»Zölibat nur freiwillig«
Müller, 51, leitet das Recollectio-Haus der Abtei Münsterschwarzach und betreut dort Priester in Krisensituationen. -------------------------------------------------------------------
SPIEGEL: Sind Sie mit den Beschlüssen der Bischofskonferenz zufrieden?
Müller: Nein, auch wenn schon in vielen Diözesen eine Menge geschehen ist. So werden mutmaßliche Täter bei harten Vorwürfen heute schneller suspendiert, die Kirche bietet den Opfern nicht nur seelsorgerische Unterstützung, sondern auch finanzielle Hilfe an. Viele Bischöfe lassen sich von den Ausreden der Täter nicht mehr so schnell beeindrucken. Immerhin gibt die Kirche jetzt öffentlich zu: Wir haben ein Problem, es gibt diese Priester, aber wir ziehen daraus Konsequenzen. Doch das genügt nicht.
SPIEGEL: Was muss denn geschehen?
Müller: Es sollten bald verbindliche Richtlinien für ganz Deutschland gelten: Wie geht man mit den Opfern um, wie sieht die Zusammenarbeit mit dem Staatsanwalt aus, welche Behandlungsmöglichkeiten gibt es für die Täter, wie arbeitet man mit der Gemeinde, die nach solchen Vorfällen zu Recht in äußerstem Aufruhr ist, das Unfassbare auf? Diese Lehre drängt sich nach den Skandalen in Amerika, wo es seit über zehn Jahren exzellente - aber eben auch nur unverbindliche - Richtlinien gab, geradezu auf.
SPIEGEL: Wie groß ist denn das Ausmaß des Missbrauchs in Deutschland?
Müller: Auch bei uns gibt es eine relativ kleine Gruppe pädophiler Priester, die Kinder unter 12 Jahren missbrauchen, und eine größere Gruppe, die mit etwa 14- bis 16-Jährigen unterschiedlich intensive sexuelle Beziehungen haben, so genannte ephebophile Priester. Fast immer sind die Opfer männlich: Kommunionskinder, Ministranten, Religionsschüler oder Kinder befreundeter Familien.
SPIEGEL: Vor Gericht stehen jährlich nur ein oder zwei Täter. Wie hoch ist die Dunkelziffer?
Müller: Würde man die groben Schätzungen amerikanischer Forscher, wonach zwei Prozent der Priester pädophil beziehungsweise ephebophil sind, übertragen, wären das 300 Priester in Deutschland. Darunter sind auch solche, die unter Stress oder Alkohol Minderjährige einmalig sexuell missbrauchen.
SPIEGEL: Verbietet sich da nicht jede Schönfärberei?
Müller: Das Problem darf man nicht schönreden, wenngleich Missbrauch im normalen familiären Kontext häufiger geschieht. Die Kirche muss aber darauf vorbereitet sein, dass Missbrauch durch Priester immer wieder geschehen kann. Wir brauchen daher Hotlines und eine zentrale unabhängige Anlaufstelle. Es mangelt auch an Therapieeinrichtungen. In unserem Haus können keine Pädophilen behandelt werden, das mache ich privat.
SPIEGEL: Welche Minderjährigen im Kirchenumfeld sind denn gefährdet?
Müller: Priester haben kraft ihres Amts relativ leicht direkten Zugang zu Jugendlichen: bei der Ministrantenarbeit, in kirchlichen Jugendgruppen als Berater, bei gemeinsamen Fahrten, Kursen oder bei der Vorbereitung auf die Kommunion. Dort sind sie mit Jugendlichen allein. Auch das Pfarrhaus kann Tatort sein.
SPIEGEL: Sind zölibatär lebende Priester besonders anfällig?
Müller: Nein, besonders anfällig können aber Priester aber sein, die sich nicht ernsthaft mit ihrer Sexualität auseinander gesetzt haben, auf der Stufe von 14-Jährigen stecken geblieben sind. Nur Priester, die real erfahren haben, was Sexualität für sie bedeutet, können im Zölibat auf den genitalen Part verzichten. Sexualität heißt ja nicht nur, miteinander ins Bett zu gehen. Sexualität ist ja auch eine Quelle der Spiritualität, der Leidenschaft, der Kreativität. Und emotionale Sexualität, also die Befähigung zu liebevoller Zuneigung, ist wichtig, um tiefe und bedeutungsvolle Beziehungen zu Menschen und Gott knüpfen zu können.
SPIEGEL: Viele kommen sexuell unreif ins Priesterseminar?
Müller: Bei den Tätern, die ich kenne, war dies meist der Fall. Denken Sie nur an katholische Elternhäuser, in denen Sexualität tabuisiert war. Einige sind auch selbst missbraucht worden. Manche sehen Sex mit einer Frau als schlecht an, mit einem Jungen dagegen können sie es eher rechtfertigen. Es gibt sogar Aussagen wie: Ich habe mit dem Jungen doch was Schönes gemacht, ihn eingeführt in die Sexualität.
SPIEGEL: Welche Konsequenzen ergeben sich daraus?
Müller: Ich kenne viele, die den Zölibat freiwillig wollen. Den anderen sollte man die Entscheidung freistellen.
SPIEGEL: Wie können Eltern ihre Kinder schützen?
Müller: Genau hinschauen, wem man seine Kinder anvertraut: Ist der Priester ein erwachsener Mensch, oder hat er ein infantiles Verhalten. Hat er Freunde? Oder verbringt er Freizeit und womöglich sogar Urlaub stets mit Jugendlichen? Da würden bei mir die Alarmglocken läuten.