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»Weniger TV-Gelder, weniger Lohn«

Ohne die Fernsehmilliarden droht dem Profifußball in Deutschland eine Pleitewelle. Die verhätschelte Branche ist ratlos.
• aus DER SPIEGEL 15/2002
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Der oberste Handlungsbevollmächtigte der Bundesliga fühlte sich zu einem Brandbrief genötigt. Per Fax forderte Wilfried Straub, Geschäftsführer der Deutschen Fußball-Liga (DFL), vorigen Mittwoch die 36 Profivereine auf, fortan zur Krise beim Vertragspartner KirchMedia zu schweigen. Die andauernden Wasserstandsmeldungen und Panikszenarien, die von den Clubmanagern verbreitet würden, so gab Straub zu verstehen, seien bei der Problemlösung wenig hilfreich.

Der Maulkorberlass blieb freilich unbeachtet. Zu groß ist die Unsicherheit der Clubs um ihre Zukunft, zu prekär ihre Finanzlage, zu dünn der Informationsfluss zwischen der DFL und seiner Basis. Was eine Kirch-Pleite für die Bundesliga bedeute, so beklagen viele Vereinsvertreter, erführen sie doch auch nur aus der Zeitung.

Mag sein, dass Branchenführer FC Bayern die Situation »entspannt« beobachtet, wie Vorstandschef Karl-Heinz Rummenigge erklärte. Bei einem erwarteten Umsatz von 187 Millionen Euro betrüge der Anteil der TV-Erlöse aus der Bundesliga lediglich »so um die elf Prozent«. Die Mehrheit der Clubs indes kommt schon in Existenznöte, wenn die nächste Tranche ausbleibt: Am 15. Mai sind 100 Millionen Euro fällig.

Der FC St. Pauli zum Beispiel, der zwei Drittel seines 15-Millionen-Euro-Etats aus Fernsehgeldern deckt, ist auf die Rate in Höhe von 2,6 Millionen Euro angewiesen. Vizepräsident Christian Pothe spricht von einer »liquiditätsmäßigen Punktlandung«. Dabei liegt der Kultverein mit seinen Personalkosten für die Lizenzspieler (zehn Millionen Euro) vergleichsweise niedrig.

Andernorts sind es vor allem die Gehälter der Stars, die bei sinkenden Fernseheinkünften in die Pleite führen können. So zahlt der VfB Stuttgart Spielmacher Krassimir Balakow drei Millionen Euro pro Jahr. Ohne die TV-Erlöse, gesteht Manager Rolf Rüssmann, sei der mit über 15 Millionen Euro verschuldete Club nicht überlebensfähig.

Auch Edgar Geenen, Manager des 1. FC Nürnberg, sieht »den Spielbetrieb ernsthaft gefährdet«, wenn im August die übernächste Tranche ausbleiben sollte. Das ist verständlich: Die abstiegsbedrohten Franken haben in ihrer Not im Winter Paolo Rink verpflichtet. Bei Bayer Leverkusen verdiente der Stürmer zuvor über drei Millionen Euro. Dass Rink zu reduzierten Tarifen nach Nürnberg zog, ist kaum anzunehmen.

Begonnen hatte die zuweilen selbstmörderische Ausgabenpolitik der Bundesliga mit dem Bosman-Urteil. Durchschnittskicker trieben die Etats in die Höhe, weil sie drohen konnten, ohne Lohnsteigerung den Verein ablösefrei zu verlassen. Da mit dem ersten Kirch-Vertrag von 1992 das jährliche TV-Honorar auf 140 Millionen Mark gestiegen war, beugten sich die Clubs den Forderungen.

In heilloser Überschätzung des deutschen Fernsehmarkts bot Kirch bei der letzten Vertragsverlängerung 2000 im Schnitt 375 Millionen Euro per annum. Die Refinanzierung sollte vor allem über den Pay-TV-Kanal Premiere erfolgen - ein schwerer Irrtum.

Dass der Fußball nicht länger Spekulationsobjekt von Hasardeuren wie Kirch sein darf und sich wieder dem realistischen Spiel von Angebot und Nachfrage fügen muss, ist den meisten Vereinsverantwortlichen in den vergangenen Tagen insgeheim klar geworden. Die Frage scheint nur, wie die Liga zu vernünftigem Maß zurückfindet.

