TUNESIEN Wie lebende Fackeln
Es darf nicht sein, also kann es nicht sein. Der Stolz und der Eigennutz Tunesiens lassen eine andere Version nicht zu: ein Unglück, nichts als ein dummer Unfall, verursacht von einem ungeschickten, allenfalls fahrlässigen Fahrer eines mit Gas beladenen Kleinlastwagens. Was gibt es da viel zu sehen, kommt derlei nicht überall vor?
Nun, zwei deutsche Ehepaare aus Hamburg und Berlin, die im Gegensatz zu den meisten anderen 41 Touristen im Ausflugsbus der TUI mit dem Schrecken und kleinen Verletzungen davonkamen, haben es anders erlebt. Sie hatten die Inselrundfahrt am vorigen Donnerstag nur wenige Tage nach ihrer Ankunft auf Djerba gebucht, weil sie die Gelegenheit nutzen wollten, den Markt im Hauptstädtchen Houmt Souk zu besuchen.
Auf dem Programm stand wie immer die Besichtigung der Synagoge La Ghriba. Das älteste jüdische Gotteshaus Afrikas ist eine der Hauptattraktionen der an historischen Sehenswürdigkeiten nicht gerade reichen Badeinsel. Als die Urlauber vom Busparkplatz einige hundert Meter unterhalb der Synagoge die schmale Straße hinaufgingen, fiel ihnen sofort der helle Kastenwagen auf, der genau gegenüber dem Eingangsportal geparkt war. Er verengte die Durchfahrt und erschwerte den Zugang. Aber der Fahrer - groß und schlank, etwa 30, mit einem dunklen Overall bekleidet - machte keine Anstalten wegzufahren.
Der tunesische Reiseführer geleitete die Touristen hinein, sie zogen sich die Schuhe aus, und die Männer setzten eine Kipa auf. Einige hatten den Gebetsraum schon betreten, die meisten hielten sich noch im Vorraum auf. Die vier Zeugen wollen ihre Namen nicht veröffentlicht sehen: Der Schrecken, der kurz vor zehn Uhr Ortszeit begann, hat sich ihnen unauslöschlich ins Gedächtnis gebrannt. Und sie möchten daheim nicht gezwungen werden, ihre Geschichte den Neugierigen immer wieder zu erzählen.
Aber sie zögern nicht: Erst gab es einen Riesenknall, dann kam der Feuerball - eine glühende, wirbelnde Wolke unter der Synagogendecke. Als er verpufft war, erleuchteten brennende Menschen wie lebende Fackeln den von Ruß und pechschwarzem Rauch gefüllten Raum.
Die am schwersten Verletzten schrien nicht. Sie torkelten wie Zombies apathisch umher, keine Kleider mehr am Leib, Haare, Augenbrauen und Wimpern verglüht. Die Haut hing in Fetzen an ihnen herunter, dahinter schimmerten blutrot die Fleischlappen. Die Hitze hatte ein Kind förmlich an seinem Vater festgeschweißt.
»Wir dachten, dass wir alle sterben müssen«, erzählen die Augenzeugen. Sie fühlten sich an die Bilder aus dem VietnamKrieg erinnert, nach einem Napalm-Angriff der Amerikaner. In Panik schlug einer der Männer die Fensterscheiben im hinteren Teil des Gebetsraums mit der bloßen Faust ein, um aus der »Mausefalle« herauszukommen. Aber die Fenster waren vergittert. Es gab keinen Fluchtweg. Unversehrt Gebliebene versuchten, Wasserflaschen über ihren verbrannten Leidensgenossen zu leeren. Wenn sie ihnen die versengten Kleider abzogen, kam die Haut gleich mit.
Als der Qualm sich nach unendlichen zehn Minuten verzogen hatte, lagen drei Tote draußen auf der Straße, die Beine angewinkelt, die Arme gespenstisch emporgereckt, in der charakteristischen Haltung von Brandleichen. Die zwei Männer haben Teile der schrecklichen Szenerie mit ihren Videokameras festgehalten.
