RECHTSEXTREME Wahnsinnige Angst
Zusammengeschlagen, aber zufrieden mit sich und seinem ersten Tag in Unfreiheit, kauerte der Farbige auf dem grünen Waschbeton. »Ich bin ein Scheiß-Kanak«, sollte er rufen, dazu wollten ihn die Skinheads zwingen. Doch er rief: »Ich bin stolz, ein Kanak zu sein.« Daraufhin wurde es ungemütlich.
Der Häftling im sächsischen Jugendknast Zeithain ist selbst kein leichter Junge. Für Heroin hatte er Passanten ausgeraubt, war in Wohnungen eingestiegen, und einen, der ihm dumm kam, steckte er mal für eine halbe Stunde in eine Biotonne. Er kann sich also halbwegs wehren.
Anderen aber geht es derzeit schlechter in ostdeutschen Jugendstrafanstalten. Denn mit der registrierten Zahl rechtsextremistisch motivierter Straftaten (siehe Grafik) steigt auch der Anteil der Rechten an den Häftlingen - und deren Einfluss hinter Gittern. Auf gut ein Drittel der Insassen schätzen Anstaltsleiter und Ministerien den Anteil der inhaftierten Jungnazis inzwischen, genauere Zahlen gibt es nicht.
Während vor allem im Westen vielerorts inhaftierte Spätaussiedler Mithäftlinge schikanieren, haben Neonazis etliche ostdeutsche Anstalten im Griff. Opfer ihrer Gewalt melden sich aus Angst vor noch mehr Qualen selten, und auch Experten wissen nicht so recht, wie sie das Problem in den Griff bekommen sollen.
Anstaltsleiter wie der Zeithainer Bernd Schiebel, 37, beobachten inzwischen schockiert, wie sich etwa Punks »von einem Tag auf den anderen bunte Haare abrasieren, um ihre Ruhe zu haben«, und dass sich vielfach Ausländer nur noch in abgesonderten »Ali-Zellen« sicher unterbringen lassen.
In der Jugend-Frauenabteilung in Chemnitz drückten jungdeutsche Mädels auf den Armen einer schmächtigen Insassin Zigaretten aus und übergossen eine andere mit Fischbrühe, um sie so zur Aussätzigen zu stempeln. Im mecklenburg-vorpommerschen Neubrandenburg beantragte die Hamburger Rechtsanwältin Ina Franck für einen kurdischen Mandanten erst separaten Hofgang und musste ihn dann doch verlegen lassen: Skinheads hatten ihn ins Visier genommen, »der hätte sonst keine Chance gehabt«, glaubt Franck.
In Bützow, Mecklenburg-Vorpommern, schleppten Aufseher bei groß angelegten Zellendurchsuchungen stapelweise rechte Propaganda und Musikkassetten aus dem Knast, im brandenburgischen Spremberg vertrauen sich Anstaltspfarrer Waldemar Natke regelmäßig drangsalierte Häftlinge an, »die wahnsinnige Angst haben, sich mit einer Anzeige zu wehren«.
Ein einziges Anti-rechts-Projekt für Knäste existiert in den neuen Ländern, in Brandenburg. Die Sozialarbeiter dort stellten in einer Bilanz fest, dass die Rechten »mit zum Teil massiver psychischer und körperlicher Gewalt« ihrem »politischen Gegner« auf den Gefängnisfluren begegneten. Immerhin bis zu 40 Prozent der Insassen in Brandenburg seien den Rechtsextremen zugetan.
Jetzt sollen in den brandenburgischen Anstalten junge Rechte und Mitläufer in gut gemeinten Gesprächsrunden besänftigt werden - ein umstrittenes Vorhaben. In der niedersächsischen Jugendanstalt Hameln gaben Justizbedienstete einen ähnlichen Versuch schon Anfang der neunziger Jahre auf, »weil der erhoffte pädagogische Erfolg ausblieb«, so Wolfgang Blum von der JVA. Das Gruppenbewusstsein der Neonazis sei im Gegenteil sogar eher gestärkt worden.
Seitdem setzt die West-Anstalt auf »gezielte Vereinzelung«. Allenfalls Mann für Mann sollen die Häftlinge auf Geheiß des Justizministeriums zum Ausstieg aus der Szene bewogen werden.
Im Osten würde das Konzept kaum funktionieren. Zu viele Rechte bevölkern die Zellen, außerdem, so das farbige Prügel-Opfer aus Zeithain, »halten die Rechten immer zusammen«. Der Mann verstand schnell die Hierarchie hinter Gittern. Mittelschicht, Oberschicht - meist Nazis - und die »Muschis«. »Die haben nur gelitten«, sagt er. Mal müssen die Gequälten auf dem »Balkon« - dem Fensterbrett - übernachten, mal »die Jukebox machen«. Dazu sperren die Nazis ihr Opfer in den Schrank, wo es auf Zuruf singen muss.
Die Versuche der Justizbeamten, rechte Umtriebe einzudämmen, seien eher hilflos. »Der Knast ist offen wie ein Kindergarten, Besucher können alles reinschmuggeln«, so der Farbige. Wenn einer bei der wöchentlichen Zellendurchsuchung selbst gebastelte Tätowierungsapparate für die SS-Tattoos abgeben muss, »gibt es am nächsten Tag gleich zwei neue«.
Dabei sind gerade rechte Häftlinge oft die Lieblinge der Wärter. Weil sie eher spuren, wenn Justizbeamte eine Anweisung erteilen, hat Anstaltsleiter Schiebel beobachtet, »besteht die Gefahr der Bevorzugung«. Das »positive, korrekte, pünktliche und zuverlässige« Auftreten vieler Neonazis, stellten auch die Brandenburger Sozialarbeiter fest, erwecke den »Anschein von Legalität«.
Tatsächlich aber berichtet der Häftling Lutz B., der nach Jahren im sächsischen Vollzug nun unter anderem wegen Bankraub im hessischen Schwalmstadt einsitzt, über »minutenlanges 'Sieg Heil!'-Gegröle« und die »Glatzenpflicht« für Andersdenkende. Linke Häftlinge, behauptet er, seien »teilweise in Lebensgefahr«.
Zudem werden die Rechten oft professionell von außen unterstützt: Nicht nur frühere Kameraden und NPD-Kader kommen immer wieder zu Besuch oder schmuggeln Propaganda hinter die Mauern - die NPD-Postille »Deutsche Stimme« etwa, Reichskriegsflaggen oder Hitler-Fotos.
Auch die »Hilfsorganisation für nationale politische Gefangene und deren Angehörige« (HNG) - ein rechtsextremer Verein, der Schläger zu Märtyrern im »Aufstand gegen das System« stilisiert - unterstützt die so genannten politischen Häftlinge. Die HNG organisiert Brieffreundschaften mit Kameraden in Freiheit und stärkt so den Zusammenhalt. Auch organisiert sie juristischen Beistand oder schickt inhaftierten Neonazis zumindest die Zeitschrift »HNG-Nachrichten«. Motto: »Drinnen und draußen eine Front«.
Vor allem hochrangige Kader erfasst die Fürsorge der Frontkämpfer, damit Ausstiegsideen erst gar nicht keimen. NPD-Vorstandsmitglied Frank Schwerdt, der zeitweise wegen Volksverhetzung und Verbreitung von Nazi-Propaganda in Berlin einsaß, schwärmt: »Die Kameraden sind immer für einen da.« DOMINIK CZIESCHE