Jagd auf die Monsterwelle - DER SPIEGEL
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SURFEN Jagd auf die Monsterwelle

Auf der Suche nach immer spektakuläreren Revieren ist die Surf-Gemeinde im Amazonas-Delta fündig geworden. Wenn im Frühjahr bei Vollmond die Fluten anschwellen, wird das Urwaldkaff São Domingos zum Mekka der Wellenreiter.
• aus DER SPIEGEL 15/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Der Himmel verdunkelt sich, eine Böe schüttelt die Palmen, ein heftiger Tropenregen prasselt kurz auf den Fluss. Als die Wolken wieder aufreißen, ist es für einen Moment absolut still. Kein Vogel schreit, kein Affe brüllt. Der Urwald schweigt, als ob die Natur dem kommenden Spektakel ihren Respekt zollen wollte.

Der Fluss, der eben noch glatt wie ein See schien, beginnt plötzlich zu schmatzen und zu gurgeln. Am Horizont blitzt eine weiße Schaumkrone auf. Jemand lässt den Motor seines Jetskis aufheulen und hebt den Arm zum Signal. Etwa 30 Wasserfahrzeuge, jedes einen Surfer im Schlepp, schwärmen auf den Rio Capim aus wie ein Rudel Hunde bei der Treibjagd. Die Hatz auf die Pororoca, die Riesenwelle des Amazonas, beginnt.

Mit über 30 Stundenkilometern schiebt sich eine Wand aus Wasser über den Fluss. Sie schwillt an und bricht sich, manchmal taucht sie ganz ab, um am anderen Ufer größer und höher wieder aufzuerstehen. Nur die erfahrensten Bootsführer wissen, wo der Wellenberg am beständigsten ist. Dort setzen sie die Surfer aus.

Ricardo Tatuí, 34, gleitet als Erster ins Wasser. Er richtet sich auf, tänzelt kurz auf dem Brett und zeigt mit dem Daumen: Alles okay. Jetzt gilt es, so lange wie möglich oben zu bleiben. 16 Minuten und 39 Sekunden ist der offizielle Weltrekord, dieses Jahr wird er ins Guinnessbuch aufgenommen. Im vergangenen Jahr hat Tatuí 13 Minuten auf dem Brett gestanden, nun will er die Pororoca 20 Minuten lang reiten.

Der blonde Sportler aus Rio ist ein Profi. Mehrmals hat er die brasilianischen Surf-Meisterschaften gewonnen, einmal war er Weltchampion. Er hat 15 Meter hohe Brecher in Hawaii bezwungen und ist mit seinem Brett minutenlang durch die Tubes in Bali und Australien gesurft. Aber diese Welle ist anders: ein braunes, schlammiges, schäumendes Ungetüm, launisch und unberechenbar. Wer sie verpasst, muss zwölf Stunden warten, bis sie wiederkehrt, oft auch Wochen oder Monate. »Die Pororoca hat Charakter«, sagt Tatuí.

Pororoca ist ein Wort aus der Indianersprache Tupi-Guaraní und bedeutet »großer zerstörerischer Lärm«. Wie eine Lawine schiebt sich die Monsterwelle die Flüsse des Amazonas-Deltas hinauf. Sie unterspült Hütten und Stege, reißt Bäume und Kanus mit, selbst große Boote bringt sie zum Kentern.

Jedes Jahr ertrinken Bewohner der Flussufer in der Flut. »Die drei Negerlein sind verärgert«, raunen die Fischer im Amazonas-Gebiet, wenn die Pororoca ihre Dörfer verwüstet. Bis heute ist die Legende von den »Três Pretinhos« lebendig, die sich mit der Pororoca für erlittenes Unrecht rächen.

Naturwissenschaftler haben eine nüchternere Erklärung. Die Flutwellen entstehen von Januar bis April bei Vollmond, wenn die Tide an der Amazonas-Mündung besonders stark ist und der Strom nach der Regenzeit besonders viel Wasser führt. Bei Flut drückt das Meer die Wassermassen des Amazonas Hunderte Kilometer in den Fluss zurück. Dabei türmen sich bis zu vier Meter hohe Flutwellen auf. Alle zwölf Stunden schiebt sich das Wasser flussaufwärts, fast kann man nach der Pororoca die Uhr stellen.

Schon die portugiesischen Eroberer haben das Phänomen beschrieben. Der deutsche Naturwissenschaftler Karl Friedrich Philipp von Martius warnte vor der zerstörerischen Gewalt der Urwaldwellen. Das Boot des französischen Meeresforschers Jacques Cousteau kenterte vor einigen Jahren mitsamt der teuren Ausrüstung, als er die Pororoca filmen wollte.

»Nur Verrückte gehen ins Wasser, wenn die Pororoca kommt«, sagt der Fischer Domingo Batista. Im vergangenen Jahr hat die Pororoca sein Kanu fortgespült und seine Hütte zertrümmert. Den Surfern hingegen kann die Welle nicht groß genug sein.

Noélio Sobrinho, 33, hat als Erster die Woge für den Wassersport entdeckt. Vor fünf Jahren fuhr der stämmige Sportler aus Belém zusammen mit drei fanatischen Surf-Freunden den Rio Araguari hoch, einen Mündungsfluss des Amazonas. Mit ihren Brettern unterm Arm wanderten sie tagelang durch den Urwald, um die beste Stelle zum Pororoca-Surfen ausfindig zu machen. Sie übernachteten in Indianerhütten und Hängematten, nachts kämpften sie gegen Moskitos und anderes Ungeziefer. Ribeirinhos, wie die Siedler an den Flussufern heißen, begafften die tätowierten Gestalten mit ihren bunten Brettern wie Wesen aus einer anderen Welt.

