ARCHÄOLOGIE Blattschuss am Similaun
Hochgebirg, starre, zackige Felsengipfel": Das Szenenbild aus »Faust II«, 4. Akt, könnte auch das Drama vom Tode Ötzis einleiten.
Es ist um 5300 vor Christus: Ein drahtiger Mann hetzt entlang einer Felsrinne über den Alpenhauptkamm. Er kommt von Süden aus dem Schnalstal, trägt eine Bärenfellmütze und einen Bastumhang. Er ist 1,60 groß, etwa 45 Jahre alt.
Der Kerl ist in Panik. Wird er verfolgt? Kurz zuvor hat er einen Axt- oder Messerhieb mit der bloßen Hand abgewehrt. Nun hält sie, bluttriefend, einen Dolch umklammert. Die Baumgrenze hat der schwarzhaarige Kraxler längst hinter sich gelassen. Nackter Schotter umgibt ihn und vielleicht der harte Schrei des Steinadlers.
Da surrt, schräg von links unten (wie Analysen des Schusskanals zeigen) ein Pfeil heran, geschnitzt aus dem Trieb eines Schneeballbuschs. Das Geschoss rotiert in der Luft, es fliegt 150 Stundenkilometer schnell. Mit sattem Plopp durchschlägt die Spitze das linke Schulterblatt des Gehetzten. 1,5 Zentimeter von der Lunge entfernt bleibt sie im Weichgewebe stecken.
Blattschuss am Similaun. Was für eine Wendung hat die geheimnisvolle Akte Ötzi genommen!
Eduard Egarter, 47, nimmt den Mundschutz ab und zeigt auf die ausgefranste Wunde, ihre Ränder sind bläulich verfärbt - Reste von Blut. Der Pathologe steht im Laborraum des Archäologiemuseums von Bozen. Neben ihm ruht, bei minus sechs Grad, »Frozen Fritz«.
Am 16. Januar 1998 war die Eismumie von Innsbruck nach Südtirol überführt worden. Nur ungern hat Konrad Spindler, Österreichs leitender Vor- und Frühgeschichtler, die Leiche rausgerückt: Sie versprach Ruhm und üppige Forschungsetats.
Seither beherrscht Egarter die anatomische Lufthoheit. Er röntgt, er fährt mit dem Binokular die Leiche ab. Häufig sitzt er nach Dienstschluss auch einfach nur neben der auf 13,8 Kilogramm geschrumpften Mumie und schaut sie an. Einmal im Monat besprüht er sie mit Wasser - wie eine Zimmerpflanze.
Die Pfeilspitze hat Egarter bereits im letzten Sommer entdeckt. Jetzt will er den Flintstein bergen. »Wir planen, endoskopisch über einen schon vorhandenen Schnitt nahe der Lunge in die Brusthöhle einzudringen«, erzählt er. Geht das nicht, soll die gesamte Schulterplatte abgehoben werden.
Noch zögert Südtirols Landeshauptmann Luis Durnwalder, den Eingriff abzusegnen. Die Mumie müsste aufgetaut werden. Doch der Wissenschaftliche Beirat drängt. Ötzi ist ein Doktor Kimble, sein Pfad durch die Berge eine Via Dolorosa - zumal Egarter weitere Blessuren aufgespürt hat:
* Rechts, zwischen Daumen und Zeigefinger klafft eine tiefe Wunde.
* An der Spitze seines Schulterblattes ist die Haut abgeschilfert und gerissen - Hinweis auf einen zweiten Pfeilschuss, der vom Körper abtropfte.
* Ein Handgelenk weist Schnittspuren auf. Der Knochen darunter ist abgesplittert.
Kein Zweifel: Der Urtiroler hatte Ärger am Hals. »War es Mord?«, fragt bang der »New Scientist«. Die »Frankfurter Allgemeine« spricht bräsig von »zwischenmenschlichen Problemen«. Was aber spielte sich vor 5300 Jahren auf dem Similaun ab?
