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Ein eindeutiges Angebot

Ortstermin: Tarifgespräche im Berliner Rotlicht-Café »Pssst!«
• aus DER SPIEGEL 21/2002
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Eine majestätische Afrikanerin hält ein blasses, rosa Würstchen in den Fingern und stippt es in eine Lache Ketchup. »Es ist doch so«, sagt Sina und beobachtet, wie das Würstchen zwischen den Lippen der Arbeitskollegin verschwindet: »Angebot und Nachfrage regeln den Verkehr.« Kichern. »Also ich«, sagt Gaby, »nehme das Angebot an.« Sie hat einen lackschwarzen Hosenanzug an, der aussieht wie aufgesprüht, und bittet um Verständnis, das Gespräch abbrechen zu müssen: »Ich muss arbeiten. Erst die Arbeit, dann ...«

Der Satz bleibt unvollendet.

Eine der wesentlichen Errungenschaften der Arbeiterbewegung des 19. Jahrhunderts war das Arbeitsrecht. Verbriefte Rechte, verbriefte Pflichten für beide Seiten, für oben wie für unten.

Das 21. Jahrhundert ist noch frisch, die Nacht ist jung, und in Berlins bekanntester Kontakt-Bar, dem »Club Pssst!«, wird über das letzte Verhandlungsangebot der Arbeitgeberseite debattiert - nein, eher geplaudert. Auf Barhockern mit Zebraplüsch.

»Fakt ist«, sagt Sina, und ein trauriger älterer Herr an der Bar hebt bei dem Wort kurz den Blick, »dass du Anspruch hast auf Arbeitslosenversicherung. Ein Arbeitsvertrag bedeutet Sicherheit.« Sina trägt eine helle Escada-Kostümjacke über dem Bustier. Die hatte sie auch heute Vormittag an, bei der Globalisierungsrede des Bundespräsidenten. Ein Freund, der Name spiele hier keine Rolle, habe sie mit auf den Empfang genommen.

»Angenommen, du brichst dir das Bein oder« - kleine Pause, kleines Grinsen - »die Hand, bist du abgesichert. Felicitas ist doch die einzige Puffbesitzerin, die sich so einen Kopf macht um die Mädchen.«

Felicitas Weigmann ist die Chefin im »Club Pssst!«. Heute Nacht ist sie gerade mit Finanzangelegenheiten beschäftigt. Weigmann ist eine Patronin im Stil des aufgeklärten Reformfabrikanten des vorletzten Jahrhunderts, in der Tradition von Robert Owen und Charles Fourier.

Sie hat für ihre Arbeiterinnen ein Gesetz auf den Weg gebracht, wonach Prostitution in Deutschland nicht mehr sittenwidrig sei. Im Herbst des vergangenen Jahres hat der Bundestag zugestimmt, und jetzt kann endlich damit begonnen werden, dem Gewerbe sein Manchestertum auszutreiben, kann endlich auch in den Séparées der Nation über Mindestlohn, Jahreslohnsteuerausgleich, Riester-Rente und innerbetriebliche Prämienvereinbarung gesprochen werden.

Kann? Könnte. Denn die Beschäftigten der Sechs-Milliarden-Euro-Branche »Sex gegen Geld« haben noch Schwierigkeiten mit den Wonnen des bundesdeutschen Arbeitsrechts. Sie wollen lieber den Sprung von der Leibeigenschaft in die postindustrielle Scheinselbständigkeit im Westerwelleschen Sinne wagen.

Carmen jedenfalls. Junge Mutter, Wickelrock, schwarzer Lippenstift und nebenbei im »Naturproduktgeschäft« tätig, irgendetwas mit Aloe Vera: »Felicitas bietet 600 Euro für die 40-Stunden-Woche? Brutto? Und wenn mich jemand rausschmeißt, soll ich zum Arbeitsamt gehen, damit die mich an irgendeinen Laden weitervermitteln? Mit ,Hure' im Arbeitsnachweis?«

Der traurige ältere Herr an der Bar hebt wieder den Blick und schaut kurz herüber. Dann rutscht er von seinem Zebrafellhocker und folgt einer Walküre ergeben hinaus vor die Tür.

Sina sagt, für einen Montagabend außerhalb der Messezeit laufe der Betrieb heute ganz gut, praktisch an der Kapazitätsgrenze: »Alle Zimmer sind im Moment besetzt. Wir arbeiten auf Warteliste. Also«, sagt sie zu Carmen, zieht an ihrem Zigarillo und klappt die Beine übereinander. An den Zehen schaukelt eine paillettenbesetzte Sandalette. »Glaube mir, die Felicitas hat das genau ausgerechnet. Wenn du zwei Zimmer pro Woche machst - und das schaffe ich sogar, obwohl ich so viel rede, statt anständig zu arbeiten -, hast du das Minimum gebracht und bekommst für jedes weitere Zimmer 40 Euro Mehrarbeitspauschale oder so.«

Und außerdem könne man die Chefin jetzt nicht allein lassen mit ihrem Angebot. Solidarität sei gefragt. »Na ja«, s agt Carmen. »Weiß schon«, sagt Sina.

Sie tut sich noch ein wenig schwer mit dem Metaller- und Fabrikstor-Deutsch. Das sitzt noch nicht ganz, jedenfalls nicht so gut wie die Escada-Jacke. Halb drei ist es schon. Sie sei jetzt, sagt Sina, als »Liebeskünstlerin, als Farbe auf seinem Pinsel«, in ihrem fünften Beruf. Nach Apothekenhelferin, Visagistin, Chemielaborantin und Fremdsprachenkorrespondentin. Nie sei sie freier gewesen als jetzt. Jeden Morgen stehe sie auf und müsse sich ihren Tag neu organisieren, als eigener Herr und Knecht.

»Die Zukunft gehört den Selbständigen, nicht den strikten Arbeitsverträgen. Das stimmt schon, was Westerwelle sagt«, meint Sina. Und dennoch wird sie im Herbst nicht FDP wählen. Aus Prinzip. »Ich bin Nichtwählerin. Ich zahle keine Steuern, weil ich nicht bestimmen kann, was mit dem Geld gemacht wird. Aber ich verlange auch nichts vom Staat. Ich habe nichts genommen, und ich gebe auch nichts. Ich bin im Streik.«

Carmen richtet sich ihren Ausschnitt, nimmt die Handtasche und steht auf: »Okay dann. Ich muss morgen früh raus.« ALEXANDER SMOLTCZYK

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