FUSSBALL Die Zitter-Partie
Für ein paar Stunden schien die Welt in Ordnung. Das Vorzeige-Ensemble des deutschen Fußballs rackerte sich ab gegen den WM-Favoriten Argentinien, und alle waren gekommen ins Stuttgarter Gottlieb-Daimler-Stadion - die Calmunds, die Rummenigges, die Rüssmanns.
Die Darbietung war zwar etwas dürftig, doch die 0:1-Niederlage empfand mancher Fußballboss als pure Erholung im Vergleich zu den Perspektiven, die der Liga dräuen.
Nur noch die Tollkühnen unter den Optimisten glauben an die Beschwörungsfor-
mel von der »Werthaltigkeit des Produkts Bundesliga-Fußball«. Der samstägliche Kick war nie jene 360 Millionen Euro wert, die Leo Kirch etwa für die nächste Saison zahlen wollte. RTL-Geschäftsführer Gerhard Zeiler hält die Hälfte für realistisch.
Der wahre Wert wird demnächst durch Angebot und Nachfrage ermittelt. Die aktuellen Rechteinhaber in München drängen auf kräftige Nachlässe, selbst die letzte Saisonrate über 100 Millionen Euro, die am 15. Mai fällig ist, scheint nicht gesichert. Potenzielle neue Rechteeinkäufer stellen Honorare in Aussicht, die sie auch refinanzieren können - und die Liga schaut zitternd zu.
Der Liga-Boss
Werner Hackmann sieht nicht so aus, als hätte der deutsche Fußball ein Problem. Aufreizend entspannt sitzt er im Landhaus Scherrer an der Elbchaussee in Hamburg. Fast schon: cool.
Zum Mittagessen hatte er, wie so oft, Kalbsleber mit Kartoffelpüree. Nun streckt er die Beine unter dem Tisch aus. Im Mundwinkel tanzt ein Zigarillo. Er raucht auf Lunge und sagt: »Ich bin ganz locker.«
Ein bisschen Lucky Luke auf Hanseatisch. Doch mehr als Gelassenheit kann Werner Hackmann nun mal nicht bieten.
Er würde schon gern. Denn der Vorstandsvorsitzende des Hamburger SV befindet sich auf einer heiklen Mission. Als Präsident der Deutschen Fußball Liga (DFL) soll Hackmann den Wert seiner Branche auf dem kollabierenden Sport-Rechtemarkt retten. Er soll den Vereinen die bislang gewohnten TV-Millionen bewahren. Er soll verhandeln mit Murdoch, mit Kloiber, mit wem auch immer und bald eine Lösung präsentieren.
Hat er überhaupt einen Plan? Immerhin ist der Krisenmanager viel unterwegs. Vorigen Montag war er bei der Bekanntgabe der WM-Stadien für 2006 in der Alten Oper in Frankfurt. Mittwoch reiste er zum Länderspiel nach Stuttgart. Donnerstag hatte er eine Besprechung mit DFL-Geschäftsführer Wilfried Straub. Und der Freitag war für seinen HSV reserviert - der bestritt das Derby gegen St. Pauli.
Unterwegs traf er natürlich auch wichtige Leute: Fifa-Boss Sepp Blatter zum Beispiel oder den Fernsehmann Fritz Pleitgen. Doch mehr als eine holprige Durchhalteparole kam nicht herum: »Es kann zu einem worst case kommen, weil keine vernünftige Einigung für alle Beteiligten zu Stande kommt, aber ich mache mir keine Sorgen.«
Die machen sich andere umso mehr. »Ex-Fußballer«, so nennt Hackmann etwas spöttisch jene prominenten Herren, die einer nach dem anderen »die Nerven verlieren«.
Zuletzt war es Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandsvorsitzender des FC Bayern, der »Bild am Sonntag« anvertraute, die Liga müsse »den Rotstift ansetzen«. Hackmann war entsetzt. Schließlich will er den Fußball so teuer wie möglich verkaufen, da seien solche Einlassungen »nicht hilfreich«.
