NAHOST Harte Worte hinter den Kulissen
Als die ersten Vorbereitungen liefen, schien es noch, als wäre Muammar al-Gaddafi das größte Problem. Der libysche Revolutionsführer lehnt es ab, auf Reisen in einem Hotel zu übernachten. Stattdessen führt er selbst auf Staatsvisiten immer ein eigenes Beduinenzelt mit, einen halben Hofstaat von Leibwächtern und drei prachtvolle Kamelstuten. Der Protokollchef des Araber-Gipfels, der diese Woche in Beirut stattfindet, fügte sich und begann nach einem passenden Campingplatz in der Altstadt zu suchen.
Doch dann kam, fast unvermeidlich im Vorfeld nahöstlicher Großkonferenzen, eine diplomatische Verstimmung dazwischen: Die Schiitengemeinde des Libanon, seit Jahren verfehdet mit der libyschen Führung, kündigte eine »Überraschung« an, falls die Regierung ihren Erzfeind Gaddafi ins Land lassen sollte.
Außenminister und Staatspräsidenten schalteten sich ein, tagelang gingen diplomatische Noten hin und her zwischen Kairo, Beirut und Tripolis - bis Gaddafi überraschend nachgab und versprach, einen Stellvertreter zu schicken.
Geradezu rührend, wie Anekdoten aus einer unschuldigen Zeit, wirken heute die Querelen, mit denen sich die arabischen Führer noch vor kurzem herumschlugen. Wenn die Monarchen und Staatschefs der 22 Mitgliedsländer der Arabischen Liga - bis auf Gaddafi und Saddam Hussein, Jassir Arafats Anreise ist nach den jüngsten Anschlägen noch nicht sicher - am Mittwoch zusammentreffen, liegen Probleme von ganz anderem Kaliber auf dem Tisch: der zum offenen Krieg ausgeartete Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern und der mögliche US-Schlag gegen den Irak.
Die Amerikaner, die sich bereits völlig vom Nahost-Kriegsschauplatz abgewandt und Israels Ministerpräsident Ariel Scharon das Feld überlassen zu haben schienen, kehrten vergangene Woche mit erstaunlichem Engagement auf das diplomatische Parkett in Nahost zurück. Auch wenn die vom US-Sondergesandten Anthony Zinni moderierten Sicherheitsgespräche nur schleppend in Gang kamen, ist die neue Handschrift Washingtons deutlich zu erkennen.
Obwohl am Donnerstag erneut ein Selbstmordanschlag die Innenstadt von Jerusalem erschütterte und drei Menschenleben forderte, drängen die USA nun offensichtlich darauf, den Automatismus von Schlag und Vergeltungsschlag zu unterbinden. Zwar sei Präsident George W. Bush »enttäuscht« über Arafat, doch solle Israel Zurückhaltung üben, hieß es aus Washington.
Selbst das Angebot, Arafat könne sich in Kairo mit US-Vizepräsident Richard Cheney treffen - noch vor wenigen Wochen undenkbar unter derartigen Umständen -, blieb vorerst bestehen. Amerika, so viel wurde klar, wollte eine Vorleistung erbringen für den Araber-Gipfel in Beirut.
Die Erwartungen auf der Gegenseite sind denn auch enorm. Nicht weniger als das endgültige arabische Friedensangebot in der Palästina-Frage und ein kompromissloses Nein gegen jeden Angriff auf den Irak stellt Amr Mussa, Generalsekretär der Liga, für den Beiruter Gipfel in Aussicht (siehe Interview Seite 159).
So vermessen Mussas Ankündigung klingt - die Umstände könnten ihn bestätigen. Fast 1600 Menschen - davon über 1200 Palästinenser - sind in anderthalb Jahren ums Leben gekommen. Die von Tag zu Tag blutigeren Bilder haben von Marokko bis Oman zu der Einsicht geführt, dass die Zeit reif ist für ein gemeinsames Araber-Wort Richtung Israel. Dass dort mit Ariel Scharon ein bei allen gleichermaßen verhasster Gegner an der Macht ist, scheint die Geschlossenheit der Araber - sonst nicht gerade ihre politische Tugend - zu stärken.
Auch Araber können Zeichen setzen, wenn sie mit einer Stimme sprechen - das weiß niemand besser als die Saudis, deren König Feisal mit seinem Entschluss, im Kampf gegen Israel die Ölwaffe zu ziehen, vor 30 Jahren die islamische Welt hinter sich scharte.
