Wertloses Zeugnis
Als Robert Steinhäuser die 10. Klasse des Erfurter Gutenberg-Gymnasiums abschloss, händigte ihm sein Lehrer ein nahezu wertloses Zeugnis aus: Nicht einmal die Mittlere Reife hatte der 16-Jährige damit geschafft. Als Steinhäuser schließlich ein halbes Jahr vor dem Abitur die Schule verlassen musste, hatte der spätere Amokschütze keinen ordentlichen Schulabschluss vorzuweisen - ein Kuriosum, das es nur im Bundesland Thüringen gibt.
In allen anderen Ländern haben Schüler an Gymnasien die Möglichkeit, zum Ende der 10. Klasse den Realschulabschluss zu machen: Entweder trägt das Jahreszeugnis wie etwa in Niedersachsen und Nordrhein-Westfalen automatisch den Kopftitel »Mittlere Reife«, oder die Schüler müssen, wie in Hamburg und Mecklenburg-Vorpommern geplant, eine Zusatzprüfung ablegen. Scheitern sie dabei, müssen sie die Klasse wiederholen oder die Schule verlassen.
In dem Fall könnten sie jedoch die 10. Klasse auf der Realschule noch einmal absolvieren und so das Zeugnis der Mittleren Reife erhalten. Das allerdings hätte auch Robert Steinhäuser in Erfurt machen können.
Der Sonderweg des Freistaates Thüringen ist in einem Ukas des Kultusministeriums festgeschrieben. »Das Gymnasium führt zur allgemeinen Hochschulreife; andere Abschlüsse können am Gymnasium in Thüringen nicht erworben werden«, teilt die Behörde in roter Schrift auf ihrer Internet-Seite mit.
Für vorzeitige Schulabgänger hat die Richtlinie bislang fatale Folgen: Das Land stuft Abiturversager hinter Hauptschulabsolventen ein; wer das Gymnasium vorzeitig verlässt, steht mit leeren Händen da.
Anderswo in der Republik haben es schwierige Schüler besser. 11 der 16 Landesregierungen einigten sich 1998 auf eine »Übereinkunft zum Erwerb der Fachhochschulreife« an Gymnasien. Nach diesem Abkommen erhalten Abbrecher, die die Schule vorzeitig verlassen möchten oder durch die Abiturprüfungen gefallen sind, die Fachhochschulreife - wenn sie bestimmte Leistungen erfüllt haben.
Die Fachhochschulreife berechtigt nach einem Praktikum zum Studium an Fachhochschulen. Zu den Ländern, die die Übereinkunft nicht unterschrieben haben, gehört Thüringen.
Nach der Tragödie von Erfurt ist Kultusminister Michael Krapp bereit umzudenken. Er will nun »an den Gymnasien nach dem Vorbild anderer Bundesländer eine Zusatzprüfung für die Mittlere Reife einführen«. Auch an der Übereinkunft der Länder zur Fachhochschulreife will sich Thüringen jetzt beteiligen.
Im Herbst dieses Jahres verhandelt der Landtag in Erfurt über eine Schulgesetznovelle, die die neuen Regelungen schon enthalten könnte.
An den Grundsätzen des thüringischen Schulwesens möchte das Ministerium indes nicht rütteln. »Wir werden auch in Zukunft«, kündigt Krapp an, »keine Abschlüsse ohne Prüfung zulassen.« PER HINRICHS