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EINE NEUE STUDIE ZEIGT: NICHT ALLE PRIVATUNIS SIND IHR GELD WERT. DIE NEUE INTERNATIONAL UNIVERSITY BREMEN MUSS NOCH DEN REALITÄTSTEST BESTEHEN.
Von Marion Schmidt
• aus UNI SPIEGEL 2/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Die Soldaten sind abgezogen, jetzt sind die Elitestudenten angetreten. Über 30 Hektar erstreckt sich der Campus der neuen International University Bremen (IUB) auf einem ehemaligen Bundeswehr-Gelände weit im Norden der Hansestadt. Hinter dem früheren Kasernentor beginnt ein Campus wie in den USA: rote Backsteinbauten zwischen akkurat geschnittenen Grünflächen.

Selbst bei strahlendem Sonnenschein lümmelt sich niemand in den Holzliegestühlen auf dem alten Exerzierplatz. Ein Seminar einfach ausfallen lassen - das gibt''s hier nicht, das fällt sofort auf. Die Anforderungen sind so hoch, dass man schnell durch eine Prüfung fallen könnte.

In der »East Hall«, in »Room 8«, sitzt rund ein Dutzend Studierende hinter ihren Mikroskopen. Zwei Biologieprofessoren kümmern sich um sie, einer setzt vorn Lösungen an, der andere geht durch die Reihen, hört zu, fragt, klärt - alles auf Englisch.

»Quite exciting« findet Marisano James aus San José in Kalifornien das alles - die Betreuung, die Fächer, die multikulturelle Atmosphäre. Darum ist er nach Bremen gegangen und nicht nach Boston. Hier kann er Bioinformatik studieren und zugleich Kurse in Psychologie belegen. An der IUB heißt das »Transdisziplinarität«, der Austausch zwischen Ingenieur- und Naturwissenschaften einerseits und Geistes- und Kulturwissenschaften andererseits.

»Ein einzigartiges Konzept in Deutschland«, sagt Fritz Schaumann, Präsident der IUB. 350 Studenten haben sich im ersten Jahr beworben - auf nichts mehr als eine Idee, die erst noch den Realitätstest bestehen muss. Gut ein Drittel kam durch das strenge Auswahlverfahren. Die Pioniere der IUB stammen aus über 40 Nationen, aus Bulgarien, Kenia, Thailand oder aus Deutschland, wie der Student Robert Eckhoff, 21, der in Bremen nur ein paar Straßen von der Hochschule entfernt lebte.

Trotzdem wohnt der Student der »Integrated Social Sciences« - einem Mix aus Politik-, Kommunikations- und Wirtschaftswissenschaften mit Soziologie - jetzt wie alle anderen Kommilitonen in den rot geklinkerten Bauten auf dem Campus, »das spart lange Wege und eine Menge Zeit«, sagt Eckhoff - Zeit, die er zum Lernen braucht. Manchmal aber auch zum Feiern im College. Erst neulich hat sich jemand über Partylärm beschwert und darum gebeten, die Seminarräume auch nachts zu öffnen, damit man dort in Ruhe weiterlernen könne. Zu Studienbeginn erhält jeder IUB-Student einen Laptop, mit dem er sich auf dem Campus überall per Funk ins Internet einwählen kann. Auf einen Professor kommen zurzeit gerade mal vier Studenten, auch später sollen es nicht mehr als zwölf sein. Die Seminarräume sind hell und mit neuester Technik ausgestattet.

Wenige Kilometer südlich, an der staatlichen Uni Bremen, herrscht dagegen die pure Beton-Architektur, die Hörsäle sind übervoll, die Fenster schließen nicht richtig. Trotzdem hat das hoch verschuldete Bundesland Bremen mit rund 107 Millionen Euro die private Anstalt gefördert, statt die landeseigene Uni zu modernisieren.

Manche der IUB-Pioniere waren dennoch nicht gleich begeistert: Anfangs hätte die Heizung nicht funktioniert, angekündigte Kurse wären ausgefallen. Es fehlten zunächst auch Tische, Stühle, Bücher, und in einer Veranstaltung saßen 70 Studenten - ziemlich erstaunlich für eine private Hochschule mit 15 000 Euro Studiengebühren im Jahr.