Da sind die Clubs uneins. Dortmunds Präsident Gerd Niebaum setzt auf das Ehrenmitglied des BV Borussia, Gerhard Schröder. Leverkusens Manager Reiner Calmund brachte Ministerpräsident Wolfgang Clement in Stellung. Bayern-Stratege Uli Hoeneß hingegen sieht die Öffentlich-Rechtlichen in der Verantwortung und plädiert für einen zusätzlichen Fußball-Euro bei den Fernsehgebühren. Und Bremens Vorstandschef Jürgen Born hält »einen Abschlag« für denkbar, wenn die TV-Rechte demnächst in andere Hände übergehen: »Es muss refinanzierbar sein.«

Zwangsläufig müssen die Vereine, die wie Hertha BSC ihren Etat binnen fünf Jahren von 6 Millionen Euro auf 42,4 Millionen hochgejagt haben, von ihren Kosten herunter. Die Spielergewerkschaft VdV diskutierte in ihrem Mitgliederorgan bereits bang über »Gehaltsverzicht«.

Das hält Leverkusens Geschäftsführer Wolfgang Holzhäuser zwar »für einen populistischen Rülpser«, weil Spitzenspieler weiterhin mit Gehaltssteigerungen rechnen könnten: »Das ist systemimmanent.«

Allerdings scheint zweifelhaft, ob die Stars auch künftig mit Topangeboten aus dem Ausland pokern können. Längst hat die Vermarktungskrise auch Boom-Länder wie Italien oder England erfasst. Das Uefa-Pokal-Halbfinale Dortmund gegen AC Mailand etwa war vorigen Donnerstag in Italien live nicht zu sehen. Kein Sender wollte die geforderten 1,5 Millionen Euro Honorar zahlen. Die englischen Zweit-, Dritt- und Viertligisten stehen vor dem Ruin, weil der Pay-TV-Kanal ITV Digital umgerechnet 300 Millionen Euro schuldig geblieben ist.

Nun müssen die verwöhnten Profis plötzlich Debatten führen, die sie bisher nicht kannten. Gehaltskürzungen, das haben sie schon gelernt, sind rechtlich durchaus möglich. Der Arbeitgeber müsste dazu eine so genannte Änderungskündigung vornehmen. Sie ist nur bei einem zwingenden wirtschaftlichen Grund zulässig.

Peter Schüren, Professor für Arbeitsrecht an der Uni Münster, hält es für eine »gravierende Änderung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen«, wenn sich Fernsehgelder, die mindestens 30 Prozent der Kosten abdecken, erheblich verringern.

Etliche Beteiligte vermuten, dass es in der kommenden Transferzeit zu extrem wenigen Abschlüssen kommen wird. »Der VfB Stuttgart«, sagt Manager Rüssmann, »hätte sich gern für die nächste Saison verstärkt.« Aber jetzt wisse man nicht, »ob der ganze Markt zusammenbricht«.

Rüssmann stellt sich auch die Frage, ob es gerade jetzt günstig sei, 2003 auslaufende Verträge vorzeitig zu verlängern: »Vielleicht haben wir die bessere Position, wenn Spieler damit rechnen, dass es den Clubs künftig schlechter gehen könnte.«

So hat jeder Marktteilnehmer seine eigene Sicht auf die Dinge. In Freiburg will man eventuell ausbleibenden TV-Einkünften begegnen, indem man Investitionen wie den Stadionausbau zurückstellt. In Bremen werden sich Spielerkäufe wohl auf ein Minimum beschränken. Und vielerorts fragen sich Manager, ob es nötig sei, rund 30 Lizenzspieler unter Vertrag zu haben.

Den Zweitligisten helfen solch dezente Korrekturen freilich kaum. Die große Mehrheit finanziert sich zu mehr als 50 Prozent aus den Kirch-Millionen. »Kein Verein der Zweiten Liga kann ohne diese TV-Gelder überleben«, sagt Alemannia Aachens Sportdirektor Jörg Schmadtke.

In Aachen will man zur nächsten Saison in die Spielerverträge eine »Fernsehklausel« einbauen. Demnach sollen die Gehälter abhängig sein von den Rechteeinnahmen: »20 Prozent weniger TV-Gelder bedeuten 20 Prozent weniger Lohn.«

Bis es dazu kommt, wird man vielleicht auch in Spitzenclubs wie dem FC Bayern erkannt haben, dass eine Kirch-Pleite auch sie hart trifft: In den nächsten Wochen beginnen die Gespräche über die TV-Vermarktung der Champions League 2003 bis 2006. Voriges Jahr kassierte, großzügig alimentiert vom Kirch-Sender Premiere, Bayern München aus diesem Wettbewerb über 50 Millionen Euro. Eine Zahl, die künftig kaum mehr zu erreichen ist. Einer der Verhandlungsführer hat das Credo der »Bereinigungsphase« bereits formuliert: »Die Zeit des Neuen Markts ist vorbei.«

MAIK GROßEKATHÖFER, JÖRG KRAMER,

MICHAEL WULZINGER

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