Andererseits zeugt die allgemeine Geschwätzigkeit auch davon, dass Hackmann seinen Laden nicht im Griff hat. Rolf Rüssmann bei Maybrit Illner ("Berlin Mitte"), Reiner Calmund bei »Sabine Christiansen« - es ist ein Kreuz.
Dabei sollte sich der DFL-Oberste doch mit Eitelkeiten auskennen: Bis 1994 war der Sozialdemokrat Innensenator in Hamburg. Und gerade wegen seiner politischen Erfahrung wurde er zum Chef der Liga gewählt. Die Bewältigung der aktuellen Krise ist sein bislang größter Job. Doch ausgerechnet nun, da der Politiker in Hackmann gefordert ist, scheinen die alten Instinkte nicht mehr zu funktionieren.
Die Idee, der Liga mit einer Staatsbürgschaft aus der Bredouille zu helfen, endete mit einem Imageschaden für die ganze Zunft. »Steuergelder für Fußball-Millionäre«, so verstand es die Presse. Hackmann räumt den »Managementfehler« mittlerweile ein.
Doch »richtig Prügel«, das ahnt er schon, könnte es für ihn am 18. Mai setzen. Dann wollen die Clubs auf ihrer Bun-
desliga-Tagung hören, wer die 360 Millionen Euro für die nächste Saison bezahlt - oder wie es sonst weitergeht. Fast scheint es so, als gehe Hackmann schon vom Scheitern aus, wenn er sagt: »Ich bin ja nicht angewiesen auf diesen Job.«
Der Vereinschef
Mit Finanzkrisen im Fußball kennt Martin Kind sich aus. Vor viereinhalb Jahren wurde er Vorstandsvorsitzender von Hannover 96; damals spielte der Club in der Regionalliga Nord und hatte sieben Millionen Mark Schulden. Der Konkurs schien nur noch eine Frage der Zeit.
Kind, ein kahler Mann von schmächtiger Statur, konnte die Pleite abwenden. 1999 verwandelte er die Lizenzspielerabteilung in eine Kommanditgesellschaft auf Aktien. Und als der niedersächsische Traditionsverein schließlich Ostersamstag den Aufstieg in die erste Liga feierte, schien Kinds Mission erfüllt: »Wir haben wieder einen Platz an der Sonne.«
Doch nur neun Tage später verfinsterte sich der Himmel. Die Kirch-Insolvenz traf Hannover 96 zu einem Zeitpunkt, als Kind die Verträge mit den meisten Spielern bereits bis 2005 verlängert hatte - den Aufstieg vor Augen und im Vertrauen auf künftig zehn Millionen Euro Fernsehgelder zum Teil mit verdoppelten Bezügen. Kind, 57, legt die Stirn in Falten: »Hätte ich geahnt, was passiert, wären die Gehälter mit Sicherheit niedriger ausgefallen.«
Jetzt drohen Zahlungsschwierigkeiten. Hannovers Etat für die kommende Saison beträgt 24 Millionen Euro. Der Club hat keine eigenen Ressourcen, ist von den Fernsehgeldern abhängig. »Einen Rückgang dieser Einnahmen könnten wir nicht verkraften«, sagt Kind.
Vorsorglich hat er dem Verein deshalb einen Sparkurs verordnet. Zusätzlich zum Budget für die laufenden Kosten hatte Kind einige Millionen Euro für Neueinkäufe vorgesehen. Dieser Posten ist nun um 30 Prozent gekürzt, um eventuelle Haushaltslöcher zu stopfen. Statt die Mannschaft wie beabsichtigt auf vier bis fünf Positionen zu verstärken, sollen nur zwei, maximal drei neue Spieler verpflichtet werden. Zudem wird der Kader um mindestens vier Planstellen reduziert.
Selten stand ein Zweitligist so früh als Aufsteiger fest wie Hannover 96 - nach 30 Spieltagen. Doch den erhofften »strategischen Vorteil haben wir verloren«, sagt Kind. Der tschechische Stürmer Jirí Stajner steht zwar nach wie vor ganz oben auf der Wunschliste. Ob sich der Club allerdings auch noch den Fürther Markus Dworrak und den U-21-Nationalspieler Clemens Fritz leisten kann, scheint fraglich. »Ein unglücklicheres Jahr, um aufzusteigen, gibt es nicht«, sagt Kind.