Packende Details hat die moderne Wissenschaft dem vertrockneten Körper entlockt. In Ötzis Klamotten nisteten Flöhe. Er hatte Zwetschgen im Magen. Er litt an Fußpilz und führte einen Zunderschwamm mit sich, auf den er pinkelte, um ihn besser zu entzünden. Auch seine Prostata ("ohne Befund") haben Mediziner abgetastet.
Doch erst jetzt rückt langsam das soziale Umfeld des Toten ins Blickfeld. Als der Urtiroler auf dem Dach Europas seinen Verletzungen erlag, war unten im Flachland eine soziale Revolution im Gange.
Eine fiebrige Dynamik erfasste das Ende des Neolithikums (3400 bis 2200 vor Christus). Ägypten schickte sich gerade an, die Hieroglyphen zu erfinden. Am Euphrat entstanden die ersten Städte. Die Arbeitsteilung begann.
Nun wird klar, dass diese Umbrüche auch den Norden packten. Bereits um 3400 vor Christus nutzten die Bauern vom Bodensee den Hakenpflug. Und sie erfanden - völlig unabhängig von den Hochkulturen des Südens - um 3200 vor Christus das Rad. In der Religion kamen Menhire in Mode.
Die Masse der Bevölkerung lebte damals an Seeufern. Von der Toskana bis Slowenien und zum Federsee (südlich von Ulm) zogen sich die Dörfer, jedes ein kleines Venedig aus Holz und Reet. Die Pfahlbauer rammten schwere Eichenstämme in die morastigen Ufer und errichteten Häuser auf Stelzen.
Über das Hinterland ist fast nichts bekannt - keine Gräber, keine Siedlungen, nichts. Klar ist nur, dass die Gebiete stark bewaldet waren. Womöglich hausten hier Outlaws und fellbewehrte Banditen.
An den Seen dagegen herrschten Reichtum und Fülle. Das Landesdenkmalamt Baden-Württemberg hält eine ganze Staffel von Tauchern unter Vertrag, die in den Süßwasser-Fluten des Landes Fundamente nachweisen. Allein am Bodensee wurden rund 50 Dörfer aus der Ötzi-Zeit aufgespürt.
In einem noch unveröffentlichten Manuskript hat der Prähistoriker Helmut Schlichtherle nun die Arbeit der Froschmänner vorgestellt. Perlen und Sandalen aus Bast wurden aus dem Trüben gefischt, aber auch Importe aus Italien. Fazit: Die Pfahlbauer betrieben »transalpinen Handel von Süddeutschland bis ins Trentino«.
* Sie führten südliche Gartenkräuter wie Dill, Petersilie und Sellerie ein, aber auch die Kornellkirsche zum Marmeladekochen;
* sie pflanzten vom Po stammendes Getreide ("Spaghettiweizen") an. Kuriere schafften ständig frisches Saatgut heran;
* sie behängten sich mit Schmuckschnecken aus dem Mittelmeer und führten seit 3150 vor Christus Edelserpentin ein. Das grüne Gestein stammt aus dem Piz-Platta-Massiv in den Zentralalpen (siehe Karte Seite 178).
Auch der Feuerstein ging lange Wege. Ötzi führte sechs Klingen mit sich, die aus einer Mine am Monti Lessini (nahe dem Gardasee) stammen. Das Bergwerk lieferte Spitzenklingen, die auch jenseits der Alpen begehrt waren. Der Münchner Geologe Alexander Binsteiner konnte zwölf italienische Dolche aufspüren - allesamt in Bayern.
Für den Warenstrom wurden Kuriere gebraucht, furchtlose Abenteurer, die es wagten, mit grasgepolsterten Schuhen die Troposphäre emporzuklettern.