Inzwischen funktioniert die Heizung, doch dort, wo mal die Bibliothek stehen soll, klafft immer noch ein Baggerloch. Erst Ende nächsten Jahres wird das angekündigte »Information Resource Center« stehen. Die Mensa im ehemaligen Offizierskasino verströmt noch echten Bundeswehr-Charme.

Bremen ist eine der jüngsten von 44 privaten Hochschulen in Deutschland. Seit Anfang der neunziger Jahre hat sich ihre Zahl verdreifacht. Mit der Masse ist die Vielfalt, doch nicht unbedingt die Qualität gestiegen. Es gibt kommerzielle und kirchliche Hochschulen, Lehranstalten mit einem breiten Fächerspektrum und mit nur einem Studienfach, einige mit nicht einmal 100 Studierenden und manche mit über 1000, für Abiturienten wie für Berufstätige. Heute kann man rund 100 verschiedene Studiengänge an privaten Hochschulen belegen - von Kunst, Musik und Architektur über Internationales Management, Chemie, Informatik oder Sucht-Therapie bis zu Jüdischer Religionspädagogik.

Fast drei Viertel aller Privatstudenten schreiben sich allerdings für ein wirtschaftswissenschaftliches Fach ein, viele Hochschulen, darunter die beiden renommierten Business-Schools in Oestrich-Winkel und Vallendar, bestehen nur aus einem einzigen Fachbereich und verstehen sich vornehmlich als Kaderschmiede für den internationalen Führungsnachwuchs. An anderen freien Hochschulen, wie etwa in Witten-Herdecke, spielt die Persönlichkeitsbildung eine größere Rolle.

Insgesamt sind mehr als 25 000 Studierende an privaten Hochschulen eingeschrieben, das sind zwar nur knapp 1,5 Prozent aller Studierenden in Deutschland, doch ihre Zahl steigt.

»An den meisten Privatunis in Deutschland lohnt sich die Investition in ein Studium«, sagt Hans Weiler, emeritierter Professor an der kalifornischen Uni Stanford. Aber eben nicht an allen, wie kürzlich eine Expertenjury des Stifterverbands für die Deutsche Wissenschaft unter seinem Vorsitz ermittelte.

Was viel Geld kostet, ist nicht automatisch gut, stellte der Stifterverband in seiner Studie fest: Ein Vertreter der Handelshochschule Leipzig etwa prahlte mit 50 und mehr Forschungsschwerpunkten, musste auf Nachfrage aber kleinlaut einräumen, dass diese Zahlen unter Marketing-Aspekten entstanden seien, Privatunis müssten sich doch verkaufen.

Solche »Luftnummern« hat Volker Meyer-Guckel vom Stifterverband reihenweise ausgemacht: »Manche Hochschule präsentierte sich längst nicht so professionell, wie sie es von ihren Studenten erwartet.« Außerfachliche Angebote zur Persönlichkeitsbildung etwa, sind oft nur beliebig zusammengewürfelt und weder verbindlich noch mit dem Fachstudium vernetzt. Kritisiert werden auch irreführende Namen, fehlende Evaluierungen und undurchsichtige Auswahlverfahren.

So werden an der Kassel International Management School (Kims) Studenten für die MBA-Studiengänge (Master of Business Administration) von den Unternehmen ausgewählt, die zugleich Sponsoren der Hochschule sind. Solche Hochschulen seien eher »Dienstleister für Unternehmen« als akademische Lehranstalt, sagt Meyer-Guckel.

Die German International Graduate School of Management and Administration (Gisma) in Hannover wurde gar als »unoriginelle Kopie eines amerikanischen Studienkonzepts« bezeichnet, für das US-Profs eingeflogen würden. Zudem ist die Finanzierung unsicher. Andere Privathochschulen sind schon ganz vom Markt verschwunden. Die Akademien der amerikanischen Apollo Group in Köln und Düsseldorf etwa scheiterten bereits kurz nach der Gründung. Im Frühjahr schließt die amerikanische University of Maryland ihren Ableger in Schwäbisch Gmünd, weil sie nur rote Zahlen erwirtschaftet hat.