Erst wenn die Kirch-Insolvenzverwalter Mitte Mai bekannt geben, ob sie den Vertrag in vollem Umfang erfüllen, könne man wieder vernünftig verhandeln. Bis dahin sei »jede Ablösesumme ein Risikoangebot«. Und dass Kind von den Spitzen der DFL vorab schon mal Signale erhält, widerspräche seiner Lebenserfahrung: »Als Aufsteiger steht man auf der untersten Sprosse der Leiter.«
Am Samstag vor Pfingsten fährt Trainer Ralf Rangnick in den Urlaub. Bis dahin, hat er dem Vereinschef nahe gelegt, wolle er Klarheit haben für die nächste Saison. »Es sieht so aus«, sagt Kind, »als müsse er sich ahnungslos auf den Weg machen.«
Der Spielerberater
Normalerweise ist der April für den Berufsstand des Spielerberaters ein strammer Monat. Doch seit bei Kirch die Sanierer eingerückt sind, ist der Handel an der Kicker-Börse praktisch ausgesetzt. »Ein Vakuum« sei entstanden, sagt Jörg Neubauer, der von seinem Charlottenburger Altbau-Büro aus gut 50 Fußballprofis betreut: »Gespräche werden verschoben, Verhandlungen zurückgestellt.« Zehn Fälle seien bei ihm in der Schwebe.
Ingo Hertzsch ist einer davon. Der Verteidiger des Hamburger SV wollte seinen im Sommer 2003 auslaufenden Vertrag vorzeitig verlängern. Neubauer nahm am 10. März das Angebot von HSV-Manager Holger Hieronymus entgegen. Drei Wochen später teilte der Spielerberater dem Verein die Vorstellungen seines Mandanten mit. Der Rest schien Formsache, auch weil Hertzsch, 24, in den Planungen des Trainers eine feste Größe darstellt. Doch dann kam die düstere Kunde aus dem Kirch-Konzern. Hieronymus verschob ein drittes Treffen zunächst mal auf Mitte Mai: »Uns sind die Hände gebunden.«
Neubauer, 39, macht dieser Tage dennoch einen entspannten Eindruck. Einerseits sei Hertzsch »ein Musterbeispiel« für die aktuelle Gemengelage, andererseits ist der Jurist, Sohn des letzten Ständigen Vertreters der DDR in Bonn, längst in jener Welt angekommen, in der man von Autoritäten wie Karl-Heinz Rummenigge auf dem Handy angerufen wird. Neubauer handelte für seinen Klienten Sebastian Deisler den Kontrakt mit Bayern München aus, der unter anderem ein Handgeld von 20 Millionen Mark beinhaltet. »Weil ich glaube, dass Deisler es wert ist.«
Denn Neubauer pflegt die Fußballschaffenden in Güteklassen einzuteilen. Nationalspieler wie Deisler sind »Kategorie I«. Dass deren Gagen nun beschnitten werden sollen, hält er für abwegig. Erstens gebe es die in internationalen Wettbewerben beschäftigten Bundesligisten (ebenfalls »Kategorie I"), die nicht so abhängig von den Kirch-Millionen seien. Und zweitens böten sich für diese Topkräfte im Ausland Alternativen.
Für Spieler der »Kategorie II« freilich sieht Neubauer einen »engeren Markt«. Aber dass der Unterhändler deshalb jetzt schon im Namen aller Durchschnittskicker Verhandlungspositionen aufgibt, kommt nicht in Frage: Sollen die Clubs doch erst mal ihre aufgeblähten Strukturen zurückfahren. Von ihnen erwartet er »einen Prozess der Selbstreinigung«. Schließlich gebe es welche, die sich Marketingleute leisten, die das Doppelte und Dreifache von dem kassierten, was ein entsprechender Manager bei BMW verdient, obwohl die Vermarktung des Vereins an eine externe Agentur abgetreten worden sei.