Hat auch der viel gerühmte Friedensvorstoß von Feisals Halbbruder Abdullah, dem heutigen Kronprinzen von Saudi-Arabien, das Format, die so oft zerstrittenen Nachbarn zu einen? Ist seine Initiative jener lang erwartete panarabische Masterplan, der Washington unter Zugzwang setzt und Israel zum Frieden zwingt?
Zweifel sind erlaubt, denn die Agenden zwischen Kairo, Damaskus, Kuweit und Riad gehen zum Teil spürbar auseinander und könnten das Treffen zum Gipfel der Probleme werden lassen. Immerhin »volle Normalisierung« in den Beziehungen der arabischen Staaten zu Israel hatte Abdullah angeboten, falls Jerusalem sich auf die Grenzen des 4. Juni 1967 zurückziehe und einen Palästinenserstaat mit der Hauptstadt Ost-Jerusalem anerkenne.
Normalisierung, das hieße etwa uneingeschränkter Handel, Tourismus und Aufnahme diplomatischer Beziehungen. Eine bestechende Perspektive: Kibbuz-Orangen auf dem Basar von Damaskus, israelische Touristen in den Shopping Malls von Dubai und die grüne Fahne auf dem Dach einer Saudi-Botschaft in Tel Aviv.
Doch der Teufel steckt nicht nur in der Semantik. Einen »vollen Frieden« statt »voller Normalisierung« solle man Israel in Aussicht stellen, schränkte Syrien auf einer Sitzung arabischer Außenminister vor dem Beirut-Gipfel ein - im Klartext: Bloß das Kind nicht mit dem Bade ausschütten.
Damaskus fürchtet, dass ein allzu spektakulärer Friedensschluss zwischen Jerusalem und den Palästinensern seinen eigenen Anspruch auf die seit 1967 besetzten Golanhöhen in den Hintergrund drängen könnte. Dass sein Beharren auf einer sofortigen Lösung der Golanfrage den Saudi-Plan zunichte machen könnte, nimmt Präsident Baschar al-Assad offenbar in Kauf. »Entweder ein umfassender Frieden oder gar keiner«, erhöhte das syrische Staatsfernsehen den Erwartungsdruck.
Für Israel, das gewissermaßen als stummer
Gast Nummer 23 am Gipfeltisch sitzt, sind die syrischen Korrekturen Anlass zur Skepsis: »Voller Frieden«, kritisiert der israelische Nahost-Experte Bruce Maddy-Weitzman, sei eine Formel, »die nicht viel heißt in der arabischen Welt«. Ohnehin stecke hinter der Initiative nicht plötzliche Liebe zu Israel: Nach dem 11. September fürchten die arabischen Staaten, allen voran die Saudis, um ihr Image.
Israel hat den Abdullah-Plan höchst zurückhaltend aufgenommen. Denn der jüdische Staat tut sich vor allem schwer mit dem Rückkehrrecht von mehreren Millionen Flüchtlingen - einem Thema, an dem der Gipfel gerade in Beirut nicht vorbeikommen wird. Allein im Libanon leben rund 400 000 Palästinenser unter größtenteils erbärmlichen Bedingungen. Eine Rückkehr aller Flüchtlinge wäre für Israel schon demografisch inakzeptabel.
Auch über die Frage, was genau die »besetzten Gebiete« sind, bestehen gravierende Differenzen. Israel möchte sich lediglich auf seine Interpretation der Uno-Resolution 242 stützen, aus der es einen Anspruch ableitet, zumindest etliche Siedlerzentren behalten zu dürfen.
Es bleibt wohl an Kairo hängen, zwischen den Maximalpositionen seiner Bruderländer und dem zu vermitteln, was den Israelis vorgelegt werden kann. Ägypten versteht sich als arabischer Vorreiterstaat, der dreimal uneigennützig für die Palästinenser in den Krieg zog. Präsident Husni Mubarak, von Anfang an eingeweiht, ist Kronprinz Abdullahs wichtigster Partner in der neuen Friedensinitiative.
Weitgehend von Einnahmen aus dem Tourismus abhängig, leidet Ägypten besonders unter dem anhaltenden Palästina-Konflikt; die miserablen Buchungszahlen für Reisen an den Nil werden nur noch von denen nach Israel unterboten. Doch auch wichtige Wirtschaftsprojekte laufen wie mit angezogener Handbremse, weil die Region nicht zur Ruhe kommt. Vergangene Woche erst einigten sich Kairo und Amman über eine aufwendige Erdgasleitung durch den Golf von Akaba, die viel günstiger über israelisches Territorium verlaufen könnte - wenn es denn einen wirklichen Frieden gäbe.
