisigen Jahreszeit.

GÜNTHER STOCKINGER

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