Ende des Plädoyers. Ein IG Metaller könnte es nicht schöner sagen.
Der Spieler
Der Fußballprofi Torben Hoffmann, 27, sieht seinen Trainer fast jeden Tag. Das letzte Mal, dass er mit Peter Pacult, seinem Coach beim TSV 1860 München, gesprochen hat, ist allerdings schon lange her.
Es war vor zwei Monaten, vor dem Derby gegen den FC Bayern. Hoffmann wollte von Pacult wissen, warum er zuletzt nur noch auf der Ersatzbank gesessen habe. »Nix Persönliches«, sagte der Trainer und versprach, den Manndecker gegen die Bayern zu bringen. Am Tag des Spiels war Hoffmann dann tatsächlich nicht mehr Ersatzspieler - er saß auf der Tribüne.
Das war auch an den letzten vier Spieltagen so. Seitdem ist sich der gebürtige Kieler sicher: »Die Planungen gehen hier an mir vorbei.«
Dass ein Spieler mal die Gunst seines Trainers verliert, kommt öfter vor im Fußballgeschäft. Bis vor ein paar Monaten hätte sich Hoffmann deshalb nicht verrückt gemacht. Irgendwo hätte sich schon ein Verein gefunden, der bereit gewesen wäre, die 500 000 Euro Ablöse für ihn zu bezahlen.
Dass Hoffmann allerdings ausgerechnet jetzt das Schicksal der Ausmusterung ereilt, könnte für ihn einen empfindlichen Karriereknick bedeuten. Denn der Verteidiger mit den blonden Strähnchen im Haar, der bereits für den SC Freiburg und Bayer Leverkusen tätig war, bietet nur solides Handwerk - und ist damit erst mal raus aus dem hyperventilierten Geschäft, das zuletzt immer mehr die Gestalt einer riesigen Blase annahm. »Der Markt«, sagt Hoffmann, »ist total lahm gelegt.«
Schon fürchtet der gelernte Polizeimeister, der erst mit 21 Jahren seinen ersten Profivertrag beim damaligen Zweitligisten VfB Lübeck unterschrieb, unvermittelt um seine Zukunft. Kurzzeitig spielte er sogar mit dem Gedanken, in den Polizeidienst zurückzukehren: »Da hat man wenigstens einen Job auf Lebenszeit.«
Zwar wird Hoffmann vorläufig nicht als Arbeitsloser enden, denn sein Vertrag bei den Münchnern läuft noch bis 2004. Die Zeit auf der Tribüne abzusitzen wäre für ihn jedoch ein Verlustgeschäft. Rund 500 000 Euro könnte Hoffmann bei 1860 als Stammspieler verdienen. Als Zuschauer fielen Punkt- und Auflaufprämien weg. Das Gehalt würde fast um die Hälfte schrumpfen.
Hoffnung, dass er noch mal bei 1860 eine Chance erhält, macht er sich nicht. Wegen der klammen Finanzlage hat der Verein angekündigt, Personalkosten einsparen zu wollen. Der Kader soll von 28 auf 22 Kicker ausgedünnt werden.
Dass Hoffmann zu den Wunsch-Abgängen gehört, lässt der Verein ihn mittlerweile deutlich spüren. Letztmals bot Trainer Pacult den Verteidiger in der Anfangsformation vor fünf Wochen gegen Schalke 04 auf. Der Grund für die Nominierung: Im Olympiastadion saßen Beobachter vom englischen Erstligisten Bolton Wanderers. »Es war eine Art Vorspielen«, sagt Hoffmann. MAIK GROßEKATHÖFER, GERHARD PFEIL, ALFRED WEINZIERL
* Im Zweikampf mit Giovane Elber beim Spiel 1860 München gegenBayern München am 13. Oktober 2001.* Oben: Trainer Ralf Rangnick auf den Schultern von Co-TrainerMirko Slomka am 30. März im Niedersachsenstadion; unten: mitFifa-Präsident Joseph Blatter (l.) und Hamburger Staatsrat ReinhardBehrens bei der Auswahl der WM-Stadien 2006 am 15. April inFrankfurt am Main.