War Ötzi solch ein Fernhändler? Der Statur nach hätte er den Job machen können. »Die Leiche wirkt filigran und doch zäh«, erzählt Egarter, »der Mann besaß kaum Fett.« Und er kletterte viel. Seine Schienbeingrate sind nach außen gewölbt. Die Verformung entsteht, wenn die Muskeln der Unterschenkel häufig gespannt werden.
Für alpine Gewalttouren war der Wanderer zudem gerüstet. Er trug warme Ziegenfell-Kleidung. Er führte ein Nähkästchen mit sich und einen Glutbehälter, in dem Holz der Felsenbirne glomm. Eine Zehe war ihm allerdings erfroren.
Mit einem Sack voll Feuerstein auf der Schulter, einem lustigen Jodler in der Kehle, habe der Klettermax als Mitglied einer Gruppe von Kaufleuten die Alpen von Süden erklommen, meint Binsteiner. Dabei sei die Karawane in einen Hinterhalt geraten. »Mich würde nicht wundern, wenn da oben noch mehr Tote liegen.«
Der Schleswiger Prähistoriker Harm Paulsen hingegen hält Ötzi eher für einen »Mineraliensammler«. Systematisch habe er die Felshänge nach Azurit- und Malachit-Adern abgesucht und diese Kupfererze dann im Rucksack ins Tal geschleppt. Gestützt wird die These durch zwei Fakten:
* Der Tote führte ein Kupferbeil mit sich, damals eine absolute Spitzenwaffe.
* Seine Haare enthalten in hoher Konzentration Arsen, ein Gift, das bei der Verhüttung von Kupfer frei wird.
Nur wo ist das eingesammelte Erz? Der Frostmann besaß zwar eine Rückentrage ("Kraxe"). Doch in dem Holzgestell lag nur eine Dose aus Baumrinde.
Der Österreicher Konrad Spindler misstraut denn auch beiden Szenarien. Für ihn bleibt der Tote ein Hirte, der Ziegen über Hochalmen trieb.
»Kurz vor dem Unglück war Ötzi noch im Tal«, so beginnt Spindler sein Gedankenspiel. »Es war Herbst, die Bauern droschen Getreide.« (Spelzen und Halme fanden sich in der Fellkleidung) »Der Hirte hatte seine Herde gerade von der Alm abgetrieben und ließ nun die schwachen Ziegen schlachten.« Im Dorf wurde gefeiert.
In diese Sause, so Spindler, bricht jäh ein Trupp von Räubern ein. Mit roher Gewalt stehlen sie die Wintervorräte. Der Hauptakteur prügelt sich, flieht und wird hinterrücks von einem Pfeil getroffen. Erst deutlich nach dem Scharmützel gerät er in eine Schlechtwetterfront und verendet.
So spekulativ das Szenario anmuten mag, die Sache mit dem Überfall macht durchaus Sinn. Das Endneolithikum steckte, neuesten Kenntnissen zufolge, voller Futterneider. Ein brutaler Überlebenskampf war angesagt. Wer eine schlechte Ernte einfuhr, ging im Winter zu Grunde.
Die rauen Sitten könnten auch der Grund dafür gewesen sein, dass die Pfahlbauer an den malariaverseuchten nebligen Seeufern siedelten, auch wenn das klamme Wäsche bedeutete. Die Bandkeramiker, 2000 Jahre zuvor, hatten noch überwiegend auf offenem Feld gesiedelt. Die Moorfarmer dagegen verschanzten sich hinter Palisaden und bauten ihre Dörfer, strategisch günstig, auf Landzungen und Halbinseln.