Am Freitag, einen Tag nach der Explosion, belief sich die Bilanz auf elf Tote, darunter sechs Deutsche: Urlauberinnen aus Heilbronn, Rosenheim und Berlin; Menschen, die entweder sofort gestorben waren oder - wie ein elfjähriger Junge - später ihren schweren Verletzungen erlagen. Außerdem kamen ein Franzose und vier Tunesier ums Leben.
Die tunesischen Behörden verlegten die 40 Verletzten, davon 19 Deutsche, in Krankenhäuser nach Tunis und Sousse. Viele befanden sich in einem kritischen Zustand. Einige der Opfer sollten in das Zentrum für schwere Brandverletzungen der Ludwigshafener Unfallklinik und ins Berliner Unfallkrankenhaus gebracht werden.
Ein Unglück oder eine Bombe? Die vier Augenzeugen aus Hamburg und Berlin sind sich sicher: »Das Fahrzeug vor der Synagoge muss ferngezündet in die Luft gesprengt worden sein, alle anderen Erklärungen ergeben keinen Sinn.« Zu dieser These neigte am Wochenende auch die Bundesregierung, die Ermittler des Bundeskriminalamts nach Tunesien entsandt hatte: Die »Mehrzahl der Indizien« spreche dafür. Außenminister Joschka Fischer bestand auf einer »zweifelsfreien Klärung«. Ein Sprecher des israelischen Außenministeriums hatte dagegen sofort einen Anschlag vermutet. Denn die islamistische Hamas-Organisation in den besetzten palästinensischen Gebieten droht seit kurzem, von nun an seien »jüdische Interessen überall auf Erden« legitime Ziele.
Zum ersten Mal wären dann unbeteiligte Touristen die Opfer eines anti-jüdischen Attentats in einem arabischen Land geworden. Tunesien lebt vom Urlauberstrom: Fünfeinhalb Millionen Menschen besuchten das kleine Land im vergangenen Jahr, davon über eine Million Deutsche. 60 Prozent aller Arbeitnehmer sind direkt oder indirekt vom Fremdenverkehr abhängig, der Tourismus ist wichtigste Devisenquelle.
Nicht nur ökonomisch, auch politisch steht für Staatschef Sein al-Abidin Ben Ali viel auf dem Spiel. Wie Vorgänger Habib Burgiba hat der Präsident die islamistische Bedrohung mit radikaler Repression erfolgreich bekämpft, die Explosion vor der Ghriba-Synagoge könnte das Trugbild von dem mit patriarchalischem Wohlwollen geführten, friedlichen und prosperierenden Tunesien endgültig erschüttern.
Die Ghriba-Synagoge gilt in Tunesien als Symbol und Paradebeispiel der religiösen Toleranz des Landes. Auf Djerba leben heute noch 800 bis 1000 Juden in den zwei Gemeinden von Hara Saghira und Hara Kabira. »Nie gab es Zwischenfälle, wir leben in Frieden und spüren keine Feindseligkeiten«, sagt Perez Trabelsi, der Vorsteher von La Ghriba, »aber Donnerstag hätte man glauben können, wir seien in Israel.« Die jüdische Gemeinde ist bedrückt, auch wenn sie keine Angst hat. Noch nicht.
In zwei Wochen, am 29. April, wird wie jedes Jahr 33 Tage nach dem Pessach-Fest die Pilgerzeit in La Ghriba beginnen. Tausende Juden, vor allem aus Israel und Frankreich, die nach Tunesiens Unabhängigkeit 1956 auswanderten, besuchen dann ihre alte Heimat Djerba wieder. Sie wollen in La Ghriba feiern und beten - in der »Wundertätigen«, die angeblich erstmals nach Zerstörung des ersten Tempels in Jerusalem durch den babylonischen König Nebukadnezar 586 vor Christus errichtet wurde. Das heutige Gebäude mit seiner kostbaren Thorarolle stammt aus dem Jahr 1920.
Dieses Fest pflegt für wenige Tage die sonst während des ganzen Lebens aufrecht- erhaltenen Schranken zwischen Juden und Muslimen zu beseitigen. »Aber wer wird sich dieses Jahr schon hierher trauen?«, fragt Perez Trabelsi betrübt.