Dieses College wurde vor zehn Jahren ähnlich euphorisch begrüßt wie jetzt die IU Bremen, und beruhte auf einem vergleichbaren Konzept, mit breitem Fächerangebot und internationaler Studentenschaft. IUB-Präsident Fritz Schaumann glaubt nicht, dass seiner Uni eine ähnlich ruhmlose Zukunft blüht: Immerhin habe auch der Stifterverband die Bremer für ihr Fächerkonzept, ihren transdisziplinären Ansatz und ihre Qualitätssicherung gelobt. Ziel sei, so Schaumann, »in den nächsten 20 Jahren zu den weltweit besten Hochschulen zu zählen«.

Was die IUB noch beweisen muss, macht an anderen privaten Hochschulen längst den guten Ruf aus. Beim SPIEGEL-Hochschulranking vor drei Jahren landeten für das Fach Wirtschaftswissenschaften unter den ersten sechs gleich fünf Hochschulen mit staatlicher Anerkennung, aber freier Trägerschaft: Die EBS in Oestrich-Winkel, die WHU in Vallendar, die Uni Witten-Herdecke, die katholische Uni Eichstätt und die Handelshochschule Leipzig.

Studenten schwärmen von den Bedingungen dort. An den meisten Privatunis dürfen zudem die Studenten jedes Semester die Qualität der Lehre bewerten, was durchaus personelle Konsequenzen haben kann. An der vom Stifterverband kritisierten Handelshochschule Leipzig müssen sich die Dozenten ihr »Zeugnis« jedenfalls an die Tür hängen.

Doch nicht nur die Lehrenden stehen unter besonderem Leistungsdruck, auch von den Studenten wird mehr verlangt. Marisano James stöhnt über die vielen Kurse, die er an der IUB belegen muss, oft lerne er bis in die Nacht hinein. Das erklärt, warum an Privatunis die Bibliotheken oft rund um die Uhr geöffnet sind.

Trotzdem bricht kaum ein Student sein Studium ab. Wer die harten Eignungstests zu Studienbeginn bestanden hat, gibt nicht so schnell auf. So schließen viele Absolventen bereits nach drei, spätestens nach vier Jahren ihr Studium mit einem Bachelor oder Master ab. Ein Abschluss mit Job-Garantie, zumindest bei den etablierten Hochschulen.

Tobias Metten, 25, hat vor einem halben Jahr sein EBS-Diplom erhalten. »Die Arbeitslosenquote unter den Absolventen ist gleich null«, lobt er. Ein Dutzend Unternehmen hatte sich für ihn interessiert, ohne dass er sich bei ihnen beworben hat. Jetzt wird er Vorstandsassistent bei der Duisburger Hafen AG.

Nicht unbedingt der klassische Einstieg für einen EBSler, die meisten gehen in Unternehmensberatungen oder werden Investmentbanker. »Die wissen, was dort gelehrt wird, und was sie von den Absolventen erwarten können«, sagt Angelika Fuchs von Westerwelle Consulting, die Unternehmen bei der Rekrutierung von Nachwuchskräften berät. »Deshalb haben die Absolventen privater Hochschulen oft einen leichteren Berufseinstieg.«

Was nicht heißt, dass sie im Job auch besser sind als ihre Kollegen mit staatlichem Diplom. Arbeitgeber, weiß Fuchs, nehmen trotz aller Kritik gern auch Absolventen der großen BWL-Fakultäten in Mannheim, Münster oder Köln. Manche Unternehmen reagierten mittlerweile sogar allergisch auf den Zusatz »privat«, ihnen seien die Absolventen schlicht zu »schnöselig«.


BUCHTIPP:Hans-Martin Barthold:Die Alternative: Privat studieren. Societäts-Verlag,Frankfurt/M.;328 Seiten; 14,80 Euro.Studie des Stifterverbands:Auf der Homepage www.stifterverband.org kann man die Studieunter der Rubrik Presse herunterladen (Pressemitteilung Nr. 125 vom11. Januar 2002).
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