Zwar verbreitet die Pororoca nicht nur Schrecken, sondern ist auch ein Volksvergnügen. Aus Jux stürzen sich die Ribeirinhos mit ihren Kanus in die Fluten, wenn die Welle nicht zu gefährlich erscheint. Doch in jenem Jahr türmte sich die Pororoca bis zu vier Metern auf. »So einen Thrill gibt es nur am Amazonas«, schwärmt Noélio. 20 Minuten ritt er die Welle, sagt er, leider habe ihn niemand dabei gefilmt.

Mit 14 Jahren stand der Sohn eines Waldführers erstmals auf dem Brett. Heute ist er der Präsident der Surf-Vereinigung des Bundesstaats Pará. Er hatte die Idee für die Pororoca-Meisterschaften, die am Osterwochenende zum vierten Mal stattfanden.

Surfer und Schaulustige aus dem ganzen Land strömen alljährlich zu dem Ereignis nach São Domingos do Capim, 300 Kilometer von der Amazonas-Mündung entfernt. Vier Tage lang herrscht in dem armen, verschlafenen Urwaldkaff Ausnahmezustand, wenn Ende März bei Vollmond die Pororoca kommt.

Auf den Ansturm Tausender Touristen ist der Ort nicht vorbereitet. Es gibt kaum Hotels und nur ein Restaurant, viele Besucher übernachten unter freiem Himmel. Die Stadt hat keine Kanalisation und kaum asphaltierte Straßen, die Abwässer versickern in stinkenden Gräben. Geier streiten sich um den Abfall in den Straßen, Moskitos und Ratten setzen den Besuchern zu.

Doch derlei Ungemach vermag die Surfer nicht abzuschrecken: Nirgendwo lässt sich die Pororoca so leicht erhaschen wie in São Domingos. Die Welle strömt den Rio Capim hoch und fließt praktisch durch den Ort. Vor einigen Jahren hat sie sogar die Kirche überflutet und den Friedhof unterspült.

Die Millionenmetropole Belém ist nur 130 Kilometer entfernt, das erleichtert die Anreise. Mit den Surfern kommen Hunderte schöner Mädchen in die Stadt, das erhöht den Anreiz für die eitlen Sportler. Nachts trifft man sich am Fluss zu Mondscheinpartys. Während die Pororoca vorbeizieht, tanzen und flirten Besucher und Einheimische zu Brega-Rhythmen, dem Amazonas-Reggae.

Die Surf-Stars kommen zumeist aus Rio. Sie sind Naturburschen und erfolgreiche Kleinunternehmer, längst können sie von ihrem Hobby leben. Auf der Suche nach der perfekten Welle ziehen sie mit dem Surf-Zirkus um die Welt: Tahiti, Südafrika, Portugal, Australien und natürlich Hawaii heißen die Stationen der World Championship Tour (WCT), der Formel 1 der Wellenreiter.

Für die Pororoca haben die meisten sich spezielle Bretter anfertigen lassen. Denn das Surfen im Fluss hat seine Tücken: Salzwasser ist dichter als Süßwasser, das Brett sollte daher breiter und rauer sein, um gut zu gleiten. Ständig müssen die Surfer nach Treibholz Ausschau halten, das von der Pororoca mitgerissen wird und eine tödliche Gefahr sein kann. Auch giftige Stachelrochen und Krokodile hat Noélio schon in der Welle gesichtet.

Vier Tage dauert diesmal die Meisterschaft, viermal zieht die Pororoca tagsüber vorbei, immer zur Mittagszeit, wenn es am heißesten ist. Doch erst am dritten Tag türmt sie sich zu ihrer vollen Größe auf. Sie überschwemmt die Böschung mit den Zuschauern, reißt Bäume und Gestrüpp mit. Zwei Boote mit Fernsehteams kentern in den Fluten, die Lebensretter von der Feuerwehr haben gut zu tun.

Für Weltmeister Tatuí geriet das österliche Spektakel zur Pleite: Er hielt sich nur knapp zwei Minuten auf dem Brett, dann fiel seine Welle zusammen. Den Sieg holte sich diesmal die Lokalgröße Sandro Rogério, er kommt aus Pará. Vier Minuten ritt er die Pororoca. Er strich 3000 Real Preisgeld ein, etwa 1500 Euro. Für die Profisurfer ist der Preis zwar kaum mehr als ein Taschengeld, doch für die Dorfjugend bedeutet er ein Vermögen.

Die Stars aus Rio haben den Nachwuchssurfern von São Domingos schon vor Jahren einige ausgediente Bretter geschenkt. Seither stürzen sie sich bei jeder Pororoca in die Fluten, um zu trainieren. Ihre Bretter haben sie liebevoll bemalt und gewachst. »Wir haben nur noch die Welle im Kopf«, strahlt Valder Prestes, 14.

Dass der Einheimische Rogério die Weltenbummler schlagen konnte, macht den Jugendlichen zusätzlich Mut. Prestes hat vor einem Jahr zum ersten Mal das Meer gesehen, seither träumt er von Riesenbrechern wie auf Hawaii. Doch zunächst muss er die Pororoca bezwingen, das hat er seinem Vater versprochen. Eine Minute will er mindestens auf dem Brett stehen.

Während die Topleute mit ihren Jeeps davonpreschen, schwingt Prestes sich auf sein Fahrrad, klemmt das Brett unter den Arm und radelt nach Hause. Drei Stunden ist er unterwegs, aber das macht ihm nichts aus. Morgen, wenn der ganze Rummel vorbei ist, kommt er wieder.

Denn morgen gibt es wieder eine Pororoca. Und die hat er dann ganz für sich allein. JENS GLÜSING

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