Wurden die Uferbauern bedroht? »Uns liegen aus der Zeit verstümmelte Skelette vor«, erklärt Schlichtherle. »Bei Heidelberg kamen Knochen von sechs Personen zu Tage. Sie sind mit stumpfen Waffen totgeprügelt und in eine Grube gestopft worden.«
Solche bestialischen »Verlochungen« finden sich auch in den Pfahldörfern. Immer wieder stoßen die Archäologen auf menschliche Gerippe, die zwischen Abfallhaufen am Rand der Siedlungen liegen. Schlichtherle: »Vielleicht waren es Ausgestoßene, die man wie Dreck wegwarf.«
Aus diesem Blickwinkel wirkt das Ende der Steinzeit fast wie eine Welt aus Hass und Chaos. Brannte da womöglich ein flächendeckender Streit zwischen reichen Pfahlbauern und rückständigen Hinterwäldlern?
Die Oberfläche der Alpenmumie jedenfalls erzählt eine brutale Geschichte. Hämatome überziehen ihre lederartige Haut. Zu Lebzeiten erlitt der Urtiroler drei Rippenbrüche, die verheilten. Seine Nase ist schief.
Schließlich folgte der Showdown am Alpenhauptkamm. Gleichgültig ob er als Hirte oder Händler überfallen wurde, sicher ist, dass schon Stunden vorher irgendetwas schief lief. Ötzi kam der Bogen abhanden. In seinem Köcher steckten noch zwölf Rohschäfte und zwei zerbrochene Alt-Pfeile. Einer davon stammt von einem Linkshänder, er troff von Blut, bevor er ihn einsammelte.
Eilig bereitete der Wehrlose einen neuen Bogen vor: aus Eibenholz, frisch abgehackt, knapp zwei Meter lang. Der neolithische Waffenexperte Paulsen hat das Gerät in zehnfacher Ausführung nachgebaut. »Eine tolle Waffe«, sagt er. »Noch auf 90 Meter Entfernung können Sie damit gezielt schießen.« Paulsens Rekordschuss landete bei 178 Meter.
Für den Forscher steht fest, dass der Mörder eine große Distanz zu seinem
Opfer hatte. »Es können 80 Meter oder noch mehr gewesen sein, sonst wäre der Similaun-Mann von dem Pfeil durchschlagen worden.«
Doch auch so verendete der Getroffene qualvoll. »Die Röntgenbilder sprechen für eine Sickerblutung« erklärt Egarter. Der linke Brustraum sei deutlich verschattet: »Wahrscheinlich lebte der Mann noch einige Stunden.«
Und er hatte noch Kraft. Behände entkam der Gejagte seinem Feind. Bei jedem Atemzug verschob sich sein Schulterblatt am Brustkorb und fügte ihm stechende Schmerzen zu. Es rauschte in seinen Ohren, schwer ging der Atem.
Gleichwohl gab der zähe Bursche nicht auf. Vielleicht auf 3000 Meter Höhe hielt er inne und packte den Pfeil, um den Fremdkörper herauszureißen. Doch das Schulterblatt wirkte wie ein Widerlager. Schließlich knackte es. »Auf den CT-Bildern ist kein Holz zu sehen«, sagt Egarter und folgert: »Ötzi hat den Schaft demnach von der Spitze abgerissen.«
So endet das Drama. Geschwächt legte sich der Mann auf 3210 Metern Höhe in eine Felsrinne und starb. Aus. Vorbei.
Der Flintstein aber, tief im Körper der Mumie, könnte nun ein neues Kapitel der Forschung aufschlagen. Minimalinvasiv, mit winzigen Schläuchen, Messern und Zangen will Egarter das 2,1 Zentimeter lange Silexstück aus der Leiche fingern.
Sollte der Eingriff gelingen, könnte der Kriminalfall im Hochgebirge eine spannende Wendung nehmen. Die Forscher hätten dann ein Indiz in der Hand, das zu einer weiteren Person führt: dem Mörder vom Similaun. MATTHIAS SCHULZ
* Mit einem Nachbau des Ötzi-Bogens aus Eibenholz.* Links: in der Pfahlbau-Siedlung Sipplingen am Bodensee;rechts: rekonstruiert anhand von Grabungsergebnissen aus demSteinzeitdorf Hornstaad.