Mit nackten Waden steht der kleine, korpulente Mann vor seinem demolierten Gotteshaus, das er um diese Zeit immer für das Pilgerfest auf Hochglanz brachte. Zwei tunesische Arbeiter, die mit Renovierungsarbeiten beschäftigt waren, verloren vor der Synagoge ihr Leben.
Der Gouverneur der Insel Djerba hat Perez Trabelsi angeboten, dass der tunesische Staat alle Reparaturen übernehmen werde. Aber der Gemeindevorsteher will sich Zeit lassen, er besteht auf originalgetreuer Rekonstruktion im Innern.
Trotzdem ließ der Gouverneur noch am Tag der Explosion die rauchgeschwärzten Außenmauern frisch tünchen. Das Wrack des Lastwagens wurde umgehend weggeschafft. Die Eile sah verdächtig nach Spurenverwischung aus.
Ein Unfall, ein Unfall um jeden Preis. Die Druckwelle hat die sieben Fensterscheiben an der Vorderseite weggepustet, das Feuer die hölzernen Rahmen verkohlt und das schwere, zweiflügelige Eingangsportal unter den drei Davidsternen angesengt. Drinnen hängt die kunstvolle Deckenbemalung in Fetzen herunter.
Wenn es ein Unglück gewesen sein sollte, müsste es einen zweiten Kleinlaster gegeben haben, den die Touristen nicht bemerkten. Andernfalls ist die offizielle Version der Tunesier nicht mit den Beobachtungen der Augenzeugen in Einklang zu bringen.
Diese Version freilich änderte sich fast stündlich, was das Misstrauen geradezu nährt. Zunächst hieß es, ein Gastankwagen sei mit einem Bus kollidiert - absurd für jeden, der die schmale Durchfahrt zwischen der Synagoge und der gegenüberliegenden Karawanserei gesehen hat.
Dann sollte ein mit Flüssiggas gefüllter Tankwagen gegen die Begrenzungsmauer der Synagoge geprallt sein. Doch an der Fassadenwand sind keine Schramm- und Rammspuren zu erkennen, nichts ist eingedrückt oder abgebrochen.
Bei einer Besichtigung am Freitagmorgen wurde eine dritte Schilderung präsentiert: Danach soll ein Kleinlaster, beladen mit einem Gascontainer, über die selten befahrene, unbefestigte Piste zwischen den Olivenbäumen oberhalb der Synagoge herangeprescht sein. Vor der kaum mehr als drei Meter breiten Durchfahrt zwischen Synagoge und Karawanserei hätten zwei Polizisten, die das jüdische Heiligtum ständig im Schichtdienst bewachen, dem Fahrer befohlen, zu wenden und zurückzufahren. Bei diesem Manöver sei er mit seinem Lkw an die Bordsteinkante geraten, und das Unglück habe seinen Lauf genommen.
Mag sein, nur: Wie kann ein Lastwagen, der im Schritttempo kehrtmachen will, eine Explosion auslösen - selbst, wenn er möglicherweise umkippt? Die vier Augenzeugen aus Hamburg und Berlin haben jedenfalls, als sie endlich aus der Synagoge herauskamen, nur ein einziges Wrack gesehen: das des Fahrzeugs, das schon vorher gegenüber La Ghriba geparkt war.
Die Leiche des Fahrers haben die vier deutschen Touristen nicht bemerkt. Die tunesischen Behörden aber teilten mit, der Fahrer sei in seinem Lastwagen verbrannt. Seine Identität wurde bis vorigen Freitag nicht mitgeteilt, und es wurde auch nicht gesagt, ob er auf eigene Rechnung oder für eine Firma fuhr.
Der besorgte, gutwillige Gemeindevorsteher Perez Trabelsi möchte den amtlichen Behauptungen gern glauben. Hätte ein islamistischer Attentäter, fragt er, nicht besser bis Freitagnachmittag gewartet, wenn die Juden sich in der Synagoge zum Gebet versammeln? Aber er war nicht dabei, als es passierte. Er traf erst ein paar Minuten später an seiner Synagoge ein. ROMAIN LEICK