Höchst ungelegen kommen Mubarak daher auch Washingtons wiederholte Ankündigungen, gegen den Irak losschlagen zu wollen. Dieser Schritt droht den Nahen Osten vollends ins Chaos zu stürzen.
Was Cheney auf seiner Reise durch die Krisenregion zu hören bekam, war - wie von Riad über Kuweit bis Kairo und Ankara abgesprochen - eine beeindruckende Solidaritätsadresse auf Zeit: kein Angriff auf den Irak, zumindest nicht jetzt.
»Ein gut kontrollierter Saddam«, so verlautet aus Kairo, sei »noch das kleinere Übel«. Viel schlimmer wäre ein Zustand, der das Land spaltet und unkontrollierbar machen würde. Dann könnten sich am Tigris islamistische Terrorgruppen ansiedeln und mit den Mullahs in Iran verbünden.
Hinter den Kulissen soll Issat Ibrahim, als Vizechef des Revolutionären Kommandorats Saddams Nummer zwei, bei seinem Besuch in Kairo harte Worte vernommen haben: Ein US-Angriff sei nicht abzuwenden, wenn der Irak nicht drei Bedingungen erfülle: die Wiederzulassung der Uno-Waffeninspekteure, die Zustimmung zum Saudi-Friedensplan und die endgültige Festschreibung der 1991 neu gezogenen irakisch-kuweitischen Grenze.
Den Kuweitern, denen ihr Bekenntnis zum Erzfeind Saddam von allen am schwersten gefallen sein dürfte, bot Kairo einen Deal von historischer Größe an: Der Gipfel könnte die Entsendung einer panarabischen Friedenstruppe beschließen, um die Pufferzone zwischen Irak und Kuweit zu sichern. Schon vor 40 Jahren hatte Mubaraks Vorvorgänger Gamal Abd al-Nasser das Golfemirat so zu schützen versucht - vor Abd al-Karim Kassim, einem Vorgänger Saddam Husseins.
Die arabischen Staaten treibt die Sorge um, eine nach einem Militärschlag von Washington eingesetzte Regierung könnte auf Jahre hinaus instabile Verhältnisse schaffen und sogar zu einer Abtrennung der Kurdengebiete im Norden führen. Jordanien fürchtet um seinen wichtigsten Handelspartner, Kuweit erst recht um seine Sicherheit: »Alle Namen«, so die Tageszeitung »al-Anba« aus dem Ölemirat, »die als mögliche Nachfolger genannt werden, sind unrealistisch. Es geht nicht um Namen, sondern um eine neue Verfassung.«
Dass eine Zuspitzung in der Irak-Frage alle Friedensvisionen von Beirut zunichte machen könnte, bestätigte vergangene Woche auch eine ungewöhnliche Ankündigung aus New York: Eine Uno-Delegation unter Führung von Generalsekretär Kofi Annan wird - eine Premiere - zum Araber-Gipfel einfliegen und sich mit Nadschi Sabri treffen, dem Außenminister Bagdads.
Nur einer dürfte in der Lage sein, in Beirut noch mehr Interesse auf sich zu ziehen: Jassir Arafat. »Egal, ob ich auf dem Gipfel auftrete oder nicht«, so der von Premier Scharon unter Hausarrest gestellte Palästinenser-Chef, »ich werde dort die Hauptperson sein. Im Notfall spreche ich über Satellit zu meinen Brüdern.«
So schreckt Arafat auch nicht, dass Israel sogar droht, ihn vielleicht ausreisen zu lassen - ihm aber dann die Rückkehr zu verweigern. »Sollte Arafat den Gipfel nutzen, um zu einer Fortsetzung des Kampfs und einer Eskalation der Gewalt anzustacheln, sind alle Optionen offen«, so ein Regierungssprecher in Jerusalem.
Arafat verlässt sich für seinen Gipfel-Trip, Rückkehr inklusive, ganz auf Washington. Er weiß, dass ihn die USA nicht fallen lassen können. »Er ist eine nationale Ikone«, räumt ein US-Diplomat ein, »ihn ins Exil zu drängen, würde bedeuten, wirklich alles, was wir in über zehn Jahren erreicht haben, über Bord zu werfen.«
ANNETTE GROßBONGARDT, VOLKHARD WINDFUHR, BERNHARD ZAND
* Links: mit Außenminister Schimon Peres; rechts: am 16. Märzmit Kronprinz Abdullah in Dschidda.* Am vergangenen Mittwoch.